Aber dieser Tag kann noch mehr! Immerhin ist der 3. Oktober der deutsche Nationalfeiertag. Von großen Feiern – z. B. im Stile des spektakulär begangenen Independence Day in den USA am 4. Juli oder des Koningsdag in den Niederlanden am 27. April – ist an diesem Tag aber in der Regel nichts zu spüren. Unser Nationalfeiertag wird, gemäß der Mentalität der meisten Deutschen, nüchterner und rationaler begangen und ist für Kinder und Jugendliche deshalb oft kaum greifbar.
Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990: der erste Tag der Deutschen Einheit
Ich erinnere mich noch gut an den ersten Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Aufgewachsen in der DDR war ich damals erst wenige Wochen in der Schule und besaß lediglich das einer Erstklässlerin zur Verfügung stehende Vorstellungsvermögen. Meine Mutter hatte schon Tage vorher versucht, mich auf das große bevorstehende Ereignis vorzubereiten. Sie erzählte mir, dass wir bald in einem neuen Land leben würden und alles ganz anders als bisher sein würde. In meiner kindlichen Fantasie malte ich mir aus, wie unser Haus über Nacht in ein anderes Land fliegen würde. Gespannt und erwartungsfroh ging ich am 2. Oktober zu Bett, um am 3. Oktober in der gleichen Umgebung aufzuwachen. Meine Verwunderung und Enttäuschung darüber waren groß. Mein erstes Überraschungsei, das ich an diesem Tag von meiner Mutter geschenkt bekam, eben weil der Tag für sie ein ganz besonderer war und auch besonders für mich als Kind sein sollte, tröstete mich über meine morgendlichen Gefühle hinweg. In der ehemaligen DDR lebte ich noch nicht im Überfluss. Über die Schokolade und das kleine weiße Spielzeugauto, das sich in dem Ei verbarg, freute ich mich sehr. Ich besitze es noch heute.
Viele Jahre lang hisste mein Großvater an jedem Tag der Deutschen Einheit eine riesige Deutschland-Flagge vom Balkon unseres Hauses. Die ganze Straße sollte sehen, wie froh er über die Wiedervereinigung war. Anfangs sah ich noch viele weitere Flaggen. Mit den Jahren verschwanden sie aus den Straßen.
Erst viel später reifte in mir die Erkenntnis, dass die sogenannte Wiedervereinigung keine Wiedervereinigung im eigentlichen Sinne war. Es war vielmehr eine Eingliederung der ehemaligen DDR in die ehemalige BRD. Die „Spielregeln“ des neuen Staates wurden nicht neu verhandelt, sondern aus der alten BRD übernommen. Trotzdem brachte die Wiedervereinigung auch Änderungen im Westen Deutschlands mit sich.
Gebe ich bei Google „Deutsche Einheit“ ein, wird mir angezeigt: „Deutsche Wiedervereinigung, Startdatum: 1990“. Die Wiedervereinigung startete 1990 und sie ist aus meiner Sicht noch nicht abgeschlossen. Ungleiche Arbeitsbedingungen und Gehälter, selbst 34 Jahre später, sind nur zwei von etlichen Beispielen. Wiedervereinigung scheint ein langjähriger Prozess zu sein!
Und trotzdem bin ich froh, dass ich nicht in den Verhältnissen von vor 1990 lebe.
Mein Horizont wurde maßgeblich erweitert, als ich 2010 in den Westen Deutschlands zog. Ich stellte fest, dass vieles in der Region, in der ich lebte, anders war, als ich es erwartet oder mir vorgestellt hatte. Und genauso überrascht bin ich, dass in diesem Gebiet des Ostens, in den ich mittlerweile zurückgekehrt bin, immer noch vieles so ist wie vor 14 Jahren. Wiedervereinigung scheint eben wirklich lange zu dauern!
Wie geht ihr mit dem Tag der Deutschen Einheit um? Welche Gefühle und Erinnerungen löst er in euch aus? Wie versucht ihr euren Lernenden zu vermitteln, was da eigentlich „gefeiert“ wird? Macht ihr euch und euren Lernenden bewusst, aus welchem Grund der Tag der Deutschen Einheit ein Feiertag ist? Ich wünsche euch, dass in euren Gesprächen viele verschiedene Perspektiven zur Sprache kommen!









ZEITREISE DURCH DIE DEUTSCHE GESCHICHTE
Der lange Weg zu Demokratie und Einheit in Freiheit
Aus dem Ostfrankenreich entstanden,
mit Kaiser und König auf dem Thron;
wird aus diesem Lande das Heilige
Römische Reich Deutscher Nation.
Napoleons Siegeszug bringt das Ende,
der letzte römisch deutsche Kaiser geht.
Der Wiener Kongress ordnet Europa neu,
als Folge der Deutsche Bund entsteht.
Ein loser Verband der Fürstentümer,
kein einheitlich geführtes Vaterland.
Der Flickenteppich hemmt den Verkehr,
behindert die Wirtschaft eklatant.
In den Befreiungskriegen entstanden,
wird auf den Einheitsgedanken gebaut.
Das Wartburgfest vereint die Jugend,
in Hambach werden Forderungen laut.
Das Ganze führt hin zur Revolution,
Frankfurts Nationalversammlung tagt.
Ein Augenblick der Einheit in Freiheit,
bevor man sie auseinanderjagt.
Preußen beansprucht die Vormacht,
tut dies den Ländern deutlich kund.
Kriege mit Dänemark und Österreich
führen zum Norddeutschen Bund.
Mit den Süddeutschen zieht man
gegen Frankreich mit frischem Mut.
In Paris kann Bismarck vollenden die
Deutsche Einheit durch Eisen und Blut.
Kaiser Wilhelm konsolidiert das Reich,
Großmachtsucht aber führt zum Kriege.
Nach Versailler Vertrag und Inflation
kommt Hitlers Nazipartei zum Siege.
Der verlorene Zweite Weltkrieg,
von der Wehrmacht in Gang gesetzt;
hinterlässt ein traumatisiertes Land,
geteilt und von den Siegern besetzt.
Diese machen ihren Einfluss geltend,
der zähe Kampf der Systeme beginnt.
BRD und DDR entstehen,
der Traum von der Einheit zerrinnt.
Beide Deutsche Staaten rüsten auf,
an Atomwaffen wird offen gedacht.
Eintritt in NATO und Warschauer Pakt
haben die Teilung perfekt gemacht.
Viele Ostdeutsche verlassen ihr Land,
das Regime ist unter Druck gesetzt.
Der Mauerbau soll die Flucht beenden,
Menschenrechte werden grob verletzt.
Mit Brandt kommt die Annäherung,
langsam beginnt das Eis zu tauen.
Nach der UNO-Aufnahme schaffen
Ständige Vertretungen Vertrauen.
Gorbatschow setzt auf Perestroika,
die DDR – Führung zeigt sich irritiert.
Es demonstrieren die Volksmassen,
das SED – Regime wirkt paralysiert.
Es siegt die Friedliche Revolution,
die Mauer wird zu Fall gebracht.
Nun wartet der Bemühungen Lohn,
die Deutsche Einheit ist vollbracht.
VOLKSAUFSTAND
Stalin hatte mit harter Hand
die SED ans Ruder gebracht.
Diktatur überzog das Land,
erhielt der Partei die Macht.
Man befahl den Sozialismus,
das Volk wurde nicht gefragt.
Es wurde nur Stalinismus,
jeder Widerstand war gewagt.
Normerhöhung und Repression
steigerten Ablehnung und Wut.
Allerorten gärte es schon,
aus den Funken wurde die Glut.
In Berlin flammt das Feuer auf,
Demonstrationen in den Straßen.
Von Gebirge bis zur See hinauf
rebellieren zornige Massen.
Man will ein besseres Leben,
die Einheit nach freien Wahlen;
will sich neue Hoffnung geben
nach Weltkrieg und Hungerqualen.
Dem Regime droht rasches Ende
nach erbitterter Straßenschlacht.
Herbeigeholte Sowjetverbände
haben kurzen Prozess gemacht.
Man ließ die Panzer auffahren,
schlug den Aufstand blutig nieder.
Wir woll’n das Andenken wahren,
uns erinnern immer wieder.
Euer Kampf war nicht vergebens,
die Toten sind nicht vergessen.
Wir erfreu’n uns freien Lebens,
ihr seid die Vorreiter gewesen.
BERLINER MAUER
Das Regime in großer Not,
die Wirtschaft vom Kollaps bedroht.
Der Flüchtlingsstrom wächst täglich,
Pankow’s Politik scheitert kläglich.
Moskau gibt Ulbricht grünes Licht,
moralische Bedenken gibt es nicht.
Armee und Kampfgruppen steh’n bereit,
am 13. August ist es soweit.
Am Brandenburger Tor autmarschiert,
werden Sperren positioniert.
In der Stadt Stellung bezogen,
wird das Bollwerk hochgezogen.
Tief geschockt zeigt sich der Westen,
doch belässt man’s bei Protesten.
Für Berlin riskiert man keinen Krieg,
die SED verbucht einen Sieg.
Für die Partei ein klarer Fall:
Antifaschistischer Schutzwall.
Eiskalt hatten die Genossen
den letzten Fluchtweg geschlossen.
EINHEIT IN FREIHEIT 🇩🇪
Eine Mauer hat uns getrennt,
Kalter Krieg war omnipräsent.
Für die Menschen in Ost und West
ein permanenter Härtetest.
Ein ganzes Land eingemauert,
viel zu lange hat’s gedauert.
Es war nicht mehr zu ertragen,
man musste den Aufstand wagen.
Die Ostdeutschen waren es leid,
allzu groß ihr Drang nach Freiheit.
Für Reiselust und freie Wahlen
mussten Regime und Mauer fallen.
Die Leute aus zwei Systemen
konnten alle Hürden nehmen,
haben Grenzen überwunden
und zueinander gefunden.
Wir haben uns friedlich vereint,
vor Glück manche Träne geweint.
Vierunddreißig Jahre ist’s her,
nichts kann uns heute trennen mehr.
Ist auch vieles schiefgelaufen,
wir werden uns zusammenraufen;
Unterschiede nicht ausblenden,
die Deutsche Einheit vollenden.
Rainer Kirmse , Altenburg
Herzliche Grüße aus Thüringen