Advent und Weihnachten sind wichtige christliche Festzeiten – und weit mehr als das. Längst hat sich – nicht nur in geschichtlich christlich geprägten Gesellschaften – eine ganz eigene Feierkultur entwickelt. In der spielen Geschichten, ob erzählt, gesungen oder verfilmt, eine wichtige Rolle. Im Religionsunterricht lässt sich damit gut arbeiten! Eine davon ist Ulrich Hubs „Das letzte Schaf“.
Ulrich Hub erzählt eine Geschichte, die eigentlich schon „auserzählt“ ist. Oder gibt es noch irgendetwas über Weihnachten und die Heilige Nacht zu berichten, was noch nie jemand in Worte gefasst hat?
„Das letzte Schaf“ ist so eine Geschichte. Eine Schafherde irgendwo weit draußen auf dem Feld erlebt etwas Außergewöhnliches. Ihre Hirten sind weg. Und dann ist da auch noch diese merkwürdige Botschaft! Alle sind deswegen schon auf den Beinen! Ein Kind ist geboren! Bestimmt ist es – ein Mädchen…
Die Schafe machen sich auf die Suche, ohne Hirten und ganz auf sich allein gestellt. Da müssen sie gut auf sich aufpassen und immer wieder durchzählen, obwohl ihnen die Sache mit den Zahlen gar nicht so liegt.
Bis sie irgendwann ankommen und merken, dass sie viel zu spät sind – der Glühwein ist ausgetrunken, die Leute und, vor allem, das Kind wer weiß, wohin, verschwunden –, erleben sie allerlei Abenteuer. In denen klingt immer wieder eine bekannte biblische Geschichte an, und es gibt viel zu entdecken und zu denken.
Synoptisch lesen
Deshalb eignet sich die Geschichte, die der KiKa 2020 verfilmt hat, gut für den Unterricht in den Klassen 5/6: Mit ihrer Hilfe lässt sich einerseits ganz klassisch in den synoptischen Vergleich der Weihnachtsevangelien nach Matthäus und Lukas einführen. Dazu kann der Text (vor-)gelesen oder die Verfilmung (s.u.) herangezogen werden. Die Lernenden sammeln alle Hinweise auf die Bibel, die sie entdecken: Die Verkündigung an die Hirten und die Geburt in der Krippe nach dem Lukasevangelium, aber auch den Hinweis auf den Besuch der Magier / Sterndeuter aus dem Osten, von denen Matthäus erzählt. Etwas versteckter findet sich auch ein Hinweis auf den Kindermord, die Josefsträume und die Flucht nach Ägypten – alles Motive aus dem Matthäusevangelium. Wer ganz genau hinschaut, findet im Buch zudem eine Anspielung an den Verrat des Petrus (Mt 26,27 – im Buch S. 52).
Theologisch lesen
Der Hinweis auf Mt 26,27 bringt wichtige theologische (christologische) Fragen ins Spiel: Was soll der Verrat des Petrus in einer Weihnachtsgeschichte? Es lohnt, dem theologisierend nachzugehen: Schließlich feiern Christinnen und Christen Weihnachten nur, weil sie vorher bereits Ostern gefeiert haben!
Medienkritisch lesen
Weihnachten ist ein Erzählereignis, und im Erzählen lassen sich sehr unterschiedliche Themen und Fragestellungen verbinden. Fiktion und Wahrheit haben viel miteinander zu tun! Die Lerngruppe kann das gut mithilfe des Arbeitsblattes selbst ausprobieren (Das Arbeitsblatt findet ihr ganz am Ende des Artikels).
Über die verschiedenen Fortsetzungsversuche kann vergleichend diskutiert werden: Was braucht eine gute Weihnachtsgeschichte? Warum ist Weihnachten überhaupt so ein Erzählfest? Wie erzählen die Kinder oder Jugendlichen von Weihnachten? Und wie macht das Ulrich Hub?
Hier lohnt der crossmediale Vergleich zwischen dem Buch und der Verfilmung durch den KiKa:
Der Film setzt viele Elemente des Buches werkgetreu um, verändert aber auch manches und setzt eigene Schwerpunkte. Ein wichtiges Erzählmoment des Buches kann er dabei nur sehr unzureichend adaptieren: Im Buch ist für die Lesenden bis ganz zum Schluss unklar, wie groß die Herde eigentlich ist. Durch geschickte Text- und Bildgestaltung wirkt die Herde sehr groß. Auch wenn nie mehr als sieben Schafe abgebildet sind, verschleiert die Art der Darstellung die tatsächliche Größe der Herde. Am Ende sind nicht nur die Schafe überrascht.
Diese Überraschung in den Film einzuholen, gelingt kaum. Die Herde aus sieben Tieren ist von Anfang an im Bild, nur die Schafe selbst tun sich mit dem Zählen schwer.
Während im Buch so eine geheime Gemeinschaft zwischen Schafen und Lesenden entsteht, die sich gemeinsam über die Zahl der Tiere wundern und gemeinsam einen neuen Anfang wagen, muss der Film hier passen. Mit der Lerngruppe kann genau dieser Aspekt medienkritisch herausgearbeitet werden: Was leistet ein (bebilderter) Text und wie unterscheidet er sich vom Film? Was würde ein Jesus-Video (nicht) leisten?
Mir hat die Suche der Schafe nach dem Mädchen in der Krippe viel Spaß gemacht. Und zu lernen gibt’s auch jede Menge. Also: Macht euch auf den Weg!

Das letzte Schaf
von Ulrich Hub und Jörg Mühle (Illustrationen)
80 Seiten mit farbigen Illustrationen
Carlsen Verlag Hamburg, 2018
ISBN: 978-3-551-55384-3
weitere Infos zum Buch


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