Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Buchempfehlung: An die, die wir nicht werden wollen

Fast volljährig. Den Kopf voller Unfug. Und voller Pläne, Hoffnungen, Zweifel. Nils Mohl hat daraus ein tolles Jugendbuch gemacht: „An die, die wir nicht werden wollen. Eine Teenager-Symphonie“.

Ein Buch – oder doch eher ein Musikstück? Oder eine Playlist?

Mini-Serie: Hallo Planet Ich!

Ganz so leicht lässt sich der Countdown bis zur Volljährigkeit nicht zwischen zwei Buchdeckel packen. Und bis zur letzten Seite ist nicht ganz klar: Ist ein Roman daraus geworden? Oder doch eher Lyrik? Irgendwas dazwischen?

Auf jeden Fall eine fulminante Zusammenstellung aus den letzten zehn Tagen vor dem alles verändernden Geburtstag. Der gibt nämlich den Takt vor: „Zwei Handvoll Tage noch“ (S. 15), dann ist es so weit. Der Countdown läuft.

Ein intermediales Feuerwerk

„Jupp, ich lese, lese alles auf von / den Screens, den Plakatwänden, den fremden / Gesichtern“ (S. 14): Nohl sammelt Memes, Sinnsprüche, Zitate, Chatpassagen, spielt dazu mit Textsorten, Layouts, ASCII-Art, Grafiken und ordnet sie in einer Art Scrapbook, Tagebuch oder Collage. Zehn Tage sind es noch, und jeder davon bekommt ein Kapitel. Wie weit ist es noch, bis es heißt, die „Restzeit bis zum Ruhestand“ auszurechnen (S. 105)? Denn: „Die Zeit hat mich zum Millionär gemacht! / Zum mehrfachen Minuten- und Sekundenmillionär. / Und im Alter zwischen 114 und 11 ist’s soweit / – dann feiere ich die millionste Stunde auf Erden.“ (S. 38) „Ja, wir müssen uns Sisyphos / als sehr glücklichen / Menschen vorstellen. / Er hatte sich nur / mit einem Stein abzumühen.“ (S. 155)

Ihr seht: Es gibt viel zu entdecken auf den 167 Seiten, es geht kreuz und quer durch die Sehnsuchts- und Angstwelten von erwachsen werdenden Teenagern. Und mitten hinein in den ganz normalen Schulwahnsinn:

Buchempfehlung Mohl

Voller Wortwitz

Und das überraschend und witzig. Habt ihr zum Beispiel darüber schon mal nachgedacht? „ändert man / im Wort / blöd nur vier / Buchstaben, / hat man / plötzlich Sinn“ (S. 86)

Der Ernst in dem Witz: Mit ein paar Änderungen schafft Mohl neue Bedeutungswelten. Verblüffung setzt Fantasie frei. Mitten im Alltag liegt ein Meer (oder ein Mehr?) an Bedeutung.

Über Gott und die Welt und mICH zwischendrin

Und deshalb ist das Buch nicht nur im Deutschunterricht lesenswert und inspirierend, sondern auch voller Religion. Alltagstranszendenzen gelingen Mohl nahezu überall, und immer wieder entstehen explizite philosophische und theologische Reflexionen. „DU / Atheist – ja oder nein? / ICH / Ich denke viel an Gott. / Den lieben Gott. / DU / Gott existiert also. / ICH / Muss ja. Das Wort existiert ja auch.“ (S. 87 f.)

Zu Ende gedacht sind die allesamt nicht. Aber gerade deshalb inspirierende Anfänge.

Im Unterricht

Am Stück lesen muss man das Buch nicht (das ist auch, ehrlich gesagt, ziemlich anstrengend – vielleicht so wie das Leben kurz vor 18). Aber als Reservoir für spannende und spannungsreiche Kurzprosa, Lyrik oder Grafik ist es eine ausgezeichnete Fundgrube.

Und mehr ist möglich. Inspiriert von der oben genannten Youtube-Playlist könnt ihr eigene Kurzvideos erstellen lassen und einen eigenen Volljährigkeits- (oder Schuljahrsende- oder Abi-)Countdown von euren Lernenden gestalten lassen.

Ihr könnt selbst die Screens, die Plakatwände, die Gesichter (vgl. S. 14) lesen, aufsammeln und neu anordnen lassen: die Lesbarkeit der Welt entziffern und darüber philosophieren lassen (oder, in Verbindung mit Dan 5, mit eurer Lerngruppe theologisieren).

Ihr könnt Aphorismen und Reflexionen zur Gottesfrage aufgreifen.

Und ihr könnt, wie Mohl, der durch Änderung von vier Buchstaben aus „blöd“ echten „Sinn“ entstehen lässt, weitere Wörter von eurer Lerngruppe totaltransformieren lassen und gemeinsam überlegen, ob das nicht eine Metapher, ein Gleichnis für das Reich Gottes sein könnte. Denn auch da wird „alles neu“ (Offb 21,5): anders, aber doch, auf paradoxe Weise, identisch.

Es gibt in „An die, die wir nicht werden wollen“ wirklich viel zu entdecken, auch wenn das Buch kompliziert ist. Aber so ist das mit dem Leben ja auch.

An die, die wir nicht werden wollen
Eine Teenager-Symphonie

von Nils Mohl
168 Seiten, mit Illustrationen von Regina Kehn
Tyrolia-Verlag, ISBN 978-3-7022-3956-5

Mehr Infos zum Buch

48 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über den Autor

Prof. Dr. Markus Tomberg

Prof. Dr. Markus Tomberg ist katholischer Theologe. Er lehrt als ordentlicher Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda und ist Herausgeber der Lehrwerksreihen Leben gestalten N, Leben gestalten S und Leben gestalten Oberstufe.

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben