Eine Sinfonie aus Stimmen
Am Anfang steht ein Lexikoneintrag. Die Duden-Definition von „Pluralismus“ eröffnet die Geschichte. Der harmlosen Worterklärung steht eine harte Bewährungsprobe bevor. Auch sie findet sich auf der ersten Textseite. „Ein Wolf taucht auf und spaltet einen Ort.“ (S. 7)
Mit dieser knappen Ouvertüre beginnt ein vielstimmiger Roman. Fünf seiner Stimmen gehören Jugendlichen. Einen Tag lang folgt die Geschichte Marlene, Jonas, Amal, Saskia-Mattea und Rudi. Der Wolf hat längst begonnen, ihr Leben zu dirigieren. An diesem Tag bringt er die Jugendlichen zusammen, die zerstritten, einander fremd oder gefangen in ihren eigenen Geschichten sind.
40 weitere Stimmen gehören Menschen aus dem Dorf. Als polyfoner Chor eröffnen sie vier der fünf Teile des Romans mit kontroversen Stellungnahmen. Der Wolf bedrohe Nutztiere, mache Angst, störe die Ortsentwicklung. Aber er steht eben auch für das natürliche Gleichgewicht und den Schutz der Natur.
Fünf Perspektiven
Aus dem Chor der Stimmen entsteht allmählich die Geschichte eines einzigen langen Wintertages. Von Morgen bis Morgen entfalten sich die ganz unterschiedlichen Perspektiven der fünf jugendlichen Protagonisten. Nach und nach wird aus ihren Namen, knappen Ortsangaben und subjektiven Sichtweisen das Panoptikum einer Welt, in die der Wolf eingezogen ist.
Der ist zum Taktgeber des Lebensrhythmus geworden. Das bemerkt Saskia-Mattea, die nur zufällig im Dorf ist, weil im Jugendgästehaus ein Schikurs stattfindet, auf den sie keine Lust hat. Jonas ist nach dem Verlust seines Vaters erst vor kurzem mit seiner Mutter hergezogen. Rudi und Marlene waren einmal ein Paar. Amals Geschichte macht ihr immer noch Angst. Und der Wolf ist ihr Katalysator: Er hat Rudi und Marlene auseinandergebracht, Saskia-Mattea neugierig und Rudi fast gewalttätig gemacht. Jonas‘ Mutter will das Hotel bauen, das im Wolfsrevier geplant ist und die Lage noch weiter verkompliziert. Marlene kämpft für den Wolf und Rudi für seinen Vater, dessen Schafherde das Tier bedroht. Kein Wunder, dass es schwierig wird. Viel zu sagen haben Marlene, Jonas, Amal, und Rudi einander jedenfalls nicht. Und Saskia-Mattea ist es eh gewohnt, ohne Freunde zu sein.
Ein gespaltenes Dorf
Und über allem steht der Wolf. Es gibt eigentlich nur ein Foto von ihm aus einer Wildkamera. Ein „Beweisfoto. Mit weiß leuchtenden Augen durch den Blitz. Der Mund ist offen, so dass die spitzen Zähne zu sehen waren. Das Bild war richtig übel“ (S. 37). Doch das ganze Dorf ist voll von Stickern für oder gegen das Tier. Wöchentlich finden Demonstrationen für und gegen ihn statt. Dienstags treffen sich die Wolfsfreunde. „Demo-Donnerstag gehört den anderen. Denen, die sich dafür einsetzen, dass der Wolf wieder verschwindet“ (S. 39).
Der Wolf hat nicht nur Marlene und Rudi, sondern ein ganzes Dorf gespalten. Seine Existenz ist verwoben mit dem Bauprojekt oben am Berg, wo ein Freizeit-Resort entstehen soll. Der Wolf stört da nur. Auf dem Bauplatz plant Marlene ein Protestcamp. Heute, 100 Tage vor Baubeginn, soll es losgehen. Doch außer ihr weiß niemand davon.
Der Zufall bringt sie zu Fall oder kommt ihr zu Hilfe, je nachdem. Bei der wöchentlichen Pro-Wolf-Demo verletzt sie sich am Fuß. Jonas und Saskia-Mattea wollen ihr helfen und sie heimbringen, aber Marlene führt die beiden nicht zu sich nach Hause, sondern zum Bauplatz oben auf dem Berg.
Bergnot
Dort will Marlene bleiben, bis zum Baubeginn, und setzt darauf, dass ihr Protest Erfolg haben wird. Doch sie kann kaum laufen, ihr Handy hat keinen Empfang und ein Schneesturm zieht auf. Sie ist allein und in großer Gefahr. Amal ist es, die Unterstützung organisiert und mit Jonas und Saskia-Mattea wieder auf den Berg und zum Bauplatz geht. Rudi dagegen will dem Vater die Sorgen um seine Schafherde nehmen und heimlich den Wolf schießen. Auch er muss dafür auf den Berg.
Dort oben, mit Abstand vom Dorf, aber mitten in dessen Konflikten um Hotelbau und Wolf, ohne Netz und deshalb ganz auf sich gestellt, müssen die Jugendlichen neu lernen, einander zu vertrauen. Hat Rudi wirklich nicht auf den Wolf geschossen? Wer hat Jonas‘ Hund Yuki getötet? Wie geht es weiter, wenn für alle so viel, aber jeweils ganz anderes vom Ausgang des Abenteuers abhängt?
Zauberwort: Kompromiss
Während Wolf und Sturm die Wege der fünf Jugendlichen immer mehr miteinander verweben, entwirren sich ihre eigenen Geschichten. Die Klarheit, die Protagonist:innen wie Leser:innen dabei gewinnen, hilft, die dörfliche Gemengelage neu zu sehen. Sie hilft den Jugendlichen auch, die Sicht der anderen besser zu verstehen.
Und so entsteht ein Plan. „Der Plan ist ein Kompromiss und utopisch, aber es ist ein Versuch. Alles in Marlene kribbelt“ (S. 173). Yukis Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Ein Foto des toten Hundes und ein Text (siehe Kopiervorlage), den die Jugendlichen gemeinsam entwerfen, soll die verfahrene Lage beenden. Und die Situation nutzen: Dass fünf junge Menschen verschwunden sind, ist im Dorf nicht unbemerkt geblieben. Erst kommen die Suchdrohnen. Dann erscheint die Bergrettung. Die Freude über den glücklichen Ausgang der Suchaktion könnte helfen, dass der Kompromiss Anklang findet.
Der nächste Morgen
Der lange Tag am Berg endet am nächsten Morgen. Das ist, wie so vieles in dem Roman, auch symbolisch zu verstehen. Ein neuer Tag bringt neue Chancen – und neuen Realismus. Die Zeit auf dem Berg und das Ringen um den Wolf haben nicht nur in der Sache, sondern auch bei den Jugendlichen etwas bewirkt. Ihre Geschichten haben Klärungen erfahren, sie sind reifer und ehrlicher mit sich selbst geworden. „Ich bin auf den Berg gewandert, um die Welt ein klein wenig besser zu machen“, denkt Marlene (S. 188). Sie hat nicht den Wolf und schon gar nicht die ganze Welt gerettet. Aber das konnte sie auch gar nicht. „Marlenes Abenteuer endet mit der Wahrheit“ (S. 188).
Problemwölfe: Das Buch in der Schule
Problemwölfe
Agi Ofner
Tyrolia Verlag, ISBN 978-3-7022-4313-5
192 Seiten
ab 14 Jahren
Zum Buch
Problemwölfe ist ein Buch für den Religions- wie den PoWi-, aber natürlich auch für den Deutschunterricht, wegen seines Umfangs aber nur mit Mühe dort komplett zu bearbeiten. Die multiperspektivische Erzählweise, die die Geschichte sowohl des dramatischen Tages als auch die der fünf Jugendlichen nur nach und nach freigibt, lässt sich durch Textauszüge nicht wirklich darstellen. Das gilt auch für die Wolfsbilder, die Agi Ofner selbst gemalt, aber als die von Amal in die Geschichte gewoben hat. Die Leseprobe, die der Verlag bereitstellt, gibt aber einen großartigen Einblick in die Komposition des Romans. Mit ihrer Hilfe ist der Brief, den die fünf Jugendlichen gemeinsam entwickeln, hinreichend verstehbar, sodass nach einer kurzen Buchvorstellung eine Analyse und Diskussion des Kompromisses in der Lerngruppe möglich sein sollte.
Um die komplexe Thematik wirklich zu erfassen, ist das ganze Buch nötig. Und das ist von der Sache her ja auch nachvollziehbar. Denn es geht um Pluralität und Demokratie, um Kompromisse und den mühsamen Weg von festgefahrenen Positionierungen weg hin zu einem neuen Miteinander. Wenn das mit wenigen Sätzen zu erreichen wäre, wäre die Welt eine andere. So zeigt der Roman auch in seiner Gestaltung, wie herausfordernd Demokratie und Gemeinsinn sind, wenn viele gute Gründe beanspruchen können, diese sich aber wechselseitig ausschließen.
Auch deshalb gehört das Buch unbedingt in eure Schulbibliothek!
Problemwölfe zeigt eindrucksvoll, wie eine Gemeinschaft zerbrechen – und auch wieder neu zusammenfinden kann: wenn es gelingt, Kompromisse zu finden.
Auch am Ende des Romans steht ein Kompromiss – und noch ein Wort aus dem Lexikon. „Ambiguitätstoleranz“. Das bedeutet hier: „Ein Wolf taucht auf und ein Ort lässt sich nicht spalten“ (S. 189).
Alle Zitate aus: Agi Ofner: Problemwölfe. Tyrolia Innsbruck 2025

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