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Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt: Geh aus mein Herz und suche Freud

Paul Gerhardt gilt zusammen mit Martin Luther als einer der evangelischen Kirchenväter, nimmt aber im Religionsunterricht und in den Lehrplänen im Gegensatz zu Luther keine prominente Rolle ein. Anlässlich seines 350. Todestages am 27. Mai 2026 möchten wir mit diesem Beitrag über das Leben und Wirken von Paul Gerhardt informieren. Für den Unterricht gibt es eine kostenlose Kopiervorlage zum Download.

Etwas zugespitzt kann man wohl sagen: Was Martin Luther für die grundlegenden Glaubensüberzeugungen des evangelischen (protestantischen, reformatorischen) Christentums bedeutet – das bedeutet Paul Gerhardt für das Grundgefühl und die Grundstimmung und Spiritualität evangelischer Gottesdienste. Luther ist der Theologe und Paul Gerhardt ist der Dichter von 139 geistlichen Liedern in deutscher Sprache, von denen sich 26 im aktuellen Evangelischen Gesangbuch (EG von 1993 – 1996) finden; nebenbei bemerkt: dieselbe Anzahl, also 26 Paul-Gerhardt-Lieder, sind auch im derzeit erarbeiteten Neuen Evangelischen Gesangbuch (2017 ff.) vorgesehen.

Luther und Paul Gerhardt sind sozusagen die beiden evangelischen Kirchenväter. Während jedoch ersterer, also Martin Luther, im Religionsunterricht und in entsprechenden Lehrplänen schon immer eine prominente Rolle einnimmt, kann man dies von Paul Gerhardt ganz sicher so nicht sagen. Hier möchte der folgende Beitrag etwas Abhilfe schaffen. Der Anlass ist der 350. Todestag Paul Gerhardts am 27. Mai 2026. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) hat ein Paul-Gerhardt-Jahr mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen ausgerufen.

Was weiß man über Paul Gerhardt?

Ich beantworte diese Frage in zwei Schritten. Die kürzere, häufig anzutreffende Antwort lautet: Paul Gerhardt hat am eigenen Leib außerordentlich viel Schmerz und persönliches Unglück erlebt – während 31 seiner 69 Lebensjahre herrschte Krieg! Nach 11 Jahren Ehe war er bereits wieder verwitwet, in derselben Zeit wurden fünf Kinder geboren, von denen vier im Säuglingsalter verstarben!

Dennoch sind die meisten seiner Lieder getragen von größter Zuversicht, von unbeschwertem, geradezu heiterem Gottvertrauen und von froher Hoffnung auf die Ewigkeit im Jenseits. Das ganze Leben und Dichten von Paul Gerhardt scheint, in Anspielung auf das Lied EG 325, zusammengefasst in dem Satz: Seit wann ist Leid ein Argument gegen die Güte Gottes – warum sollt‘ ich meinem Gott nicht singen? Das ist die erste, sicher zutreffende kurze Antwort. Jedoch, und jetzt kommt die etwas längere Antwort: Bei näherem Hinsehen ist es etwas komplizierter, wie ein Blick auf das gesamte Leben und Wirken von Paul Gerhardt zeigt (KV „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“). Geboren am 12. März 1607 im sächsischen Gräfenhainichen – etwa auf halber Strecke zwischen Magdeburg und Leipzig –, verlor Paul Gerhardt schon mit 14 Jahren beide Eltern. In dieser Zeit begann der Dreißigjährige Krieg (1618), in dessen Verlauf Gerhardts Heimatort weitgehend zerstört wurde (1637).

Nach seiner Schulzeit in Grimma (zwischen Leipzig und Dresden) und dem Theologiestudium im streng lutherischen Wittenberg kam Gerhardt 1643 als Hauslehrer nach Berlin; das war damals eine häufig praktizierte Form des Broterwerbs für studierte Theologen, die noch keine feste Anstellung als Pfarrer hatten.

In dieser Zeit begann er, religiöse Gedichte zu verfassen. Etliche davon wurden bald als Kirchenlieder veröffentlicht. Nicht zuletzt aufgrund seiner beliebten Gedichtstrophen wurde er schließlich im Jahr 1651 Pfarrer in Mittenwalde bei Berlin. Er zog um, hielt aber weiterhin intensiven Kontakt nach Berlin, insbesondere zu Johann Crüger, dem Kantor an der Berliner Nikolaikirche. Die beiden Männer waren ein ideales Team, denn Crüger komponierte eingängige Melodien zu etlichen Liedtexten von Gerhardt, z. B. „Geh aus mein Herz …“, und veröffentlichte sie in seinem beliebten Gesangbuch „Praxis Pietatis Melica“ – Melodische Übung der Frömmigkeit“.

Mit 48 Jahren heiratete Gerhardt Anna Maria Berthold, eine Tochter der Familie, in der er zuvor Hauslehrer war. Kurz hintereinander wurden dem Paar fünf Kindern geboren, von denen vier noch im ersten Lebensjahr starben. Nur der jüngste Sohn Paul Friedrich, der 1658 zur Welt kam, überlebte beide Eltern. Im Jahr 1666, als Paul Friedrich acht Jahre alt ist, stirbt Anna Maria. Ab da ist Paul Gerhardt zehn Jahre alleinerziehender Vater und Pfarrer – zuerst an der Nikolaikirche Berlin (1657), ab 1668 bis zu seinem Tod am 26. Mai 1676 in Lübben im Spreewald.

In diese Zeit fällt auch der Konflikt zwischen dem calvinistisch-reformierten Herrscherhaus in Brandenburg und der streng lutherischen Richtung von Paul Gerhardt, die schließlich in einem Berufsverbot gipfelt (siehe KV „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“); Lübben, Gerhardts letzter Wirkungsort, lag im lutherischen Kursachsen.

Geh aus mein Herz

Literaturgeschichtlich gilt Paul Gerhardt als Dichter des Barock. Typisch für diese Literaturepoche ist die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit und Vergänglichkeit und mit den Gegensätzen von Lust und Leid, Freude und Schmerz. Die barocke Dichtung findet dafür einen großen Schatz an sprachlichen Bildern. Paul Gerhardt griff dafür häufig Bilder aus den biblischen Psalmen auf. Schon deshalb sprechen seine Lieder schon so lange Menschen an und berühren sie – auch außerhalb von Kirche und Gottesdienst.

Keine Frage: Paul Gerhardt hat Lied- und Sprachgeschichte geschrieben. „Seine Lieder zu lieben fällt erstaunlich leicht, obwohl sie nichts Schweres auslassen“.1

Welches ist das bekannteste unter Paul Gerhardts Gesangbuchliedern? Welches könnte für den Unterricht geeignet sein? Ich wähle exemplarisch das zur aktuellen Jahreszeit passende Lied: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ mit seinen 15 Strophen. Ich beschränke mich auf drei Anmerkungen zu den Stichworten Herz, Spaziergang durch die Sommerszeit und Ökologie.

  • Stichwort Herz: Das Lied beginnt mit der sprachlich eigentümlichen, aber reizvollen Einladung und Aufforderung ans eigene Herz, „auszugehen“. Diese Formulierung ist allein schon für sich genommen kurios (könnte man auch dichten: „Hör zu, mein Ohr!“, „Fass an, meine Hand!“ „Renn weg, mein Bein!“?), doch die besondere Pointe entsteht dadurch, dass das Herz jedenfalls im wörtlichen Sinn diese Tätigkeit gar nicht ausführen kann – genauso wenig wie das Herz singen (EG 446) oder springen (EG 36) kann. Doch was alles kann das Herz! Es ließen sich unzählige weitere Belege dafür nennen, welche zentrale Bedeutung für Paul Gerhardt das Herz als Chiffre für Tatkraft, Gefühl, Gemüt, Wille und Person, aber auch für den Ort der Gottesbeziehung hat. Offensichtlich soll der Spaziergang durch die Sommerszeit nicht unbedingt im wörtlichen Sinn, sondern vielmehr gedanklich – und vor allem von ganzem Herzen und mit ganzer Seele durchgeführt werden. „Geh aus mein Herz …“ heißt: Nimm wahr mein Herz und staune! Von hier aus ergeben sich Assoziationen zum „Herzauge“ (HAP Grieshaber) und zu Saint-Exupérys „Kleinem Prinzen“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“2

  • Stichwort Spaziergang durch die Sommerszeit: Von den 15 Versen des Liedes handeln die ersten sieben, also knapp die Hälfte, von der sommerlichen Natur: Narzissen, Tulpen, Vögel, Damwild im Wald und den Nutztieren auf dem Hof, den Bienen, dem Weinberg und dem Getreide. Dieses Stichwort leitet über zum eigentlichen Zielpunkt, nämlich dem Lobpreis dessen, „der so überfließend labt und mit so manchem Gut begabt das menschliche Gemüte“3 – sprich: Das Herz. Die übrigen acht Verse loben das Gotteslob, das sich dereinst erfüllen wird durch die Teilnahme am Gesang der Engel im Himmel. Wenn Gottes Geist in mir Raum greift (Strophe 14), werde ich selbst zur Blume des Gartens, der als Vorschein des verlorenen und verheißenen Paradieses (Strophe 15) gemeint ist. Nebenbei bemerkt: Das „Schwere“ (Petra Bahr) fehlt in diesem frohen Lied nahezu völlig. Vielleicht ist es deshalb im wahrsten Sinn ein gefälliges und gefallendes, ein über die Grenze der Kirche hinaus beliebtes „Volks-Lied“. Zweite Nebenbemerkung: Es gab im 17. Jahrhundert ganz offensichtlich noch keine Freizeitkultur: Die „liebe Sommerszeit“ entbehrt vollkommen der Stichworte „Freibad“, „Fernreise“, „große Ferien“, aber auch „Wolkenbruch“, „Waldbrand“ oder „Dürreperiode“.

  • Stichwort Ökologie: Das Lied handelt vom Sommer und reicht bis zur Ernte von Wein und Getreide im Herbst. Doch was haben im Sommer „Narzissen und Tulipan“ verloren? In unseren Zeiten brechen diese beiden Zwiebelpflanzen bereits unmittelbar nach den Schneeglöckchen und den Krokussen auf und blühen bereits vor dem Frühjahrsbeginn im März: Gerhardts „liebe Sommerszeit“ beginnt aufgrund der Klimaerwärmung heute bereits im Winter. Was für den Frommen der Barockzeit unvorstellbar war, aber was uns heutigen Menschen womöglich beim Gang durch die Natur als erstes einfällt, ist die durch menschliches Leben und Tun und Unterlassen verursachte Bedrohung der Schöpfung. Die einzige „Schöpfungsverantwortung“, die das barocke fromme Herz kennt, besteht darin, Gottes Güte in der Schöpfung anzuerkennen und zu loben. Womöglich muss man diesen letzten Satz heute umdrehen: Die einzige Schöpfungsverantwortung, die wir Heutigen noch empfinden, besteht darin, die Natur (wenn schon die meisten sie gar nicht mehr als „Gottes Schöpfung“ erkennen können) wenigstens vor dem Untergang zu bewahren. Das ist weder Kritik noch Vorwurf! Die unten stehenden drei „neuen“ Liedstrophen versuchen, beides miteinander zu verschränken: Dankbarkeit für Gottes Geschenk der Schöpfung und dankbare Verantwortung für die Schöpfung.

Geh aus mein Herz

16.
Der Klimawandel setzt sich fort
die Schöpfung leidet hier und dort –
wir sollten sie bewahren!
Wir sollten Erde, Wasser, Luft
so schätzen wie den Blumenduft,
und die Ressourcen sparen,
und die Ressourcen sparen!

17.
Die Artenvielfalt ist bedroht,
die Wälder leiden ernsthaft Not,
die Meeresspiegel steigen.
Wie wär‘ es um die Welt bestellt,
wenn Gott sie nicht zusammenhält?
Und wir – wir sind sein Eigen,
und wir – wir sind sein Eigen.

18.
Ich selber kann und mag nicht ruhn,
ich will‘ was für die Zukunft tun,
die Schöpfung gut behandeln.
Verantwortlich in dieser Welt
die Gott für uns bereitgestellt,
will ich stets dankbar wandeln,
will ich stets dankbar wandeln!

Didaktische Einfälle

Dem „evangelischen Kirchenvater“ Paul Gerhardt könnt ihr euch im Unterricht über die Biografie (KV „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“) oder über das Lied „Geh aus mein Herz“ annähern. Aufgaben zur Erschließung der Biografie sind auf der KV vorgeschlagen.

Im Internet finden sich unterschiedlichste Audioaufnahmen zu „Geh aus mein Herz“. Vielleicht eignet sich als Einstimmung auch (nicht zum Mitsingen!) Dieter Falks verjazzte Version.

Mögliche Aufgaben zur Erarbeitung von „Geh aus mein Herz“ könnten lauten:

  • Arbeite heraus, wie der Dichter Paul Gerhardt die „liebe Sommerszeit“ beschreibt. Was fehlt in seinem Lied, was würdest du heute ergänzen?
  • Gestaltet eigene Bilder vom Sommer und vergleicht untereinander und mit dem Text von Paul Gerhardt.
  • Arbeitet heraus, welche Gründe Paul Gerhardt findet, um Gott zu loben. Diskutiert und beurteilt Paul Gerhardts Gründe Gott zu loben. Gibt es Gründe, vor Gott zu klagen?
  • Es gibt „Geh aus mein Herz“ auch in anderen Sprachen, zum Beispiel in Englisch. Prüft und vergleicht, welche Bilder vom Sommer in den Übersetzungen entworfen werden.

Ich wünsche euch gutes Gelingen dabei, Begeisterung bei euren Lernenden für Paul Gerhardt zu wecken!

1 Petra Bahr: Paul Gerhardt – „Geh aus mein Herz …“. Leben und Wirkung. Herder Freiburg 2007, S. 14
2 Antoine de Saint-Exupéry: Der Kleine Prinz. Übers. v. Grete u. Josef Leitgeb. Karl Rauch Verlag Düsseldorf 2024
3 Geh aus, mein Herz, und suche Freud. T: Paul Gerhardt (1653)

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Über den Autor

Gerhard Ziener

Gerhard Ziener ist evangelischer Pfarrer, Schul- und Religionspädagoge. Er ist Autor und Herausgeber von reli plus für Evangelische Religion an mittleren Schulformen.

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