Für viele von uns war das letzte Weihnachtsfest 2020 anders. Das Bilderbuch „Alle Jahre wieder“ von Juli Zeh und Lena Hesse bietet einen Anlass, um über die unterschiedlichen Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest ins Gespräch zu kommen.
Aufgrund des zweiten Lockdowns waren im letzten Jahr die Möglichkeiten, sich an Weihnachten zu treffen und miteinander zu feiern, stark eingeschränkt. Deshalb wurde das Weihnachtsfest oft „nur“ im kleinen Rahmen gefeiert. Mithilfe des Buches von Juli Zeh und Lena Hesse könnt ihr die diversen Traditionen, dieses bekannteste christliche Fest zu feiern, nun mit den Lernenden zum Thema machen. Auch wenn es sich um ein Bilderbuch handelt, eignet es sich für alle Altersstufen.
Weihnachtsrituale und -traditionen
Die Arbeit mit der Lektüre könnte mit einer Sammlung von Weihnachtsritualen und -traditionen der Lernenden beginnen (auch möglich nach der Lektüre der ersten beiden Abschnitte der Kopiervorlage).
Weihnachten fällt aus?!
Beim Spaziergang mit ihrem Vater, der Vogelkundler ist, erfahren die Zwillinge Josh und Lena, dass er ein seltsames Exemplar mit verletztem Flügel gefunden und es erst einmal in die Vogelschutzwarte, kurz: Vo-Schu-Wa, eingesperrt hat. Denn knapp vor dem Weihnachtsfest ist zu wenig Zeit, sich diesen Vogel, vorläufig als Trappatros bezeichnet, genauer anzusehen. Josh und Lena freuen sich wie in jedem Jahr auf die Geschenke. Aber was tun, wenn die Bescherung ausbleibt? Sie stellen nach Telefonaten mit ihren Freunden und Freundinnen fest, dass bei allen, die an das Christkind glauben, das Fest ausfiel (S. 2-9).
Nach der gemeinsamen Lektüre der Seiten 2-9 könnte ein Gedankenexperiment folgen: Stellt euch vor, das Weihnachtsfest fällt aus. Überlegt, was ihr tun könnt (detaillierte Vorschläge bietet die Kopiervorlage).
Das Fest wird nachgeholt!
Was, wenn es sich bei dem verletzten Vogel um das Christkind handelt? Die Kinder entführen den Trappatros aus der Vo-Schu-Wa und päppeln ihn in einem stillgelegten Schweinestall außerhalb des Ortes wieder auf. Dazu gründen sie den AJW-Club, wobei AJW für „Alle Jahre wieder“ steht. Da sich der Trappatros tatsächlich als verletztes Christkind entpuppt, bereitet es den Kindern ein Weihnachtsfest, so dass sie die verpasste Bescherung nachholen (S. 10-61).
Die Bilder vom verletzten Trappatros (S. 17, 22, 24, 35) können dazu anregen, sich die eigenen Vorstellungen vom „Christkind“ zu vergegenwärtigen. Je nach Altersstufe können hier Bilder gemalt, vielleicht auch Bilder von früher mitgebracht und verglichen oder die historische Einführung der Bescherung durchs Christkind (gegenüber der Heiligenverehrung durch den Gaben bringenden Nikolaus und später der Etablierung des Weihnachtsmanns) eingespielt und diskutiert werden (das ist auch schon zum Textauszug auf der Kopiervorlage möglich).
Das Christkind lässt sich nicht festhalten
Als sein Flügel jedoch geheilt ist, fliegt das Christkind fort (die Bilder S. 46f vom Training des Christkinds und besonders die Doppelseite mit dem Erfolg durch das Trampolin S. 60f deuten das bereits an). Die Kinder sind traurig und ihr AJW-Club scheint sich zu zerschlagen (S. 62-67).
Nun bieten sich Bildvergleiche an: S. 60f (die Kinder bestaunen in ihren AJW-T-Shirts die Heilung des Christkinds im Sonnenschein) mit S. 66f (die Kinder treffen sich am verlassenen Stall im Regen), und S. 38f (das Christkind hat die Weihnachtsfeier vorbereitet) im Gegenüber zu S. 64 (das verlassene Bett des Christkinds im Stall). An den Bildern wird die wechselnde Gemütsverfassung der Kinder durch den „Verlust“ des Christkinds deutlich. Schon als sie das Christkind vom Trampolin fliegen sehen (S. 60f), deutet sich das im Text an: „Aber sie fühlen auch eine Schwere. Es ist die Schwere derjenigen, die am Boden bleiben müssen“ (S. 62).
Die Lernenden können sich ausgehend von dieser „Schwere“ in die Situation der Kinder einfühlen und aus der Perspektive eines der Kinder eine „Verlustgeschichte“ schreiben: „Wie es war, als das Christkind auf einmal weg war.“ Hier können in den älteren Jahrgängen ggf. auch glaubensbiografische Texte entstehen, die den Verlust des eigenen Kinderglaubens beschreiben.
Das Christkind lebt in der Gemeinschaft weiter!
Aber als sich die Kinder am verlassenen Schweinestall treffen, flackert auf einmal eine Kerze im Fenster. Ende Februar feiern sie ein weiteres Weihnachtsfest – und lesen sich dabei ihre eigene Weihnachtsgeschichte vor: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Trappatros in der Vo-Schu-Wa saß…“ (S. 68-73, 70).
Die Kinder erleben insgesamt ein Wechselbad der Gefühle: Die Enttäuschung aufgrund des ausbleibenden Weihnachtsfestes zu Beginn weicht dem Abenteuer mit dem Trappatros, das in der durch es vorbereiteten Weihnachtsfeier und seiner Heilung gipfelt. Als das Christkind jedoch fort ist, sind die Kinder traurig, bis sich die Stimmung wandelt, indem sie sich ihre eigene Weihnachtsgeschichte erzählen.
Die Situation ähnelt der Stimmungsänderung der Jünger und Jüngerinnen Jesu nach dem Osterereignis: Aus der Depression nach dem elenden Verbrechertod ihres Meisters entstand aufgrund der Erfahrung, dass dieser Jesus lebt, eine Aufbruchsstimmung. Nach dem letzten Abendmahl mit Jesus (analog zur Weihnachtsfeier mit dem Christkind) entsteht die Eucharistiefeier, die Christus vergegenwärtigt (analog dem Weihnachtsfest Ende Februar).
Dieser Stimmungswandel geschieht in der Erzählung von Juli Zeh recht abrupt dadurch, dass im verlassenen Schweinestall nun wieder ein Weihnachtsfest vorbereitet ist – dieses Mal ohne Christkind.
Hier kann mit Kindern und Jugendlichen diskutiert werden, warum sie den Stimmungswechsel als plausibel oder unplausibel empfinden: Was ist genau passiert, damit es zu diesem plötzlichen Umschwung am Ende kommt? Welche Bedeutung hat diesbezüglich ihr AJW-Club (eine Analogie zur Entstehung des Christentums?) und die gemeinsame Erfahrung mit dem „Trappatros“?
Wir sind gespannt, welche Erfahrungen ihr beim Einsatz des Buches und mit den Christkind-Vorstellungen der Lernenden macht – und würden uns über Rückmeldungen freuen.
Kostenlos zum Download
Alle Jahre wieder
von Juli Zeh und Lena Hesse
76 Seiten mit farbigen Illustrationen
ISBN: 978-3-551-51917-7
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