Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Der/die/das Böse

Es gibt, was unser Menschsein, unser ethisches Empfinden, Urteilen und Handeln, unser Sein und unsere Zukunft angeht, keine andere Grundorientierung, keinen anderen Gegensatz, der so fundamental, so universal und so lebensbedeutend und existentiell ist wie der zwischen ,gut‘ und ,böse‘.

Das heißt: Die Frage nach ,gut‘ und ,böse‘ bestimmt ganz elementar, ganz entscheidend und unbedingt sowohl unser Sein (Wie bin ich? Wie sind wir beschaffen? Was macht uns menschlich und zu Menschen?) als auch unser Sollen (Was sind die Maßstäbe, Werte und Normen unseres Handelns und Urteilens: Was sollten wir tun? Wie sollten wir uns verhalten? Was ist richtig und falsch? Was ist gut, was ist böse?). Damit sei, wohl gemerkt, nicht behauptet, dass sich die Welt oder die Menschheit oder unser Leben ausschließlich durch diese beiden Begriffe aufteilen oder sortieren ließen; so, als gäbe es nur diese beiden Alternativen: Etwas oder jemand ist oder handelt ,gut‘ oder er, sie, es ist oder handelt ,böse‘. Ganz im Gegenteil: Das Verhältnis von gut und böse ist außerordentlich komplex, es gibt unzählige Zwischentöne. Und deshalb ist (das) Böse sowohl ein absoluter Begriff (das heißt: im Bösen ist nichts Gutes enthalten!), als auch ein relativer Begriff, das heißt: Es gibt viele Schattierungen des Bösen. Das merkt man allein schon daran, dass man das Wort ,böse‘ zwar grammatikalisch nicht gut steigern (,böser‘, ,am bösesten‘), aber durch sprachliche Ergänzungen sehr wohl relativieren kann: Etwas oder jemand ist ,ziemlich böse‘, ,ausgesprochen böse‘, ,bitterböse‘ usw. Umgekehrt kann in unserer Alltagssprache das Wort böse für vergleichsweise harmlose Dinge stehen: „Wenn ihr nicht still werdet, werde ich böse“ (zornig, streng) – „Was schaust du denn so böse?“ (grimmig, schlecht gelaunt) – „Ich bin dir nicht böse!“ (gram, vorwurfsvoll).

Ich schlage vor, das Thema des Bösen mit einem Bewertungs-Strahl (KV „Gut und böse“) zu erschließen.

Drei Fragen will ich zuvor kurz ansprechen.

  • Die 1. Frage ist die nach dem Ursprung bzw. den Verursachern des Bösen: Woher kommt das Böse, wie kommt es zu bösen Taten oder Einstellungen? Die Frage nach der Ursache mündet unmittelbar in die Frage nach der Schuld: Wer oder was ist schuld am Bösen?
  • 2. Frage: Man spricht vom Bösen bisweilen auch im Sinne einer Person. Die Rede ist vom Teufel, vom Satan, dem Versucher und Verführer, dem asch-Schaitān im Koran. Ist der Teufel, der Satan, der Schaitan der wahre Urheber alles Bösen und damit so etwas wie ein Anti-Gott?
  • 3. Frage: Warum gibt es in der guten Schöpfung Gottes überhaupt das Böse, zugespitzt gefragt: Wie steht Gottes Güte selbst zum Bösen?

Das Böse und seine Ursache

Wo kommt das Böse her, wie kam das Böse in die Welt? Es ist doch merkwürdig: Das Böse ist das, was man nicht mag und nicht wünscht. Dennoch gibt es so viel Böses. Was also ist das Attraktive (Anziehende) oder das Unvermeidbare am Bösen? Was ist sein Ursprung und seine Ursache und wer oder was ist infolgedessen „schuld“ am Bösen, auch in strafrechtlicher Hinsicht? Klassisch gibt es drei Antworten auf die Frage nach der Herkunft des Bösen und damit in gewisser Weise auch nach der Schuld für das Böse. Alle drei sind berechtigt, aber auch zu kritisieren.

Biologie, Gene und Evolution

Der Biologe und Verhaltensforscher Konrad Lorenz beobachtete: Tiere kämpfen gegeneinander und sie sorgen füreinander. Es geht in der Natur in vielfältiger Weise um Fressen und Gefressenwerden; doch es gibt auch zahlreiche Verhaltensweisen, die zur Erhaltung einer Art beitragen. Das ist ,gut‘ (für die eigene Art), aber zugleich ,böse‘ für die unterliegende Art. Doch generell gilt für die Natur: Gut und böse im menschschlich-moralischen Sinn gibt es nicht. Lorenz nennt es deshalb „Das sogenannte Böse“, so sein Buchtitel (Erscheinungsjahr 19631). – Lorenz‘ Beobachtung und zugleich seine These: In der Natur ist „Aggression“ kein moralisch böses Verhalten, sondern ein Lebenstrieb, ein kämpferischer Einsatz für die eigene Art. Lässt sich das auf Menschen (höhere Säugetiere!) übertragen? Konrad Lorenz beantwortete die Frage mit Ja. Die wenigsten Fachleute in Psychologie und Soziologie sind ihm darin gefolgt. Denn zum einen hat dann die Frage nach der Schuld keinen Ort mehr; schon der Kirchenvater Augustin (354–430) wies darauf hin, dass eine Räuberbande gegenüber ihren Mitgliedern im Sinne der „Arterhaltung“ ja auch solidarisch, nach festen Regeln usw., also ,moralisch gut‘ handelt, und dennoch erheblich Böses tut2. Zum anderen wird nach Lorenz‘ Sicht alles andere, was den Menschen außer seinen Genen und der Biologie prägt und formt – die Gesellschaft, die Kultur, die Erziehung usw. bedeutungslos.

Der Mensch als Produkt seiner Verhältnisse: Psychologie und Soziologie

Kein Mensch kommt ,fertig‘ auf die Welt: Was und wie wir sind, das sind wir geworden. Was aber sind die Kräfte und Faktoren, die dafür sorgen, dass wir heute die sind, wie wir sind? Siegmund Freud entdeckte: Das ,Ich‘ verspürt Bedürfnisse und Triebe (das nennt er das ,Es‘), aber es wird kontrolliert durch einen mir überlegenen, vor Gewalt nicht zurückschreckenden Vater (das ,Über-Ich‘). Das ;Ich‘ ist offenbar nicht Herr oder Herrin im eigenen Haus. Das ist die klassisch psychoanalytische Sicht. Gesellschaftskritische Theorien, allen voran der Marxismus, widersprechen oder ergänzen: Wir Menschen sind die Summe der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben: Sind wir Knechte? Sind wir reiche Erben? Sind wir schwarz oder weiß, männlich oder weiblich? Solange es Herrschaftsverhältnisse gibt, sind wir entfremdet. Das ,Böse‘ ist eine nachvollziehbare Reaktion auf die Entfremdung, der ich unter kapitalistischen Verhältnissen ausgesetzt bin. Doch wieder stellt sich die Frage: Kann mir das Böse, das ich verursache oder begehe, dann letztlich überhaupt vorgeworfen werden?

Der Mensch und sein freier Wille (Gen 2 f.)

Beide Einflüsse, sowohl die psychischen Kräfte als auch die gesellschaftlich-kulturellen Bedingungen und Faktoren sind unbestreitbar. Doch allein der Umstand, dass wir diesen Faktoren nicht (nur) blind und ahnungslos ausgeliefert sind, sondern sie reflektieren, bearbeiten, beeinflussen, verändern, manchmal sogar überwinden können, verweist auf den Umstand, dass wir Menschen Subjekte und Personen mit Bewusstsein, mit kognitiven Fähigkeiten, mit Urteilskraft sind. Kurz: Trotz aller Einflussfaktoren gibt es das, was wir den freien Willen nennen. Tragisch ist, dass der freie Wille nicht davor bewahrt ist, sich für die Unfreiheit oder das Böse zu entscheiden.

Eine der bekanntesten biblischen Erzählungen, womöglich der Menschheit, handelt vom Ursprung des Bösen: die zweite Schöpfungserzählung und der sogenannte Sündenfall in Gen 2 und 3. Es ist kein Zufall, dass diese Geschichte den Anfang der Bibel bildet. Genauer, dass die Geschichte vom Ursprung unseres Menschseins, also die biblische Schöpfungsgeschichte, gleichursprünglich ist mit der Geschichte des Bösen. Die Bibel ist überzeugt: Die Frage des Bösen ist weder eine Frage der Genetik noch eine Frage der sozialen Verhältnisse. Das Böse ist die tragische Konsequenz der Freiheit, die Gott seinen Geschöpfen schenkt. Bekanntlich enthält diese mythische Erzählung auch den Versuch, den Menschen vor der missverstandenen Freiheit – dem Genuss vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse – zu bewahren. Doch schon diese Schutzmaßnahme wird umgedeutet in den pampigen Satz: „Hier darf man ja gar nichts!“ (Gen 3,1). So jedenfalls sprach nach dem Sündenfall die erste Versucherin: die listige Schlange.

Der/die/das Böse

Sowohl Bibel als auch Koran kennen und überliefern die Vorstellung des personifizierten Bösen. Bereits in der biblischen Ursprungsgeschichte des Bösen stießen wir im letzten Satz auf ,die Böse‘ (die Schlange), wobei, wohlgemerkt, die Schlange (nachasch) im Hebräischen männlichen Geschlechts ist, also ein ,Schlangerich‘. Und noch gar nicht aufgetaucht ist der andere Böse, nämlich der ,Satan‘ (von hebr. שָׂטָן, der Gegner, der Herausforderer) bzw. der ,Teufel‘ (von griech. διάβολος: der Verwirrer, der Durcheinanderbringer). Wer über das Böse nachdenkt, muss nicht nur über böse Eigenschaften oder Handlungen, sondern auch über das Substantiv, also über ,das‘ oder ,die Böse‘ bzw. ,den Bösen‘ reden. Ist der oder das Böse eine Gegenmacht Gottes, sozusagen ein Anti-Gott? Und warum ist ,der Böse‘ im Gegensatz zu Gott, der doch weder Mann noch Frau ist, anscheinend immer männlich – oder gibt es auch ,die Böse‘? Auch der Koran verortet den Bösen (Iblis) im Zusammenhang mit der Erschaffung des Adam (Sure 7,11–18). Iblis ist einer der Engel, denen Allah gebietet, sich vor seinem Schöpfungswerk, also vor Adam, niederzuwerfen, was dieser als Einziger verweigert. Seine Begründung: Er hält sich für überlegen. Daraufhin wird er aus dem Garten verstoßen, aber er bleibt der Versucher, der böse Einflüsterer des Menschen, und spricht zu Adam: „Euer Herr hat euch diesen Baum nur verboten, damit ihr nicht Engeln würdet oder ewig lebtet.“ (Gelogen!) – „Siehe, ich bin euch ein guter Berater.“ (Sure 7,20 und 21).3

Entscheidend aber ist: Weder in der Bibel noch im Koran ist der Satan ein Gegengott. Er ist ein Geschöpf Gottes, das dem Menschen das Leben schwer macht, aber keinesfalls dazu taugt, die Verantwortung für das Böse in der Welt auf ihn abzuwälzen.

Letzte Bemerkung in dieser Sache: Regelmäßig erscheinen in den Medien Schlagzeilen über Umfragen, die herausbekommen haben wollen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung „an den Teufel glaubt“. Im konkreten Fall handelt es sich um eine hoch unseriöse YouGov-Umfrage, an der jede und jeder beliebig oft und unkontrolliert im Netz teilnehmen kann und deren einziges Item („Sind Sie persönlich der Überzeugung, dass es Teufel, Dämonen oder Besessenheit gibt?“4 gar nicht nach dem fragt, was die christlichen Medien gehört haben wollen: „Fast jeder vierte Deutsche glaubt an den Teufel“.5 Mit der Wirklichkeit dämonischer Mächte irgendwie zu rechnen hat, Gott sei Dank, nichts mit Glauben im christlichen oder muslimischen Sinn zu tun. Das sollten sich auch die Kirchen nicht einreden.

Gott und das Böse

Wir stoßen hier notwendigerweise auf die Frage der Theodizee – also die Frage, wie Menschen die Güte und Gerechtigkeit Gottes noch rechtfertigen wollen, wenn doch Gott so viel Leid, Übel und Böses in der Welt weder verhindert noch beseitigt. Die Theodizee ist eigentlich eine eigene Auseinandersetzung wert, wenn wir nach Gott fragen. Deshalb wird sie hier nur gestreift (sie wird sich beim Nachdenken über das Böse nicht vermeiden lassen!), um einen praktischen Vorschlag für den Unterricht einzuleiten: Die berühmte Fragenreihe des Laktanz in seiner Schrift „Vom Zorne Gottes“6. Sie lauten: Entweder will Gott das Böse aus der Welt nicht entfernen und kann es nicht, oder er kann es, und will es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder endlich will und kann er es. Will er es und kann es nicht, so ist es ein Unvermögen, was dem Wesen Gottes widerspricht; kann er es und will es nicht, so ist es eine Bosheit, die seinem Wesen nicht minder widerspricht; will er es nicht und kann er es auch nicht, so ist es Bosheit und Unvermögen zugleich; will er es aber und kann er es auch (was der einzige von allen Fällen ist, der dem Wesen Gottes entspricht): Woher kommt dann das Böse auf Erden?

Mithilfe der KV „Gott und das Böse“ könnt ihr für alle vier Möglichkeiten eure Lernenden Schlussfolgerungen für Gott und das Gute ableiten lassen.

Ich wünsche euch gutes Gelingen dabei!

Quellen:

  1. Konrad Lorenz, Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression, München (dtv), 20. Auflage 1995
  2. Augustinus, Vom Gottesstaat (De civitate Dei), Buch IV, Absatz 4: https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-313/versions/zweiundzwanzig-bucher-uber-den-gottesstaat-bkv/divisions/106
  3. Sure 7,20 und 21 – Der Koran. Übers. v. Max Henning. Reclam Stuttgart 2006
  4. Umfrage v. 01.06.2026. Unter: https://yougov.com/de-de/aktuelle-ergebnisse/20260601-94ae5-2 (Zugriff 01.09.2026, gek.)
  5. Umfrage: Fast jeder vierte Deutsche glaubt an den Teufel. (19.06.2026/KNA) Unter: https://evangelische-zeitung.de/umfrage-fast-jeder-vierte-deutsche-glaubt-an-teufel-und-besessenheit/ (Zugriff 01.09.2026, gek.)
  6. Lactantius, Lucius Caecilius Firmianus Lactantius (Verfasser); Heinrich Kraft (Herausgeber): Vom Zorne Gottes, Darmstadt 1974, 13.
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Über den Autor

Gerhard Ziener

Gerhard Ziener ist evangelischer Pfarrer, Schul- und Religionspädagoge. Er ist Autor und Herausgeber von reli plus für Evangelische Religion an mittleren Schulformen.

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