Die „Reformation“ gehört zu den wenigen (welt-)geschichtlichen Ereignissen oder Epochen, die mithilfe eines einzelnen Begriffs (eben: dem Begriff „Reformation“) eindeutig zu identifizieren sind. Wer von „der Reformation“ redet, meint den durch Martin Luther und andere im 16. Jh. angestoßenen Kampf um die Erneuerung der Kirche. „Die Reformation“ gilt als der Aufbruch in die Neuzeit, als Ende des Mittelalters; sie gilt als „Zeitenwende“ und als erster Schritt in die Moderne. Als „historischer Kern“, als markanter Auftakt der Reformation wird gerne der sog. (historisch nicht nachweisbare!) Thesenanschlag Luthers an die Schlosskirche in Wittenberg in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1517, also dem Vorabend von Allerheiligen, genannt. Seit dem Jahr 1617 finden deshalb regelmäßige Reformationsjubiläen statt. Spätere Reformationsjubiläen fielen in Kriegszeiten (1917!) oder erbrachten die Union von Lutherischen und Reformierten (1817!). Heutige Lehrkräfte erinnern sich noch an das jüngste Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Der 31. Oktober 2017 wurde auf Beschluss des Deutschen Bundestages einmalig als bundesweiter Feiertag begangen. Die Reformation ist unausweichlich. Kurzum: „Die Reformation“ ist ohne Zweifel eine welthistorische Epoche. Aber das wäre Thema des Geschichtsunterrichts.
Was uns hier beschäftigen soll ist die Frage: Was ist das Besondere, das Einschneidende, das Hervorzuhebende und zu Bewahrende an „der Reformation“? Was sollte damals „reformiert“, also irgendwie runderneuert, zurechtgebracht, neugedacht und zurechtgerückt werden? Was davon ist es wert, heute noch gelernt, gewusst und reflektiert zu werden? Ich stelle im Folgenden drei Praxisimpulse vor, die einzeln oder in Kombination im Unterricht durchgeführt werden können. Einer davon handelt bereits vom in den einleitenden Sätzen angeklungenen Stichwort der „Reform(ation)“: Was heißt hier „re-formieren“, was heißt „Reform“ und warum dann auch noch „Reformation“? Der dazu passende Praxisimpuls – Reformation: Was wollen wir reformieren? – erfolgt allerdings erst als dritter Impuls. Der erste Impuls hat die Überschrift: Was wollte Luther eigentlich? und kreist um die von Fachleuten sog. reformatorische Exklusivpartikel „allein“, lateinisch „solus“: allein Christus, allein die Gnade, allein die Schrift, allein der Glaube. Zweitens gibt es ein denkwürdiges Luther-Zitat aus seiner Heidelberger Disputation von 1518, mit dessen Hilfe sich meines Erachtens am besten das klassische reformatorische Stichwort von der „Rechtfertigung des Sünders“ bearbeiten lässt: Die menschliche Liebe und die Liebe Gottes. Der dritte Impuls zum Begriff der Reform kann auch als eine Art Ergebnissicherung verstanden werden.
Einstieg: Renovieren oder reformieren?
Sprachlich unterscheiden wir zwischen „renovieren“ und „reformieren“. Im ersten Fall geht es darum, etwas (wie) neu zu machen, im anderen Fall um ein neues Format oder eine neue Formatierung.
In der aktuellen Tagespolitik gibt es einen inflationären Gebrauch der Vokabel „Reform“: Renten-, Pflege-, Bildungs-, Oberstufen- … und Gesetzes-Reform, um nur einige Reformen zu nennen. Der Ruf nach Reform signalisiert so etwas wie den Willen, Zustände zu korrigieren. Das war in der Geschichte der christlichen Kirche nicht anders, und zwar bereits zwei Jahrhunderte vor der sog. Reformation. Es geht um den Ruf nach einer „Reform der Kirche an Haupt und Gliedern“. Mit „Haupt“ der Kirche sind Papst und Kurie gemeint, mit „Gliedern“ die Christenmenschen und Gemeinden und wie sie ihr Christsein leben und verstehen. Dieser Ruf nach Reform war so verbreitet, dass beispielsweise das sog. Reformkonzil von Konstanz (1414–1418) ein eigenes Arbeitsfeld hatte, das wörtlich diesen Titel trug: „Monita de necessitate reformationis ecclesiae in capite et in membris“1 (= Forderungen nach einer dringend nötigen Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern) Was aber galt als reformbedürftig? Ich nenne auszugsweise: Mönchische Bewegungen hatten schon seit langem kritisiert, dass Papst und Kurie in Rom sich gebärdeten wie feudale Fürsten; die Pfründewirtschaft – wir würden heute sagen: Ämterkauf und Korruption – führte dazu, dass nicht die Besten, sondern die Raffiniertesten und Reichsten hohe kirchliche Ämter erhielten; die Liebe der ersten Christen sei erkaltet, an ihre Stelle tritt Gier nach Macht und Geld. Müsste die Kirche Jesu Christi nicht überhaupt eine arme Kirche sein? Im Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Ecco kann man diese Diskussion hautnah mitverfolgen (Fußnote: Wer mehr wissen will über die Reformbemühungen vor Luther).
Kurzum: Luther hat die Forderung nach einer Reform seiner Kirche nicht erfunden, sondern vorgefunden. Was er aber auch vorgefunden hat: Die in der Vergangenheit vollzogenen Reformen haben das Grundübel, nämlich die Entfernung der Kirche von ihrem Grund, dem Evangelium, nicht beseitigt. Frühere Reformer wurden exkommuniziert (aus der Kirche, vor allem von der Eucharistie und allen Ämtern, ausgeschlossen) oder Schlimmeres; Jan Hus aus Böhmen wurde hingerichtet – ausgerechnet auf dem Reformkonzil von Konstanz!
Was Luther vor allem auszeichnet, ist seine Analyse der Not seiner Kirche und seine Lösung: Es fehlt der Kirche an ihrem Grund, dem Glauben, genauer: dem exklusiven Glauben an Jesus Christus und sein Evangelium. Was heißt das konkret und exemplarisch?
Erster Impuls: Was wollte Luther eigentlich?
Was Luther suchte, war Gewissheit, genauer: Gewissheit im Glauben. Gewissheit, mit der wir fröhlich leben und getrost sterben können. Diese Gewissheit (lat.: certitudo) unterschied er strikt von Sicherheit (lat.: securitas). Gewissheit (certitudo) gründet in dem Vertrauen, dass etwas „gewisslich wahr“ ist (das war Luthers Übersetzung für das hebräische Wort Amen!), auch wenn mich Zweifel überkommen. Sicherheit hingegen (securitas) ist starr und durch Äußerlichkeiten wie Macht, dicke Mauern, Unbeweglichkeit und Strafe abgesichert. Gewissheit ist tröstlich, Sicherheit ist bedrohlich. Und genau so erlebte er seine Kirche: Durch Macht (Papst und Kurie!), Strafandrohung (Jüngstes Gericht! Hölle!) und Willkür (lateinische Messe, die kein Mensch versteht, lateinische Bibel, die kein Mensch lesen kann!) eingemauert, in Babylonischer Gefangenschaft, so der Titel einer seiner reformatorischen Hauptschriften aus dem Jahr 1520. Was aber gibt mir Gewissheit – wie kann ich getrost Christ sein? Auf diese Frage fand Luther vier Antworten, nämlich: 1. der Glaube! und zwar dezidiert 2. an Jesus Christus!, wie er 3. bezeugt ist in der Heiligen Schrift! Diese Einsicht, dieses Geschenk, diese Fokussierung ist nichts anderes als 4. ein Ausdruck der Gnade Gottes. Die Kopiervorlage „Gewissheit im christlichen Glauben“ bietet eine Vorlage, diese vier Grundeinsichten Luthers, die Reaktion seiner Kirche und wiederum Luthers Schlussfolgerung mit den Lernenden zu erarbeiten. Darum erfolgt hier nur eine knappe Skizze.
Glaube, Jesus Christus, Gnade und Bibel: Was ist daran so anstößig? Antwort: Nichts – und zugleich alles. Alles – Glaube, Christus, Gnade, Heilige Schrift – ist aller Ehren wert, sagen Luthers theologische Gegner, und in der Kirche unstrittig. Aber es fehlt, so die römisch-katholischen Autoritäten seiner Zeit, zu allen vier Antworten etwas Entscheidendes. Zu Glaube, Jesus Christus, Gnade und Heiliger Schrift muss jeweils etwas hinzugesetzt werden:
- Was ist der Glaube ohne gute Werke? (vgl. Gal 5,6)
- Jesus Christus ist Anfänger und Vollender des Glaubens (Hebr 12,2). Aber wo bleibt die „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,12), sprich die Heiligen, die Christus bezeugen?
- Gnade ist das Entgegenkommen Gottes. Aber es braucht doch auch den Willen des Menschen, die Gnade überhaupt erst anzunehmen (vgl. 2. Kor 5,20).
- Die Heilige Schrift ruht im Schoß der Kirche. Es braucht deshalb die Auslegungstradition der Kirche, die sicherstellt, dass nicht jede und jeder hineinliest und hineinlegt, was der jeweiligen Zeit gefällt (vgl. 1. Tim 3,15).
Und Luther antwortet …
- Ach, die „guten Werke“! Dienen unsere guten Werke nicht der Selbst-Rechtfertigung, sind wir mit unseren Taten nicht furchtbar selbstgerecht? Müssen wir mit dem Versuch, „gut“ zu handeln, nicht notwendigerweise immer scheitern? Haben Menschen in guter Absicht nicht schreckliche Taten vollbracht?
- Ach, die Heiligen! Schau sie dir an, die Heiligengeschichten: Sind nicht unzählige Sagengestalten, Übeltäter und Legenden „Heilig“? Wie kann man „Heilige“, die verstorben sind, im Himmel anrufen? Ist das nicht Totenkult für den Gott des Lebens?
- Ach, der menschliche Wille! Ist der menschliche Wille denn frei? Ist er nicht wie ein Esel, der dorthin läuft, wohin man ihn reitet? Wollen die Menschen denn die Gnade Gottes – oder nicht vielmehr Recht behalten vor Gott?
- Ach, die Tradition der Kirche! Hat die Kirche nicht schon oft geirrt? Können nicht selbst Konzilien, also die höchsten Beratungsgremien der Kirche, irren: Ist die Ehelosigkeit der Priester, der sog. Zölibat, nicht eine späte Erfindung einer müde werdenden Kirche? Die Transsubstantiation, die Heiligsprechungen …?
Zweiter Impuls: Die menschliche Liebe und die Liebe Gottes
Im April 1518 fand in der Universitätsstadt Heidelberg ein sog. Generalkonvent von Luthers Mönchsorden statt, den Augustinereremiten. Luther nahm selbst an diesem Generalkonvent in Heidelberg teil und brachte dafür 40 Thesen mit, in denen er für sich einen Schlussstrich zog unter der klassischen, sog. „scholastischen“ Theologie, die vor allem mit dem Namen Thomas von Aquin verbunden ist. Das war am 26. April 1528. Neben anderen ist vor allem Luthers These 28 berühmt geworden, die folgenden Wortlaut hat: „amor dei non invenit, sed creat suum diligibile. amor hominis fit a suo diligibili“ – Übersetzt: „Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. Die Liebe des Menschen [hingegen] entsteht nur an dem, was sie liebenswert findet.“2
Mit anderen Worten: Als Menschen überfällt uns die Liebe dann, wenn ein Mensch anziehende Wirkung auf uns hat. Wir lieben das Liebenswerte.
Gottes Liebe ist kreativ, also schöpferisch: Sie erschafft sich förmlich ihr geliebtes Gegenüber, das nun in Gottes Augen liebenswert ist. Wir sind geliebte Kinder Gottes. In der Sprache der Tradition: Wir sind vor Gott und durch Gottes Liebe „zurechtgemacht“, oder „gerechtfertigt“. Das ist eines der Kernstücke von Luthers „reformatorischer Entdeckung“: Gott stellt sein Recht her, indem er uns aufrichtet. So ist die Liebe Gottes. Dem Nachdenken darüber, was Liebe kann, was Liebe bewirkt und wie sich womöglich Gottes Liebe und menschliche Liebe unterscheiden, dient die Kopiervorlage „Was die Liebe kann“.
Dritter Impuls: Renovieren – Reformieren – Reformation
Ich denke, den meisten Jugendlichen ist der Begriff des Renovierens (eines Raumes, einer Wohnung …) im Sinne der Erneuerung, Modernisierung, Sanierung bekannt.
Hier soll es um Reform(ation) gehen. Als Faustregel mag zur Unterscheidung dienen: Renovieren heißt (wieder wie) neu machen; reformieren heißt: im Sinne der ursprünglichen Idee neu formatieren.
Ich schlage auf der Kopiervorlage „Kirche immer im Umbau“ Sätze vor, die daraufhin befragt und anschließend reflektiert werden, ob sie wohl einer Reform der Kirche im Sinne Luthers oder besser: im Sinne Jesu Christi, der Gnade, des Glaubens und der Bibel entsprächen. Es geht darum ins Gespräch zu kommen über eine Kirche, die als „immer im Umbau“ befindliche ihrem Auftrag treu bleibt. Diesen Impuls könnt ihr als Ergebnissicherung oder als Einstieg wählen.
Ein möglicher Sprechtext zur Erläuterung der Kopiervorlage könnte lauten:
Wenn wir ein Zimmer, eine Wohnung, ein Haus renovieren, dann versuchen wir alles, was abgenutzt und verbraucht ist, wieder wie neu zu machen. Wir streichen Wände und Fenster, wir tapezieren, wir verlegen neue Bodenbeläge. Vielleicht sind aber die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses mit dem Haus älter geworden. Unsere ursprüngliche Idee war: Gemeinsam alt werden, nachhaltig leben, behaglich, offen für andere. Dafür reichen ein neuer Anstrich oder neue Tapeten nicht mehr aus. Damit das gelingt, brauchen wir vielmehr eine ganz andere Heizung, einen Aufzug und ein isoliertes Dach, ein Gästezimmer und Stellplätze vor dem Haus. Wir brauchen einen ganz neuen Ansatz für die ursprüngliche Idee. Das ist im Bild gesprochen: Wir wollen nicht renovieren, sondern reformieren. Das wollten auch Martin Luther und seine Anhängerinnen und Anhänger: Reform(ation) der Kirche an Haupt und Gliedern. Kirche neu denken – so, wie sie von Anfang an gedacht war.
1 Avisamenta edita in concilio Constanciensi. Unter: https://www.geschichtsquellen.de/werk/4484 (Bearbeitungsstand: 17.04.2024, Zugriff: 13.10.2025)
2 Die Heidelberger Disputation. Unter: http://www.reformatorischeschriften.de/Hddisp/hddisput.html#28 (Zugriff 14.10.2025, gek.)








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