Die unterrichtliche Beschäftigung mit staatlichen Gedenktagen und insbesondere mit dem Holocaustgedenktag (27. Januar) wirft eine Reihe von Problemen auf, auf die man vorbereitet sein sollte. Einerseits sind die Gedenktage, die im Laufe eines Schuljahres im Kalender stehen, doch sicher alle mit Bedacht gewählt; es sind bedenkenswerte Anlässe, über deren Bedeutung in einer Nation weitestgehender Konsens herrscht. Insofern sind nationale staatliche Gedenktage (eigentlich) gar keiner Begründung bedürftig. Ihre Begründung liegt in ihrer Bedeutung für die Geschichte und die Identität der jeweiligen Nation. Jedoch, und das ist die andere Seite, verhält es sich leider gar nicht so eindeutig, wie es diese einleitenden Sätze erscheinen lassen. Dies zeigt sich insbesondere am Beispiel des Holocaustgedenktags am 27. Januar. Mindestens zwei Aspekte sorgen für eine problematische Mehrdeutigkeit. Erstens: Was bedeutet von Fall zu Fall, von Gedenktag zu Gedenktag, das Wort ,gedenken‘? Die Antworten dürften reichen von Dankbarkeit und Freude (Verabschiedung des Grundgesetzes am 23. Mai; Deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober) über Erinnerung und Mahnung (Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September; Abwurf der Atombombe am 6. August) bis hin zu Grauen, Scham und Entsetzen (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar). Und deshalb zweitens: Wie gedenken wir, wie gedenke ich eines Ereignisses, an das ich mich individuell gar nicht erinnern kann (sämtliche genannten Gedenktage gehen auf Ereignisse zurück, die lange vor der Geburt unserer Schülerinnen und Schüler liegen!) oder auch gar nicht erinnern will? Überspitzt ausgedrückt: Gedenktage beziehen sich auf Erinnerungen, die keiner hat.
Ich beginne meine Überlegungen deshalb mit dem Begriff des Erinnerns, der auch in dem häufig angeführten Zitat des spanischen Philosophen George Santayana (1863–1952): „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.“1
Dieses Zitat wird zumeist so gedeutet: Wer die Erinnerung an schlimme Fehler der Vergangenheit ignoriert, riskiert, dass sich diese Fehler wiederholen.2 Dies ist eine ethisch-moralische Deutung unserer Geschichte, indem moralische Grenzen angemahnt werden, an denen sich gegenwärtige Verantwortung orientieren muss: Wer nicht versteht, was früher schief gegangen ist, sollte sich nicht wundern, wenn es heute wieder schief geht. Geschichtliche Verantwortung heißt, sich an verantwortungslose Geschichte zu erinnern. Wenn das so ist, gehört das Thema des Erinnerns neben dem Geschichts- und Politikunterricht auch zum Religions- und Ethikunterricht.
Wesentliche Inspirationen dieses Beitrags verdanke ich dem fulminanten und unbedingt lesenswerten Buch von Susanne Siegert: „Gedenken neu denken“.3 In dem Buch geht es um scheinheiliges, ritualisiertes „Gedächtnistheater“ und um den Schmerz echten Gedenkens. Besonders sehenswert und – nach vorheriger Auswahl auch ca. ab Klassenstufe 9 unmittelbar für den Unterricht geeignet – sind die TikTok- und Instagram-Beiträge von Susanne Siegert unter dem Titel @keine.erinnerungskultur.
Nicht zuletzt: „Erinnere mich“ heißt biblisch in zahlreichen Psalmen „gedenke“!
Erinnern und Gedenken
Die beiden kurzen Sätze „Erinnere mich!“ und „Ich erinnere mich“ unterscheiden sich nur durch ein einziges Wörtchen, doch der Bedeutungsunterschied beider Sätze ist erheblich. „Erinnere mich!“ sage ich zu meinem Smartphone und markiere damit ein bevorstehendes Ereignis oder eine dringende Aufgabe, an die ich mich ohne diese Unterstützung wahrscheinlich nicht erinnern würde. Solches Erinnern ist also nicht mein Werk, sondern ich delegiere es an jemand anderes oder sogar an eine Maschine, die nichts vergisst. – Ganz anders ist es beim zweiten Satz: Der Satz „Ich erinnere mich“ beschreibt ein Gefühl, dem ich gar nicht ausweichen kann. Ein vergangenes Ereignis, ein Erlebnis, eine Erfahrung ist mir so präsent, ist so in mir gegenwärtig, dass die Erinnerung den zeitlichen Abstand zu dem Ereignis geradezu überspringt. Solches Erinnern funktioniert natürlich nur bei Ereignissen, die ich selbst erlebt habe. Was bedeutet dies aber für solche Ereignisse, die ganz wesentlich zur Identität, zur Geschichte und zur Kultur unserer Nation hinzugehören – Luthers Reformation, die Reichspogromnacht, die Niederschlagung des Nationalsozialismus, die Befreiung der Konzentrationslager, der Fall der Mauer – an die ich mich persönlich gar nicht erinnern kann?
Damit sind wir beim Thema der Gedenktage bzw. der sogenannten „Erinnerungskultur“, die ja fast ausschließlich aus solchen Ereignissen besteht, an die sich aufgrund des historischen Abstands kaum ein Mensch persönlich erinnern (können) kann; was bedeutet dies für unsere jungen Schülerinnen und Schüler, denen wir doch historisches Bewusstsein, gesellschaftliche Verantwortung und Teilhabe an „Erinnerungskultur“ vermitteln sollen und wollen?
Die persönliche Erinnerung unserer Schülerinnen und Schüler kommt für den „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, wie gesagt, nicht in Frage. Auch die Gruppe derer, die sich noch persönlich an den 27. Januar 1945 erinnern können, wird stetig kleiner. Dies wurde zuletzt am 9. Mai 2025 mit dem Tod von Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren schmerzlich bewusst. Tage wie der Holocaustgedenktag am 27. Januar sind also im wörtlichen Sinn „Erinnere-mich-Tage“; Tage, an die wir erinnert werden müssen. Und wir werden erinnert an „Grauen, Scham und Entsetzen“.
Gedenktage im Jahreslauf
Die Frage, welche Gedenktage es in Deutschland Jahr für Jahr gibt, ist schwieriger zu beantworten als man vermuten mag. Das Bundesinnenministerium formuliert: „Für den Schutz einzelner Feiertage sind die Länder zuständig.“4 Als Beispiele werden genannt: der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ (27. Januar), der „Nationale Gedenktag des deutschen Volkes“ (17. Juni), der „Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ (20. Juni), das Gedenken an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und deren Opfer (20. Juli).
Weiterhin der „Tag der Deutschen Einheit“ (3. Oktober) und der Volkstrauertag (2. Sonntag vor dem 1. Advent). Alle Gedenktage beziehen sich auf ein geschichtswirksames Ereignis oder eine Art von Ereignissen und deren Opfer. Manche sind konstruktiv und ermutigend (Grundgesetz, Fall der Mauer), andere sind verheerend und beschämend (Kriegsbeginn, Abwurf von Atombomben, antisemitische Pogrome, Ermordung der Sinti und Roma). Darüber kann man im Unterricht nachdenken (KV„Staatliche Gedenktage“).
Von ganz eigener Art ist der 27. Januar.
Der Holocaustgedenktag am 27. Januar
Erinnere mich: Woran und warum?
Der Holocaustgedenktag gibt auf diese Doppelfrage eine besondere und brisante Antwort. Die jüdische Religionspädagogin Tamara Guggenheim hat die Frage nach Entstehung und Bedeutung dieses Gedenktags im Reli-Ethik-Blog klug und prägnant beantwortet. Deutlich wird: Der 27. Januar 1945 ist ein gravierender Einschnitt, eine Unterbrechung einer Geschichte des Unheils. Die Erinnerung daran hat deshalb symbolische, über den Tag hinausweisende Bedeutung. Es ist der Tag, an dem Soldaten der sowjetischen Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz erreichten und eine erschreckend geringe Zahl von Überlebenden vorfanden und befreiten. Symbolisch heißt: Das Verbrechen und Verderben, das gutbürgerliche, christliche, gebildete und wohlerzogene Deutsche an Millionen von Jüdinnen und Juden, an Andersdenkenden, anders Lebenden und Andersgläubigen zwischen 1933 und 1945 verübt hatten, wurde nicht mit diesem einen Tag beendet.
Aus der Mehrzahl der 24 „Stammlager“ und über 1000 „Außenlager“ im Nazi-Reich5 wurden die Insassen anschließend auf grausame Todesmärsche geschickt, die nur ein geringer Teil überlebte. Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg dauerte nach dem 27. Januar noch mehr als drei Monate. Doch der 27. Januar hält die Erinnerung fest, dass nicht die wenigen „guten Deutschen“6 dem nationalsozialistischen Grauen ein Ende setzten, sondern sowjetische, bolschewistische Menschen. Das KZ Dachau wurde mutmaßlich zuerst von einem schwarzen Soldaten betreten7. Daran muss man erinnert werden: Es waren nicht wir, die diesem Grauen ein Ende setzten. Der Holocaustgedenktag ist weder ein heroischer noch ein ermutigender Tag. Es ist ein zutiefst beschämender Tag, der uns schmerzhaft bewusst macht: Nein, wir waren an der Befreiung vom Faschismus nicht beteiligt. Auch unsere Großeltern und Urgroßeltern waren wahrscheinlich keine Opfer, womöglich sogar Täter. Daran sollen wir am 27. Januar erinnert werden. Erinnere mich: an diesen schrecklichen Teil unserer Geschichte.
Von der Erinnerungskultur zur Gedenkarbeit
Erinnere mich: Woran und warum?
„Gedenke!“ oder die Bitte, „sich zu erinnern“, ist ein zentrales Motiv biblischer Psalmen: Gedenke der Wohltaten, der Wunder, des Bundes und „vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“8. Aber auch Gott wird gebeten und ermahnt: „Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind“9. So ist auch der Holocaustgedenktag gemeint: Es geht nicht um die moralische Nötigung, einander Versäumnisse im Erinnern nachzuweisen, sondern um die Wohltat, bei allem Grauen die Gründe für die Hoffnung zu erinnern. Erinnern und Gedenken ist nicht Schuldaufweis, sondern Ermutigung.
Susanne Siegert schreibt: „Wir müssen über […] die Ermordung von sechs Millionen Juden und Jüdinnen, aber auch von 3,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, 1,8 Millionen nicht-jüdischen Polen und Polinnen, 500 000 Sinti und Roma, 300 000 Behinderten und Kranken sowie von mehreren Tausend Zeugen Jehovas, Homosexuellen, Schwarzen, sogenannten Asozialen und politischen Gegnerinnen und Gegnern deshalb sprechen, weil diese Verbrechen passiert sind, mitten in der vermeintlich modernen europäischen Zivilisation, die für Fortschritt und Aufklärung stehen sollte.“ 10 Allein schon die Aufzählung der Opfergruppen und der Opferzahlen erinnert auf unangenehme Weise daran, dass die von den nationalsozialistischen Gräueln betroffenen Gruppen ja heute noch leben und sich erinnern werden.
Aber wir und unsere Lernenden können uns beim besten Willen nicht daran erinnern. Wie auch? Doch das heißt nicht, dass wir das Grauen leugnen dürfen! Das heißt vielmehr, dass wir uns Erinnerungen von Opfern aufdrängen und aufzwingen lassen, voller Scham, voller Demut. Nein, wir und unsere jungen Schülerinnen und Schüler sind nicht schuldig, auch nicht mitschuldig. Schuld setzt personale Tatbeteiligung voraus, das gilt ethisch-moralisch wie juristisch. Aber wir schulden uns und den uns nachfolgenden das „Erinnere mich!“: Gedenke der Opfer! Hüte dich vor der Tat! Nimm Verantwortung wahr! Susanne Siegert beschließt ihr Buch mit dem gut begründeten Appell „von der Erinnerungskultur zur Gedenkarbeit“ 11, dem ich mich vorbehaltlos anschließe. Zur Erinnerung taugen Personen besser als Strukturen, Menschen besser als Verhältnisse. Statt an der Erinnerungskultur beteiligen wir uns besser an der Gedenkarbeit.
Ich schlage deshalb vor, das Erinnern zu erleichtern durch das Heranziehen von Einzelpersonen, Beispielen von „Gerechten unter den Völkern“. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat eine hervorragende Homepage, auf der nicht nur die aktuell 28.486 Gerechten (darunter gerade einmal 659 Deutsche wie Oscar Schindler oder Helene Jacobs!), sondern auch pädagogisch und didaktisch gut aufbereitete Einzelgeschichten präsentiert werden. Die Partisanin und Fotografin Faye Schulman hat bemerkenswerte Spuren im Internet hinterlassen, ebenso der muslimische Afrikaner Bayume Mohamed Husen. In reli plus 3, S. 118 wird die Versöhnungsarbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste vorgestellt, bei der Erinnerungsarbeit und Verantwortung praktisch miteinander verbunden werden.
Linktipps
Lesenswerte Beiträge im Blog „Gewi im Unterricht“
Quellen/Anmerkungen
1 Die Mahnung „Those who cannot remeber the past are condemned to repeat it“ („Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“) findet sich inGeorge Santayana: Reason in Common Sense. Volume Once of „The Life of Reason“. Dover Publications Inc. 1980 (New ed. of 1905), p. 284. Eine deutsche Ausgabe dieses Werkes ist nie erschienen.
2 Diese Aussage ist hoch plausibel. Der Absicht von George Santayana dürfte sie nicht entsprechen. In dem angeführten Werk Santayanas geht es um die Frage, wie sich Fortschritt ereignet. Der Autor antwortet pragmatisch: Indem wir darauf achten, was in der Vergangenheit gelungen und was gescheitert ist, um erneutes Scheitern zu vermeiden.
3 Susanne Siegert: Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. Piper München 2025
4 Nationale Gedenk- und Feiertage. Unter Protokoll Inland der Bundesregierung (Zugriff 07.01.2026, gek.)
5 Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager; 9 Bände, C.H. Beck, München 2005–2009.
6 Mehr als zwei Drittel der Deutschen heute glauben oder behaupten, ihre Vorfahren seien keine NS-Täter gewesen; fast 30% behaupten, ihre Vorfahren hätten NS-Opfern geholfen. Realistische Forschungen gehen hingegen von 0,3 % Helfern aus (Quelle: Die Zeit).
7 Der jüdische Überlebende [von Dachau] George Gottlieb schätzt sogar, dass 70 bis 75 Prozent der Soldaten, die ihn befreiten, schwarz waren (Rheinisches JournalistInnenbüro: Unsere Opfer zählen nicht, 2005, S. 149).
8 Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, Ps 103,2
9 Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, Ps 25,6
10 Susanne Siegert: Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. Piper München 2025, S. 141 f.
11 Susanne Siegert: Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. Piper München 2025, S. 188.








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