„Schreib mir eine Entschuldigung an Mira, ich hab ihren Geburtstag vergessen.“ Sätze wie diesen tippen Jugendliche heute ganz selbstverständlich in ein Chatfenster, und die Antwort kommt in Sekunden, sauber formuliert, freundlich, ohne einen einzigen Fehler. Ob das ein Problem ist, lässt sich mit Ja oder Nein kaum beantworten. Spannender ist eine andere Frage, und um die geht es in diesem Beitrag: Was gebe ich eigentlich ab, wenn ich etwas an KI delegiere – nur die Arbeit oder auch mein Urteil?
Kurz vorweg, worauf das hinausläuft. Ich stelle euch eine Einzelstunde ab Klasse 8 und eine darauf aufbauende Doppelstunde für die Klassen 9 und 10 vor. Beide kommen ohne Tablets, Konten und Datenschutzfragen aus, weil die Lernenden die Delegation an eine KI selbst durchspielen. Am Ende haben eure Schülerinnen und Schüler drei Prüffragen in der Hand, mit denen sie unterscheiden können, wann sie eine Aufgabe guten Gewissens abgeben dürfen und wann sie selbst urteilen müssen.
Ausführen, entscheiden, verantworten: worum es beim Delegieren an KI geht
Im Ethikunterricht behandeln wir KI häufig als Gegenstand, über den wir urteilen. Wir fragen, ob ein Algorithmus gerecht entscheidet oder ob ein autonomes Fahrzeug Leben gegeneinander abwägen darf (hier im Blog findet ihr einen Unterrichtsvorschlag dazu für die Oberstufe). Für Jugendliche in der Mittelstufe liegt die Frage meist sehr viel näher am eigenen Alltag. Sie wollen wissen, ob sie die Gliederung fürs Referat, die Bewerbung fürs Praktikum oder die Nachricht an die Freundin, mit der sie sich gestritten haben, einer KI überlassen dürfen.
Hilfreich ist dabei eine Unterscheidung, die sich im Unterricht gut einführen lässt. Wer eine Aufgabe delegiert, kann damit drei ganz verschiedene Dinge abgeben. Da ist zum einen die Ausführung, also das bloße Tun. Sie abzugeben ist meist unproblematisch, solange ich das Ergebnis prüfen kann.
Dann gibt es Entscheidungen, die in der Ausführung stecken und die eine KI oft stillschweigend trifft, ohne dass ich es bemerke. Schwierig wird es dort, wo eine solche Entscheidung eigentlich ein Urteil über Werte oder über andere Menschen ist.
Und schließlich die Verantwortung, die sich überhaupt nicht abgeben lässt. Unter einer Entschuldigung, einer Stellungnahme oder einer Bewertung steht am Ende mein Name und nicht der eines Programms.
Daraus ergeben sich drei Prüffragen, die eure Lernenden auf jede Delegation anwenden können:
- Kann ich das Ergebnis selbst prüfen?
- Trifft die KI dabei eine Entscheidung über Werte oder über andere Menschen?
- Kann ich für das Ergebnis geradestehen, auch wenn ich nicht weiß, wie es zustande kam?
Lautet die Antwort auf die erste und die dritte Frage Ja und auf die zweite Nein, spricht wenig dagegen, die Aufgabe abzugeben. Bei jeder anderen Kombination lohnt es sich, genauer hinzusehen und den Auftrag so umzuformulieren, dass das Urteil bei mir bleibt.
Woher die Idee kommt: Delegieren lernen bei den Future Makers
An meiner Schule entwickeln Schülerinnen und Schüler in den Future Makers Lösungen für reale Probleme, von der ersten Idee bis zum funktionierenden Prototyp.
Generative KI ist dabei ein wichtiges Werkzeug, eigene Konten haben die Lernenden aber nicht. Sie formulieren jeden Auftrag selbst, ich führe ihn über meinen Zugang aus, und danach entscheidet die Gruppe, was sie übernimmt, verändert oder verwirft. Das löst nebenbei die Datenschutzfrage.
Im ersten Durchlauf mit 28 Jugendlichen über sechs Doppelstunden hat sich aber gezeigt, dass gerade dieser Umweg das eigentlich Lehrreiche ist. Wer einen Auftrag laut formulieren und vor der Gruppe begründen muss, merkt schnell, dass schon die Formulierung eine Entscheidung ist. Und wer sieht, was zurückkommt, fragt fast von selbst, wer hier gerade eigentlich entschieden hat.
Genau diese Erfahrung holen die beiden Stunden in den Ethik- und Religionsunterricht, und ihr braucht dafür keinerlei Technik. Die benötigten Kopiervorlagen findet ihr am Ende des Beitrags zum kostenlosen Download.
Einzelstunde ab Klasse 8: Die wörtliche Maschine
Einstieg (ca. 5 Minuten)
Kündigt an, dass ihr für fünf Minuten eine Maschine seid, die jeden Auftrag sofort und wörtlich ausführt, und lasst euch von der Klasse etwas auftragen. Schon bei „Schreiben Sie das Datum an die Tafel“ müsst ihr euch entscheiden, ob ihr „1.10.“, „Donnerstag, 1. Oktober 2026“ oder etwas ganz anderes schreibt. Die Lernenden sehen sofort, dass eine Maschine jede Lücke im Auftrag mit einer eigenen Entscheidung füllt. Hier ist das harmlos, aber es bereitet die Frage der Stunde vor.
Erarbeitung (ca. 20 Minuten)
Die Lernenden arbeiten zu zweit mit KV 1. Eine Person erhält Teil A und ist Auftraggeberin oder Auftraggeber, die andere erhält Teil B und spielt die KI. Die Maschine darf nur mit den vorbereiteten Antworten reagieren, nichts erklären und nicht nachfragen. Die drei Aufträge sind so gebaut, dass der Anteil an Urteil Schritt für Schritt wächst. Beim ersten Auftrag sortiert die Maschine fünf Wörter alphabetisch, was sich sofort überprüfen lässt. Beim zweiten schreibt sie eine Entschuldigung an die Freundin Mira, die schöner klingt als vieles, was Jugendliche selbst schreiben würden, aber eben nicht von ihnen ist. Beim dritten vergibt sie einen freien Platz in der Theater-AG und begründet ihre Wahl damit, dass Elifs Bewerbung fast doppelt so viele Wörter hat wie die von Jonas. Dieses Kriterium bemerken viele erst, wenn sie die Begründung ein zweites Mal hören, und genau darin liegt der Lerneffekt. Anschließend halten beide in einer Tabelle fest, was die Maschine getan und was sie dabei für sie entschieden hat, und ob sie das Ergebnis mit ihrem Namen unterschreiben würden.
Auswertung (ca. 20 Minuten)
Zeichnet an der Tafel eine Linie von „kann ich abgeben“ bis „muss ich selbst entscheiden“. Die Paare ordnen die drei Aufträge darauf ein und begründen ihre Position. Zu erwarten sind Sätze wie „Die Entschuldigung klang schöner als meine eigene, aber Mira hätte gemerkt, dass das nicht ich bin, und dann ist es keine Entschuldigung mehr“ oder „Die Maschine hat Elif genommen, weil ihr Text länger war. Das hätte ich nie als Grund genommen.“ Solche Äußerungen sammelt ihr im Tafelbild (KV 2) unter den Begriffen Ausführen, Entscheiden und Verantworten. Als Hausaufgabe notieren die Lernenden eine Situation aus ihrer Woche, in der sie etwas abgegeben haben, an einen Menschen oder an eine App, und was sie dabei eigentlich mit abgegeben haben.
Doppelstunde für Klasse 9 und 10: Delegieren mit drei Prüffragen
Einstieg (ca. 10 Minuten)
Einige Lernende stellen ihre Situation aus der Hausaufgabe vor (siehe Vorschlag für eine Einzelstunde). Daran knüpft der kurze Informationstext auf KV 2 an, der die Unterscheidung von Ausführen, Entscheiden und Verantworten einführt und die drei Prüffragen bündelt. Wenn ihr ohne die Einzelstunde startet, könnt ihr den Einstieg mit der wörtlichen Maschine auch hier verwenden.
Erarbeitung I (ca. 30 Minuten)
KV 3 enthält sechs Fälle aus dem Alltag Jugendlicher. Noah lässt sich eine Referatsgliederung vorschlagen, Lea bittet um eine Beileidsnachricht für ihre Freundin, Amira will einen Streit im Klassenchat von einer KI entscheiden lassen, Ben stellt als Co-Trainer die Fußballmannschaft nach Statistik auf, Mia lässt ihren Mathe-Lösungsweg prüfen, und eine Lehrkraft überlegt, Aufsätze von einer KI benoten zu lassen. Die Lernenden prüfen jeden Fall mit den drei Fragen. Der wichtigere Teil folgt danach: Für zwei Fälle, bei denen sie Bedenken haben, formulieren sie den Auftrag an die KI so um, dass das Urteil bei der Person bleibt. Aus „Schreib eine Beileidsnachricht an meine Freundin“ wird dann etwa „Ich möchte Sophie schreiben, dass ich an sie denke. An ihren Opa erinnere ich mich so: Er hat uns nach dem Training immer Kakao gemacht. Hilf mir, das in zwei, drei Sätze zu bringen.“ Hier zeigt sich, dass KI-Kompetenz weniger mit geschickten Prompts zu tun hat als mit der Frage, was ich gar nicht erst aus der Hand gebe. Der Fall der Lehrkraft dürfte für die lebhafteste Diskussion sorgen, weil die Lernenden hier selbst diejenigen sind, über die geurteilt wird. Eine Lösung mit möglichen Antworten liegt bei.
Erarbeitung II (ca. 30 Minuten)
Mit KV 4 wird die Klasse selbst zur Auftraggeberin, so wie die Gruppen bei den Future Makers. Die SMV (=Schülermitverantwortung) möchte eine neue Regel zur Handynutzung in den Pausen vorschlagen, und die Klasse soll dafür eine KI nutzen. Die Lernenden formulieren gemeinsam einen Auftrag und untersuchen dann drei vorbereitete Vorschläge der Maschine, ein striktes Verbot, eine völlige Freigabe und eine differenzierte Lösung. In jedem Vorschlag steckt eine Abwägung, etwa zwischen Schutz vor Cybermobbing und der Freiheit der Schülerinnen und Schüler, die die KI ungefragt vorgenommen hat. In einem Entscheidungsprotokoll halten die Gruppen fest, was sie übernehmen, verändern oder verwerfen, und warum. Wenn eure Schule ein datenschutzkonformes KI-Werkzeug zur Verfügung stellt, könnt ihr den Auftrag der Klasse auch live über euren eigenen Zugang am Beamer ausführen. Die Lernenden brauchen dafür keine Konten, und ihr arbeitet genau so, wie es bei den Future Makers geschieht.
Sicherung (ca. 20 Minuten)
Zum Abschluss schreiben die Gruppen eine Delegationserklärung. Sie halten darin fest, was sie der KI überlassen haben, was sie selbst entschieden haben und wofür sie mit ihrem Namen einstehen. Unterschreiben darf nur, wer dem Ergebnis zustimmt und es erklären kann. Gerade dieser letzte Schritt wirkt oft stärker als jede Diskussion, denn mit der Unterschrift wird Verantwortung plötzlich greifbar. Im Tafelbild ergänzt ihr den Merksatz: Die Ausführung darf ich abgeben, wenn ich das Ergebnis prüfen kann. Ein Urteil über Werte oder über andere Menschen treffe ich selbst, denn geradestehen muss am Ende ich und nicht die KI.
Kostenlos zum Download
Anknüpfungspunkte für den Religionsunterricht
Die Materialien sind so angelegt, dass ihr sie im Ethik- wie im Religionsunterricht einsetzen könnt. Im Religionsunterricht lässt sich die Frage nach der nicht delegierbaren Verantwortung gut mit dem Gewissen verbinden, das sich gerade nicht vertreten lässt. Auch biblisch ist der Mensch einer, der angesprochen und gefragt wird. Kains ausweichende Antwort auf die Frage nach seinem Bruder, „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (Gen 4,9, Lutherbibel 2017), ist ein starker Impuls, um mit der Klasse darüber nachzudenken, was es heißt, Verantwortung von sich wegzuschieben. Weitere Ideen, wie ihr KI im Religionsunterricht aufgreifen könnt, findet ihr in diesem Beitrag.
Fazit
Die Frage, ob Jugendliche KI nutzen sollen, hat der Alltag längst beantwortet. Offen ist, ob sie dabei merken, was sie mit abgeben. Wer einmal die wörtliche Maschine gespielt hat, schaut genauer hin, und darum geht es mir. Ich wünsche euch spannende Diskussionen und bin gespannt, welche Fälle eure Lernenden selbst mitbringen.







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