Erntedank – eines der bekanntesten christlichen Feste
Während die ersten drei genannten auf große und großartige, erhabene biblische Erzählungen vom Gott-Menschlichen zurückgehen – Gott kommt in Jesus Christus zur Welt! – Gott gibt in Jesus Christus sein Leben für unseren Frieden! – Gott verwendet und verschwendet den Geist Jesu für unseren Glauben und unsere Hoffnung! – fehlt für das Erntedankfest eine solche Erzählung.
Pragmatisch-säkular (aber leider nicht ganz zutreffend) könnte man sagen: Ostern, Pfingsten, Erntedank und Weihnachten entsprechen in etwa den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Theologisch werden die vier Feste durch das Apostolische Glaubensbekenntnis zusammengehalten: „geboren von der Jungfrau Maria“, „gekreuzigt, gestorben, begraben, …. auferstanden“, „Heiliger Geist“ und „Auferstehung von den Toten“1.
Und schließlich, sogar an erster Stelle: Das Bekenntnis zu Gott als dem väterlichen Schöpfer, „dem Allmächtigen“, dem wir unser Leben, unser Gedeihen, unsere Ernte verdanken. Diesem besonderen Herbstfest, dem „Erntedank“, gelten die folgenden Praxisimpulse.
Dankbarkeit für die Ernte
Doch nun mögen sich bei dem einen oder der anderen Bedenken melden: Ist „Dankbarkeit“ für „Ernte“ nicht etwas aus der Zeit gefallen, buchstäblich etwas „rustikal“ (der Duden übersetzt dieses Fremdwort gehörig kränkend mit „von bäuerlich-robuster, unkomplizierter, schlichter Wesensart“!2); kann man Kindern und Jugendlichen in Stadt und Land noch Dankbarkeit für das Einbringen von Ackererträgen abverlangen, wo selbst „Bio-Produkte“ heute längst aus Übersee kommen und heimischer Mais zu Biogas vergoren wird?
Solche Einwände gegen romantisch-bäuerliche Dankbarkeit ließen sich noch fortsetzen und sind ernst zu nehmen und zu bedenken (denkbar dankbar!), denn andernfalls drohte dem Religionsunterricht und dem Glauben der Ruf einer naiven, rückwärtsgewandten und unaufgeklärten Romantik. Religiöse Bildung und Bildung in Religion(en) wollen stattdessen erweisen, dass Religion zu allen Zeiten auf existentielle, das heißt: zu jeder Zeit aktuelle Grunderfahrungen und Grundfragen tragfähige Antworten anbietet, gerade auch unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Ich halte die Verknüpfung von Ernte und Dank für hoch aktuell und für hoch bedeutsam und schlage dafür vier Impulse vor.

REB-Unterricht-Religion-Erntedank-Altar
Geschmückter Kirchenaltar zu Erntedank
Impulse zu Ernte und Dank
Meine Überlegungen beginnen mit der „Ernte“. Der Begriff beschreibt, dass Menschen Erträge einholen, die sie nicht selbst hervorgebracht, aber für die sie einiges getan haben. Es geht beim Ernten also um die Dialektik vom Handeln und vom Geschehenlassen. Der zweite Gedanke ist eng damit verknüpft. Es ist der Gedanke der Dankbarkeit. Der dritte ist ein Interreligiöser: In keiner Frage sind sich Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden und Musliminnen und Muslime so einig wie in der Frage: Wem verdanken wir das Wunder des Lebens und das Vertrauen auf den Schutz unserer Existenz? Und deshalb, viertens, drängt sich beim Nachdenken über Gründe für Dankbarkeit auch der Gedanke der Undankbarkeit auf: Eine „Ethik des Erntedanks“ nimmt Anstoß daran, dass laut Auskunft des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat allein in Deutschland jährlich fast 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden, davon fast 60% in unserem Hausmüll.
Zum Einstieg kann es erforderlich sein, auf den kirchlichen (nicht staatlichen!) Feiertag des Erntedankfests hinzuweisen, der im Christentum nach dem Michaelistag (29. September), in der Regel am ersten Sonntag im Oktober begangen wird.
Nachdem alle großen Religionen zu Zeiten entstanden sind, als die Menschen in noch viel höherem Maße als wir heute von Natur und Landwirtschaft abhängig waren, damit sie über ausreichende Nahrungsmittel und Vorräte verfügten, verstehen wir, dass Ernteerträge immer auch ein Gegenstand der Sorge und, im positiven Fall, ein Grund für Freude, Erleichterung und Dankbarkeit waren. Erntefeste lassen sich deshalb bis in die früheste Zeit der Menschheitsgeschichte in allen Religionen nachweisen.
Was sich geändert und weiterentwickelt hat: Landwirtschaft, Anbaumethoden und Wachstumsbedingungen sind wissenschaftlich erforscht und beeinflussbar. Ernte ist nicht einfach gottgegeben. Und Missernte bedeutet nicht Hunger, denn was hier bei uns nicht wächst, kann durch globalisierte Handelswege überall besorgt und überallhin verfrachtet werden. Aber unverändert gilt: Menschen können Wachstum, Reife und Ernte allenfalls stützen, fördern und bewirtschaften, aber niemals erzeugen.
1. Gott sei Dank: Dankbarkeit
Der amerikanische Philosoph und Psychoanalytiker Jonathan Lear hat in der ZEIT vom 17. August 2025 einem überraschenden Thema Raum gegeben: Der Dankbarkeit. Als Schüler Sigmund Freuds weiß er viel darüber, wie wir als aufwachsende menschliche Wesen ganz und gar abhängig sind von Brust, Haut, Zuwendung und Anerkennung und entsprechend geprägt werden von Eltern, Beziehungen, Urvertrauen – kein anderes Säugetier kommt so „unfertig“ zur Welt wie wir! Doch erst allmählich wird uns bewusst: All das sind Geschenke, auf die wir existentiell angewiesen sind. Wir verdanken unser komplettes Leben anderen Menschen, wir leben nicht aus uns selbst allein. Und diese Grundeinsicht ist es, die zwar nicht notwendigerweise, aber sinnvollerweise religiös gedeutet werden kann: Gott sei Dank gibt es mich! Der Frage „Was macht mich dankbar?“ geht die Kopiervorlage „Dankbarkeit“ nach.
2. Ernten: Das Mögliche tun und das Eigentliche geschehen lassen
Ignatius von Loyola (1491–1556), dem Gründer des Jesuitenordens, wird ein Ausspruch zugeschrieben, der sich leider nicht belegen lässt und der in unterschiedlicher, scheinbar gegensätzlicher Weise überliefert wird: „Bete, als hinge alles von dir ab, handle, als hinge alles von Gott ab.“3 Die andere Überlieferung lautet: „Bete, als hinge alles von Gott ab; handle, als hinge alles von dir ab.“4 Trotz eines scheinbaren Gegensatzes ist die Bedeutung in beiden Versionen dieselbe: „Vertraue bedingungslos auf Gott!“ – aber zugleich: Missbrauche oder missverstehe dein Vertrauen in Gott nicht als Argument für eigene Untätigkeit, als Argument für den Verzicht auf eigene Anstrengung. Im Gedanken der landwirtschaftlichen Ernte begegnet genau diese Dialektik: Gib alles Menschenmögliche, damit möglichst viel wächst und gedeiht; aber sei dir stets bewusst: Wachstum und Gedeihen liegen nicht in der Hand des Menschen. Diese für den christlichen Glauben und die christliche Lebensführung signifikante Spannung zwischen „Das Menschenmögliche tun“ und „auf das Wirken Gottes vertrauen“ wird auf der Kopiervorlage „Mögliches und Eigentliches“ thematisiert.
3. Der Glaube an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde
In keiner Glaubensüberzeugung sind sich Judentum, Christentum und Islam so einig wie in der Überzeugung, dass sich die sichtbare und die unsichtbare Welt – kurz: alles, was ist! – der Kreativität, also der Schöpfermacht Gottes, verdanken. So beginnt das Erste Testament, und der Gedanke kehrt bei den Propheten, bei den Psalmen und bei den Weisheitsschriften wieder. Das Zweite Testament übernimmt diesen Glauben ohne Einschränkung und bezieht Jesus Christus in den Schöpfungsglauben mit ein: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes […]. Denn durch ihn wurde alles geschaffen […] und alles hat in ihm sein Ziel.“ (Kol 1,15.16)5. Und auch der Koran bezeugt, dass Allah es ist, „der, in Wahrheit, die Himmel und die Erde erschaffen hat. Und am Tage, da er spricht: ,Sei!‘ – dann ist es. Sein Wort ist die Wahrheit.“ (Sure 6:73)6. Die Verknüpfung des Glaubens an die Schöpfermacht Gottes mit dem Glauben an die Einzigkeit Gottes durch Ibrahim (Sure 6:75-79) findet sich in reli plus 1, S. 46 („Wie Muslime von Gott reden“). Die Kopiervorlage „Der Glaube an Gott“ bietet eine Paraphrase der Koranstelle sowie Schöpfungstexte aus beiden Testamenten.
4. Ernte(un)dank: Lebensmittelvernichtung und Foodsaver
Erntedank, also die Erleichterung darüber und die Dankbarkeit dafür, dass uns ausreichend viele Lebensmittel buchstäblich „zuwachsen“, sollte nicht verschweigen, dass wir gleichzeitig ungeheure Mengen von einwandfreien Lebensmitteln Tag für Tag vergeuden, vernichten und entsorgen. Seriös und anschaulich illustriert dies beispielsweise das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Für das Jahr 2024 werden dort für Deutschland 10,8 Mio Tonnen weggeworfener Lebensmittel dokumentiert, davon in privaten Haushalten ca. 6 Mio Tonnen. Das ist, grob umgerechnet, die unglaubliche Menge von 100 kg pro Person und Jahr, oder, besser vorstellbar: 2 kg pro Woche. Auf diesen Umstand machen zahllose Initiativen wie Foodsaver, Foodsharing oder Vesperkirchen aufmerksam und schaffen Abhilfe. Die Erntedank-Altäre in unseren Kirchen werden schon lange so gestaltet und organisiert, dass alles, was am Sonntag die Kirche schmückt, spätestens am Montag in Küchen, Einrichtungen und Tafelläden ankommt. Durch das Nachdenken über Verschwendung wird der (Ernte-)Dank glaubwürdiger: denkbar dankbar.
Rechercheaufgaben zum Umgang mit Lebensmitteln
Hier liegen Recherche-Aufgaben mit entsprechender Präsentation nahe, zum Beispiel:
- Fotografiert einen oder mehrere geschmückte Altäre für das Erntedankfest am 5. Oktober 2025. Recherchiert, was mit den Früchten und Produkten anschließend geschieht.
- Auch bei uns zu Hause werden Lebensmittel weggeworfen! Erstelle ein Tagebuch von Sonntag bis Sonnabend, in dem du möglichst ehrlich notierst, welche und wie viele Lebensmittel Tag für Tag im Müll landen.
- Was tun Foodsharer und Foodsaver, was ist containern, was verbirgt sich hinter Too Good To Go?
- Recherchiere und beschreibe Initiativen gegen die Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln.
- Was davon gibt es in deinem Wohn-/Schulort?
- Wie könnte dein eigener Beitrag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln aussehen?
Ich wünsche euch gutes Gelingen bei der Umsetzung der Unterrichtsimpulse!
1 Apostolisches Glaubensbekenntnis. Das Glaubensbekenntnis der westlichen Christenheit. Unter: https://www.ekd.de/apostolisches-glaubensbekenntnis-10790.htm (Zugriff 03.09.2025, gek.);
2 https://www.duden.de/rechtschreibung/rustikal (Zugriff 03.09.2025, gek.)
3 Ignatius von Loyola, Zitat. Unter: https://gutezitate.com/zitat/195820 (Zugriff 03.09.2025)
4 Ignatius von Loyola, Zitat. Unter: https://gutezitate.com/zitat/195820 (Zugriff 03.09.2025, gek.);
5 BasisBibel © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
6 Der Koran. Übers. v. Hartmut Bobzin. C. H. Beck München 2019;







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