Reli-Ethik-Blog
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Interview zum Hospiztag: Was macht eine Sterbebegleiterin?

Am 14. Oktober findet der jährliche Hospiztag in Deutschland statt. Der Aktionstag macht auf oft tabuisierte Themen wie Tod, Sterben und Trauer aufmerksam und sensibilisiert für die Bedeutung der Hospiz- und Palliativversorgung. Im Beitrag findet ihr dazu passend ein Interview mit einer Sterbebegleiterin, das ihr auch für den Unterricht nutzen könnt!

„Nicht die Krankheit oder die verbleibende Lebenszeit stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch selbst.“

Mein Name ist Gabriela Carmanns, ich habe viele Jahre als Vertriebsleiterin beim Ernst Klett Verlag gearbeitet. Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben engagiere ich mich ehrenamtlich als Sterbebegleiterin im Hospizverein Wolfenbüttel.

Wie sind Sie dazu gekommen, Menschen an ihrem Lebensende zu begleiten?

Am Ende meines Berufslebens habe ich mich damit auseinandergesetzt, was ich mit dem vor mir liegenden, neuen Lebensabschnitt anfangen werde. Ich hatte den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun und Menschen in einer schwierigen Lebensphase beizustehen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod war für mich zwar ungewohnt, aber ich hatte im Laufe meines Lebens Erfahrungen mit Abschied und Trauer gemacht und dabei festgestellt, dass ich keine Angst vor der Begegnung mit Todkranken hatte, sondern ich ruhig und zugewandt mit dieser Situation und diesen Menschen umgehen konnte. Aus diesem Grund habe ich mich über Hospizarbeit informiert und mich um einen Platz im Vorbereitungskurs zur Sterbebegleiterin beworben.

Wie wird man Sterbebegleiterin?

Man besucht einen 140 Stunden dauernden Vorbereitungskurs bei einem Hospizverein und absolviert zusätzlich zwei Praktika (in einem Hospiz, einer Palliativstation und/oder bei der Spezialisierten Ambulanten Palliativ-Versorgung). Im Vorbereitungskurs befasst man sich intensiv mit Themen wie Würde und Selbstbestimmung, Sterben und Tod, Abschiednehmen und Trauer, aber auch mit Kommunikation, Selbstvorsorge und ethischen wie auch rechtlichen Fragen.

Welche Fähigkeiten sollte man „mitbringen“?

Man sollte Menschen „mögen“, besser noch „lieben“ und an ihnen und ihren Lebensgeschichten interessiert sein.

Wie sieht ein typischer Tag im Hospiz oder während einer Sterbebegleitung für Sie aus?

Ich selbst arbeite als ambulante Sterbebegleiterin. Das bedeutet, dass ich regelmäßig Menschen (mit einer lebensverkürzenden Diagnose) zu Hause besuche. Hierbei gehört es zu meinen Aufgaben, die Wünsche und Bedürfnisse des Menschen ernst zu nehmen und ihm das Gefühl zu geben, nicht allein mit seinen Ängsten und Sorgen zu sein.

Was sind konkrete Aufgaben, die Sie übernehmen – was tun Sie eigentlich?

Ich höre zu, wenn mein Gegenüber über sein Leben, seine Krankheit oder über religiöse/spirituelle Themen sprechen möchte. Ich bin da, wenn Menschen zu schwach zum Reden sind und die Nähe eines anderen Menschen spüren wollen. Dann lese ich ihnen z.B. etwas vor oder singe oder halte einfach nur ihre Hand. Darüber hinaus entlaste ich An- bzw. Zugehörige, stehe auch hier für Gespräche zur Verfügung oder „schenke“ ihnen ein wenig Zeit, damit sie sich von der häuslichen Pflege erholen können. Letztendlich geht es immer darum, mit Menschlichkeit und Offenheit präsent zu sein.

Wie gehen Sie damit um, wenn ein Mensch, den Sie begleitet haben, stirbt?

Im Vorbereitungskurs habe ich „gelernt“, dass der Tod nicht nur das Ende, sondern ein Teil des Lebens ist. Diesem Lebensende begegne ich mit großem Respekt. Gleichzeitig hat sich meine Sicht auf das Leben und den Tod verändert. Ich gehe mit mehr Demut durch mein Leben und ich akzeptiere den Tod als Teil des Lebens. Manchmal ist er eine Erlösung, vor allem wenn einem Menschen am Ende seines Lebens die Kraft fehlt, weiter gegen eine schwere Krankheit zu kämpfen. Ich nutze die Natur und vor allem meinen Garten als Kraftraum, „verarbeite“ dort meine Erlebnisse und tanke neue Kraft.

Bekommen Sie Unterstützung oder haben Sie Austausch mit anderen Sterbebegleiter:innen?

Ja, wir haben alle vier bis sechs Wochen eine Supervision. Auch haben wir alle eine/n „Paten/Patin“ zugeordnet bekommen, um Fragen kurzfristig klären zu können. Darüber hinaus sind die Fachkoordinatorinnen unseres Hospizvereins für uns Ansprechpartnerinnen bei sachlichen Fragen.

Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit mit Sterbenden besonders deutlich geworden?

Ein wichtiger Lernprozess war für mich die Bedeutung des Zuhörens. Ich habe erkannt, dass Sterbende keine Ratschläge oder aufmunternde Worte benötigen. Manchmal ist es viel wichtiger, einfach da zu sein, die Hand zu halten oder gemeinsam zu schweigen. Das fiel mir anfangs nicht leicht. Ich hatte den Wunsch, etwas sagen zu können, das dem anderen Mut macht oder seine Situation verbessert. Im Kurs wurde mir bewusst, dass ich nicht für jedes Problem eine Lösung finden muss. Meine Aufgabe als Begleiterin ist es vielmehr, die Wünsche und Bedürfnisse des Menschen ernst zu nehmen und ihm das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.

Haben sterbende Menschen bestimmte Fragen oder Sorgen, die immer wieder auftauchen?

Die Fragen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie stellen bzw. die wir begleiten. Allerdings sind Sorgen über die Zukunft ihrer Hinterbliebenen (Ehegatten oder Kinder, vor allem wenn sie noch jünger sind) nicht selten. Die Angst vor Schmerzen kann man den Menschen häufig nehmen, denn die palliative Versorgung und der gezielte Einsatz von schmerzlindernden Medikamenten ist heute (zum Glück!!) Standard.

Hat sich durch Ihre Begleitung Ihre Sicht auf das Leben verändert?

Ja, auf jeden Fall! Im Kurs lernte ich erstmals die hospizlichen Grundsätze kennen. Besonders beeindruckt hat mich der Gedanke, dass jeder Mensch bis zuletzt als eigenständige Persönlichkeit mit seiner Würde und seinen individuellen Bedürfnissen wahrgenommen wird. Nicht die Krankheit oder die verbleibende Lebenszeit stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch selbst.

Diese Haltung war für mich eine neue Sichtweise, denn in meinem bisherigen (Berufs-)Leben war ich es gewohnt, dass es vor allem darum ging, Aufgaben zu erledigen, Probleme zu lösen und möglichst schnell eine Verbesserung zu erreichen. Im hospizlichen Bereich lernte ich, dass es Situationen gibt, in denen nicht mehr das Heilen, sondern das Begleiten im Vordergrund steht.

Die hospizlichen Grundsätze haben mir gezeigt, wie wichtig Würde, Selbstbestimmung, Mitgefühl und menschliche Nähe sind. Sie sind für mich nicht nur Grundlagen der Sterbebegleitung, sondern Werte, die nun auch in meinem täglichen Leben eine immer größere Bedeutung haben.

Was wünschen Sie sich, dass Jugendliche über Sterben und Tod wissen oder anders sehen?

Sterben gehört zum Leben: Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens, auch wenn er häufig verdrängt wird. Über Tod und Sterben (und damit verbundene Ängste) „darf“ gesprochen werden. Offene Gespräche sind entlastend. Trauer wird individuell unterschiedlich erlebt. Sie kann sich als Weinen, Wut, Rückzug, Angst, Schuldgefühle oder auch scheinbare Gefühllosigkeit zeigen. Wichtig: Es gibt keine „richtige“ Art zu trauern.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Über die Autorin

Verena Schampaul

Ich bin als Abteilungsleiterin im Programmbereich Gesellschaftswissenschaften u.a. verantwortlich für die Redaktion Religion/Ethik beim Ernst Klett Verlag. Da ich schon als Schülerin mit Begeisterung für die Lokalzeitung geschrieben habe und Religion & Ethik meine „Fächer des Herzen“ sind, freue ich mich immer, wenn ich ab und zu Beiträge für den Reli-Ethik-Blog beisteuern kann.

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