Anlässlich des Internationalen Kinderbuchtags am 2. April möchte ich euch das Buch „Elektrizität und Himmelsfische. Eine Fluchtgeschichte über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten“ von Andrej Bulbenko und Marta Kajdanowskaja vorstellen.
Das Buch beginnt ungewöhnlich und so bleibt es auch: Die kryptisch formulierte Aufbauanleitung für ein Kinder-Etagenbett eröffnet und gliedert den Text. Rasch wird klar: Nicht nur das Bett ist niemals aufgebaut worden. Sondern eine ganze Welt ist zerbrochen. „Elektrizität und Himmelsfische“ erzählt von einer Flucht um Leben und Tod in einem nicht enden wollenden Februar. Ich habe diese ganz besondere Roadstory über eine Familie, deren Leben vom Krieg zerbrochen wurde, für euch gelesen.
Elektrizität und Himmelsfische
Es ist bereits der 69. Februar. Andrej Bulbenko wohnt immer noch im Motel „Ruhebank“. Aber lieber nennt er es, wie Marzia (oder Marta Kajdanowskaja), „Ruhe sanft“. Wer weiß denn schon, ob es von hier ein Fortkommen gibt?
Marzia ist abgereist, zusammen mit ihrer Familie. Zwei Umschläge hat sie ihm vor ihrer Abreise gegeben. Wenn sie sich nicht meldet, soll er nach einer Woche den ersten Umschlag öffnen, hatte Marzia gesagt. Die Woche ist um – und da passiert es: Der Umschlag reißt auf, sein Inhalt zerstreut sich, die Ordnung, die es wohl einmal gab, ist dahin. Eine holperig aus dem Chinesischen übersetzte Aufbauanleitung für ein Kinderbett, 14 oder mehr Blätter, als Schmierpapier benutzt und von oben bis unten von Marzia beschrieben, und zwei Speicherkarten liegen auf dem Fußboden. Bulbenko sichtet alles: die unverständliche Aufbauanleitung und Marcias Text, den sie auf die Rückseite geschrieben hat, und die Speicherkarten. So stößt er auf Dokumente einer Flucht. Die Zerstörung eines Landes und vieler Leben bildet die Kehrseite der Aufbauanleitung: „Unser Produkt verbindet höchste Stabilität mit einfacher Aufbau …“ (S. 5). Die Ordnung der Seiten jedoch bleibt offen. So reiht sich Episode an Episode. Nichts ist mehr in der richtigen Reihenfolge, der Textfluss kaputt wie die Welt, von der Marzia erzählt. Doch nach und nach entsteht ein Panoptikum des Krieges, fokussiert auf ein Auto, eine Familie, auf Marzia, seine Protokollantin.
Episoden im Nirgendwo
„Mama, Papa und Terror-Toni. Und Großmutter. Und Großvater.“ (S. 13) Und natürlich Marcia: Die Aufzeichnungen Marcias lassen eine Familie im Auto und auf der Flucht vor der Front in einem namenlosen Gebiet lebendig werden. Das Gebiet kann man, wenn man will und die Zeichen zu lesen versteht, unschwer als die Ukraine im Februar 2022 identifizieren. Der Liveticker im Handy verbindet mit dem Frontgeschehen. Die Straße: Stau. Die Gespräche: Angst und Nonsens. Unterwegs: Begegnungen, etwa mit einem Hochzeitspaar, Straßensperren, ein ganzer Zoo. Und ein Kühlwagen mit der Aufschrift Cargo 200 (S. 73), dem Code für den Transport von Leichen. Der Bezugsort: Der „Ruppigon“ (S. 29 u. ö.), der wohl nicht zufällig fast schon wie der Rubikon aus der griechischen Sagenwelt klingt.
Der Krieg bricht herein, gerade als das Etagenbett geliefert wird.
„Ein lautes Poltern hatte mich geweckt: Oha, dachte ich, ein Gewitter. … Dann stürmte Terror-Toni herein, völlig überdreht: ‚ Marzi! Die ballern! …“ (S. 55).
Das Bett wird nie aufgebaut. Seine Bauanleitung wird zum Symbol einer Welt, die aus den Fugen geraten ist und sich nur noch im Fragment erzählen lässt.
Ein Leben in Bruchstücken
„Ich glaube, ich werde ihre Notizen mit den Videos mischen, ein bisschen chinesische Bauanleitung einstreuen (klar, das muss sein) und den ganzen Salat in Marzias Namen servieren – so, dass man ihr Gesicht darin erkennt und nicht meine bärtige Visage. Die Reihenfolge lasse ich, wie sie von selbst entstanden ist.“ (S. 11)
Die Episoden des Romans sind ungeordnet wie die Bruchstücke eines längst zerbrochenen Friedens. Die eigentlichen Autoren unbekannt, ihre Namen Pseudonyme, die Herausgeberschaft Bulbenkos Fiktion. Hinter den Namen verbergen sich Schicksale. Für manche Episoden, die sie erzählen, braucht es mehrere Anläufe wie für die, als die Familie ausgeraubt, der Vater vor aller Augen gedemütigt wird (S. 127–132), in der Kälte des soundsovielten Februar nackt durchsucht wird. Überhaupt, die Zeit: Wenn es März wird, könnte der Albtraum vorbei sein, aber es wird nicht März, sondern der Februar will und will nicht enden.
Inmitten dieser zerbrechenden Welt, in der sogar lebendige Fische vom Himmel fallen (S. 146 f.) und Schrottfernseher, elektrisch zum Leuchten gebracht, Hiobsbotschaften senden (S. 143), gibt es warmherzige Szenen wie die nachgestellte französische Hochzeit, die ein Paar mitten im Stau der Fluchtautos für die Verwandtschaft inszeniert, weil sie es doch nicht bis nach Brüssel geschafft hat (S. 36–42), oder den Stein, den Terror-Toni, die eigentlich Tonja heißt, der Mutter als Troststein in die Hand legt (S. 132).
Und es gibt Hoffnung – wenn auch nur in Form eines offenen Endes. Der zweite Umschlag, den Marzia zurückgelassen hatte, womöglich mit weiteren Aufzeichnungen über ihre Flucht, verbrennt bei einem Marschflugkörperangriff auf das Motel „Ruhebank“. Weitere Nachrichten von Marzia gibt es nicht. Oder doch? Am Ende erhält Bulbenko eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Ein weiteres Bruchstück in den zerbrochenen Welten. „Der Produkt ist fertig gestellt, enjoy! Willkommen in dieser fantastischen, spannenden, interaktiven …“ (S. 189).
Keine leichte Lektüre, und doch ein fesselnder Roman über unsere Zeit. Vielleicht lässt sie sich gerade so erzählen und verstehen: in Bruchstücken – und auf der Rückseite von Aufbauanleitungen aus Fernost.
Textquellen: Andrej Bulbenko, Marta Kajdanowskaja: Elektrizität und Himmelsfische. Eine Fluchtgeschichte über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten. Übers. v. Olga Radetzkaja u. Henriette Reisner. dtv München 2024, S. 5, 11, 13, 29, 189 © Samtambooks.com
Kostenlos zum Download
Elektrizität und Himmelsfische
von Andrej Bulbenko und Marta Kajdanowskaja
übersetzt von Henriette Reisner und Olga Radetzkaja
192 Seiten
dtv, ISBN 978-3-423-44480-4
ab 14 Jahren
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