Reli-Ethik-Blog
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Maria Magdalena: Sünderin und Prostituierte

Maria Magdalena ist nach Maria, der Mutter Jesu, die am häufigsten erwähnte Frauengestalt in den Evangelien. Sie gilt als eine der Begleiterinnen von Jesus, worauf alle Evangelisten hinweisen. Maria Magdalena ist eine Frau des Neuen Testaments, die polarisiert: Einerseits wird sie als Sünderin, als Prostituierte, diffamiert, andererseits als „apostola apostolorum“ – als erste Verkünderin der Auferstehung Jesu verehrt. Wie kommt es, dass Maria Magdalena diese beiden, nicht gegensätzlicher erscheinenden Frauenbilder miteinander vereint?
Der vorliegende Blog-Beitrag widmet sich Maria Magdalena, der Sünderin und Prostituierten.

Das Bild der biblischen Maria Magdalena

In einem ersten Schritt werden die Lernenden mit den Bibelstellen, die zur Symbiose der verschiedenen Frauengestalten zur Maria Magdalena beigetragen haben, konfrontiert, indem sie sie miteinander vergleichen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede herausarbeiten. Im zweiten Schritt setzen sie sich persönlich mit Maria Magdalena auseinander, indem sie sie auf ihr Identifikationspotential hin (über-)prüfen.

Da Maria Magdalena als Mitglied einer Frauengruppe regelmäßig explizit als erste genannt wird, kann man folgern, dass sie unter den Frauen selbst eine herausragende, möglicherweise eine führende Position inne hatte, analog zur Voranstellung des Petrus im Zwölferkreis. [1] Ihre exponierte Rolle innerhalb der Jesus-Bewegung wird auch dadurch gestützt, dass sie nicht wie üblich den Namen des Vaters, Ehemannes oder Sohnes trägt. Ihr Name bezieht sich auf ihren Herkunftsort Magdala vergleichbar dem von Jesus (aus Nazaret). Luise Schottroff schließt daraus, dass Maria Magdalena weder männliche Verwandte noch einen Ehemann hatte und als alleinlebende Frau Jesus nachgefolgt sei. [2] Auch Andrea Taschl-Erber erachtet es als außergewöhnlich, dass Maria Magdalena nicht den patriarchalen Konventionen entsprechend von einem Mann öffentlich-rechtlich vertreten wurde, was auf ein gewisses Maß an Unabhängigkeit und auf ihre freie, persönliche Entscheidung, sich der Jesus-Bewegung anzuschließen, hindeutet. „Dieses dem soziologisch-kulturellen Normencodex widersprechende Bild erleichterte freilich die spätere Identifikation mit der „Sünderin“ aus Lk 7. [3]

Vergleicht man nun das von den Evangelisten gezeichnete Bild von der biblischen Maria Magdalena mit dem Bild der christlichen Tradition, werden die Unterschiede eklatant. Denn die Tradition vermischt verschiedene Frauengestalten zu einer und entwirft eine neue Maria Magdalena. Man erkennt in ihr die namenlose Sünderin, die Prostituierte, die Jesus im Hause eines Pharisäers mit ihren Tränen die Füße wäscht, sie mit ihren Haaren trocknet und anschließend die Füße mit Öl salbt (Lk 7,36-50) ebenso wie die namenlose salbende Frau bei Mk 14,3-9 und Mt 26,6-13 sowie die Jesus salbende Maria von Betanien (Joh 12,1-8). Statt Jüngerin und Apostolin wird sie vor allem als die Sünderin, die Prostituierte, die Verführerin und die Büßerin angesehen. Das geschah offenbar schon sehr früh in der Entwicklung des Christentums:

„Wohl zur Zeit des Bischofs Ambrosius, gestorben vermutlich 251 n. Chr., vermischte man die verschiedenen Salbungsgeschichten aus den Evangelien des Markus, Lukas und Johannes, brachte die sieben bösen Geister, die Maria quälten, mit der Vorstellung von Sexualität als Sünde in Verbindung und setzte damit drei verschiedene biblische Frauen in eins: die stadtbekannte Prostituierte, von der nur Lukas erzählt, Maria von Betanien, die Schwester von Lazarus, und Martha und Maria aus Magdala. Mit den Magdalenenhomilien Gregors des Großen (540-604 n. Chr.) wurde um 600 n. Chr. eine Gestalt geschaffen, deren Züge das kirchliche Frauenbild bis heute prägen: die große Reue der Sünderin, der selbstlose Dienst der Salberin und die treue Liebe der Jüngerin. Die biblische Maria aus Magdala geriet damit mehr und mehr in Vergessenheit.“ [4]

Bibelstellen, die mit Maria Magdalena in Verbindung gebracht wurden:

  • Mk 14,3-9 + Mt 26,6-13: Die namenlose salbende Frau
  • Lk 7,36-50: Die salbende Sünderin
  • Joh 12,1-8: Die salbende Maria aus Betanien
  • Lk 8,1-3: Maria Magdalena aus der sieben Dämonen ausgefahren sind

Maria Magdalena – verführerische Schönheit

Als Einstieg in die Thematik bietet es sich an, eine der zahlreichen künstlerischen Maria Magdalena Darstellungen zu wählen, die sie als sehr schöne, freizügige und verführerische Frau zeigen.

Über die Beschreibung dieses Bildes lässt sich Maria Magdalena als verführerische Schöne herausarbeiten. Es zeigt Maria Magdalena als Schönheit, die prunkvoll gekleidet, edlen Schmuck trägt und mit einem tiefen Dekolleté in den Augen manches Betrachters durchaus erotische Fantasien zu erzeugen vermag. An diesem Bild lässt sich gut das Konglomerat aus verschiedenen Frauenbildern nachvollziehen, die in die Frauenfigur hineininterpretiert wurden. Sie ist hier die Sünderin, die Prostituierte.

Verfolgt man die außergewöhnliche Geschichte der Maria Magdalena vom Ende der Jesusgeschichte her zurück, legt sich von selbst ein Vergleich mit der Rolle der Frau im zeitgenössischen Judentum nahe. Dem Sozialisationsideal entsprach es, dass Mädchen zur Ehe erzogen und mit erreichter Volljährigkeit (ca. 13 Jahre) vom Vater, dem Bruder oder einem anderen Tutor verheiratet wurden. Das eigentliche Heiratsalter lag etwas später, bei 15 Jahren.

Die Verheiratung war also die Regel, nur der verheiratete Mensch galt entsprechend der Schöpfungsordnung als „richtiger“ Mensch: Die rechtliche Stellung der verheirateten Frau war geregelt, sie konnte Eigentum erwerben, etwa durch Erbschaft, Schenkung oder Aussteuer. Ihre Domäne war in der Regel das Haus. Selbst wenn die Frau in der Öffentlichkeit nicht im Mittelpunkt stand, so war sie doch nicht von der Außenwelt isoliert wie die orientalische Frau, sondern lebendig mit ihrer Umwelt verbunden.Maria Magdalena scheint dennoch aus dem überlieferten Bild der Frau im antiken Judentum herauszutreten. Ihre Bezeichnung nach dem Herkunftsort, das Fehlen eines Familien- oder Vatersnamens berechtigen zu der Annahme, dass sie nicht verheiratet war. Das war ungewöhnlich. Ihr Leben vollzog sich gewiss am Rand einer „wohlbürgerlichen“ Gesellschaft – aber im Gegensatz und Widerspruch zu jüdischen Grundüberzeugungen. Das mochte zu Konflikten führen, die sie auch belastet haben. Der Blick auf den ungewöhnlichen Anfang der Geschichte Marias aus Magdala will demnach ihre Besonderheit hervorheben, aber nicht eine Szenerie traditioneller Unterdrückung der Frau entwerfen, aus der es eine Befreiung nur durch aufsehenerregenden Widerspruch gegeben hätte. [5]

Die salbende Maria aus Betanien (Joh 12,1-8)

In dieser Perikope geht es um die salbende Maria aus Betanien, die Schwester von Martha. Allerdings wird diese Perikope oftmals mit der salbenden Maria (aus Magdala) gleichgesetzt.
Bevor die Perikope von der/dem Lehrenden vorgelesen wird, bietet es sich an, eine echte „Salbung“ der Lernenden als Einstieg zu wählen. Der/die Lehrende streicht dazu den Lernenden, die sich vorzugsweise im Stuhlkreis befinden, jeweils etwas Körperöl auf den Handrücken des/der Lernenden. In einer anschließenden Auswertungsphase wird der salbende/pflegende Aspekt herausgearbeitet.

Der ganzheitliche Ansatz über die Salbung hat die Funktion nicht das demütigende, erniedrigende, sondern das weihende, pflegende Moment in den Vordergrund zu rücken und dabei die Lernenden selbst mit ihrem ganzen Körper, mit ihrer Emotionalität in die anschließende Diskussion hineinzunehmen.
Indem das Augenmerk auf Marias liebevolle Zuwendung zu Jesus gelegt wird, wird auch die Johannes-Perikope vorbereitet und vorentlastet, da die Lernenden an der Gestik Marias das Salbende, Pflegende und Demütige erkennen.

Information der/des Lehrenden:

Die Salbung in frühchristlicher Zeit war ein Akt des niedrigen Sklavendienstes. Schon in der Antike war die Salbung in den altorientalischen Kulturen ein Mittel der Körperpflege und der Krankenheilung. Die Salbung zur Erfrischung des Gastes war bei besonderen festlichen Gastmählern Aufgabe des Gastgebers. Salbungen galten als Luxus, der im Imperium Romanum aber immer weiter um sich griff. Deshalb wurden sie bald als Zeichen der Dekadenz gesehen und als „unmännlich“ von „ernsten Männern“ abgelehnt. Gesalbt wurden auch Tote, um sie einzubalsamieren, in gewisser Weise zu konservieren. Im religiösen Bereich ist die Salbung ein Weiheritus (vgl. Sakramente). Dem Gesalbten wird göttliche Gnade und damit eine Sonderstellung verliehen. Gesalbt haben und wurden Männer. [6]

Der überlieferte Satz „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ [7] (Joh 12,5) unterstreicht den aufreizenden Effekt ihrer Tat. Johannes überträgt die in der Urgemeinde berühmte Salbung Jesu der stillen und unscheinbaren Maria aus Betanien und verleiht ihr damit schweigend, aber aussagekräftig durch ihr Handeln eine gewichtige Rolle.

Anhand der Informationen erkennen die Lernenden die Provokation, die diese Handlung Marias (aus Betanien) darstellte; sie nehmen aber gleichzeitig auch die besondere Liebe und Zärtlichkeit zu Jesus, die von Maria ausgeht, wahr. Mit ihrer verschwenderischen, exzentrischen Handlung erregt Maria sogar den Zorn des Judas Iskariot.

Maria Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren sind: Lk 8,1-3

Erste Aktualisierung: Die Lernenden werden mit der Placemat-Methode angeregt, über das Maria Magdalena-Bild nachzudenken und die Situation auf ihre persönlichen Lebensumstände zu beziehen. Dazu beschäftigen sie sich zunächst mit der Frage, welche 7 (?)  Dämonen gibt es heute, von denen Frauen besessen sein könnten. Beispielsweise könnten folgende genannt werden: [8]

  1. Du musst schön sein.
  2. Du musst schlank sein – wenn nötig bis zur Magersucht.
  3. Wenn du etwas werden willst, musst du sein wie ein Mann.
  4. Halte dich zurück, dränge dich niemals vor.
  5. Sei nie aggressiv.
  6. Sorge immer zuerst für die anderen, wie deine Mutter.
  7. Angst – du kannst dein Leben nicht bewältigen.

Vielleicht hießen die Dämonen zur Zeit Maria Magdalenas nicht viel anders…

Es folgt nun der Arbeitsauftrag:

Übertrage mit Hilfe der Placemat-Methode die „Dämonen“ der Maria Magdalena auf deine persönliche Situation, indem du überlegst, was für dich „Dämonen“ sein könnten, von denen du befreit werden möchtest. Beispiele hierzu könnten sein:

  • Angst
  • Leistungsdruck
  • Schönheit
  • Jugend
  • Attraktivität
  • gesellschaftliche Anerkennung
  • Karriere

Über die Placemat-Methode findet die Unterrichtseinheit zu Maria Magdalena ihren Abschluss (ein ergänzendes oder fakultativ durchgeführtes Schreibgespräch ist gleichermaßen denkbar). Die Lernenden werden über Gedanken/Impulse angeleitet, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob und wenn ja, welche Maria Magdalena-Aspekte für sie eine tragende, übertragene, nachahmenswerte, identifikationsstiftende Rolle spielen.

Unter dem Stichwort „Lernort Schule verlassen“ bietet sich möglicherweise eine Exkursion auf den Spuren Maria Magdalenas zum heiligen Grab nach Gernrode (Harz) an. Dort befindet sich eine beeindruckende romanische Darstellung von Maria Magdalena in der Auferstehungsszene, worin sie – im Gegensatz zu späteren Darstellungen – dem auferstandenen Jesus in einer majestätischen Haltung und nicht knieend gegenübertritt.

Quellen:

1 Andrea Taschl-Erber: Maria von Magdala – erste Apostolin? In: Mercedes Navarno Puerto; Marinella Perroni Hrsg.): Die Bibel und die Frauen: Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie: Evangelien: Erzählungen und Geschichte. Stuttgart 2012, S. 362-382, hier 364.
2 Luise Schottroff: Maria Magdalena. I. Neues Testament. In: Wörterbuch der feministischen Theologie Gütersloh 1991, S. 275-277, hier S. 275.
3 Taschl-Erber: Maria von Magdala, aaO., S. 363.
4 Benedikta Hintersberger, Aurelia Spendel: Maria aus Magdala. Zeugin für das Leben. Aus: Mit Frauen der Bibel den Glauben feiern. Hrsg. v. Aurelia Spendel. Herder Freiburg i. Br. 2002, S. 119
5 Joachim Maier: Maria aus Magdala. In: Büttner, G., Maier, J.: Maria aus Magdala – Ester – Debora: Modelle für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht Sekundarstufe I. (=Calwer Materialien. Modelle für den Religionsunterricht). Stuttgart 1994, S. 19-20.
6 Wierichs, J.M. (1992), Salbung, in: Freundinnen Jesu. Frauen im Neuen Testament, Aachen 5/1992. (= Religion betrifft uns), S. 23. Bergmoser und Höller.
7 Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Überarbeitete Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart
8 Christa Kemmer-Lutz: Denk-mal. In: KatBl. 12/1988, S. 912.

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Über die Autorin

Dr. Andrea Paul

Standbein: passionierte Reli-und Deutsch-Lehrerin an einem hessischen Gymnasium. Spielbein: fachdidaktische Veröffentlichungen, Lehrtätigkeiten in der Reli-LehrerInnen-Ausbildung I, II und III. Was mir privat Spaß macht: Spaziergänge in der Natur mit meinem Westie Aileenchen, Lesen, Yoga, Schwimmen und Joggen

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