Die Tradition des Totengedenkens
Der Umgang mit Tod und Trauer in unserer Gesellschaft ist geprägt durch Zurückhaltung und Stille. Sterben und Tod sind Randphänomene, weil Menschen heute nur noch selten im Kreis der Familie sterben. In dem Maße, in dem der Umgang mit Sterben und Tod professionalisiert wird, schwindet auch die Erfahrung, wie mit Tod und Trauer umgegangen werden kann. Dabei sind Rituale und verlässliche Strukturen gerade in Krisenzeiten eine Stütze im Leben.
In katholischen und evangelischen Gottesdiensten hat das Gedenken an die Verstorbenen einen festen Platz. Beide Konfessionen teilen die Hoffnung auf Auferstehung, aber die Art des Gedenkens und die theologischen Akzente sind im Detail verschieden.
In der katholischen Tradition geht es beim Totengedenken nicht nur um ein reines Gedenken an die Verstorbenen. Damit verbunden ist immer das Gebet für das „Seelenheil“ der Verstorbenen, das am Grab und in der Messe gesprochen wird. Ein bekanntes Totengebet der katholischen Tradition lautet: „Herr, gib N. und allen Verstorbenen die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihnen. Herr lass sie ruhen in Frieden. Amen.“1
Dahinter steht die Zuversicht, dass alle Gläubigen durch Christus untereinander verbunden sind, und dass diese Verbundenheit auch über den Tod hinaus besteht. Das Entzünden von Kerzen und das Bitten für die Verstorbenen gehören zur katholischen Tradition dazu.
In der evangelischen Tradition werden die Verstorbenen und ihre trauernden Angehörigen im Sonntagsgottesdienst nach der Beisetzung ins Fürbittengebet eingeschlossen. In vielen evangelisch-lutherischen Gemeinden wird außerdem ein Trauerchoral gespielt oder gemeinsam mit der Gemeinde gesungen (z. B. „So nimm denn meine Hände“ EG 376). Auch hier ist es oft Brauch, eine Kerze für die Verstorbenen zu entzünden, die die Angehörigen nach dem Gottesdienst mit zum Grab nehmen können. Die gelebte liturgische Praxis hängt stark von der jeweiligen Kirchengemeinde ab. In der evangelisch-reformierten Tradition wird das Totengedenken weniger ritualisiert gestaltet. Im Fokus steht hier die biblische Botschaft von der Auferstehung und die Seelsorge für die Trauernden.
1 Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch, Ausgabe für das Bistum Passau. Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2014, Nr. 28.8
Neben dem Totengedenken im gottesdienstlichen Rahmen kennen beide Konfessionen spezielle Totengedenktage im November. Für die evangelische Perspektive muss aber zwischen der lutherischen und der reformierten Tradition unterschieden werden.
In der katholischen Tradition ist der 1. November der Gedenktag aller christlichen Heiligen, weshalb er „Allerheiligen“ genannt wird. Der 2. November heißt in der katholischen Tradition „Allerseelen“ und ist der Tag, an dem allen Verstorbenen gedacht und für ihr Heil gebetet wird. Das Brauchtum zu Allerseelen ist regional stark unterschiedlich und kann sowohl das Schmücken der Gräber mit immergrünen Zweigen und Grabkerzen, den Besuch auf dem Friedhof mit Gebet am Grab oder auch ein gemeinsames Essen im Familienkreis umfassen.
In der evangelischen Tradition erfüllt der „Ewigkeitssonntag“ dieselbe Funktion. Hier gilt es jedoch zu beachten, dass der Gedenktag in evangelisch-reformierten Gemeinden eine untergeordnete Rolle spielt bzw. gar nicht begangen wird. In evangelisch-lutherischer Tradition liegt er seit 1816 (auf Anordnung des preußischen Königs) auf dem letzten Sonntag des Kirchenjahres. Umgangssprachlich wird dieser Gedenktag auch als „Totensonntag“ bezeichnet.
Am Ewigkeitssonntag besuchen die Menschen die Friedhöfe und schmücken meist bereits vor diesem Tag die Gräber ihrer Angehörigen ebenfalls mit immergrünen Zweigen und Grabgestecken. Das Aufstellen von Grablichtern wird dabei in den letzten Jahren überkonfessionell immer beliebter, eine verbindende Entwicklung, da dieser Brauch in manchen protestantisch geprägten Regionen in der Vergangenheit als „typisch katholisch“ eher abgelehnt wurde. In den Gottesdiensten des ausgehenden Kirchenjahres werden die Verstorbenen in der Regel namentlich verlesen.
Neben den christlichen Totengedenktagen gibt es außerdem noch den Volkstrauertag. Dieser ist seit 1952 festgelegt auf den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent. Er ist ein staatlicher Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer von Gewalt und Krieg. An Kriegsgräbern und Gedenkstätten werden Kränze niedergelegt. Auch wenn es sich um einen weltlichen Gedenktag handelt, wird dieser oft auch durch Pastorinnen und Pastoren begleitet und im Gottesdienst aufgegriffen.
Die Beschäftigung mit Totengedenktagen im Unterricht
Typisch für das traditionelle Totengedenken im November ist das Schmücken der Gräber mit Gestecken und Grablichtern. Dies ist für die Lernenden auch in ihrer Lebenswelt wahrnehmbar. Was kulturell einerseits fest verankert ist, tritt andererseits durch die gesellschaftlichen Phänomene einer kommerziell immer früher beginnenden Vorweihnachtzeit und Halloween (am Vorabend von Allerheiligen → All Hallows‘ Eve) zunehmend in den Hintergrund. In der unterrichtlichen Auseinandersetzung kann der Blick für den Sinn und Zweck der stillen Tage im November geschärft werden.
Konkret könnte der Zugang zu dieser stillen Art der deutsch-christlichen Trauerkultur über ein Foto erfolgen, auf dem die Tradition des Grabschmückens zu sehen ist. Schülerinnen und Schüler können auf dieser Basis auch von eigenen Erfahrungen sprechen.
Nach dieser Annäherung kann die Erarbeitung der Totengedenktage erfolgen. Hierfür kann die Lerngruppe arbeitsteilig Informationen zu Allerheiligen und Allerseelen sowie zum Ewigkeitssonntag und dem Volkstrauertag recherchieren. Die Zusammenstellung über die „Stille Zeit im November“ auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Deutschland ist eine gute Quelle dafür.
Nach der arbeitsteiligen Recherche können die wichtigsten Eckdaten rund um die Totengedenktage gemeinsam festgehalten werden. Dazu kann das Material hier im Download genutzt werden.
Während die deutsch-christliche Tradition des Totengedenkens im grauen November von Stille geprägt ist, gibt es in anderen Kulturen fröhlichere Formen des Totengedenkens. Auch das kann – gerade im Kontrast zur eigenen Tradition – eine spannende Auseinandersetzung sein. Über diesen Link gelangt ihr zu einem Radiobeitrag über den „Tag der Toten“, in dem es um den Umgang mit dem Ende des Lebens in Mexiko geht. Auch in unserem Reli-Ethik-Blog findet ihr einen Beitrag zum „Tag der Toten“ mit einem Video und zwei Kopiervorlagen dazu.




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