Die Heiligen gehen in der Regel auf normalsterbliche Menschen zurück, die von der katholischen Kirche „heiliggesprochen“ wurden. Die Heiligsprechung ist eine Art „Gütesiegel“, das um die Wende zum zweiten Jahrtausend n. Chr. eingeführt wurde. Die katholische Kirche wollte einem gewissen Wildwuchs der Heiligenverehrung Einhalt gebieten, allgemeingültigen Maßstäben Geltung verschaffen und die Anzahl der Heiligen durch ein festes ordentliches Verfahren in Grenzen halten.
Heilige aus evangelischer Perspektive
Falls ihr evangelisch seid, ist sind euch Heilige vielleicht nicht so vertraut. Aber auch evangelische Christinnen und Christen kennen ja die Bewunderung besonderer Menschen: Dietrich Bonhoeffer ist so ein Beispiel, Martin Luther King ebenso.
Als Frau hat Hildegard von Bingen (1098–1179) meine Bewunderung errungen. Ich wurde 1998 auf sie aufmerksam, als ihr 900. Geburtstag nicht nur mit einer Sonderbriefmarke gewürdigt wurde, sondern auch mit etlichen Publikationen. Sie war eine Universalgelehrte, die mit Witz und Klugheit Freiheit und Eigenständigkeit in einer von Männern dominierten Kirche lebte. Schon zu Lebzeiten wurde sie als „Heilige“ verehrt, 2012 wurde sie von Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) heiliggesprochen und zugleich zur Kirchenlehrerin ernannt.
Heiligsprechungsverfahren
Seit etwa 900 n. Chr. darf nur der Papst eine Heiligsprechung vornehmen. Er erklärt dann, dass für die römisch-katholische Kirche nach entsprechender Prüfung die Gewissheit bestehe, dass ein (bereits seliggesprochener) Verstorbener sich in der sogenannten „seligmachenden Gottesschau“ befinde und deswegen als Heiliger bezeichnet werden darf und als solcher verehrt werden kann. Die Voraussetzung zur Heiligsprechung besteht darin, dass der oder die Verstorbene ein Martyrium erlitten haben muss oder dass ein Wunder in ursächlichem Zusammenhang mit ihm oder ihr steht. Die Heiligen dürfen angerufen werden, damit sie um Fürsprache bei Gott bitten. Kirchenrechtlich gilt die Anrufung um Fürsprache als Gebet zu Gott. Anrufung und Gebet werden unterschieden, auch wenn sie im Vollzug manchmal nicht zu unterscheiden sind.
Luther und die Heiligen
Luther rief noch selbst die Heilige Anna an, als er 1505 in ein Gewitter geriet und Todesangst hatte. Die Heilige Anna, Patronin der Bergleute, gehörte in Luthers Elternhaus gewissermaßen zum „Inventar“. Luther schätzte auch die Heilige Muttergottes sehr und hat sicher viele Male in seinem Leben das „Gegrüßet seist du Maria“ gesprochen. Er lehnte jedoch die volkstümliche Entwicklung der Heiligenverehrung seiner Zeit ab, vor allem dann, wenn die Heiligen die Bedeutung Jesu Christi oder Gottes zu mindern drohten. Nur auf Gott soll man sich verlassen, zu ihm Zuflucht suchen in allen Nöten, so Luthers Auslegung des Fremdgötterverbotes im Großen Katechismus (1529).
Heilige als konfessioneller Differenzpunkt
Ein Differenzpunkt ist sicher: Evangelische Christinnen und Christen kennen die Anrufung von Heiligen nicht und praktizieren sie nicht. Dennoch sind unter den Heiligen Persönlichkeiten, die aus der Masse der „gewöhnlichen Gläubigen“ herausragen. Dass gemäß der Confessio Augustana die evangelische Kirche anders beschrieben wird als katholischerseits, nämlich als „Versammlung aller Gläubigen“, „bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden“1, heißt nicht, dass es nicht auch besondere Gläubige geben „darf“.
Mechthild von Magdeburg (1207–1282) gehört für mich dazu. Sie ist nicht als Heilige kanonisiert worden, jedenfalls bisher nicht. Aber sie war ebenso eine Mystikerin wie Hildegard. Ihr Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ ist eine vom Minnegesang und Hohelied inspirierte erotische Dichtung. Die evangelische Theologin Julia Koll hat es 2025 in „Das Buch Mechthild“ mit dem (Er-)Leben heutiger Frauen verwoben. Im Blogbeitrag von Patricia Sperlik kann man nachlesen, wie bedeutend oder unbedeutend Maria, die Mutter Jesu, für einzelne Christinnen und Christen ist – ganz unabhängig von ihrer Konfession!
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Wer von euch sich zu Nikolaus weder der Heiligenlegende von Nikolaus von Myra widmen möchte noch der Frage, ab wann es Schokoladen-Nikoläuse in den Geschäften geben sollte, der kann sich mit dem Heiligsprechungsverfahren befassen und Vor- und Nachteile eines solchen Verfahrens diskutieren. Für die gymnasiale Oberstufe, vielleicht schon für Klasse 10, ist das Material gut geeignet.
1 Das Augsburger Bekenntnis. Unter: https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-13454.htm (Zugriff 17.11.2025, gek.)




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