Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Pilgern – Perspektiven aus Christentum und Islam

Wanderst du noch oder pilgerst du schon? Für katholische Christinnen und Christen ist das vermutlich gar keine Frage. Für evangelische Christen und Christinnen aber vielleicht doch. Und Musliminnen und Muslime pilgern, wenn möglich, einmal in ihrem Leben nach Mekka, allerdings in der Regel nicht zu Fuß.

Ihr werdet unterschiedliche Vorstellungen vom Pilgern haben – ebenso wie eure Schülerinnen und Schüler. Je nach Sozialisation und Kenntnisstand verbindet ihr damit Pflicht und Anstrengung, überholte Riten oder besondere, vielleicht sogar religiöse Erfahrungen.

Pilgern, Wallfahrt, Wandern

Pilgerwege haben wie Wallfahrten ein besonderes Ziel: Rom, Jerusalem, Mekka oder Santiago. Es sind Orte von besonderer Bedeutung für den christlichen oder muslimischen Glauben. Die Wege zu solchen weit entfernten Orten waren früher lang und beschwerlich. Das Pilgern – oft eine Aktion, die man ganz für sich und nicht in der Gruppe unternimmt – erfüllt seinen Sinn schon im Gehen des Weges an sich. Denn das (durchaus etwas anstrengende) Zu-Fuß-Gehen eines Weges ist verbunden mit einem Weg zu sich selbst. Man kann deshalb einen Pilgerweg in mehreren Etappen gehen. Das ist anders bei einer Wallfahrt, bei der eindeutig das Erreichen des Ziels im Mittelpunkt steht. Menschen, die auf eine Wallfahrt gehen, wollen genau an diesem Ort Gott um etwas bitten oder ihm für etwas danken. Mag sein, dass der eine oder die andere dabei auch im Sinn hat, dass das nicht schlecht für sein oder ihr Seelenheil ist. Wer weiß das schon?

Für Musliminnen und Muslime ist die Pilgerfahrt eine der fünf „Säulen“ des Islams, ihr Pflichtcharakter ist allerdings im Koran mit einer Einschränkung versehen: „Es ist von Gott den Menschen aufgetragen, zum Haus die Pilgerfahrt zu vollziehen – wer einen Weg dahin zu finden in der Lage ist.“ (Sure 3:97[1]). Nach Mekka soll also nur reisen, wem es finanziell und von anderen Verpflichtungen her möglich ist. Weil das Ziel die Kaaba in Mekka ist und die dort zu vollziehenden Rituale im Mittelpunkt stehen, ist der muslimische Hadsch eigentlich eher eine Wallfahrt als ein Pilgerweg. Er findet jährlich vom 8.–12. Dhu l-Hiddscha statt, einem Monat im islamischen Mondkalender. 2025 entsprach das dem Zeitraum vom 4. bis 9. Juni.

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Ihr findet zwei persönliche Perspektiven zu diesem Thema: die von Hape Kerkeling, der 2001 auf dem Jakobsweg unterwegs war und mit „Ich bin dann mal weg“ einen Bestseller darüber geschrieben hat, und die des muslimischen Professors für islamische Religionspädagogik Mouhanad Khorchide, der ebenfalls auf dem Jakobsweg unterwegs war. Die beiden Arbeitsblätter könnt ihr in beliebiger Reihenfolge, auch arbeitsteilig, verwenden. Sie sind je nach Lernstand ab Klasse 8 einsetzbar. Es geht dabei nicht um richtig oder falsch, sondern um das Wahrnehmen der verschiedenen Perspektiven. Khorchide zieht am Ende das Fazit: „Es ist die ständige Aufgabe eines jeden von uns, den kleineren Schritten sowie den größeren Abschnitten des eigenen Lebens einen entsprechenden Sinn zu verleihen.“[2]. Lernwege können also Pilgerwege sein, deren Sinn es zu erkunden gilt.

Vor jeder Aufgabenbearbeitung sollte ein kurzes Unterrichtsgespräch stehen, in dem erste und spontane Eindrücke ausgetauscht werden können.

Kopiervorlage 1

Kopiervorlage 2

Mögliche Weiterführungen

Am Ende könnte ein kleines Rollenspiel stehen, in welchem die beiden Personen aufeinandertreffen: Mouhanad Khorchide (* 1971) und Hape Kerkeling (* 1964) könnten ein Gespräch über ihre Erfahrungen und Ansichten führen. Das Gespräch kann von der Lehrkraft oder (in der Oberstufe) einer Schülerin/einem Schüler moderiert werden.

Eine andere mögliche Weiterführung wäre es, zu fragen, ob Pilgern auch eine Option für evangelische Christinnen und Christen sein könnte. Für sie gibt es zwar besondere Orte, aber keine „heiligen“ Orte mit besonderer Wirkkraft für Gebete. Nach evangelischem Verständnis braucht Gott auch keine guten Werke, um zu erkennen, ob er einen gläubigen, guten Menschen vor sich hat. Er weiß das auch so, und ganz generell glauben Protestanten nicht daran, dass sie Gott mit Pilgern, Wallfahrten und besonderen religiösen Handlungen beeindrucken oder gar beeinflussen können. Luther sah in seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ (1520) sogar die Gefahr, die Gläubigen könnten durch äußere Werke den Glauben an Gott verlieren. Das spricht nicht für oder gegen Pilgern, aber doch gegen bestimmte Absichten dabei. Ob der katholisch aufgewachsene Hape Kerkeling unbewusst eine solche Absicht hatte? Ich denke nicht. Er wäre wohl für Khorchide eher einer der Gesprächspartner gewesen, der mit den Begriffen „Wandern“ und „Urlaub“ für Irritation gesorgt hätte.

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[1] Der Koran. Übers. v. Hartmut Bobzin. C. H. Beck München 2019

[2] Mouhanad Khorchide: Ein Muslim auf dem Jakobsweg. Pilgererfahrungen der anderen Art. Herder München 2024, S. 173

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Über die Autorin

Dr. Bärbel Husmann

Gemeinsam mit Rainer Merkel gebe ich das Schulbuch „Moment mal!“ für den Ev. Religionsunterricht heraus. Aktuell arbeite ich gemeinsam mit meinem Mitherausgeber Tim Krechting an „Moment mal! Christliche Religion“, mit dem wir die niedersächsischen Kolleg:innen und Schüler:innen unterstützen wollen, wenn im Schuljahr 2025/26 der konfessionelle Religionsunterricht durch einen von beiden Kirchen verantworteten Christlichen Religionsunterricht abgelöst wird. Das ist derzeit mein spannendstes Projekt, denn auch das Team der Autorinnen und Autoren ist gemischt-konfessionell. Dreißig Jahre lang habe mit Freude an verschiedenen Gymnasien in Niedersachsen und NRW Ev. Religion und Chemie unterrichtet. Und zwischendrin habe ich sieben Jahre lang als Fortbildnerin für Lehrerinnen und Lehrer am Religionspädagogischen Institut Loccum gearbeitet.

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