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Positionalität im CRU: Muss ich als evangelische Lehrerin Papst-Enzykliken vertreten?

Die Einführung des Faches „Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen“ (CRU) steht in Niedersachsen unmittelbar bevor: Am 19. Dezember 2024 wurde die Vereinbarung von den evangelischen und katholischen Vertretern unterzeichnet und im Schuljahr 2025/26 fällt der Startschuss in den Schulen. Aber wie geht es den Lehrerinnen und Lehrern damit, die das Neu-Erdachte in die Tat umsetzen müssen?

Befürchtungen evangelischer Lehrkräfte

Auf jeder Fortbildung, an der ich in den letzten vier Jahren teilgenommen habe, schien der CRU für manche wie ein Damoklesschwert immer leicht bedrohlich über uns Religionslehrkräften zu schweben. Dabei tauchte eine Frage mehrfach auf: Muss ich als evangelische Lehrkraft in einem gemeinsam verantworteten Religionsunterricht jetzt hinter allem stehen, was der Papst sagt? Auffällig war, dass diese Frage diejenigen Lehrkräfte besonders umtrieb, die bisher nicht konfessionell-kooperativ unterrichteten. Bei den bereits konfessionell-kooperativ unterrichtenden Lehrkräften war eine gewisse Gelassenheit in dieser Frage zu spüren, die diejenigen ohne diese Erfahrung überraschte, ja vielleicht erstaunte. Wie hatten sie es geschafft, katholische Perspektiven in ihren Unterricht einzubinden und sich dennoch nicht vom päpstlichen Lehramt und der ihm seit dem 1. Vatikanischen Konzil zugeschriebenen sogenannten „Unfehlbarkeit“ beeindrucken zu lassen?

Und: Kann man diese konfessionell-kooperative Erfahrung auf das neue, gemeinsam verantwortete Fach übertragen? Offensichtlich haben einige evangelische Religionslehrkräfte Vorbehalte und Vorurteile, über die gesprochen werden muss. Außerdem muss deutlich werden, was in einem gemeinsam verantworteten Unterricht für Erwartungen an die je andere Konfession und ihre Vertreter und Vertreterinnen gestellt werden. Das wird sicherlich zum einen durch das Kerncurriculum beantwortet werden. Zum anderen bleiben aber die Fragen: Wie positioniere ich mich als evangelische Lehrkraft zum Katholizismus? Und was ist meine Rolle als Lehrkraft in einem gemeinsam verantworteten Religionsunterricht?

„Kritische Loyalität“ auch für katholische Lehrkräfte

Ein Grund, warum evangelische Lehrkräfte Vorbehalte gegenüber dem päpstlichen Lehramt haben, ist wohl, dass die evangelische Kirche bekanntermaßen aus einer Protestbewegung heraus gegen damalige kirchliche Lehren entstanden ist, die auch der damalige Papst und seine Vorgänger mitzuverantworten hatten. Eine gewisse Skepsis gegenüber päpstlichen Enzykliken an den Tag zu legen, ist also zunächst einmal ur-evangelisch. Dies scheint aber, entgegen dem landläufigen Vorurteil gegenüber Katholiken, für katholische Lehrkräfte und ihre Haltung gegenüber dem Papst auch relevant zu sein. Dr. Jörg-Dieter Wächter, Leiter der Hauptabteilung Bildung im Bistum Hildesheim, antwortete in einem Interview auf die Frage, ob eine katholische Lehrkraft denn den Papst gut finden müsse, Folgendes:

Nein. Ich finde die Fragen kurios. Sie implizieren, dass es eine fraglose Zustimmung einer konfessionell gebundenen Lehrkraft zu all dem gibt, was innerhalb ihrer Konfession gedacht, gesagt und gelehrt wird. […] Natürlich wird in der Schule darüber zu diskutieren sein, wie das Amt des Papstes zu beurteilen ist.“1 Auch die Missio-Verordnung des Bistums Hildesheim von 2022 spricht von „kritischer Loyalität“2 und schlägt mit diesem Stichwort eine ähnliche Richtung ein. Wenn also nicht einmal katholische Lehrkräfte den Papst uneingeschränkt gut finden müssen, dann müssen das evangelische Lehrkräfte wohl auch nicht.

Positionalität in einem gemeinsam verantworteten Religionsunterricht

Ein weiterer bedenkenswerter Aspekt ist die sogenannte Positionalität. Damit ist ganz verkürzt die Frage gemeint, wie sich die Lehrkraft im Religionsunterricht auf verschiedenen Ebenen verhält. Von Seiten der Kirchen wurde dieser Begriff häufig synonym zu Konfessionalität benutzt. Die Lehrkräfte seien „authentische Glaubenszeugen“, die eine „konfessionelle Binnenperspektive“ in den Religionsunterricht einbrächten3. Sie sollen im Religionsunterricht somit Repräsentant der jeweiligen Kirche sein.

Positionalität bedeutet aber viel mehr als das und das weiß jede Religionslehrkraft, denn wir verhalten uns ja nicht nur „evangelisch“ oder „katholisch“. Wir bringen unser theologisches und religionspädagogisches Fachwissen ein und bereiten den Unterricht dementsprechend vor, wir beraten, bewerten und benoten, reflektieren, wir leiten Gespräche und Diskussionen, oft sind wir jenseits von Unterricht seelsorgerlich tätig usw.

Das ist auch das, was aus meiner Erfahrung für unsere Schülerinnen und Schüler wichtig ist. Seit über 10 Jahren unterrichte ich das Fach Religion konfessionell-kooperativ. Die Frage, ob ich evangelisch oder katholisch bin, wurde mir von Schülerinnen und Schülern äußerst selten gestellt. Ob ich Christin bin, tatsächlich weitaus öfter. Und um das Christliche soll es ja auch im CRU gehen.

Der Koblenzer Konsent

Seit Ende 2024/Anfang 2025 dürfen sich sowohl evangelische als auch katholische Lehrkräfte bezüglich des Begriffes „Positionalität“ nun auch auf dasselbe Papier berufen: Koblenzer Konsent zur evangelischen und katholischen Religionsdidaktik: Theologische Positionalität im Kontext religiöser Bildung.“ Dort werden vier Leitsätze formuliert, die zum einen Lehrkräfte zur Transparenz bezüglich des eigenen konfessionellen und theologischen Standpunktes anhalten. Zum anderen sollen Religionslehrkräfte aber auch dem religiös-weltanschaulichen Pluralismus Rechnung tragen und diesen ernst nehmen, ohne dabei beliebig zu werden. Dieser Diskurs soll respektvoll geführt werden und Lernenden Urteils- und Handlungskompetenzen vermitteln. Religionsunterricht kann so Lernenden Orientierungsmöglichkeiten in ihrer pluralen Lebenswelt aufzeigen.

Ein gemeinsam verantworteter Religionsunterricht berücksichtigt so auch, dass in dieser pluralen Lebendwelt für viele Lernende nicht mehr relevant ist, ob jemand evangelisch oder katholisch ist. Es geht dann darum, zu lehren und zu lernen, was christlich ist. Wir sollten meiner Meinung nach als Religionslehrkräfte, als Theologinnen und Theologen, ja sogar als Kirchen unsere konfessionellen Unterschiede in den Hintergrund stellen und uns, um zukunftsfähig zu sein, auf das Wesentliche konzentrieren: auf einen christlichen Religionsunterricht!

Das neue Moment mal! unterstützt eure Arbeit inhaltlich und didaktisch. Ein gemischt-konfessionelles Team erarbeitet gerade ein innovatives Lehrwerk für den neuen christlichen Religionsunterricht in Niedersachsen, das aber für einen konfessionell-kooperativen Religionsunterricht, wie er in vielen Bundesländern schon praktiziert wird, ebenso inspirierend sein will.

Zum Weiterlesen

1 Jörg-Dieter Wächter, Zitat. Aus: „Es geht nicht darum, ob ich den Papst gut finden muss“. Dr. Kerstin-Gäfgen Track und Dr. Jörg-Dieter Wächter ziehen Zwischenbilanz. Interview mit Lothar Veit. (16.11.2021) Unter: https://www.religionsunterricht-in-niedersachsen.de/christlicherRU/aktuell/interview-gt-waechter (Zugriff 20.0.2025, gek.)2 Missio canonica-Ordnung 2022, a. Abschnitt, Art 1. Aus: Kirchlicher Anzeiger für das Bistum Hildesheim, Nr. 5/2022, S. 103. Hrsg. v. Bischöfliches Generalvikariat, Hildesheim3 Britta Baumert, Caroline Teschmer: Konfessionell kooperativer Religionsunterricht. Eine Fachdidaktik. Kohlammer Stuttgart 2024, S. 73

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Über die Autorin

Christa Bürgel

Seit 2016 unterrichte ich mit viel Freude Englisch und Religion an einer Integrierten Gesamtschule in Niedersachsen. Besonders am Religionsunterricht schätze ich die Möglichkeit, junge Menschen zu ermutigen, über Glauben, Werte sowie gesellschaftliche und persönliche Fragen nachzudenken. Ich bin zudem Teil des Herausgeberteams des neuen Moment mal! für den Christlichen Religionsunterricht in Niedersachsen.

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