Reli-Ethik-Blog
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Sterbehilfe – das Lebensende als Untersuchungsschwerpunkt im Ethikunterricht

Mit der Schweiz und ihren Sterbehilfeorganisationen, wie z. B. dem Verein exit1, verbinden viele Menschen in Europa, gerade auch in Deutschland, die Möglichkeit mit würdevollem Sterben im Falle von Krankheit im Alter oder gar in jungen Jahren. Ist jedoch die Autonomie eines Patienten aus medizinethischer Perspektive ein geeignetes Richtmaß, um einen Sterbeprozess aktiv einzuleiten? Mit derartigen Fragen werden einzelne Länder, Mediziner:innen und/oder Philosoph:innen immer wieder konfrontiert, wenn es um die Frage nach einem ethisch vertretbaren Lebensende eines Menschen geht.

Sterbehilfe als Themenbereich der Medizinethik

Wie präsent die Thematik der Sterbehilfe in Gesellschaft und Politik ist, zeigen sich stetig verändernde Gesetzeslagen und Diskussionen der letzten Jahre z. B. im Deutschen Bundestag2. Wie soll das allgemeine Persönlichkeitsrecht eines Menschen auch gegen Ende eines Lebens adäquat umsetzbar sein?3 Kann die Autonomie der Patient:innen in Hinsicht auf einen würdigen Sterbeprozess auch während einer Krankheit gesichert bleiben? Derartige Fragen beschäftigen einzelne Individuen ebenso wie Politik und Gesellschaft immer wieder und immer wieder aufs Neue. Das wurde z. B. bereits am Vorschlag zur Anpassung allgemein geläufiger Formulierungen zur aktiven und passiven Sterbehilfe durch den Deutschen Ethikrat aus dem Jahr 2006 deutlich.4

Beide Formulierungsvarianten finden daher Eingang in die Tafelbildvorschläge, wobei die Vorschläge aus dem Jahr 2006 in Klammern gesetzt werden, da zahlreiche Standardwerke auf die klassische Terminologie zurückgreifen. Aufgrund der Aktualität und der konträren Meinungen zur Sterbehilfe und der persönlichen Erfahrungen auch junger Menschen mit dem Tod, z. B. in der eigenen Familie durch Großelternteile, sollte diese Thematik in den Ethikunterricht Einzug finden.

Inhaltliche und didaktische Begründungen

Neben dem Beginn des Lebens ist ebenso das Ende des menschlichen Daseins ein Themenbereich der Medizinethik, der sich in den meisten Ethiklehrplänen Deutschlands zwischen der 10. und 13. Jahrgangsstufe findet. Beide Themenbereiche sollten im Ethikunterricht als Analysebeispiele für ethische Entscheidungsfindung in der Medizin herangezogen und für Lernende verständlich gemacht werden.

Selbstverständlich ist diese exemplarische Auseinandersetzung mit der Sterbehilfe erst gegen Ende einer Unterrichtseinheit zur Medizinethik anzusiedeln.

Unterrichtsbeispiel für etwa eine Unterrichtsstunde

  1. Als Einstiegsmöglichkeit bietet sich das unter der Kopiervorlage 1 (KV 1 zum kostenlosen Download am Ende des Beitrags) zur Verfügung gestellte Bild an. Es gibt der Lehrkraft die Möglichkeit, bereits erarbeitete Unterrichtsinhalte noch einmal aufzugreifen und im Nachhinein über die Wiederholung z. B. der vier Prinzipien nach Beachamp/Childress zur rechtlichen Situation der Sterbehilfe beispielsweise in Deutschland zu gelangen. Die Abbildung ist recht einfach, jedoch symbolträchtig gehalten: Das heißt, die Schüler:innen können über die Waage zur rechtlichen Seite der Thematik und über die Figur im Kittel mit Stethoskop und Krankenakte in den Händen zur ärztlich-medizinischen Auswertung des Patientenfalls finden, der über eine eher regungslose Person im Krankenbett illustriert wird.
  2. Als Überleitung zur Sterbehilfethematik kann von Seiten der Lehrkraft auf die Regungslosigkeit der Person im Bett hingewiesen werden und nach den Hintergründen dieser Situation gefragt werden. Hierbei werden die Beiträge der Lernenden vermutlich rasch auf schwere Krankheiten oder Unfälle abzielen. So kann auf lebensverändernde Situationen hingeführt werden, die den persönlichen Wunsch von Patient:innen nach einem Lebensende ermöglichen.
  1. Eine Erarbeitung der verschiedenen Varianten der Sterbehilfe ist anhand verschiedener digitaler Materialien möglich, von denen drei unter der Rubrik Medientipps exemplarisch verlinkt sind. Sollten die digitalen Möglichkeiten innerhalb der eigenen Lerngruppe beschränkt sein, so ist es der Lehrkraft anhand der unterschiedlichen digital verfügbaren Seiten recht schnell möglich, ein eigenes, auf die Lerngruppe zugeschnittenes Arbeitsblatt zu erstellen. Ein mögliches Tafelbild findet ihr auf Kopiervorlage 2 (KV2). Damit die Lernenden einen Überblick erhalten, welche Formen der Sterbehilfe in welchem europäischen Land erlaubt und/oder durchgeführt werden, ist eine Karte hierzu unter Kopiervorlage 3 (KV 3) einsehbar. Die Auswertung derselben im Plenum komplettiert das Tafelbild. Ein Arbeitsauftrag zur Recherche könnte wie folgt lauten: Erarbeiten Sie sich mithilfe des auf der Homepage zur Verfügung gestellten Materials die verschiedenen Varianten der Sterbehilfe und halten Sie Ihre Ergebnisse in Form einer Übersicht stichwortartig fest. Ergänzen Sie im Anschluss Ihre Übersicht mit europäischen Ländern, die die jeweilige Variante der Sterbehilfe in ihrem Land zulassen.
  2. Idee zur individuellen Vertiefung: Sollte die Lehrkraft eine vertieftere Auseinandersetzung mit den verschiedenen Varianten der Sterbehilfe wünschen, so könnte sich an die Erarbeitungsphase eine Form des Rollenspiels anschließen, in welchem die Lerngruppe mehrere Rollenkarten in Kleingruppen erhält (z. B. Befürworter des assistierten Suizids angelehnt an z. B. exit aus der Schweiz, Vertreter der Ablehnung aktiver Sterbehilfe durch beispielsweise medizinische Vertreter einer fiktiven Klinik, Betroffene oder Verwandte von Betroffenen etc.) und sich in diese einarbeitet, sodass im Anschluss eine kriteriengeleitete Gesprächsrunde über Sterbehilfe möglich wird.
  1. Nachdem die Lerngruppe sich der zentralen rechtlichen Aspekte der Sterbehilfe bewusst ist, soll die Analyse einer Patientengeschichte in Kombination mit der Auswertung eines Zitats von Prof. Maio in der Vertiefungsphase dabei helfen, den Sachverhalt eingehender zu betrachten:

Die Patientengeschichte lautet: „Ein Patient mit Alzheimer-Demenz hat vor dem Verlust der Einwilligungsfähigkeit in seiner Patientenverfügung festgehalten, dass im fortgeschrittenen Stadium der Demenz bei Pneumonie (=Lungenentzündung) auf eine Antibiotikagabe verzichtet werden solle. Allerdings fühlt sich der Patient in seinem reduzierten und geistig anspruchslosen Zustand mittlerweile offensichtlich wohl und scheint sein eingeschränktes Leben zu genießen.“1

1Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Mit einer Einführung in die Ethik der Pflege. Schattauer Stuttgart 2017, S. 454

Das Zitat von Prof. Maio dazu: „Wenn es nämlich zur Normalität wird, dass man mittels Verfügungen ein Leben allein deswegen beenden möchte, weil man auf die Hilfe Dritter angewiesen ist, etabliert sich zunehmend eine Tendenz zur totalen Abwertung verzichtvollen Lebens, zur Geringschätzung alles behinderten Lebens, eine Tendenz zur Abschaffung des gebrechlichen Lebens.“2

2Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Mit einer Einführung in die Ethik der Pflege. Schattauer Stuttgart 2017, S. 464

Folgende Arbeitsaufträge wären dabei möglich:

  • Analysieren Sie die Patientengeschichte hinsichtlich des prinzipienethischen Modells nach Beauchamp und Childress (Schadensvermeidung, Fürsorge, Autonomie, Gerechtigkeit).
  • Diskutieren Sie die Einschätzung Professor Maios zur Patientenverfügung anhand des vorliegenden Falls.

Hierbei können folgende Schritte innerhalb der Besprechungsphase berücksichtigt werden:5

  1. Definition des ethischen Problems:
    Definieren und eigene erste Wahrnehmen zum ethischen Problem
  1. Analyse des Problems:
    Analyse des Problems hinsichtlich der Beteiligten, der Entstehung und der Faktoren
  1. Überprüfung von Verhaltensweisen mithilfe von Werten und Normen:
    Überprüfung verschiedener, bereits vorhandener Lösungsansätze des Problems; Anwendung verschiedener medizinethischer Prinzipien zur Problemlösung; Erarbeitung von Lösungsvorschlägen anhand der Auswertung von Werten und Normen
  1. Fällen eines ethischen Urteils:
    Eigener Lösungsvorschlag unter der Berücksichtigung möglicher Folgen
  1. Als Anregung für eine Transferphase sei auf das inzwischen veraltete Synonym Euthanasie zu Sterbehilfe in manchen deutschsprachigen Ländern verwiesen, das in der Bundesrepublik Deutschland stets mit den Gräueltaten an Menschen mit Behinderung zu Zeiten des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Daher war und ist dieser Begriff hier nicht im Gebrauch. Als Transfer und fächerübergreifender Ansatz im Ethikunterricht kann dennoch, gerade bei starken Lerngruppen, auf die Begrifflichkeit im Zusammenhang mit den Geschehnissen unter den Nationalsozialisten eingegangen werden. So wird ein Verständnis der noch immer geltenden Position der Ablehnung der aktiven Sterbehilfe im deutschen Recht möglich und eine begründete Einschätzung der Lernenden zu einer möglichen Anpassung hierzu wird möglich. Sollte hierzu Material von Nöten sein, bietet die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hier einen guten Abriss.

Wie präsent ist das Thema Sterben in eurem persönlichen Alltag: Habt ihr bereits den Verlust nahestehender Menschen z. B. aufgrund von Krankheit und Alter verarbeiten müssen? Wie gut seid ihr mit den rechtlichen Rahmenbedingungen der Sterbehilfe in Deutschland und anderen europäischen Ländern vertraut?

1 Informationen zu exit (zuletzt aufgerufen am 30. Dezember 2024).
2 Informationen zur geplanten, aber nicht umgesetzten Gesetzesanpassung und Diskussion vom Juli 2023 (zuletzt aufgerufen am 30. Dezember 2024).
3 Verweis auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2020, das den assistierten Suizid in eine juristische Grauzone setzt (zuletzt aufgerufen am 30. Dezember 2024).
4 Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Mit einer Einführung in die Ethik der Pflege, Stuttgart: Schattauer 2017, S. 438f.
5 Vgl. Leben leben 3 Ausgabe Nordrhein-Westfalen, S. 152f. bzw. allgemeine Ausgabe, S. 152.

Kostenlos zum Download

Medientipps

  • Etwas veraltete Variante (Urteil aus dem Jahr 2020 zu wenig integriert) der Varianten der Sterbehilfe, die jedoch eine filmischen Darstellung für etwas schwächere Lerngruppen bereithält.
  • Auf der Homepage des NDR finden sich die Sterbehilfemöglichkeiten aufgelistet und neuere Gerichtsurteile zur Sterbehilfe sind ausgearbeitet.
  • Sehr übersichtliche und gerade für die Differenzierung nach oben geeignete Zusammenstellung der Varianten der Sterbehilfe mit Verweisen zu konkreten Gesetzestexten.
  • Weitere konstruierte und/oder reale Fälle zur Sterbehilfe finden Sie auf einem Arbeitsblatt zum Oberstufenband von Leben leben.
  • Hinweis für in Bayern unterrichtende Lehrkräfte: Es gibt über die Mediathek von ByCS unter dem Suchbegriff „Strebehilfe“ aktuelle Medien (Podcasts und Videos), die ohne datenschutzrechtliche Bedenken im Unterricht eingesetzt und auch mit der Lerngruppe geteilt werden können.

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Über die Autorin

Stephanie Schubert

Studienrätin am Josef-Effner-Gymnasium in Dachau für die Fächerverbindung Deutsch, Geschichte, Sozialkunde sowie Ethik/Philosophie. Autorin der Leben leben Reihe für das Gymnasium in Bayern.

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