Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist mittlerweile säkular: Religiosität spielt für sie im Alltag kaum oder keine Rolle.2 Gleichzeitig begegnet den Menschen Religion weiterhin – z. B. in den Nachrichten, Tageszeitungen, auf Social Media oder durch gesellschaftliche Debatten. Häufig sind die ihnen begegnenden Bilder aber zugespitzt und von Vorurteilen geprägt. Gesamtgesellschaftlich betrachtet sind oft muslimische Menschen Vorurteilen ausgesetzt, z. B. wird behauptet, Muslim:innen (besonders wenn sie durch ihr Kleidung als solche zu erkennen sind) seien gegen demokratische Werte oder gar potenzielle Attentäter:innen.3
In der Schule und speziell im Religionsunterricht kann vermittelt werden, dass sich die Vorurteile häufig gegen kleine Minderheiten innerhalb der Religionsgemeinschaften richten, die ihre Religion sehr eng oder sogar extremistisch ausüben. Kritisiert werden von daher eigentlich häufig nicht die Religionen an sich, sondern deren fundamentalistischen oder extremistischen Ausprägungen.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass Schüler:innen zunächst grundlegende Kenntnisse über Religionen erwerben. Denn erst wer diese Grundlagen kennt, kann einordnen, ob eine bestimmte Position tatsächlich kennzeichnend für eine Religion ist oder eine besondere, möglicherweise fundamentalistische oder extremistische Auslegung darstellt.
Gleichzeitig gilt es, die Gefahren eines fundamentalistischen Religionsverständnisses nicht zu verharmlosen. Dazu gehören etwa die Abwertung oder Ausgrenzung Andersdenkender, die Forderung nach strikter Abgrenzung von der Gesellschaft (was besonders für Kinder und Jugendliche fatale Folgen haben kann, wenn religiöse Abgrenzung ihre persönlichen Freiheiten, sozialen Beziehungen oder Bildungswege erheblich einschränkt) oder – in extremen Ausprägungen – die Legitimation und Ausübung von Gewalt.
Religionsunterricht kann damit einen wichtigen Beitrag zur Differenzierung leisten. Die Schüler:innen sollen ein Gespür dafür entwickeln, Religion nicht pauschal zu problematisieren und abzulehnen, sollen aber gleichzeitig problematische religiöse Entwicklungen und Erscheinungen erkennen.
Die Thematik lässt sich vielfältig im Religionsunterricht verorten, beispielsweise in der Mittelstufe im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit verschiedenen Religionen, in der Oberstufe z. B. im Themenbereich „Religionskritik“. Sie sollte jedoch auch jeweils situationsbezogen zum Thema werden, wenn Vorurteile geäußert werden, die darauf schließen lassen, dass mangelnde Kenntnisse zu vorschnellen Zuschreibungen führen.
Problematische religiöse Entwicklungen als Thema im Unterricht der Oberstufe
Für die Oberstufe sind verschiedene Ansätze und Einstiegsmöglichkeiten denkbar, um die Thematik im Religionsunterricht zu erschließen, z. B.:
1. Ansatz beim Religionsbegriff
Ausgangspunkt kann zunächst die Frage sein: „Was verstehen wir eigentlich unter Religion? Wie lässt sich Religion definieren und welche Funktionen kann sie für Menschen und Gesellschaften erfüllen?“ Hier bietet sich beispielsweise der Ansatz des Soziologen Franz-Xaver Kaufmann an.⁴ Anschließend können die Schüler:innen reflektieren, was sie an Religion als positiv bzw. als problematisch wahrnehmen.
2. Einstieg mit kontroversen Thesen
Ein motivierender Zugang, der zu Diskussionen einlädt, ist die Positionierung zu provokanten Thesen, z. B.: „Eine Welt ohne Religion wäre besser.“ oder „Ohne Religion gäbe es keine Moral.“ Im weiteren Unterrichtsverlauf können die Positionen überprüft, differenziert und gegebenenfalls revidiert werden (vgl. Kopiervorlage 1).
3. Von der klassischen zur modernen Religionskritik
Ein dritter Zugang führt über die klassische Religionskritik (z. B. Feuerbach, Marx oder Nietzsche) zu Positionen des aktuelleren, sogenannten „Neuen Atheismus“, vertreten z. B. durch Richard Dawkins5.
Dabei sollte jeweils nicht nur gefragt werden, was kritisiert wird, sondern auch, welches Verständnis von Religion der jeweiligen Kritik zugrunde liegt. Die Schüler:innen können untersuchen, ob dieses Religionsverständnis bzw. die Kritik der Vielfalt religiöser Überzeugungen und Lebensformen gerecht werden oder ob Religion möglicherweise verkürzt darstellt wird.
4. Differenzierung anhand konkreter religiöser Gruppierungen
Ein weiterer Zugang kann bei konkreten religiösen Gruppierungen ansetzen. Dabei geht es weniger darum, eine Religion generell als „gefährlich“ zu markieren, sondern darum, unterschiedliche Formen religiöser Orientierung miteinander zu vergleichen, aber auch zu erkennen, dass es innerhalb religiöser Traditionen Strömungen geben kann, von denen erhebliche Gefahren ausgehen. Ein Beispiel hierfür ist der Salafismus, insbesondere in seinen jihadistischen Ausprägungen.6
Zugleich sollte verstanden werden, dass nicht jede konservative oder orthodoxe religiöse Haltung fundamentalistisch ist, und nicht jeder Fundamentalismus mit Extremismus gleichzusetzen ist. Hier hilft z. B. die Anwendung von Merkmalen von Fundamentalismus, z. B. mithilfe der Materialien des Lehrerfortbildungsservers BW.
Aufgrund der hier angegebenen „Merkmale des Fundamentalismus“ könnt ihr folgende Aufgaben bearbeiten:
- Lesen Sie arbeitsteilig den Text zu Merkmalen des Fundamentalismus. Jede Gruppe erhält ein Merkmal und formuliert zunächst in eigenen Worten die Bedeutung des Merkmals. Entwickeln Sie anschließend Überlegungen dazu, wann und warum dieses Merkmal problematisch für den/die Einzelne:n oder für die Gesellschaft werden kann.
- In neuen Gruppen stellt jede:r Schüler:in sein/ihre Ergebnisse vor. Recherchieren Sie anschließend zu verschiedenen religiösen Gruppierungen (z.B. Salafismus, Amish, Ultraorthodoxes Judentum) und prüfen Sie, ob und inwiefern die Merkmale jeweils zutreffen und wie sie das konkret äußert.
Anschließend könnte z. B. anhand der Amish erkannt werden, dass diese Art der Religionsausübung zwar einige Merkmale von Fundamentalismus erfüllt, jedoch zumindest gesamtgesellschaftlich gesehen von ihr keine Gefahr ausgeht. 7
Lösungshinweise
Aufgabe 1:
Die Schüler:innen erklären das jeweilige Merkmal in eigenen Worten und weisen auf mögliche Gefahren hin, z. B. auf die Einschränkung persönlicher Freiheit, Ausgrenzung anderer, Diskriminierung, Unterordnung unter Autoritäten, Missachtung demokratischer Rechte etc.
Aufgabe 2:
Es ist auch möglich, dass an dieser Stelle zunächst nur der Austausch über alle Merkmale stattfindet und die Recherche zu religiösen Gruppierungen in Einzel- oder Partner:innenarbeit erfolgt. Bei der Auseinandersetzung mit den Gruppierungen sollte auf eine differenzierte Betrachtung geachtet werden. Auch wenn mehrere Merkmale des Fundamentalismus zutreffen, bedeutet dies nicht automatisch, dass eine Gruppe insgesamt als fundamentalistisch oder gefährlich einzustufen ist.
Sinnvoll ist, wenn die Lehrkraft im Vorfeld die Materialien, die für die Recherche verwendet werden, zusammenstellt. Fündig wird man nicht nur in religionspädagogischen Materialien, sondern auch auf etlichen frei zugänglichen Internetseiten, z. B.
Ein Ergebnis der Unterrichtseinheit könnte sein, dass Schüler:innen erkennen, dass Religion nicht pauschal verurteilt werden sollte, aber Kritik da ansetzen müsste, wo Glaube Ausgrenzung, Unterdrückung oder Gewalt legitimiert.
Quellen
- Die Verfasserin ist Religionslehrerin in Bremen, wo alle Schüler:innen gemeinsam unterrichtet werden. In der Regel sind mindestens 50% der Oberstufenschüler:innen im Religionsunterricht der Sek II, wo Religionskritik ein Schwerpunktthema darstellt, agnostisch oder atheistisch eingestellt.
- Vgl. z. B. https://kmu.ekd.de/kmu-themen/religiositaet
- Martin Riesebrodt hat bereits Anfang der 1990er-Jahre darauf hingewiesen, dass die Gleichsetzung von islami-schem Fundamentalismus und Islam zu einer kollektiven Stigmatisierung muslimischer Minderheiten beitragen kann. „(…) Diese Identifizierung von islamischem Fundamentalismus mit Islam überhaupt ist nicht nur ein Zerr-bild, sondern führt auch tendenziell zu einer kollektiven Stigmatisierung islamischer Minoritäten in den EG-Ländern, auf Deutschland bezogen also der türkischen Minderheit.“ Martin Riesebrodt: Islamischer Fundamentalismus aus soziologischer Sicht. (13.08.1993) Unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/536605/islamischer-fundamentalismus-aus-soziologischer-sicht/ (Zugriff 02.09.2026, gek.)
- https://knowunity.de/knows/religion-funktionen-von-religion-nach-franz-xaver-kaufmann-d86b4def-464e-461d-bd94-d7220cd7e757
- Vgl. z.B. https://ru-digital.de/search/main/6878/Richard-Dawkins-Religionskritik / Kritik an Dawkins z.B.: https://www.zeit.de/2007/41/Was_zum_Himmel_schreit
- https://www.bmi.bund.de/DE/themen/sicherheit/extremismus/islamismus-und-salafismus/islamismus-und-salafismus-node.html
- https://www.domradio.de/artikel/die-amish-leben-zwischen-tradition-demut-und-bewusster-weltabkehr







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