Lebenswelt …
In den Niederlanden, in der Nähe von Amersfoort, gibt es eine Halle. Sehr aufwendig wurden dort Darstellungen von Hindu-Gottheiten aufgestellt und angenehm mit exotischen Pflanzen arrangiert. Zwischen dem Grün thront eine Buddha-Statue. Viele Menschen suchen täglich sehnsuchtsvoll diesen Ort auf – das zentrale Schwimmbad einer Ferienanlage. Solche Beobachtungen sind nicht selten. Sie werfen die Frage auf, welche Art „Kontakt“ durch religiöse Symbolik gesucht wird. Und: Ist Badengehen eine „heilige Handlung“?
„Heilig“ ist in unserem Sprachgebrauch eine Art Superlativ, der auch (oder v. a.?) von nicht gläubigen Menschen häufig benutzt wird („Das ist mir heilig.“). Es scheint darin die Sehnsucht nach Unverfügbarem zu wohnen – etwas Gutem, für das ich „nichts kann“, das mich ausleuchtet und heile macht.
Was heißt „heilig“?
Im christlichen Religionsunterricht suchen wir nach Verbindendem, Allgemein-Christlichem. Und da stellt das „Heilige“ eine Grundkategorie dar. „Heilig“ ist nach jüdischer und also christlicher Gewissheit Gott allein (vgl. 1 Sam 2,2). Er ist die Quelle alles Unverfügbaren, Guten, für das ich „nichts kann“, das mich ausleuchtet und heile macht. „Heilig“ ist also die Weise, wie Gott in der Welt erfahrbar wird.
Allen christlichen Strömungen gemeinsam ist der Glaube an die Bewegung Gottes auf die Menschen zu in Jesus Christus. Wie denken christliche Konfessionen die Möglichkeit, daran teilzuhaben? Ein exemplarischer Blick auf die Sakramente:
Die römisch-katholische Kirche begreift sich selbst als Sakrament, also als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG 1). Die einzelnen der sieben Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie, Bußsakrament, Krankensalbung, Weihesakrament, Ehe) wollen auf verschiedene Weise die Begegnung von Gott und Mensch ermöglichen. Ihre Spendung ist i. d. R. gebunden an geweihte Amtsträger, womit sich ein bestimmter Gedanke der „Gültigkeit“ verbindet. Die „Wirksamkeit“ der Sakramente hängt vom formal richtigen Vollzug ab, aber v. a. vom Glauben der Empfangenden. Im Katholischen gibt es neben den Sakramenten die sog. „Sakramentalien“, also Handlungen zur Heiligung des Alltags, die vom Kreuzzeichen bis zur Kirchweihe reichen.
Was den protestantischen Kirchen wichtig ist, ist die Rückbesinnung auf das, was „heilig“ bedeutet. Am Anfang der Reformation stand das Gefühl, dass in der Kirche die „Zeichen“ für wichtiger gehalten wurden als die Heiligkeit Gottes selbst. Um klarzumachen, dass es zwischen Mensch und Gott keine „heilige Zwischensphäre“ gibt, die man vermarkten könnte, galt (und gilt) „Christus allein“ (solus Christus). So kommt es zu der Zweizahl der Sakramente bei den Evangelischen, weil nur Taufe und Abendmahl ausdrücklich in der Bibel von Jesus eingesetzt werden. Und so kommt es auch, dass die protestantischen Strömungen teils sehr kritisch auf jeden Formalismus in heiligen Handlungen blicken. (Bis dahin, dass Quäker und Heilsarmee ganz auf Taufe und Abendmahl verzichten.)
Die orthodoxen Kirchen betonen sehr stark den Geheimnischarakter heiliger Handlungen. Es gibt dort zwar auch die Siebenzahl der Sakramente, die dem katholischen Verständnis sehr ähnlich ist, – sie sind aber nicht so exklusiv von den Sakramentalien abgegrenzt und ihre Zahl ist teils umstritten. Der orthodoxe Glaube ist sehr liturgisch geprägt. Alle im engeren Sinne heiligen Handlungen sind eingefasst in den Gedanken der „Theosis“: das ganze Leben soll der Vergöttlichung, der Heiligung gewidmet sein. Die Spendung der Sakramente durch Amtsträger spielt auch im Orthodoxen eine große Rolle.
Was eint?
Allen christlichen Konfessionen gemeinsam ist, dass bei Sakramenten die Handlung (Übergießen mit Wasser, Brot brechen, Salben, Hände verbinden …) mit dem deutenden Wort zusammengehört, das an das Leben und Wirken Jesu erinnert. Ohne diese Deutung gibt es keine Vergegenwärtigung seiner Geschichte und keine Verbindung zur Zusage göttlicher Nähe. Und hier kann man ökumenisch einhaken! Die Einsicht gilt es zu stärken: dass da etwas getan wird, das bei aller Verschiedenheit im Kern verbindet und das (s. o.) seine Zielrichtung hat in der „Einheit des Menschengeschlechts“ oder mit einem Wort: im Frieden.
Für Christ:innen ist Badengehen keine heilige Handlung. Lästern aber auch nicht. Deshalb braucht es im Religionsunterricht Möglichkeiten, ohne Zwänge die Weise(n), „heile zu werden mit Gott“ kennenzulernen und sich damit auseinandersetzen. Dann werden sicher auch inhaltliche Verbindungen zwischen sakramentaler Heilserfahrung und bewusst gemeinsam genossener Freizeit (wie beim Badengehen) spürbar. Gelingt das nicht, wird theologische Rede wohl nur „tönendes Erz“ (1 Kor 13,1) bleiben.
Lektüre-Tipp
Eine Mut machende Verlautbarung zum Thema haben im März 2024 die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD gemeinsam herausgegeben: „Mehr Sichtbarkeit in der Einheit und mehr Versöhnung in der Verschiedenheit. Zu den Chancen einer prozessorientierten Ökumene.“ (Zu finden bei der EKD und auf katholisch.de).


Hinterlasse einen Kommentar