Es dürfte für viele überraschend sein, dass Maria im Koran nicht nur häufig erwähnt wird, sondern die einzige Frau ist, die namentlich genannt wird. Daher lohnt sich eine nähere Betrachtung, die Parallelen zur lukanischen Maria aufweist. In Sure 3,42-47 kündigt ein Engel, ebenfalls wie im Lukasevangelium, Maria eine jungfräuliche Empfängnis und die Geburt eines Sohnes an. Maria stellt auch im Koran eine Rückfrage: „Wie soll ich einen Jungen bekommen, wo mich kein Mensch berührt hat und ich keine Hure gewesen bin?“1 Jesus wird im Koran als „Zeichen Gottes für die Menschen“ bezeichnet, parallel zum Titel „Sohn des Höchsten“ bei Lukas.2
Allerdings gibt es auch Unterschiede zwischen der christlichen und der islamischen Version. Im Koran erscheint Maria „der von Gott gesandte Geist ‚als‘ ein stattlicher Mensch, womit deutlich wird, dass Maria ihren Sohn nicht vom Geist empfängt und Jesus mithin nicht der Sohn Gottes ist, als den ihn das Christentum bekennt.“3 Jesus wird laut Koran nicht in einem Stall geboren, sondern in der Wüste unter einer Palme. In Sure 19 erkennt man die Sorge Gottes für die schwangere und gebärende Maria.
„Gott kümmert sich darum, dass Maria eine Palme hat, die sie während der Geburt mit Datteln versorgt – der gemäß den islamischen Autoritäten besten Nahrung für eine Frau in den Wehen. Es ist Wasser vorhanden, um den Durst zu stillen und wohl auch, um sich und das Kind nach der Geburt zu waschen.“4 Jedoch bleibt Maria im Koran eher in einer passiven Rolle, in völliger Gottergebenheit. In Sure 3,45–47 wird von Empfängnis und Geburt Jesu konkreter berichtet als in Sure 19. Maria wird von Kindheit an als Auserwählte Gottes, die rein und sündenlos ist, ausgewiesen. Maria ist theozentrisch ausgerichtet: „Gott erwählt sie von Anfang an und sie verkörpert in idealer Weise die Haltung des Gehorsams gegenüber Gott, dem Barmherzigen. Diese hohe Wertschätzung der Mutter Jesu im Koran spiegelt sich nicht zuletzt darin, dass sie als einzige Frau mit Namen genannt wird.“5
Für den Unterricht ergeben sich daraus folgende Zielsetzungen: Die Lernenden erkennen, dass Maria sowohl im Christentum als auch im Islam eine herausragende Rolle spielt. Indem die Lernenden zentrale Textstellen vergleichen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede reflektieren, entwickeln sie ein Verständnis für religiöse Vielfalt, das letztlich in einen interreligiösen Dialog münden kann.
Verlaufsplanung für eine Unterrichtsstunde zum Thema Maria im Christentum und im Islam
Einstieg
Impulsfrage: Wusstet ihr, dass Maria im Koran öfter erwähnt wird als im Neuen Testament?
oder: Methode: Think-Pair-Share: Wer ist Maria?
Erarbeitung
Arbeitsauftrag in Kleingruppen: Textvergleich Bibel – Koran (Vgl. KV „Maria in der Bibel und im Koran – Textvergleich“)
Sicherung und Vertiefung
Präsentation und Austausch
Reflexion
Persönliche Relevanz?
Methode: Schreibimpuls oder UG
Materialvorschlag
Marienbilder aus christlicher und islamischer Tradition (Ikone, arabische Kalligrafie)
Optionale Erweiterung
Die Feststellung, dass Maria sowohl im Christentum als auch im Islam eine wichtige Rolle einnimmt und wertgeschätzt wird, kann einen Beitrag zum interkulturellen und interreligiösen Dialog leisten.
Quellen
1 Der Koran. Übers. v. Hans Zirker. WBG Darmstadt 2018
2, 3, 5 Mirja Kutzer, Peter Walter: Maria in Geschichte und Gegenwart. Befreiende Perspektiven auf die Mutter Jesu. Hrsg. v. Michael Hauber. Herder Freiburg 2022, S. 223
4 Mirja Kutzer, Peter Walter: Maria in Geschichte und Gegenwart. Befreiende Perspektiven auf die Mutter Jesu. Hrsg. v. Michael Hauber. Herder Freiburg 2022, S. 225

Hinterlasse einen Kommentar