Nicht Afrika, nicht China, sondern gleich nebenan. Dorthin zieht Edith mit ihrer Familie. Weg aus dem hippen Berlin, rein in die drittgrößte Stadt Polens. Aber es fühlt sich nicht an wie ein Umzug ins Nachbarland. Irgendwie trennen Berlin und Krakau mehr als die 600 km auf der Landkarte. Viel mehr. Antje Bones erzählt eine ungewöhnliche Migrationsgeschichte in ihrem 2023 erschienenen Roman „Nebenan ist doch weit weg“.
Nebenan ist doch weit weg
Der Brief von der Szkoła, der neuen Schule, ist schon vor einiger Zeit gekommen. Aber obwohl Edith die sechsjährige Berliner Grundschulzeit gerade hinter sich hat, kann sie ihn nicht lesen. Während die Eltern sich freuen, dass Edith einen Schulplatz bekommen hat, erlebt die sich völlig hilflos. Ihr Polnisch reicht nicht. Noch Monate später wird sie in ihrem Tagebuch vom „Zungenbrecherland“ (S. 62) sprechen, wenn sie Polen meint. Lange Listen mit Wörtern sollen ihr helfen, sich zurechtzufinden.
Für die Eltern war der Umzug in den Osten ein lange gehegter Traum. Endlich haben sie hier Arbeit gefunden. Für Edith bedeutet er vor allem: Abschied. Sie lässt ihre Freundinnen Anne und Jack zurück. Die alte und morsche grüne Bank vor der Schule, auf der sie sich immer getroffen hatten. Die vertraute Wohnung. Dass nach den Ferien alle auf eine neue Schule wechseln werden – geschenkt. Denn eine neue Schule in Berlin unterscheidet sich von einer neuen Schule in Krakau wesentlich. Hier wird sie weiter eine Grundschule besuchen. Und für sie ist ganz klar: „Ich will keine Polin werden“ (S. 12).
Aber eigentlich bringt so ein Umzug viele neue Erfahrungen mit sich.
„Ich war noch nie Ausländerin“
– das stellt Edith rasch fest (S. 68). Doch in Krakau ist sie mehr als das. Sie ist die Niemką, die Deutsche. Auf ihr lastet eine Geschichte, von der sie bislang wenig weiß. Für manche ist sie nur ein Mädchen aus dem fern-nahen Berlin. Für andere repräsentiert sie das Land der ehemaligen Besatzer und Gewaltherrscher. „Geh nach Hause! Geh nach Deutschland!“, ruft eine Frau aus der Nachbarschaft (S. 65). Edith fragt sich, wo sie gelandet ist: „Nein, nicht Afrika, nicht China. Wir sind sozusagen nach nebenan gezogen, ins Nachbarland.“ (S. 51)
Neu sein und fremd sein – in Krakau fühlt sich das ganz anders an als in Berlin. Während Jack am Telefon von der Ferienreise nach Großbritannien erzählt und Anne zuerst von Italien und dann davon, dass sie sich verliebt hat, ist Polen für Edith ein Land ohne Heimkehr. Das liegt an der fremden Sprache, die nicht nur unvertraut, sondern fajny, uncool klingt und von der Edith bislang nur wenig versteht. Das liegt an den Vorurteilen, denen sie als Deutsche begegnet. Und das liegt an der Religion.
Begegnung mit Johannes Paul II, Jesus und dem Judentum
Die Autofahrt von Berlin nach Krakau verschläft Edith zu großen Teilen. Als sie aufwacht, sind es noch 87 Kilometer bis Krakau. „Vor uns fährt ein Lieferwagen. Hinten auf den Türen in Lebensgröße ein Mann mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht und in grellen Farben, wie bei einem Autoscooter oder irgendeinem anderen Kirmeswagen. Er hat ein komisches Gewand an – wie ein Heiliger oder so was.“ (S. 25) 87 Kilometer vor Krakau begegnet Edith Johannes Paul II.
Es bleibt nicht bei dieser ersten Begegnung mit dem Katholizismus. Und es bleibt nicht bei Bildern und Plakaten. In der Schule ist es Milena, die sich um Edith kümmert. Milena ist religiös – für Edith absolut unvorstellbar. Milena zeigt ihr etwas:
„Ein Bild von Jesus. Ja, das muss Jesus sein. Jesus in einem weißen Gewand. Mit einem Heiligenschein über dem Kopf. Aus seinem Herzen strahlen bunte Farben. Ich kann mich nicht erinnern, so ein Bild schon mal gesehen zu haben. Milenas Augen leuchten: ‚Das ist mein Schutz!‘“ (S. 128 f.)
- Wie Edith damit umgeht, erfahrt ihr im beigefügten Textauszug auf dem Arbeitsblatt (Download unter dem Beitrag).
- Das Bild, das Edith beschreibt, ist die Darstellung des barmherzigen Jesus nach den Visionen der Ordensfrau Faustyna Kowalska. Eine kurze Einführung dazu bietet Wikipedia.
Und noch eine Religion tritt in Ediths Leben. Beim Ausflug nach Kazimierz, das historische jüdische Viertel Krakaus, bleibt sie noch Beobachterin. Doch der jüdische Buchhändler Jerzy bringt ihr die doppelt fremde Welt näher. Und mit dieser Welt begegnet ihr nicht nur die jüdische Religion der Gegenwart. In den Büchern, die Jerzy verkauft, „geht es ums Jüdischsein. Um jüdische Geschichte. Um Juden in Polen, in Krakau und in Kazimierz. Es geht um jüdisches Essen, um die Synagogen. Es geht um den Krieg. Ein Wort taucht immer wieder auf. Auschwitz.“ (S. 188)
Dann entdeckt Edith in dem alten Haus, das die Eltern gekauft haben, auch noch ein verborgenes Zimmer. Zusammen mit Milena und Antek, einem Jungen aus ihrer neuen Klasse, erkundet sie dessen Geschichte. Alte Briefe bringen sie auf eine spannende Spur. War das Haus, in dem sie nun zu Hause sein soll, während der Besatzungszeit ein Versteck für ein jüdisches Kind?
Zusammen mit den Geheimnissen ihres Hauses lernt Edith nicht nur die Geschichte, die auf ihr lastet, besser kennen. Auch Milena mit ihrem Faible für den Katholizismus und Antek, der mit Religion wenig, dafür mit Computern sehr viel anfangen kann, werden für sie zu vertrauten Freunden. Die grüne Bank daheim in Berlin allerdings ist inzwischen rot gestrichen worden.
Auswandern Richtung Osten – Antje Bones erzählt von Migration aus einer ungewöhnlichen und spannenden Perspektive. Schon deshalb ist ihr Roman lesenswert. Mich selbst hat Ediths Begegnung mit dem Katholizismus fasziniert: In aller irritierenden Fremdheit bleibt die Religion sympathisch und stimmt nachdenklich. Nicht das Schlechteste, was man von einem Jugendbuch erwarten kann!
Kostenlos zum Download
Nebenan ist doch weit weg
von Antje Bones
mit Bildern von Michael Szyszka
304 Seiten
dtv, ISBN 978-3-423-64113-5
ab 11 Jahren


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