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Wiedergeburt im Buddhismus

Die Lehre von der Wiedergeburt gehört zu den grundlegenden Vorstellungen des Buddhismus. Sie steht in engem Zusammenhang mit den Lehren vom Karma, vom Nicht-Selbst. Eine weitere enge inhaltliche Verbindung besteht daneben auch mit dem bedingten Entstehen.

Anders als in vielen anderen Religionen geht der Buddhismus nicht davon aus, dass eine unveränderliche Seele nach dem Tod in einen neuen Körper übergeht. Vielmehr wird die Kontinuität des Lebens durch einen fortlaufenden Bewusstseinsstrom erklärt, der sich aufgrund von Ursachen und Bedingungen über den Tod hinaus fortsetzt und ggf. in einem neuen Körper manifestiert. Der menschliche Körper ist aus Bedingungen zusammengesetzt. Daher muss er sterben; der Geist, der alles wahrnimmt, erfährt und dem alle Qualitäten innewohnen, ist wie der Raum und seinem Wesen nach unzerstörbar, jenseits von Zeit und unbegrenzt.

Kein ewiges Ich

Eine der zentralen Aussagen des Buddhismus lautet, dass es kein dauerhaftes, unabhängiges Selbst gibt. Alles Existierende unterliegt dem Wandel. Auch das, was Menschen als ihre Persönlichkeit oder Identität erleben, ist nicht dauerhaft. Auch sie besteht aus körperlichen und geistigen Prozessen, die fortwährend entstehen und wieder vergehen. Diese Einsicht wird als Lehre vom Nicht-Selbst (Sanskrit: anātman, Pāli: anattā) bezeichnet.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was überhaupt wiedergeboren wird. Nach buddhistischer Auffassung wird kein unveränderliches Ich wiedergeboren. Vielmehr setzt sich der Bewusstseinsstrom fort, der durch die Wirkungen früherer Handlungen geprägt wurde. Zwischen zwei Existenzen besteht somit eine kausale Kontinuität, ohne dass eine unveränderliche Identität übertragen wird. Der Bewusstseinsstrom ist es, der übertragen (wiedergeboren) wird.

Zur Veranschaulichung wird häufig das Bild einer Kerzenflamme verwendet. Mit einer brennenden Kerze wird eine zweite Kerze entzündet. Zwischen beiden Flammen besteht ein ursächlicher Zusammenhang, dennoch handelt es sich nicht um dieselbe Flamme. Ebenso besteht zwischen zwei Leben Kontinuität. Auch hier, ohne dass etwas Unveränderliches von einem Leben in das nächste übergeht oder in einem neuen Leben wiedergeboren würde.

Kreislauf der Wiedergeburten: Samsara

Nach buddhistischer Auffassung befinden sich alle noch nicht erwachten (oder erleuchteten) Wesen im Samsara. Der Begriff bezeichnet den Kreislauf von Geburt, Altern, Tod und Wiedergeburt. Dieser Kreislauf wird durch grundlegende Unwissenheit (avidyā), Anhaftung und Karma aufrechterhalten. Solange Menschen die Wirklichkeit verzerrt wahrnehmen und an der Vorstellung eines festen Ichs festhalten, entstehen immer neue Ursachen für weiteres Leiden und damit auch für weitere Wiedergeburten. Samasara setzt sich fort und kann nicht durchbrochen werden.

Die Art einer Wiedergeburt wird in der klassischen buddhistischen Lehre wesentlich durch das angesammelte Karma beeinflusst. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein starres System von Belohnung und Bestrafung. Es gibt keinen strafenden oder belohnenden Gott und auch kein Schicksal. Vielmehr wirken zahlreiche Ursachen und Bedingungen zusammen. Jede neue Handlung verändert die Voraussetzungen für zukünftige Entwicklungen. Wiedergeburt ist daher kein unabänderliches Schicksal. Wiedergeburt im Buddhismus ist Teil eines komplexen Netzes wechselseitiger Abhängigkeiten.

Wiedergeburt und Karma

Wiedergeburt und Karma sind im Buddhismus eng miteinander verbunden. Absichtsvolle Handlungen hinterlassen Eindrücke im Bewusstsein, die zukünftige Erfahrungen beeinflussen. Nach buddhistischer Lehre reichen diese Wirkungen über den Tod hinaus und beeinflussen den weiteren Verlauf des Bewusstseinsstroms. Wiedergeburt bedeutet daher nicht, dass dieselbe Person erneut geboren wird. Ebenso wenig handelt es sich um eine völlig neue Existenz. Vielmehr besteht eine Kontinuität von Ursachen und Wirkungen. Der Bewusstseinsstrom entsteht in Abhängigkeit von den Bedingungen des vorhergehenden, ohne mit ihm vollständig identisch zu sein.

Allerdings stehen sie mit einander in Verbindung. Daher auch die Idee einer „Wiedergeburt“, die eigentlich vielmehr eine weitere Existenz des Bewusstseinsstroms ist. Die „Wiedergeburt“ erfolgt in einem der sechs Bewusstseinsbereiche, im Samsara. Die Bereiche sind nicht von etwas Äußerem oder einer höheren Macht geschaffen. Samsara und damit auch die Bewusstseinsbereiche sind das Ergebnis von früheren Einstellungen, Handlungen und dem daraus resultierenden Erlebten. Da auch alle diese Bewusstseinsbereiche der Vergänglichkeit unterworfen sind, bieten sie kein bleibendes Glück.

Ziel buddhistischer Praxis

Das Ziel buddhistischer Praxis besteht nicht darin, möglichst günstige Wiedergeburten zu erlangen. Zwar gelten heilsame Handlungen als förderlich für zukünftige Existenzen, doch das eigentliche Ziel ist die vollständige Überwindung des Leidens. Die Überwindung des Leides wird als Erwachen oder Erleuchtung bezeichnet. Der Begriff Nirvana benennt diesen Zustand. Mit dem Erwachen (Bodhi) und dem Erreichen des Nirvana enden die Ursachen, die den Kreislauf der Wiedergeburten aufrechterhalten. Da keine neuen karmischen Bedingungen mehr entstehen, kommt auch der Kreislauf von Samsara zum Erliegen.

Die Lehre von der Wiedergeburt besitzt eine ethische und existenzielle Bedeutung. Sie verdeutlicht, dass Handlungen weitreichende Folgen haben können und dass geistige Entwicklung nicht auf die Grenzen eines einzelnen Lebens beschränkt ist. Gleichzeitig betont sie die Möglichkeit der Veränderung. Durch Einsicht, Meditation und bewusstes Handeln können unheilsame Gewohnheiten überwunden und neue Bedingungen geschaffen werden. Wiedergeburt ist deshalb nicht Ausdruck eines unveränderlichen Schicksals oder die Bestrafung eines Gottes. Wiedergeburt ist Teil eines dynamischen Prozesses. Er kann jederzeit durch eigenes Handeln mitgestaltet werden.

Menschenbild

Die buddhistische Lehre von der Wiedergeburt verbindet Kontinuität und Veränderung. Der Mensch wird weder als Träger einer ewigen Seele noch als völlig isoliertes Individuum verstanden. Vielmehr ist er Teil eines fortlaufenden Prozesses körperlicher und geistiger Bedingungen, die sich gegenseitig beeinflussen.

Verantwortung entsteht dabei aus dem Bewusstsein, dass jede absichtsvolle Handlung zukünftige Entwicklungen mitprägt. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, durch Einsicht und Übung die Bedingungen seines eigenen Bewusstseins zu verändern. Der Mensch ist in seinen Entscheidungen frei und kann jederzeit beginnen zu versuchen, den Kreislauf von Leiden und Wiedergeburt schrittweise zu überwinden.

Wiedergeburt im Buddhismus als Thema im Unterricht

Folgendermaßen könnt ihr das Thema im Unterricht umsetzen:

  • In einem gemeinsamen Brainstorming reflektieren die Lernenden ihre eigenen Vorstellungen von Identität und persönlicher Veränderung. Ihr könnt dazu folgende Leitfragen stellen:

    • Was macht dich heute zu „dir selbst“?
    • Denkt ihr, ihr seid heute noch so wie vor 5 Jahren?

    Sammelt an der Tafel/dem Whiteboard die Stichworte der Lernenden.

  • Diskutiert die Antworten. Bündelt das Gespräch abschließend mit einer gemeinsamen Erkenntnis, zum Beispiel: Im Leben verändert sich alles ständig und trotzdem sagen wir oft: „Ich bin dieselbe Person.“

  • Schließt ein kurzes Brainstorming im Plenum zu der Frage an: Was bedeutet dieses „Ich“?

  • Ausgehend von Alltagsvorstellungen lernen die Jugendlichen die buddhistische Auffassung des fortwährenden Prozesscharakters des Bewusstseinsstroms kennen. Erläutert ihnen dazu folgende Punkte:

    • Der Buddhismus beschreibt den Menschen als ständigen Prozess.
    • Es gibt keine feste, unveränderliche Substanz.
    • Es besteht ein Zusammenhang von körperlichen und geistigen Vorgängen.
  • Die Lernenden setzen sich nun mit der Frage auseinander, wie Wiedergeburt ohne ein unveränderliches Ich gedacht werden kann. Notiert dazu diese neue Leitfrage an der Tafel/dem Whiteboard: Wenn es einen Prozess gibt und Buddhistinnen und Buddhisten an Wiedergeburt glauben, wie könnte das ablaufen?

  • Erläutert, dass es im Buddhismus die Vorstellung eines Bewusstseinsstroms gibt. Dieser Strom ist ein fortwährender Zustand von Ursache und Wirkung. Stellt dazu folgendes Bild an der Tafel/dem Whiteboard dar:

    Moment 1 → Moment 2 → Moment 3 → Tod → neuer Zusammenhang

  • Lasst die Lernenden das Tafelbild noch einmal in eigenen Worten erklären. Ihr könnt an geeigneter Stelle dabei das Bild der Kerze vorstellen: Eine Flamme, die weitergegeben wird; nicht identisch, aber verbunden.

  • Abschließend sichern die Lernenden ihr Verständnis, indem sie das buddhistische Konzept der Wiedergeburt in eigenen Worten schriftlich erklären: Warum kann es im Buddhismus Wiedergeburt geben, obwohl nichts im Menschen unveränderlich bleibt?
    (Mögliche Lösung: Im Buddhismus gibt es kein unveränderliches Ich oder eine ewige Seele wie im Christentum. Der Mensch besteht aus körperlichen und geistigen Vorgängen, die sich ständig verändern. Durch den Bewusstseinsstrom bleibt ein Zusammenhang von Ursache und Wirkung bestehen. Deshalb kann eine Wiedergeburt stattfinden: Nicht dieselbe Person wird wiedergeboren. Wiedergeboren wird ein neuer Zusammenhang entsteht, der mit dem vorherigen Leben verbunden ist – ähnlich wie eine Flamme, die eine andere Kerze entzündet.)

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Über die Autorin

Dr. Melanie Carina Schmoll

Dr. Melanie Carina Schmoll, M.A. ist Historikerin, Politikwissenschaftlerin und Autorin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Holocaust Education, Erinnerungskultur und der Vermittlung historischer Themen in Schule und Gesellschaft. Sie arbeitet als freie Autorin, Referentin und Beraterin für Bildungsmedien. Dr. Schmoll entwickelt Unterrichtsmaterialien und Schulbücher für Verlage im deutschsprachigen Raum und engagiert sich international für die Förderung historischer Bildung und demokratischer Werte. Sie ist derzeit Adjunct Professor am Department of Political Science und Associate Fellow am CMSS der University of Calgary.

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