Soziale Medien habe einen großen Einfluss auf politische und gesellschaftliche Diskurse. Dabei scheinen traditionelle Rollenbilder ein regelrechtes Comeback innerhalb der jüngeren Generation zu haben, wie eine kürzlich veröffentliche globale Studie des Marktforschungsunternehmen Ipsos und des Global Institute for Women’s Leadership nahelegt. Den Ergebnisse zufolge sind es insbesondere junge Männer, die solch traditionelle Vorstellungen befürworten. Zum Wideraufleben dieser Einstellungen tragen mitunter auch Bewegungen wie die der sogenannten Tradwives bei, die sich für ein heteronormatives Rollenverständnis innerhalb von Partnerschaften aussprechen. Zwar lässt sich der Einfluss solcher Accounts auf das Rollenverständnisse junger Frauen nur bedingt nachweisen, wie eine Studie des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigt. Demnach befürworten nur 19 Prozent der 20- bis 30-jährigen Frauen ein Rollenbild, das dem Tradwife-Konzept entspricht. Gleichzeitig kann der Tradwife-Trend aber durchaus stellvertretend für medial vermittelte Stereotypisierungen stehen, welche die Vorstellungen junger Menschen beeinflussen, was wiederum den Anlass zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema bietet.
Das Tradwife-Phänomen
Der Begriff „Tradwife“ stellt eine Abkürzung für die Bezeichnung „traditional wife“ dar und wird auf Social-Media-Plattformen von Influencerinnen verwendet, die sich für ein traditionelles Verständnis von Geschlecht aussprechen. Grundlegend ist dabei eine strikte Rollenaufteilung innerhalb von Partnerschaften, der zufolge der Frau die Rolle als Hausfrau und Mutter zukommt, während der Mann einer Lohnarbeit nachgeht und als Ernährer der Familie fungiert.
In ihren Beiträgen zeigen sich Anhängerinnen der Tradwife-Bewegung bei der Verrichtung häuslicher Tätigkeiten wie Kochen oder Putzen und geben Ratschlägen zum Thema Kindererziehung. Dadurch vermitteln sie eine bestimmte Idealvorstellung von Weiblichkeit, welche die Frau vorrangig durch ihren häuslichen Aufgabenbereich definiert. Grundlegend dabei ist die Annahme, dass der Frau diese Rolle von Natur aus zukommt, da sie über die biologischen Voraussetzungen verfügt, Kinder zu bekommen. Die Mutterschaft wird dementsprechend als primäre Lebensaufgabe angesehen, welche es für ein zufriedenes Leben zu erfüllen gilt.
Falsche Versprechungen
Angesichts der Entwicklung von Männer- und Frauenbilder seit Mitte des 20. Jahrhunderts hin zu einem egalitären Geschlechterverhältnis ist es schwer vorstellbar, dass die von Tradwives angepriesene Rollenverteilung heute als erstrebenswert erscheint. Dies verkennt jedoch die Tatsache, dass Bestrebungen zu mehr Gleichberechtigung nicht in allen Lebensbereichen gleich fruchtbar waren. Während es insbesondere in den Bereichen Bildung und Beruf zu fortschrittlichen Veränderungen kam, wird der Großteil der Care-Arbeit immer noch von Frauen übernommen. Dies führt dazu, dass viele Frauen heute einer Doppelbelastung ausgesetzt sind, indem sie neben der eigenen beruflichen Tätigkeit weiterhin hauptsächlich für den Haushalt und die Kinderbetreuung verantwortlich sind. Ein Ausweg bestünde in einem verbesserten Angebot an Betreuungsmöglichkeiten, wodurch sich Familie und Beruf besser vereinen ließen.
Da eine solche soziale Infrastruktur oft jedoch nicht gegeben ist, könnte eine Beschränkung der Frau auf ihre häuslichen Aufgaben als attraktive Alternative erscheinen, um einer solchen Doppelbelastung zu entkommen. Kaum thematisiert von den Influencerinnen werden allerdings die negativen Folgen einer solchen Lebensweise. Dadurch, dass Tradwives kein eigenes Einkommen haben, sind sie finanziell von ihrem Ehemann abhängig, was zu einem Machtgefälle innerhalb der Partnerschaft führt. Zudem wird oft übersehen, dass dieser Punkt auf die Frauen, die den Tradwife-Trend auf ihren Accounts verbreiten, oftmals nicht zutrifft. Durch Kooperationen und Werbekampagnen verdienen die meisten von ihnen mit ihren Social-Media-Accounts ein eigenes Gehalt, sodass sie dem traditionellen Frauenbild, welches sie in ihren Beiträgen vermitteln, selbst gar nicht entsprechen.
Gefahren von Stereotypen
Nicht nur die finanzielle Abhängigkeit stellt eine Gefahr des Tradwife-Trends dar. Bei der Figur der Tradwife handelt es sich um eine Stereotypisierung, welche mit einer Vielzahl an Attributen einhergeht, die der Frau allein aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben werden. Dass Menschen oder auch Objekte mithilfe von Stereotypen kategorisiert werden, ist an sich nicht ungewöhnlich. Dies führt zu einer Reduktion von Komplexität und verleiht der Welt eine gewisse Struktur, welche das gemeinsame Handeln erleichtert. Problematisch werden Stereotype allerdings dann, wenn sie als feststehende Kategorien betrachtet werden, was auf die Tradwife-Kategorie zutrifft. Aufgrund der sehr genauen Definition, wie eine Frau zu sein hat und wie sie sich verhalten soll, gibt es wenig Spielraum für Abweichungen und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig verwunderlich, dass einige der Tradwife-Anhängerinnen ihre Accounts für die Verbreitung rechtskonservativer Inhalte nutzen. Eine Betonung festgelegter Geschlechterrollen lässt sich dabei auch innerhalb nationalistischer Diskurse wiederfinden, wo ebenfalls von einer naturgegebenen Ordnung von Gesellschaft und Kultur ausgegangen wird, für deren Fortbestehen die Familie elementar ist. Diese thematische Parallele wird von Accounts ausgenutzt, um die eigenen politischen Inhalte besser verbreiten zu können. Indem sie die gleichen Hashtags verwenden, mit denen Userinnen und User nach Schmink- und Haushaltstipps suchen, werden ihnen auch jene Videos angezeigt, in denen es vor allem um das Propagieren rechtspopulistischer Ansichten geht.
Das Thema „Tradwife“ im Unterricht
Für eine Auseinandersetzung mit dem Tradwife-Trend bietet es sich an, Beiträge der betreffenden Influencerinnen zu analysieren. Die Lernenden können dafür mit Hilfe des Hashtags „#tradwife“ auf verschiedenen Social-Media-Plattformen nach passenden Beiträgen suchen und die Ergebnisse mithilfe folgender Fragen analysieren:
- Wie präsentieren sich die Frauen auf den jeweiligen Accounts?
- Welche Einstellungen vermitteln sie?
Die Ergebnisse der Lernenden können anschließend an der Tafel festgehalten werden, wobei diese etwas strukturiert werden können, indem die einzelnen Beobachtungen verschiedenen Oberbegriffen zugeordnet werden. Beispiele für solche Begriffe könnten sein:
- Aufgaben des Mannes
- Aufgaben der Frau
- Äußeres Erscheinungsbild
- Vorstellung von Familie
Im Anschluss daran können die folgenden Fragen eine Grundlage für weitere Diskussionen sein:
- Welche Vorteile und Nachteile birgt ein traditionelles Rollenmodelll für die Frau bzw. den Mann? Sind diese auf beiden Seiten ausgeglichen?
- Welche anderen Vorstellungen von Partnerschaft und Familie kennt ihr? Wie würden die Influencerinnen der analysierten Accounts diese bewerten?
- Wie ließe sich die Hausarbeit fairer in einer Beziehung aufteilen (Beispiel: Putzplan, gemeinsame Einkauflisten, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle)?
Die Auseinandersetzung mit dem Tradwife-Trend und anderen medial vermittelten Stereotypisierungen kann dabei helfen, sich kritisch mit geteilten Beiträgen auf Social-Media auseinanderzusetzen. Auf diese Weise lassen sich die Auswirkungen solcher Inhalte sowohl auf das eigene Selbstbild als auch auf gesellschaftliche Diskurse besser abschätzen und bewerten.






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