Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Klöster heute oder was die Reformation übriggelassen hat

Klöster sind mehr als historische Gemäuer: Sie zeigen, wie radikal Menschen ihren Glauben leben können – als Rückzug aus der Welt und zugleich als eigene Form von Weltgestaltung. Der Beitrag spürt diesem „Geheimnis der Klöster“ nach, erzählt, warum die Reformation das Klosterleben im Protestantismus fast vollständig beendet hat, und zeigt, welche Bedeutung Klöster heute für Jugendliche und Religionsunterricht haben – inklusive konkreter Einblicke in einen Klassenbesuch im Benediktinerkloster Beuron.

Religion: Spiritualität und Weltgestaltung

Alle Religionen haben gewissermaßen eine Innen- und eine Außenseite; eine Seite, die unser Inneres betrifft und sich dort abspielt – wir sagen am besten: in der Seele – und eine Seite, die sich auf die Welt, in der wir leben, bezieht. Beide Seiten hängen miteinander zusammen. Nach innen hin, also in unserer Seele, berührt die Religion unsere Angst und unsere Freude, Zuversicht und Zweifel, Trost und Hoffnung und leistet die Verarbeitung von Kontingenz, also von unvorhersehbaren Einbrüchen in unsere Lebensgewissheit.

Und nach außen betrifft die Religion Fragen unseres Verhältnisses zu Menschen, zur Welt, zur Gesellschaft und zur Geschichte. Das sind die Themen und Fragen und die Grundstruktur jeder Religion: Innen und Außen, Seele und Ethos, Spiritualität und Weltgestaltung. Die Unterscheidung und zugleich Zusammengehörigkeit dieser beiden Sphären ist von zentraler Bedeutung für diesen Artikel über das Geheimnis der Klöster. Warum?

Klöster als abgeschottete Gegenwelt – Rückzug, Reinheit und Stellvertretung für die Vielen

Zum einen ist es so: All das, was soeben grob umrissen wurde, spielt sich ab in einer Welt und inmitten von Menschen, die sich von diesem Innen und jenem Außen womöglich gar nicht angesprochen fühlen; einer Welt, in der noch einmal ganz anders oder vielleicht überhaupt nicht geglaubt wird.

Und dieser Umstand ist gar kein „neues“, „säkulares“ Phänomen, sondern das war schon immer so: Religion ist immer konfrontiert mit Weltbildern und Lebensentwürfen, die ohne Religion auskommen. Das hat für die Gläubigen zur Folge, dass es alles andere als einfach und selbstverständlich ist, ganz und gar im Glauben, der Religion und ihrem Ethos zu leben. Was aber würde geschehen, wenn sich diejenigen, die fest und unbeirrt ihre Religion ausüben wollen, von der Welt zurückziehen würden? Wäre das religiöse Leben für wirklich überzeugte religiöse Menschen nicht leichter und unbeschwerter, wenn sie sich ausschließlich unter ihresgleichen bewegen könnten? Eine solche Welt – im Kleinen, an einem gesonderten Ort – müsste man nur erschaffen! Man müsste sich mit Gleichgesinnten zusammentun und sich gewissermaßen in eine Klausur begeben – im Wort Klausur enthalten ist das lateinische Wort claudere das heißt: ab-, ein- oder zuschließen –, das heißt: man müsste die nicht-religiöse Welt ausschließen und sich einschließen, man müsste um der Reinheit des Glaubens und des Lebens willen ein claustrum erschaffen; zu Deutsch: ein Kloster.

Und genau dies geschah – nicht in allen Religionen, aber erstaunlicherweise weltweit und ohne erkennbaren Zusammenhang – im Christentum wie im Buddhismus, im Hindusimus wie im Jainismus, aber weder im Judentum noch im Islam, die doch beide dem Christentum viel näher stehen!

Ein Kloster ist, ganz gleich ob es sich um die Benediktinerabtei „Melk“ in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ handelt oder um die Residenz des 14. Dalai Lama im Tsuglagkhang-Komplex im indischen Dharamshala oder um die Meteora-Klöster in Griechenland,

  • ein Ort des Rückzugs (von allem Weltlich-Nichtreligiösen),
  • ein Ort der Reinheit und Intensität (der inneren und der äußeren religiösen Überzeugungen und vor allem der spirituellen und liturgischen Ein- und Ausübung, sprich: Gebetszeiten, Gottesdienste) sowie der Enthaltsamkeit, also des Verzichts auf bestimmte Genüsse oder Gelüste, allen voran die strikte Ehelosigkeit,
  • häufig ein bestimmtes Arbeitsethos (das „Bete und Arbeite“ des Bendict von Nursia). Wer in ein Kloster eintritt, legt ein unbefristetes Gelübde ab, in dem die jeweiligen Regeln verbindlich versprochen werden. Im Übrigen gilt aber auch: Keine Religion, die ein Klosterleben entwickelt hat, ging jemals davon aus, dass alle Angehörigen dieser Religion klösterlich leben wollten oder könnten oder sollten. Klöster, also religiöse Klausuren, waren zu allen Zeiten das Privileg oder die selbst auferlegte Pflicht von wenigen „Reinen“, die stellvertretend für alle anderen sich in besonderer Weise in Spiritualität und Weltgestaltung üben.

So weit so allgemeingültig. Von hier an beschränke ich mich auf Klöster im Christentum, wo der Weg seit der Reformation im 16. Jahrhundert noch einmal eine ganz andere Richtung eingeschlagen hat als die übrigen Religionen. Denn die Vertreterinnen und Vertreter der Reformation, also die protestantische Konfession, lehnte das christliche Klosterleben ausdrücklich ab.

Warum es keine evangelischen Klöster gibt

Um die radikale reformatorische Kritik an den christlichen Klöstern besser einordnen zu können, muss man sich wenigstens kurz die Geschichte und das Wesen christlicher Klöster vergegenwärtigen, dessen Anfänge sich bis ins späte 3. und beginnende 4. Jahrhundert nach Christus zurückverfolgen lassen. Den Anfang machten fromme Eremiten, das sind Einsiedler, die sich in Wüstengebiete Palästinas, Ägyptens und Syriens zurückzogen. Bald entstanden kleinere Gemeinschaften, die das zurückgezogene, einfache Leben miteinander teilten. Wichtigstes Datum für diese frühe Zeit ist die Gemeinschaft des Benedikt von Nursia (ca. 480–547), die seit 529 in der Abtei von Montecassino bei Neapel lebte und wirkte. Die bekannte Formel „ora et labora“, bete und arbeite (Spiritualität und Weltgestaltung!) begründete die hohe kulturelle Bedeutung, die die Benediktiner bis heute in den verschiedensten Feldern wie Landwirtschaft, Buchkunst, Bildung und Seelsorge haben. Zu dieser Zeit gab es im Gebiet des heutigen Deutschland noch keine Klöster, während es in den übrigen europäischen Ländern, vor allem in Frankreich, bereits bis zu 800 Klöster gab. Im Mittelalter zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert wuchs die Zahl der Klöster in Europa auf geschätzte 12.000 Klöster an, davon im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation etwa 1000.

Die Zahl der Orden, nach denen sich die Klöster unterscheiden lassen, betrug damals 20 bis 30, das heißt, einzelne Orden hatten bis zu 1000 Niederlassungen. Die bekanntesten sind neben den bereits erwähnten Benediktinern, aus denen später durch die Klosterreform von Citeaux die „Zisterzienser“ hervorgingen, die Franziskaner, also der Bettelorden des Franz von Assisi (1181–1226), der Orden des Domenikus („Dominikaner“, seit 1215), oder die Augustiner, die eine ganze Ordensfamilie bildeten, zu der auch die Augustiner-Eremiten gehören, dessen Erfurter Konvent (Mönchsgemeinschaft) Martin Luther angehörte. Parallel dazu entstanden Ordensgemeinschaften von Frauen (Nonnen), die häufig denselben Namen wie die männlichen Orden trugen („Benediktinerinnen“, „Dominikanerinnen“, „Zisterzienserinnen“ usw.). Etwas anders verhält es sich im Raum der christlichen Orthodoxie, also in den sogenannten Ostkirchen. Die unterschiedlichen Klöster – ganz gleich, ob auf dem Berg Athos in Griechenland oder in Kiew, in Moskau oder in Polen – bilden keine eigenen Orden, sondern orientieren sich alle an den Regeln der alten Mönchsväter, vor allem an der Tradition des Basilius von Caesarea (ca. 330–379).

Kommen wir zur Reformation:

Wer im Mittelalter Theologie studierte, um Priester zu werden, schloss sich häufig, aber keineswegs zwingend, einer der Ordensgemeinschaften an. Weder Philipp Melanchthon noch Johannes Calvin, weder Johannes Brenz noch Thomas Münzer waren Ordensleute. Martin Luther hingegen war Mönch der Augustiner-Eremiten, der Straßburger Reformator Martin Bucer war Dominikaner. Doch damit war bald Schluss, und zwar aus „evangelischen“ Gründen.

Luthers biblische Entdeckung, dass mein Verhältnis zu Gott nicht durch mich selbst hergestellt wird, nicht durch besonders ernsthafte Frömmigkeit und schon gar nicht durch meine persönliche Anstrengung und Leistung, sondern dass, genau umgekehrt: Gott sich mir zuwendet, und zwar aus seiner freien Entscheidung, mit anderen Worten: aus Gnade, und dass der Glaube nichts anderes zu tun hat, als diese Gnade Gottes anzunehmen und gelten zu lassen – all das vertrug sich immer weniger oder eigentlich überhaupt nicht mit der menschlichen Entscheidung für ein gottgefälliges Leben im Kloster. Noch weniger verträgt die befreiende Entdeckung der Gnade Gottes sich mit all den Regeln, die im Kloster galten und die doch nichts anderes bewirken sollten, als dass Gott mir gewogen sein möge. Und schließlich: Die Unterscheidung zwischen den „Reinen“, Gottgefälligen, Gott besonders nahen Christenmenschen einerseits und den Gläubigen außerhalb des Klosters andererseits empfand Luther als ausgesprochen un-evangelisch. „Nicht in der abgeschiedenen Klosterzelle, sondern in der Welt ist das Christentum zu leben. Mit Recht sagt man, Luther verließ das Kloster, weil er die ganze Welt zu einem Kloster machte.“1 .

Im Jahr 1521 beklagte Martin Luther nach 16 Jahren in der Ordensgemeinschaft in seiner Schrift „De votis monasticis Martini Lutheri iudicium“ (Martin Luthers Urteil über die Mönchsgelübde), dass den Mönchsgelübden jede biblische Legitimation fehle, um dann in gewohnt drastischer Weise zu folgern: „Siehe da, das Fundament der Klostergelübde ist Frevel, Gotteslästerung und Ruchlosigkeit. Und dies widerfährt ihnen, dass sie Christus als Führer und Licht verachten und nun anderem und besserem zu folgen sich unterstehen. Denn wer die Wahrheit als Führerin verlässt, wem anders soll er folgen, als der Lüge? Wer der Ehre Gottes nicht folgt, der folgt billig den Gotteslästerungen“ (Martin Luthers Urteil über die Mönchsgelübde)2. 1525 heiratete Luther die Zisterzienserin Katharina von Bora. Nun waren beide keine Ordensleute mehr. Zahllose Mönche und Nonnen folgten ihrem Beispiel. Etliche Köster leerten sich und wurden aufgegeben. Dies geschah vor allem überall dort, wo nach dem Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555 der jeweilige Landesherr und damit seine Untertan*innen dem protestantischen Glauben folgten.

Eine reizvolle, jugendgerechte Erzählung vom Weg Martin Luthers ins Kloster und aus dem Kloster hinaus findet sich bei Christian Nürnberger, Martin Luther. Auf der Suche nach dem gnädigen Gott, in: ders., Mutige Menschen. Für Frieden, Freiheit und Menschenrechte, Stuttgart 2008, S. 68–95.

Klöster heute: Dringend aufsuchen!

Aufgrund der geschilderten Funktion von Klöstern – Ausschluss der Außenwelt, Rückzug, Pflege von Spiritualität und Gemeinschaft und vieles mehr – überrascht es nicht, dass Klosteranlagen häufig wertvolle historische Baudenkmäler sind und sich in zauberhaften Landschaften fern der Großstädte befinden. Etliche Klöster gehören zum UNESCO-Welterbe, darunter das Kloster Maulbronn (Baden-Württemberg), Kloster Lorsch (Hessen), Stiftskirche, Schloss und Altstadt Quedlinburg oder Dom und Michaeliskirche in Hildesheim. Es wurde bereits geschildert, dass nicht nur, aber auch aufgrund der Reformation im 16. Jahrhundert in etlichen Klöstern schon seit 500 Jahren keine Ordenskonvente mehr leben, beten und arbeiten. Für Klöster in solchen Reichsgebieten, die nach der Reformation protestantisch wurden, lässt sich pauschal sagen: in diesen Klöstern entstand in den seltensten Fällen so etwas wie ein Evangelischer Konvent; zu dieser seltenen Gruppe gehören beispielsweise die Klöster Amelungsborn, Lüne, Ebstorf, Wienhausen, Medingen und Walsrode sowie, im weiteren Sinne, Kloster Loccum. Für alle anderen gilt, dass sie in evangelische Klosterschulen, Seminare und Bildungseinrichtungen überführt wurden (wie Bebenhausen, Denkendorf, Maulbronn in Württemberg, Roßleben in Thüringen, Pforta in Sachsen-Anhalt oder Drübeck im Harz) oder schlicht verfielen und nur noch als Ruine an ihre Vergangenheit erinnern.

Was jedoch im Zusammenhang mit dem Religions- und Ethikunterricht von großem Reiz und großer Bedeutung ist, ist die Liste der heute noch aktiven Klöster, die sich für Schulklassen und Jugendgruppen öffnen und ein reichhaltiges Bildungsangebot machen. Die Liste, die über das Internet leicht aufgerufen werden kann, reicht vom Benediktinerkloster Huysburg in Sachsen-Anhalt über Loccum, Ebstorf und Lüne in Niedersachsen bis nach Bayern (Benediktbeuren) und Baden-Württemberg (Beuron, Sießen). Die meisten dieser Einrichtungen bieten Tage der Orientierung, Führungen und Bildungsprogramme an. Es ist aber auch möglich, sich in weitere Klöster einzumieten und dort ein eigenes Programm durchzuführen. Mit einer kurzen Schilderung eigener Erfahrungen mit einer Schulklasse im Kloster Beuron möchte ich schließen.

Das Kloster Beuron im Donautal ist eines der größeren, noch aktiven Männerklöster im Orden des Benedikt von Nursia. Und es ist ein Konvent mit strenger Einhaltung der Klosterregel. Das muss man vorher wissen. Doch in dieser Authentizität besteht auch der Reiz eines Aufenthaltes in Beuron. Wer mit einer Gruppe von Jungen und Mädchen anreist, wird erleben, dass die Jungs alle Räume, auch Schlaf- und Studierzimmer der Mönche besichtigen dürfen, während die Mädchen mitunter vor der Tür warten müssen. Gästepater nehmen sich Zeit für die Gruppe und sind von großer Offenheit für buchstäblich alle Fragen der Jugendlichen. Es war spannend zu beobachten, wie die Jugendlichen auch persönlichere Fragen schließlich über die Lippen brachten („Stimmt das, … also … dass Sie nie mit Frauen … oder vielleicht mit Männern …?“). Man muss die Jugendlichen nicht vorher instruieren, dass „man“ bestimmte Dinge nicht ansprechen dürfe! Die benediktinische Spiritualität schreibt feste Gebetszeiten vor, die Morgenhore beginnt um 5:00 Uhr. Es empfiehlt sich, den Gottesdienstbesuch auf einen pro Tag zu beschränken und die Liturgie zuvor zu erläutern. Der tiefste Eindruck bei den Jugendlichen war der des Respekts. Der Gästepater war in unserem Fall ein promovierter Unfallarzt. „Und Sie dürfen nie wieder raus …?“, fragten die Jugendlichen irritiert. Und die verblüffende Antwort: „Oh nein, selbstverständlich darf ich jederzeit gehen. Aber kannst du dir vorstellen, dass ich, jedenfalls im Moment, gar nicht möchte?“

1 Jörg Lauster: Der ewige Protest. Reformation als Prinzip. Claudius München 2017, S. 24
2 Martin Luther: Freiheit und Lebensgestaltung. Ausgewählte Texte. Hrsg. v. Karl-Heinz zur Mühlen. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1983, S. 75-217

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Über den Autor

Gerhard Ziener

Gerhard Ziener ist evangelischer Pfarrer, Schul- und Religionspädagoge. Er ist Autor und Herausgeber von reli plus für Evangelische Religion an mittleren Schulformen.

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