Maria werden Gebete und Lieder gewidmet, es gibt Marien-Wallfahrtsorte (unter anderem beispielsweise in Lourdes, Frankreich, in Medjugorje, Bosnien Herzegowina und in Banneux, Belgien), an denen Marienerscheinungen stattgefunden haben sollen und zu denen unzählige Menschen pilgern, um sich im Gebet, Beistand und Hilfe von der Muttergottes zu erhoffen. Ein bekanntes und populäres Gebet ist das „Ave Maria“ bzw. der Rosenkranz. Im Unterricht könnt ihr euch mit euren Lernenden auf folgende Weise nähern.
Bibelarbeit: Maria im Neuen Testament
Ziel: Die biblischen Texte zu Maria kritisch lesen und in ihren Kontext einordnen.
Die Lernenden werden angeregt, Assoziationen zu Maria zu äußern: Mutter Jesu, Jungfrauengeburt, biblische Geschichten, wie die Hochzeit zu Kanaan, Maria unter dem Kreuz, das Ave-Maria-Gebet, der Rosenkranz, Marien-Wallfahrtsorte bzw. Marienerscheinungen… Dazu könnt ihr z. B. ein Street-Art-Bild von Maria als Impuls zeigen.
Für die folgende Bibelarbeit könnt ihr statt der Einheitsübersetzung der Bibel auch andere Ausgaben, beispielsweise Bibeltexte in Jugendsprache (BasisBibel oder eigene Umformulierungen) nutzen.
a) Lk 1,26-38 + Mt 1,18 und Mt 1,23
Aus dem Weihnachtsevangelium erinnern die Lernenden möglicherweise, dass sowohl die Zeugung als auch die Geburt Jesu geheimnisumwoben geschildert werden: Wie verhält es sich damit, dass Maria vom Engel Gabriel erfährt, dass sie ein Kind gebären werde, ohne dass sie, wie Maria erwidert, einen Mann erkenne (vgl. V. 34), sie dies bedingungslos akzeptiert und die Perikope mit dem „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (V.38), endet?
Diese Perikope hat zur Stilisierung von Marias Jungfräulichkeit beigetragen, die ohne sexuellen Akt ein Kind zur Welt bringt. Aus dieser „Tatsache“ wurde in der Tradition der Kirche die Lehre der Jungfrauengeburt, die Sexualfeindlichkeit und das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs abgeleitet. Maria gilt seitdem als Vorbild für Keuschheit, Jungfräulichkeit und ist (vorbildliche) Mutter. Allerdings, so Peter Walter, hat Lukas „nicht im Sinn, Gott oder den Heiligen Geist als männlichen Ersatzpartner zu betrachten… Gott ist kein sexueller Partner bei der Zeugung Jesu, sondern eine schöpferische Kraft.“1 Es geht also in dieser Perikope nicht in erster Linie um einen biologischen Vorgang, sondern darum, Jesus als den bereits im Alten Testament angekündigten Messias zu etablieren. Ebenfalls wurde außer Acht gelassen, dass es sich nicht um einen historischen Bericht, sondern um eine literarisch gestaltete Szene handelt. Die Evangelisten (Mt und Lk) wollen lediglich betonen, dass bereits Empfängnis und Geburt außergewöhnlich sind und auf einen „besonderen“ Menschen hinweisen. So hebt Matthäus sehr nüchtern die Empfängnis und Geburt Jesu hervor, ohne die Glorifizierung von Lukas. Vielmehr betont er den Stellenwert Josefs innerhalb des Geschehens, da er Jesus in die davidische Stammesnachfolge einordnet, auf die Josef zurückgegangen ist. (vgl. Mt 1: Stammbaum und Mt 1,18-25). „Matthäus sagt […], dass Jesus nicht bei der Taufe Gottes Sohn wurde, Jesus war Gottes Sohn von seiner Empfängnis an. In dieser Hinsicht geht die Botschaft des Engels auf eine vormatthäische Tradition zurück (und diese Annahme wird noch dadurch bestärkt, dass der Engel bei Lukas zwar andere Worte gebraucht, aber die gleiche christologische Botschaft überbringt – Lukas 1,35)2
Die Aussagen über die jungfräuliche Empfängnis Jesu, so wie sie sich bei Lukas und Matthäus finden, sind, so resümiert Walter, „christologische Aussagen. Es geht um das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes. Sohn Gottes ist Jesus […] vom Beginn seines irdischen Daseins an. Das ist die zentrale Glaubenswahrheit, um die es geht.3
Dass sich Empfängnis und Geburt Jesu nur verstehen lassen, wenn man die Rolle der Mutter Jesu in der jüdischen Tradition einbezieht, weisen Sölle/Schottroff nach. „Hier soll nicht ein Dogma etabliert und die unberührte Jungfrau als „rein“ (virgo intacta) verklärt werden. Im jüdischen Denken wird Gott als der Geber des Lebens angesehen, der die Gebärmutter öffnet oder verschlossen lässt, wie sich in vielen Frauengeschichten der Hebräischen Bibel zeigt.“4
Welche Themen und Problematiken lassen sich hieraus aktuell mit Lernenden im Religionsunterricht diskutieren?
Darüber hinaus kann die Auseinandersetzung mit der biblischen Maria Anregungen zur Reflexion über den Umgang mit Vertrauen, Hoffnung, Mut zur Entscheidung geben:
b) Lk 1,39-56
In dieser Perikope besucht Maria die ebenfalls schwangere Elisabet, deren Schwangerschaft aufgrund ihres hohen Alters als sehr außergewöhnlich galt. Maria erscheint hier nicht nur als individuelle Glaubenszeugin, sondern als Glaubenszeugin des Volkes Israels, des einfachen, armen Volkes. Im Magnificat singt sie, angelehnt an den Gesang Hannas, der Mutter Samuels im Alten Testament, einen Lobpreis Gottes und nimmt darin die Rolle einer Prophetin ein, die sich gegen die herrschenden patriarchalischen Strukturen stellt. Sie weiß, dass sie eine „Auserwählte“ Gottes ist und das Kind, das sie gebären wird, ein besonderes Kind ist. Lukas stellt Maria als eigenständige, starke Frau dar, die selbst entscheidet und nicht alles einfach hinnimmt, sondern nachfragt (vgl. Ausführungen zu Lk 1,26-38). Mit dieser starken Maria lassen sich männliche Strukturen der Kirche nicht (mehr) rechtfertigen, woran die Bewegung Maria 2.0 anknüpft. Mirja Kutzer weist darauf hin, dass sich Maria im Magnificat als „Magd des Herrn“ bezeichnet, was allerdings nach dem griechischen Originaltext mit „Sklavin des Herrn“ übersetzt werden müsste.
Dies sei, so Kutzer, ein politisch aufgeladener Begriff. Maria sage damit: „Ich bin nicht die Sklavin des Römischen Reiches, des Kaisers oder der Vasallenkönige in Palästina, sondern nur die Sklavin Gottes. Ich erkenne Gott als meinen Herrn an und niemanden anderen. Darin steckt politischer Trotz und Gesellschaftskritik drin. Maria war eine ‚Revoluzzerin‘“5.
Welche Themen und Problematiken lassen sich daraus aktuell mit Lernenden. im Religionsunterricht diskutieren? Für welche Themen würde sich Maria heute einsetzen bzw. stark machen?
Zum letzten Thema könnt ihr eine Steckbrief-Vorlage: „Maria als Friedensbotschafterin“ ausgeben.
Der Arbeitsauftrag könnte lauten: Stell dir vor, Maria wäre Friedensbotschafterin der UNESCO. Erstelle einen Steckbrief über Maria, der sie für diese Funktion auszeichnet. Nutze deine Kenntnisse, die du aus den Bibeltexten über Maria gewonnen hast und übertrage ihre Persönlichkeit und Lebenssituation auf diese herausragende Tätigkeit.
c) Mk 3,20-21 + Mk 3,31-35
In diesen beiden Bibelstellen erscheint die (vorbildliche) Mutterrolle Marias in einem anderen Blickwinkel. Es wird berichtet, dass Jesus mitgeteilt wird, dass sowohl seine Mutter als auch seine Brüder da sind, um ihn zu ergreifen, da sie der Meinung sind, er sei „von Sinnen“ (V. 21). Jesus lässt es nicht zu einer Begegnung mit seiner Familie kommen, sondern erklärt den Anwesenden, sie seien seine Mutter und seine Geschwister. Das klingt nach einem heftigen Affront gegen seine Familie und speziell gegen seine Mutter. Sie sind nicht Teil seiner „neuen“ Familie. Er hat sich offensichtlich von ihnen losgesagt. Allerdings zeigt es auch, dass seine Familie und allen voran seine Mutter kein Verständnis für Jesu Lebenswandel und seinem Umherziehen als „Wanderprophet“ haben:
„Wie auch immer man diese Verse deutet, klar ist die in der ganzen Perikope sichtbar werdende Distanz Jesu zu seiner natürlichen Familie. Für die Zugehörigkeit zum Reich Gottes, dessen Repräsentant zu sein Jesus nach dem Markusevangelium ja beansprucht, ist nicht die natürliche Verwandtschaft mit Jesus entscheidend, sondern die Erfüllung des Willens Gottes. Diejenigen, die Gottes Willen tun, werden von Jesus als Mutter, Brüder und Schwestern, sozusagen als seine eschatologische Familie bezeichnet. Der markinische Jesus schließt nicht aus, dass seine natürlichen Verwandten zur eschatologischen Familie Gottes gehören, aber er macht deutlich, dass das Verhältnis natürlicher Verwandtschaft zu ihm in keinerlei Kausalverhältnis im Hinblick auf die Zugehörigkeit zur eschatologischen Familie Gottes steht. Entscheidendes Kriterium ist allein das Erfüllen des göttlichen Willens.“6
Das passt nicht in das Bild, was ansonsten von der Einigkeit von Mutter und Sohn in der Bibel gezeichnet wird. Es gibt offensichtlich doch einen Konflikt, vielleicht auch „nur“ anfänglich. Es ist verständlich, dass Maria nicht sehr erfreut über Jesu Mission war. Es war sehr gefährlich, durch das Land zu ziehen und brisante politische sowie sozialkritische Botschaften zu verbreiten. Hinzu kam, dass Jesus als der älteste Sohn nach dem Tod Josefs für die Rolle des Familienoberhaupts vorgesehen war und für die Versorgung Marias und der Familie hätte verantwortlich sein müssen. Das wäre allerdings für Jesus selbst ein Widerspruch zu seiner Botschaft gewesen, einerseits von seinen Jüngerinnen und Jüngern zu verlangen, Haus und Familie zu verlassen und mit ihm zu ziehen, und andererseits es selbst nicht zu tun.
Welche Themen und Problematiken lassen sich hieraus aktuell mit Lernenden diskutieren?
Methodenvorschläge
Um diese Gedanken konkret umzusetzen, könnt ihr beispielsweise folgende Methoden im Unterricht nutzen:
Dazu könnt ihr vorab eine Steckbrief-Vorlage: „Maria heute – so könnte sie aussehen“ ausgeben.
Der Arbeitsauftrag könnte lauten: Stell dir vor, Maria wäre heute 16-18 Jahre alt und würde in Deutschland leben. Erstelle einen Steckbrief über Maria. Nutze deine Kenntnisse, die du aus den Bibeltexten über Maria gewonnen hast und übertrage ihre Persönlichkeit und Lebenssituation auf die heutige Zeit.
Die Lernenden erkennen, dass Maria nicht nur für (fromme, konservative) Christinnen und Christen eine religiöse Bedeutung hat, sondern dass sie über ihren kirchlichen Kontext hinaus viele Anknüpfungspunkte bietet, sich noch heute mit ihr zu beschäftigen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie möglicherweise als Vorbild zu betrachten oder die (zumindest) Antworten auf existentielle Lebensfragen bietet.
1 Peter Walter: Maria in den synoptischen Evangelien. Aus: Mirja Kutzer, Peter Walter: Maria in Geschichte und Gegenwart. Befreiende Perspektiven auf die Mutter Jesu. Hrsg. v. Michael Hauber. Herder Freiburg 2022, S. 402 Peter Walter: Maria in den synoptischen Evangelien. Aus: Mirja Kutzer, Peter Walter: Maria in Geschichte und Gegenwart. Befreiende Perspektiven auf die Mutter Jesu. Hrsg. v. Michael Hauber. Herder Freiburg 2022, S. 343 Peter Walter: Maria in den synoptischen Evangelien. Aus: Mirja Kutzer, Peter Walter: Maria in Geschichte und Gegenwart. Befreiende Perspektiven auf die Mutter Jesu. Hrsg. v. Michael Hauber. Herder Freiburg 2022, S. 634 Dorothee Sölle, Luise Schottroff: Jesus von Nazareth. dtv München 2000, S. 135 Mirja Kutzer, Zitat. Aus: „Maria war auch eine Revoluzzerin“. Interview von Christina Rietz mit Mirja Kutzer. Unter: https://www.zeit.de/2025/55/mutter-jesu-christi-maria-bibel-theologie-mirja-kutzer (Zugriff 19.08.2026, gek.);6 Peter Walter: Maria in den synoptischen Evangelien. Aus: Mirja Kutzer, Peter Walter: Maria in Geschichte und Gegenwart. Befreiende Perspektiven auf die Mutter Jesu. Hrsg. v. Michael Hauber. Herder Freiburg 2022, S. 23

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