„Alles gut.“ Das ist nicht nur eine Alltagsfloskel. Das ist auch ein Satz aus dem ersten Schöpfungstext der Bibel. Und es ist eine Lüge. Das erlebt Gurke, ein zehnjähriger Junge in Oskar Kroons aktuellem Jugendbuch „Gurke und die Unendlichkeit“.
In Gurkes Leben gibt es nichts, das wichtiger ist als Papa. Papa kümmert sich um das Essen und um die Wäsche, sorgt dafür, dass die Vorratskammer voll ist und die Sterne an ihrem Platz bleiben. Die kleben über Gurkes Bett, leuchten in der Nacht und schaffen zugleich eine Verbindung zu Mama, die ihre DOKTORARBEIT (im Buch immer großgeschrieben) schreibt, über das Weltall forscht, aber im Alltag wenig bewandert ist. Mit Papa hat Gurke sogar eine eigene Sprache: „Darf ich deinsla Nasla küsseln?“ (S. 63) Die versteht Mama nur mit Mühe, und nicht nur deshalb ist es für Gurke eine Katastrophe, als Papa krank wird, dann immer kränker und dann für lange Zeit ins Krankenhaus muss.
Papa schrumpft, und die Welt auch
Mit Papa verschwindet Gurkes normales Leben. Und der Weltuntergang, mit dem Mama sich als Forscherin beschäftigt und bis zu dem es eigentlich noch mindestens fünf Milliarden Jahre Zeit ist, ist plötzlich ganz nah. Denn „oben in unserer Wohnung saß Papa in seiner Einsamkeit und hustete. Er wurde immer kleiner. Bei jedem Hustenanfall krümmte er sich und schrumpfte ein bisschen“ (S. 49). Wenig später schrumpft auch Gurkes Leben auf den Raum zwischen zwei Brennpunkten: Das Haus, in dem er wohnt, und, auf der anderen Seite vom See, das Krankenhaus. „Auf einmal war alles anders“ (S. 84), berichtet Gurke.
Zu Hause fühlt sich nicht mehr wie zu Hause an. Stattdessen lernt Gurke eine neue Welt kennen. „Ich hatte mir das Krankenhaus als unheimlichen Ort vorgestellt. Noch unheimlicher als den Friedhof“ (S. 74), sagt Gurke. Dabei steht das Krankenhaus inmitten von blühenden Blumenbeeten, ist ein Ort des Lebens, an dem junge Eltern sich über ihren Nachwuchs freuen und Ärzte braun gebrannt in der Sonne sitzen.
Doch für Papas Zimmer gilt das nicht. Aus dem scheint das Leben regelrecht zu verschwinden. Und während das große Weltall noch einige Milliarden Jahre vor sich hat, bricht Gurkes Welt völlig zusammen. Wird Papa sterben? Noch ist es nicht so weit. Oder doch schon?
Alles gelogen?
Eindrucksvoll erzählt „Gurke und die Unendlichkeit“ davon, wie Gurkes Welt aus den Fugen gerät. Das gilt für die Leuchtsterne über seinem Bett, die nicht mehr richtig kleben. Das gilt für das große Modell des Universums, an dem Gurke arbeitet und das wohl nie fertig werden wird: Die Unendlichkeit ist zu groß für seine kleiner werdende Welt. Das gilt für alles überhaupt:
„Wenn wir uns fertig umarmt hatten, saß ich auf der Bettkannte, und er stellte mir die üblichen Fragen. Wie alles war.
Und ich antwortete, wie immer
‚Alles gut.‘
Er sagte das Gleiche.
Wir logen uns ins Gesicht.“(S. 95)
Gurke und die Unendlichkeit im Religionsunterricht
„Gurke und die Unendlichkeit“ ist eine intensive Erzählung über das Kranksein und die Angst Gurkes vor dem Tod. Das Buch konfrontiert die kleine, bedrohte Welt der Familie mit dem großen Universum, das sich so gar nicht für die individuellen Schicksale zu interessieren scheint, obwohl es selbst letztlich auch dem Untergang geweiht ist.
Und doch ist es kein hoffnungsloses Buch. Es gibt der Angst eine glaubwürdige Stimme und erzählt in starken Bildern davon, wie eine Krankheit nicht nur in das Leben der oder des Kranken, sondern auch in sein Umfeld eingreift. Aber ganz am Ende, als es in einer schweren Operation um Leben und Tod geht, siegt das Leben. Papa wird wieder gesund, die Leuchtsterne bleiben kleben, die vielen Pizzakartons, aus denen Mama und Gurke sich ernährt haben, sind weg und der Kühlschrank ist wieder voll mit Bio-Essen, das Papa eingekauft hat. Für Gurke heißt das: „Alles ist, wie es sein soll. Jetzt darf die Welt untergehen.“ (S. 152)
Damit eignet sich die Geschichte gut für den Religionsunterricht. In ihm geht es ja darum, in Angst und Trauer und angesichts von Krankheit, Sterben und Tod sprachfähig zu werden – gerade auch im Hinblick auf die Größe und Mitleidlosigkeit des Universums. Hier gilt es, Inseln der Hoffnung zu bilden.
Gurke kann euch und euren Schülerinnen und Schülern dabei helfen:
- der Angst eine Sprache zu geben,
- über Krankheit ins Gespräch zu kommen und wie sie die Welt eng macht,
- über die Größe des Universums und die Bedeutung einzelner Menschen in ihm zu philosophieren.
Damit passt Gurke sogar in die Advents- und Weihnachtszeit! Die erzählt ja davon, wie ein Mensch zur Zeitenwende geworden ist. Und ein Stern spielt da ja auch keine geringe Rolle. Wenn nicht in diesem, dann auf jeden Fall auch noch im nächsten Jahr!
Alle Zitate: Oskar Kroon: Gurke und die Unendlichkeit. Übers. v. Stefan Pluschkat. Thienemann Stuttgart 2024
Gurke und die Unendlichkeit
von Oskar Kroon
aus dem Schwedischen übersetzt von Stefan Pluschkat
mit Illustrationen von Friederike Ablang
160 Seiten
Thienemann, ISBN 978-3-522-18628-5
ab 9 Jahren








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