Im Roman „Über den Dächern von Jerusalem“ erzählt Anja Reumschüssel auf zwei Zeitebenen von Begegnungen zwischen zwei jugendlichen palästinensischen Muslimen und zwei israelischen Jüdinnen aus den wechselnden Perspektiven der Hauptfiguren. Die Dialoge und Gefühle zwischen Mo(hammed) und Tessa (Theresa) zur Zeit der Staatsgründung Israels zwischen 1946 und 1948 sind eingebettet in das Aufeinandertreffen von Karim und Anat in der Gegenwart.
Das Buch wurde am 12. Juni 2024 mit dem Jugendbuchpreis „Buxtehuder Bulle“ 2024 ausgezeichnet. Hier erfahrt ihr mehr zur Preisverleihung.
Der Nahostkonflikt – grausame Gewalt mit historischen Wurzeln
Die schrecklichen Bilder vom Angriff der palästinensischen Terror-Organisation Hamas gegen wehrlose israelische Staatsbürger und Staatsbürgerinnen am 7. Oktober 2023 haben viele Menschen auf der ganzen Welt erschüttert. Die Rede ist von einer Zeitenwende, da mit ca. 1400 Opfern an diesem Tag der größte Massenmord an Juden und Jüdinnen nach dem von Nazi-Deutschland verübten Holocaust während des Zweiten Weltkriegs zu beklagen ist. Der Staat Israel wurde am 14.5.1948 gegründet, damit sich Menschen jüdischen Glaubens an einem Ort der Welt sicher fühlen können. Für Deutschland, von dessen Boden der größte und perfideste Massenmord in der Geschichte der Menschheit ausging, gehört das Existenzrecht Israels allein schon aus diesen geschichtlichen Gründen zur Staatsräson.
Die meisten Kommentatoren sind der Meinung, der Staat Israel habe das Völkerrecht auf seiner Seite, wenn er hart dafür kämpft, dass sich ein solcher Terror-Anschlag gegen unschuldige Menschen nicht wiederholt. Der Krieg gegen die Hamas wird weitere unschuldige Menschenleben fordern, denn die Hamas hat nicht nur mehr als 220 israelische Geiseln in den Gaza-Streifen entführt, sondern nimmt alle Bewohner und Bewohnerinnen dieses kleinen Landstücks in Geiselhaft, indem sie Menschen als lebendige Schutzschilder instrumentalisiert, um den Staat Israel zu erpressen. Die dadurch heraufbeschworene humanitäre Katastrophe nimmt die Hamas in Kauf, um ihr zentrales Ziel zu erreichen: den Staat Israel zu zerstören.
Trotzdem gibt es zu Verhandlungen keine Alternative: Waffenstillstandsabkommen ermöglichen den Austausch von Geiseln und Gefangenen sowie humanitäre Hilfen für die gebeutelte Zivilbevölkerung. Die Lektüre des empfohlenen Romans kann dazu beitragen, den komplexen Konflikt zu verstehen, die Gründe für den Hass auf beiden Seiten nachzuvollziehen und zugleich zu begreifen, dass nur die Offenheit für den Dialog und der Wille zu gegenseitigem Verständnis einen nachhaltigen Frieden ermöglichen.
„Über den Dächern von Jerusalem“ – ein Jugendroman über den Nahostkonflikt
Als zu Beginn des Jahres 2023 der Roman von Anja Reumschüssel, die selbst zwei Jahre in Israel und dem Westjordanland lebte, erschien, war ein solch verheerender Anschlag wie der vom 7. Oktober kaum vorstellbar. Und doch ist der Jugendroman, in dem die Journalistin Reumschüssel historischen Wurzeln des Nahostkonflikts auf den Grund geht, atmosphärisch gezeichnet durch die in der Luft liegenden Spannungen, die den Terrorangriff der Hamas anheizten. Die Familiengeschichten von Mo auf der palästinensischen und Tessa auf der israelischen Seite sind sowohl durch das Leiden an Folgen von Krieg und Terror als auch durch Erinnerungen an wertschätzende und heilbringende Begegnungen der vermeintlichen Feinde miteinander verwoben. Diese Geschichten werden lebendig durch Begegnungen der Enkelgeneration zwischen dem fünfzehnjährigen Karim und der achtzehnjährigen Anat, die gerade begonnen hat, ihren Militärdienst abzuleisten – und zu Beginn des Romans aus ihrer Stellung in einem Wachturm beobachtet, wie Karim geschickt seine Steine gegen die Grenzmauer schleudert.
Zwei Romanauszüge aus der Zeit nach der Palästina-Resolution der Vereinten Nationen vom 29.11.1947: Zur Diskussion mit Jugendlichen ab Klasse 8
Im ersten Romanauszug (S. 76 f.) reflektiert Mo, dessen Vater am 22. Juli 1946 beim Bombenattentat der zionistischen Untergrundorganisation „Irgun“ auf das britische King David Hotel ums Leben kam (vgl. S. 33–38), über das Zusammenleben der drei abrahamischen Religionen in Jerusalem. Mo weiß nicht, dass Tessas Vater an diesem Attentat beteiligt war; Tessas Vater, der 16 Monate nach dem Attentat seine Tochter, die den Holocaust überlebt hat, in Jerusalem begrüßt (vgl. S. 53–64). Die Stimmung ist aufgeheizt, denn gerade am Tag der Ankunft Tessas, am 29. November 1947, hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen für die Teilung Palästinas gestimmt – um die Neugründung des Staates Israel zu ermöglichen.
Der zweite Romanauszug (S. 91 f.) gibt aus der Sicht Tessas ein Gespräch mit Mo wieder, in dem sich beide, die in Nachbarhäusern leben, „über den Dächern von Jerusalem“ um das Recht darüber streiten, welches Volk das Land bewohnen dürfe. Dabei spielen auch religiöse Traditionen eine Rolle, insofern Mohammed vom Felsendom aus seine Himmelsreise unternahm, während der jüdische Tempel schon mehr als 1000 Jahre vor Mohammed dort seinen Platz hatte. Die Diskussion zwischen Mo und Tessa zeigt die Komplexität des Konflikts und das relative Recht beider Positionen (vgl. S. 87–94). Auch wenn allein das Gespräch keine Lösung bringt, können sich die beiden 15-Jährigen offen miteinander verständigen, sodass zwischen ihnen eine Freundschaft entsteht. Und obwohl sich die beiden aufgrund der Vertreibung der Palästinenser und politischer Verwicklungen 75 Jahre lang nicht wiedersehen, sind ihre Erzählungen über die Freundschaft der Same, der die Enkelgeneration von Anat und Karim zueinander führt.
Religiöse Bildung im Kontext von Krisen
Der Religionsunterricht steht in der Verantwortung, die Krise in Israel zu thematisieren. Die Bilder des Konflikts sind medial präsent, sodass Kinder und Jugendliche das Bedürfnis haben, sich zu informieren und die religiösen Hintergründe des Kriegs in Israel zu verstehen.
Indem er auf die komplexe Krise reagiert, konkretisiert der Religionsunterricht seine politische Dimension. Er ist kritisch, indem er dazu beiträgt, gewünschte Entwicklungen (z. B. demokratische Selbstbestimmung) von problematischen Entwicklungen (z. B. antisemitistischen Tendenzen) zu unterscheiden. Er ist emanzipatorisch, insofern er die gewünschten Entwicklungen fördert und Jugendlichen differenzierte Stellungnahmen ermöglicht. Das ist ein wichtiger Beitrag des Religionsunterrichts zur gesellschaftlichen Humanisierung (vgl. Jan-Hendrik Herbst: Kritisch-emanzipatorische Religionspädagogik, in: Grümme, Bernhard/Pirner, Manfred (Hg.): Religionsunterricht weiterdenken, Stuttgart 2023, 159–170).
Die Arbeitsaufträge zu den gewählten Textauszügen auf der Kopiervorlage, die ihr unten zum Download findet, sollen dazu motivieren, sich mit den historischen Hintergründen des Nahostkonflikts auseinanderzusetzen, um die Gewalt zu verstehen und Möglichkeiten für Lösungen des Konflikts zu erwägen, bei denen keine der beiden Parteien ihr Gesicht verliert.
Dass sich jüdische Menschen in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 wieder bedroht und unsicher fühlen, ist beschämend. Als Religionslehrkräfte können wir durch Information und Einfühlung – wie sie ein Roman wie der hier Empfohlene eröffnet – einen Beitrag leisten, antisemitischen Tendenzen zu wehren.
Kostenlos zum Download
Produktempfehlung
Eine Doppelseite zum Nahostkonflikt zur Bearbeitung bereits in Klasse 5/6 findet ihr in Leben Gestalten 1, S. 156 f. Dort geht es anhand der Lebenssituationen des elfjährigen Palästinensers Ahmed, der in Hebron im Westjordan lebt, und der neunjährigen Israelin Einav aus Jerusalem darum, die Lebenssituation der Dauerbelastung durch kriegerische Handlungen nachzuvollziehen und zugleich die friedenstärkende Wirkung gemeinsamer Projekte zu erfassen.
Über den Dächern von Jerusalem
von Anja Reumschüssel
336 Seiten
Carlsen Verlag, ISBN 978-3-551-58514-1
ab 14 Jahren


Hinterlasse einen Kommentar