Im Grunde hat dieses Wort eine ähnliche Bedeutung wie das Wort „Beichte“ im katholischen Kontext, meint also einen religiös-rituellen Umgang mit dem Phänomen Schuld und der Ermöglichung von Vergebung (vgl. Husmann, Klie: Gestalter Glaube. Liturgisches Lernen in Schule und Gemeinde, in: Theologie für Lehrerinnen und Lehrer, 2005, S. 144 ff.). Martin Luther war der Meinung, dass die Buße als eine generelle Lebenshaltung praktiziert werden solle und der Schlüssel für die Vergebung, die nur von Gott kommen kann, in der Buße und damit in der Einsicht der Schuld und in echter Umkehr liege. Als protestantischer Feiertag wurde erstmals 1532 in Straßburg ein Buß- und Bettag eingeführt. Gab es vor 250 Jahren noch mehrere Bußtage pro Jahr, ist der „evangelischste“ aller Feiertage heute kaum noch relevant und das Wort Buße hat einen eher düsteren Charakter angenommen, mit dem wenige Menschen noch etwas anfangen können [1].
Der Begriff des Beichtens ist demgegenüber immer noch in unserer Alltagssprache auffindbar. So benutzt selbst meine siebenjährige Tochter (evangelisch geprägt) dieses Wort, wenn sie merkt, dass sie etwas getan hat, was nicht in Ordnung war, sich ihrer Schuld bewusst wird und von ihrem Schuldgefühl „freigesprochen“ werden will. „Mama, ich muss dir was beichten …“, so kommt sie dann in gebückter Haltung langsam auf mich zu. Meistens kann ich antworten: „Schatz, das ist nicht schlimm. Wir finden eine Lösung; gut, dass du mir sagst, was los ist.“ Dass die Beichte ein religiöser Begriff und in der katholischen Kirche sogar ein Sakrament ist, weiß meine Tochter nicht.
Der Vater und seine zwei Söhne – Schuld und Vergebung im Lukasevangelium
Eine Elternmetapher taucht auch bei Jesus auf, um über das Thema Schuld und Versöhnung zu sprechen. In Lukas 15,11‒32, dem Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen, erzählt Jesus von dem jüngeren Sohn, der sein vorzeitig erhaltenes Erbe verjubelt und dann reumütig zu seinem Vater als Arbeiter (nicht als Kind) zurückkommen möchte. Der Vater hat wohl schon Ausschau nach seinem Sohn gehalten, empfängt ihn mit einem Festmahl und freut sich, sein totgeglaubtes Kind wieder in den Armen halten zu können. Der ältere Sohn, der zurückgeblieben und seinem Vater treu geblieben ist, fühlt sich zurückgesetzt und reagiert mit Unverständnis. Beim Vater ist jedoch nichts als Freude zu spüren.
Jesus macht in diesem Gleichnis deutlich, worauf es beim Umgang mit Schuld und Versöhnung ankommt: das Eingeständnis der Schuld und die Umkehr. Dann ist echte Versöhnung und Wiederherstellung von Beziehung möglich. Wie kann man das Unverständnis des älteren Sohnes in diesem Gleichnis deuten? Vielleicht so: Gottes Gnade gilt bedingungslos, auch wenn die Schuld aus mancher Perspektive unüberwindbar scheint.
Umgang mit Schuld – kirchlich
Katholische und evangelische Kirche haben dann später einen je unterschiedlichen rituellen Umgang mit Schuld entwickelt, die aber vom Ablauf her in wesentlichen Punkten das Gleichnis aufgreifen: Das Bekenntnis der Sünde und das Zusprechen der Vergebung bzw. Wiederherstellung der Beziehung [2].
Im Sakrament der Beichte können katholisch-gläubige Menschen von Schuld, die sie auf sich geladen haben und als Sünde erkennen, freigesprochen werden. Das Lossprechen von Sünde erfolgt durch einen Priester. Danach können sie wieder versöhnt mit sich und der Umwelt in die Welt hinaus gehen und ihr Leben in einer neuen Ausrichtung führen [3]. Auch im evangelischen Kontext ist immer noch eine Beichtpraxis zu finden. Hier gibt es Gottesdienste zu bestimmten Anlässen (z. B. zum Buß- und Bettag), die eine gemeinsame Beichte enthalten und dann der Zuspruch der Vergebung für die ganze Gemeinde erfolgt [4].
Christlicher Religionsunterricht – Was ist wichtig?
Umgang mit Buße im Islam
Umgang mit Buße im Judentum
In einem konfessionell übergreifenden christlichen Religionsunterricht, wie er durch das neue Curriculum in Niedersachsen künftig praktiziert wird, ist es wichtig, zu wissen, welche Unterschiede es in der Glaubenspraxis evangelischer und katholischer Christinnen und Christen gibt und wo das Gemeinsame, nämlich Christliche, in dem dahinterliegenden Verständnis ist. Darüber hinaus ist es in vielen Schulen so, dass auch anders- bzw. nicht religiöse Kinder am Religionsunterricht teilnehmen. Um Identifikationsmöglichkeiten auch für diese Schülerinnen und Schüler zu schaffen, finde ich es wichtig, auch andere religiöse Perspektiven in den Unterricht einfließen zu lassen. So kann eine interkonfessionelle und -religiöse Verständigung initiiert und ermöglicht werden.
Im Islam z. B. gibt es übrigens ein ganz ähnliches Konzept zum Umgang mit Schuld und Versöhnung: die Tawba. Dieser Begriff werde häufig mit Reue oder Buße übersetzt, wobei der Bedeutungsschwerpunkt weniger auf Reue als auf persönlicher emotionaler Erfahrung liege, sondern mehr auf einer ethisch-moralischen Neuorientierung. Die Wortbedeutung meine deshalb wohl eher Umkehr oder Rückkehr. Das Konzept beinhalte eine dynamische Interaktion zwischen Menschen und Gott. So gäbe es eine menschliche Tawba (Umkehr zu Gott von Ungehorsam und Sünde) und eine göttliche Tawba (Hinwendung Gottes zu den Menschen in Vergebung und Barmherzigkeit) [5].
Auch das Judentum setzt sich in besonderer Weise mit der Thematik auseinander. Einer der höchsten Feiertage im jüdischen Festtagskalender ist der Versöhnungstag – Jom Kippur. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name „Tag der Buße“ und er gilt als Tag des göttlichen Gerichtes [6]. An diesem Feiertag bitten die Menschen darum, dass Gott ihnen ihre Fehler vergibt, Voraussetzung dafür ist aber auch die Versöhnung mit den Mitmenschen. Traditionell wird an diesem Tag gefastet und viele Gläubige verbringen den Tag betend in der Synagoge. Selbst wenn sie weniger religiös sind, nutzen viele Jüdinnen und Juden diesen Tag zur Besinnung und inneren Einkehr [7].
Quellen
[1] vgl. www.evangelisch.de, letzter Zugriff: 13.10.2025
[2] vgl. Husmann, Klie: Gestalter Glaube. Liturgisches Lernen in Schule und Gemeinde, in: Theologie für Lehrerinnen und Lehrer, 2005, S. 146 f.
[3] vgl. www.katholisch.de, letzter Zugriff: 13.10.2025
[4] vgl. Husmann, Klie: Gestalter Glaube. Liturgisches Lernen in Schule und Gemeinde, in: Theologie für Lehrerinnen und Lehrer, 2005, S. 147
[5] vgl. Abdullah, Somaya: The Role of Tawba (Repentance) in Social Work with Muslim Clients, In: Exploring Islamic Social Work (Hrsg. Schmid/Sheikhzadegan), 2022. S. 236 f.,open access
[6] vgl. Sammlung des Jüdischen Museums, letzter Zugriff: 24.10.2025
[7] vgl. www.mdr.de, letzter Zugriff: 24.10.2025


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