Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Wie lassen sich Beleidigungen und Mobbing im Klassenchat vermeiden?

Vorbeugende Maßnahmen für ein besseres Klassenklima

Beleidigungen und Mobbing im Klassenchat sind leider nicht selten und entziehen sich häufig dem Zugriff durch die Lehrkräfte. Hier findet ihr einige vorbeugende Konzepte, die ihr als Klassenlehrerinnen oder -lehrer oder gemeinsam mit eurem Kollegium umsetzen könnt, damit es erst gar nicht so weit kommt.

Das Problem: Oft schaut niemand hin

Kürzlich berichtete mir die Mutter eines Siebtklässlers, dass sie beim Checken der Klassen-WhatsApp-Gruppe ihres Sohnes auf beleidigende Kommentare stieß. Die Jugendlichen beschimpften sich gegenseitig und machten einander nieder. Diese Situation ist keine Seltenheit: Laut dem Deutschen Schulbarometer, einer regelmäßigen Befragung von Schülerinnen und Schülern zwischen 8 und 17 Jahren zum Wohlbefinden in der Schule, tritt reines „Cybermobbing“ zwar recht selten auf, da es meist mit direktem Mobbing in der Schule einhergeht. Allerdings gaben 60 % der 11–17-Jährigen an, dass sie mindestens 1–2 Mal im laufenden Schuljahr Cybermobbing mitbekommen hätten, ca. 40 % sogar 1–2 Mal pro Monat.

Der erwähnten Mutter fiel beim Lesen der Chat-Nachrichten einerseits auf, dass (wie bei Mobbing-Strukturen typisch) die Mehrheit der Jugendlichen schwieg und keine Kommentare abgab, anstatt sich aktiv auf die Seite der „Opfer“ zu stellen. Darüber hinaus beschäftigte sie aber vor allem eine Frage: Warum hatte noch kein anderes Elternteil der 12- oder 13-Jährigen Alarm geschlagen, obwohl die beleidigenden Kommentare schon älter waren? Hatte niemand der Erwachsenen bemerkt, was in der WhatsApp-Gruppe passierte?

In seinem Buch „Generation Angst – Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen“ beschreibt der New Yorker Sozialpsychologe Jonathan Haidt, bezogen auf den Umgang vieler Eltern mit den digitalen Medien ihrer Kinder, genau dieses Phänomen: Während in der „analogen“ Welt die Kinder im Laufe der letzten Jahrzehnte immer enger von ihren Eltern umsorgt bis sogar überwacht wurden, so ist im Bereich des Digitalen häufig das Gegenteil der Fall: Kinder und Jugendliche bewegen sich mithilfe von Smartphones frei und weitgehend unbeobachtet in sozialen Medien.

Viele Eltern haben keinen Einblick, was sie dort tun und sehen. Haidts Bilanz für die USA: Vor allem bei Mädchen scheint es einen Zusammenhang zwischen der Einführung der Smartphones und der Erfolgsgeschichte der sozialen Medien seit dem Jahr 2010 auf der einen Seite und dem sprunghaften Anstieg von Angststörungen und Depressionen auf der anderen Seite zu geben: „Die erste Generation der US-Amerikaner, die mit Smartphones (und dem gesamten Internet) in der Hand durch die Pubertät ging, wurde ängstlicher, depressiver, selbstverletzender und suizidaler.“1 Als Hauptübel dieser „smartphonebasierten Kindheit“ identifiziert Haidt soziale Deprivation, Schlafmangel, Fragmentierung der Aufmerksamkeit und Abhängigkeit.

Zweifellos ist es an der Zeit, sich als Schule bewusst an der Aufklärung der Eltern über die Gefahren des uneingeschränkten Smartphonegebrauchs zu beteiligen. Viele Eltern verstehen erst langsam, dass auch im digitalen Bereich Grenzen für ihre Kinder wichtig sind.

Smartphonefreie Klassen

Aufgrund des steigenden Bewusstseins über die Gefahren von Smartphones haben viele Schulen in Deutschland in den letzten Jahren und Monaten den Gebrauch von Smartphones drastisch eingeschränkt oder sind zu „smartphonefreien Schulen“ geworden. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, unterbindet allerdings nicht das Problem, dass die meisten Kinder und Jugendlichen mit dem Schritt vom Schulgelände das Smartphone zücken und in die digitale Welt abdriften. Welche Lehrkraft kennt nicht das Bild von Schülertrauben, die an der Bushaltestelle vor der „smartphonefreien Schule“ stehen und am Handy hängen, sei es vor oder nach dem Unterricht?

Das Bewusstsein in der Bevölkerung wächst, dass Kinder heute oft zu früh ihr eigenes Smartphone bekommen. (Knapp die Hälfte der Kinder bekommen es, noch bevor sie die Grundschule beenden.)

Das Problem für viele Eltern: Wenn sich die Freundinnen und Freunde des eigenen Kindes über WhatsApp etc. Nachrichten schicken, sich online verabreden und Spiele spielen, soll das eigene Kind nicht ausgeschlossen sein! Eine Lösung kann es also nur geben, wenn Eltern sich vernetzen und gemeinsam Lösungen suchen. Das ist auch Ziel der Initiative „Smarter Start ab 14“. Diese setzt sich für eine weitgehend smartphonefreie Kindheit ein und plädiert dafür, Kindern erst ab 14 Jahren ein eigenes Smartphone zu geben. Zudem wirbt sie dafür, in der 5. Klasse an weiterführenden Schulen „smartphonefreie Klassen“ zu gründen, in denen sich die Eltern freiwillig dazu verpflichten, mit dem Smartphone für ihr Kind noch zu warten. Durch diese Vernetzung der Eltern können die Familien dem „Gruppenzwang“ zumindest auf der Ebene der Klasse und der dort entstehenden Freundschaften entkommen.

Eltern zur „digitalen Präsenz“ ermutigen – auch im Klassenchat

Wie wichtig Präsenz der Eltern für das Wohlbefinden von Kindern sowohl im Analogen als auch im Digitalen ist, hat der israelische Psychologe Haim Omer schon vor einigen Jahren mit seinem Konzept der „Neuen Autorität“ gezeigt: In Abgrenzung zur traditionellen „alten Autorität“, die vor allem durch Distanz der Erwachsenen zu den Kindern und Jugendlichen funktionierte, befürwortet er ein Konzept, in dem die fürsorgliche Präsenz der Eltern und Lehrkräfte die Nähe zum Kind nicht ausschließt, auch wenn sie sich grundsätzlich z. B. von der Präsenz eines Freundes unterscheidet: „Die präsente Autoritätsperson ist als Autorität präsent, als Erwachsener, der seiner Sorge- und Aufsichtspflicht für das Kind nachkommt – und ihm zugleich nahe sein kann.“2 Omer beobachtet, dass viele Eltern vor einer solchen „autoritären“ Präsenz zurückschrecken, weil sie fürchten, die Privatsphäre und den Freiheitsraum ihres heranwachsenden Kindes zu sehr einzuschränken:

„Trotz der vielen Belege, die den Zusammenhang zwischen elterlicher Aufsicht und Sicherheit des Kindes aufzeigen, steht die moderne Gesellschaft einem Paradox gegenüber: Gerade in einer Zeit, in der die Gefahren und Versuchungen, denen Jugendliche ausgesetzt sind, stark zunehmen, wächst auch die Bedeutsamkeit der Privatsphäre als höchste Wertvorstellung. Aus diesem Grund haben Eltern und Lehrer oft das Gefühl, dass ihnen die gesellschaftliche Legitimation fehlt, Aufsichtsmaßnahmen zu ergreifen, und gestehen sich selbst dieses Recht nicht zu.“3

Umso wichtiger ist es für uns als Lehrkräfte, Eltern dazu zu ermutigen, auch im digitalen Bereich Präsenz zu zeigen, sobald die Kinder und Jugendlichen Zugang zu einem Smartphone haben. Wir sollten sie darin bestärken, mit Autorität aufzutreten, wenn es zu Grenzüberschreitungen kommt, ohne Angst davor zu haben, zu sehr in die Privatsphäre der Kinder und Jugendlichen einzugreifen. Eine Möglichkeit wäre z. B., dass sich beim Elternabend einige Eltern dazu bereit erklären, mit dem Wissen der Lernenden in regelmäßigen Abständen im Klassenchat der Klasse mitzulesen. Indem sich die Eltern auf diese Weise absprechen und vernetzen, können ihr Mut und ihre Entschlossenheit wachsen, ihre Kinder mit fürsorglicher Präsenz auch im digitalen Bereich zu begleiten.

Arbeit am Klassenklima beginnt im Analogen

Neben dem Herauszögern der Verfügbarkeit von Smartphones – z. B. durch die Einführung von smartphonefreien Klassen – und dem Appell an die Eltern, im digitalen Leben ihrer Kinder fürsorgliche Präsenz zu zeigen, können wir als Lehrkräfte vor Ort in Schule und Unterricht Vieles tun, um übergriffiges Verhalten in Klassenchats vorzubeugen:

  • Regeln für die digitale Welt: Lasst eure Schülerinnen und Schülern gemeinsam Regeln für ihren Klassenchat aufstellen, sodass ein Bewusstsein geschaffen wird, dass übergriffiges Verhalten nicht in Ordnung ist. So fällt es Kindern im Falle von Beleidigungen und Mobbing leichter, das Fehlverhalten zu benennen und an Eltern und Lehrkräfte zu kommunizieren. Auf der bekannten Internetplattform Klicksafe gibt es Material, um gemeinsam mit den Kindern solche Regeln zu erarbeiten.
  • Soziales Miteinander in der analogen Welt: Mobbing entsteht häufig durch Stress und beschämende Bewertungssituationen. Indem wir in der Schule bewertungsfreie Räume schaffen und Druck herausnehmen, geben wir den Kindern und Jugendlichen Gelegenheit, ihre Bedürfnisse besser zu kommunizieren und sich stress- und angstfrei zu begegnen. Auf diese Weise können wir die Wahrscheinlichkeit von Beleidigungen und Mobbing in der Gruppe – ob analog oder digital – reduzieren. Es ist für jede Lehrkraft eine besondere Erfahrung, Schülerinnen und Schülern in bewertungsfreien Settings ganz anders zu begegnen als in oftmals von Bewertung, Zeitdruck und Erwartungen geprägten Unterrichtssituationen. Gerade der Religions- und Ethikunterricht bietet viele Chancen, bewusst solche Räume zu schaffen. Aber auch z. B. Projekttage, Klassenausflüge, Teilnahme an AGs gehören dazu. Dementsprechend plädiert auch Jonathan Haidt für mehr freies Spiel an Schulen: „Schulen können das Spiel fördern, indem sie die Pausen auf drei Arten verbessern: mehr Pausenzeit auf besseren Schulhöfen […] und mit weniger Regeln.“4 Analoge gemeinsame Erfahrungen sind die beste vorbeugende Maßnahme auch gegen digitale Gewalt.

Was wir als Lehrkräfte (vorbeugend) tun können:

  • Wir können Eltern frühzeitig für die Gefahren der digitalen Welt sensibilisieren und sie ermuntern, ihre Kinder vor allem dort zu beaufsichtigen.
  • Wir können eine Teilnahme am Projekt „Smarter Start ab 14“ mit der eigenen Schule erwägen und eine smartphonefreie Klasse gründen, sodass Jugendliche sich erst im reiferen Alter überhaupt mit dem Thema „Klassenchat“ auseinandersetzen müssen.
  • Wir können schon am Anfang der weiterführenden Schule Regeln für den Klassenchat gemeinsam mit den Kindern erarbeiten (Klicksafe-Link s. o.) und diese auch den Eltern transparent machen.
  • Wir können den Kindern in der Schule genügend bewertungsfreie Räume bieten, in denen sie ohne Leistungsdruck soziale Kontakte und analoge Erfahrungen der Gemeinschaft machen können.

1 Jonathan Haidt: Generation Angst. Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen. Übers. v. Monika Niehaus u. Jorunn Wissmann. Rowohlt Hamburg 2024, S. 63
2 Hayim Omer, Arist von Schlippe: Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Übers. v. Miriam Fritz Ami-Ad. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2010, S. 29
3 Hayim Omer, Arist von Schlippe: Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Übers. v. Miriam Fritz Ami-Ad. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2010, S. 71
4 Jonathan Haidt: Generation Angst. Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen. Übers. v. Monika Niehaus u. Jorunn Wissmann. Rowohlt Hamburg 2024, S. 328

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Über den Autor

Dr. Heiko Nüllmann

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