Differenzieren ist unumgänglich, will man dem christlichen Menschenbild und den Erkenntnissen über die Heterogenität der Lernenden im Religionsunterricht gerecht werden. Doch welche analogen und digitalen Möglichkeiten stehen einem dafür zur Verfügung?
Es existiert eine Vielzahl von Merkmalen der Heterogenität. sozialer, familiärer, ökonomischer und kultureller Hintergrund, die Leistungsfähigkeit die Sprachkompetenz. Eine Ausführliche Aufzählung dieser Merkmale bieten Matthias Trautmann und Beate Wischer in ihrem Werk „Heterogenität in der Schule“ ab S. 40. Die Vielzahl von Merkmalen zeigt, dass Differenzierung im Unterricht unumgänglich ist, will man der Individualität der Lernenden gerecht werden. Das gilt insbesondere für den Religionsunterricht.
Grundgedanken zum Thema Differenzieren
Differenzierung kann sich auf die Gestaltung der Lernangebote (Themen, Darstellungen, Aufgaben), die Lernprozesse (Lernziele, Lerntypen, Interessen, Anforderungsniveau), die Lernprodukte (Art der Präsentation der Ergebnisse), die Interaktion (Arbeits- und Interaktionsformen) und die Diagnose/Bewertung der Lernkompetenten (Lernstandsdiagnostik). Dies gilt für alle Unterrichtsfächer.
Für den Religionsunterricht stellt aber zusätzlich noch das christliche Menschenbild einen Anspruch dar, sich vertiefende Gedanken über eine gelingende Differenzierung zu machen. Nach christlicher Vorstellung wurde der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen. Ihm wird daher eine ganz besondere Würde zuteil. Dies gilt ausnahmslos für alle Menschen. Gerade der Religionsunterricht muss dieser Perspektive in seiner Ausgestaltung Rechnung tragen (Vgl. Ps 8,5–7 und 1 Kor 12,12–14). Jeder Mensch ist einzigartig. Individuelle Voraussetzungen, Fähigkeiten und Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden. Vielfalt ist bereichernd, daher soll eine Gemeinschaft vielfältig sein (vgl. 1 Kor 12,12–14). Barrieren müssen abgebaut werden und Zugänge müssen geschaffen werden (Vgl. Lev 19,14). Heilungsgeschichten und Erzählungen von Jesu Zuwendung zu den ausgestoßenen sind keine biblischen Zeugnisse für Inklusion, da sie auf Veränderung der Menschen abzielen. Dennoch lässt sich der Inklusionsgedanken aus der grundsätzlichen Botschaft Jesu ablesen, dass alle Menschen, insbesondere die ausgestoßenen, die Randgruppen Anteil am Reich Gottes haben sollen.
Differenzieren und Digitalisierung – Fluch oder Segen?
Digitalisierung bietet Vor- und Nachteile. Ein Beispiel dafür ist die Handynutzung. Wird diese untersagt, entfremdet sich Schule von der Lebenswelt der Lernenden. Chancen für einen gemeinsamen reflektierten Umgang werden dadurch vertan. Auf der anderen Seite führt die Erlaubnis zur uneingeschränkten Nutzung zu Missbrauch. Digitalisierung ist schnelllebig und den Fähigkeiten und Inhalten droht ein schneller Bedeutungsverlust. Medienkompetenz, die auf Grundwissen und Grundfähigkeiten aufbaut, ist der Schlüssel.
Differenzieren in Projekten
Mit Projekten kann Differenzierung relativ mühelos gelingen. In einer Projektarbeit arbeiten die Lernenden thematisch eng zusammen. In der Arbeitsweise sind hingegen individuelle Unterschiede möglich. Diese betreffen die Arbeitsweise, den Umfang der Inhalte, den Schwierigkeitsgrad, die Interessen und das Arbeitstempo. Damit ein Projekt gewinnbringend im differenzierenden Unterricht eingesetzt werden kann, sollten einige Voraussetzungen erfüllt werden. Das Projekt muss einen gemeinsamen Lerngegenstand aufweisen, es bietet (idealerweise) einen hohen Bezug zur Lebenserfahrung der Lernenden und orientiert sich an deren Interessen. Das Projekt sollte so angelegt werden, dass zur Bearbeitung verschiedenste analoge und digitale Fähigkeiten benötigt werden und die Lernenden dadurch die Chance bekommen, sich ganz individuell in einzubringen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, führt Projektarbeit zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Thema, zu höherer Motivation, mehr Mitverantwortung für den Unterrichtsprozess sowie den eigenen Lernprozess und zum Erwerb verschiedenster Kompetenzen. Ein Beispiel für solche Projektaufträge sind die Projektseiten im neuen Leben gestalten für Realschulen und differenzierende Schulformen. Zu jedem Kapiteleinstieg findet sich dort eine extra Seite, die ein Projekt einführt, welches dann über gesonderte Arbeitsaufträge durch das Kapitel wachsen kann.
Differenzieren durch Aufgaben
Aufgaben lenken den Unterrichtsprozess. Es wird z. B. ein Aspekt erschlossen, der für den nächsten Unterrichtsschritt nötig ist. Sie können dazu beitragen, Lernfortschritte für Lernende transparent zu machen, indem die Lernenden selbst feststellen, ob sie im Stande sind, eine Aufgabe zu lösen und diese als leicht oder schwer empfinden. Sie merken, ob sie Hilfe brauchen oder im schlimmsten Fall völlig überfordert sind. Im Idealfall können sich die Lernenden mithilfe der Aufgaben Inhalte und Kompetenzen eigenständig erarbeiten.
Im Unterricht wird zwischen geschlossenen, halboffenen und offenen Aufgaben unterschieden. Im Religionsunterricht sollte auf halboffene und offene Aufgaben zurückgegriffen werden. Offenheit ermöglicht die Beteiligung aller Lernenden und schafft so die notwendige Grundlage zur Differenzierung. Beispiel:
- Beschreibt, wie das Gedicht und der Bibeltext jeweils von Gott sprechen.
- Vergleicht die beiden Arten, wie die Texte von Gott sprechen.
- Setzt euch kreativ mit dem Bibeltext auseinander. Ihr könnt schreiben, malen oder basteln.
An diesen Aufgaben können alle Lernenden auf ihrem jeweils individuellen Niveau arbeiten.
Beispiele für diese Aufgaben sind die Seiten „Ins Gespräch kommen/Im Gespräch bleiben“ im neuen Leben gestalten für Realschule und Differenzierende Schulformen. Sie bieten die Möglichkeit der Positionierung der Lernenden zum Thema des Kapitels, schaffen Möglichkeiten zur Diagnose der Lernausgangslage und sprechen verschiedene Zugänge (z.B. kognitiv, emotional, ästhetisch) an.
Differenzieren mit Hilfestellungen
Beispiele für Hilfestellungen sind Erklärfilme, Tipps, Wort- und Begriffserklärungen, Hilfsmaterial und Audiodateien.
Die einfachste Hilfe sind Worterklärungen. Diese können in Form eines Glossars oder eines Fremdwörterlexikons bzw. durch das Nachschlagen im Internet zur Verfügung gestellt werden oder besser noch eigenständig durch die Lernenden recherchiert werden.
Lernende mit einer Leserechtschreibschwäche haben häufig Probleme, längere Texte inhaltlich zu erfassen. Studien zeigen, dass durch simultanes Hören und Lesen das Textverständnis verbessert wird. Dies kann beispielsweise durch Vorlesestifte oder Vorleseapps realisiert werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, die Texte als Audiodatei zur Verfügung zu stellen.
Erklärfilme haben verschiedene Vorteile beim Einsatz als Hilfsmaterial:
- Sie sind individuell einsetzbar.
- Sie können pausiert und zurückgespult werden.
- Sie können mehrmals angeschaut werden.
- Sie sind auch bei Krankheit verfügbar.
Tippkarten und Tipps können im Unterricht verbal, analog oder digital zur Verfügung gestellt werden. Tippkarten sollen das eigenständige Arbeiten fördern und keine Lösungen vorwegnehmen. Sie geben Denkanstöße, Hinweise oder weiterführende Fragestellungen. Achtung: Tippkarten sollen nicht das Lernen aus Fehlern ersetzen, sondern vor Frustration schützen. Tippkarten unterstützen den Unterrichtsprozess, wenn sie
- Strukturhilfen geben,
- den Blick der Lernenden fokussieren,
- Tipps zum Handeln geben,
- das eigene Denken anregen,
- die Lösung nicht vorwegnehmen,
- den Lernenden den Denkprozess ermöglichen,
- Fehler zulassen,
- Strukturhilfen geben.
Diese Hilfestellungen können mit digitalen Schulbüchern unkompliziert zur Verfügung gestellt werden. Digitale Medien eröffnen eine Vielzahl an Möglichkeiten, Hilfestellungen anzubieten. Audio- und Videodateien sind einfach einzubinden. Interaktive Formate sind unkompliziert einsetzbar. Durch verschiedene Zugänge wird die Motivation für die Lernenden erhöht. Ein Beispiel dafür ist das eBook zum neuen Leben gestalten für Realschulen und differenzierende Schulformen. Es bietet
- die digitale Fassung des gedruckten Schulbuchs,
- 18 spannende Folgen aus dem Klett „Hinhören“-Podcast (8 Folgen „Interviews Weltreligionen“, 10 Folgen „Blickwechsel“),
- 8 Textvertonungen (47 Bibeltexte, 14 Suren, 21 Auszüge aus Kinder- und Jugendliteratur),
- 57 „Einfach erklärt“-Audios,
- 72 Tipps für die Bearbeitung von Aufgaben,
- 24 Verlinkungen auf Erklärvideos von „Katholisch für Anfänger“
- im Schulbuch nicht abgedruckte Bibelstellen zum Ausdrucken.
Differenzieren über Lernwege
Heinz von Förster hat einmal gesagt, dass das Lernen so eigen wie ein Gesicht oder Fingerabdruck sei. Für den Unterricht bedeutet das, dass die Entwicklung eines Lernwegs immer vom Lernenden aus gedacht werden muss. Die Lernenden müssen mit ihren jeweiligen Stärken und ihrem Entwicklungsbedarf in den Blick genommen werden und in ihrem Lernprozess unterstützt werden. Lernumgebungen und Lernarrangements müssen darauf ausgerichtet werden. Ein Beispiel dafür ist die Zwei-Wege-Differenzierung im neuen Leben gestalten für Realschulen und differenzierende Schulformen. Individualisiertes Lernen bedeutet keinesfalls, dass Lernende nur in Einzelarbeit lernen. Kooperative Lernformen ermöglichen den Austausch und stärken die individuelle Kompetenzentwicklung.

Differenzieren mit Zusatzmaterial
Zusatzmaterial wird insbesondere in stark heterogenen Lerngruppen eingesetzt. Es kann bestehende Lernwege erweitern oder ändern. Zusatzmaterial bietet für die Binnendifferenzierung verschiedene Vorteile. Zum Beispiel
- die Qualitative Differenzierung nach oben und nach unten, je nach Material,
- die quantitative Differenzierung,
- die Eröffnung anderer Zugänge zum Lernprozess (Audio, Video),
- ein Erhöhen der Motivation.
Wichtig ist, dass ihr transparent macht, was Zusatzmaterial ist. Diese Transparenz beugt der Frustration vor, da sich einzelne Lernende sonst als benachteiligt bzw. weniger gut oder wertvoll wahrnehmen. Eine wertschätzende Kommunikation ist an dieser Stelle besonders wichtig. Eine Quelle für Zusatzmaterial ist sicherlich das Begleitmaterial zum neuen Leben gestalten für Realschulen und differenzierende Schulformen. Dieses findet ihr auf dem Digitalen Unterrichtsassistenten praktisch aufbereitet. Er enthält:
- Das komplette Leben gestalten eBook – das Schulbuch in digitaler Form – mit allen digitalen Zusatzmaterialien,
- die Handreichungen für den Unterricht als blätterbares Buch
- übersichtlich dargestellte Hinweise zum Unterrichtsverlauf,
- didaktische Tipps,
- über 100 editierbare Kopiervorlagen,
- 16 Kopiervorlagen mit ausgewählten Methoden für den Religionsunterricht,
- 3 Methoden-Erklärvideos,
- zu jedem Kapitel ein digitales Quiz bei QuizAcademy (insgesamt 10 Quiz),
- 5 Folgen der Podcastserie „Jan und Nora stellen große Fragen“
Ich hoffe, ihr konntet einige Anregungen und Ideen mitnehmen. Ich wünsche euch viel Freude bei der Vorbereitung eures Unterrichts.
Das Online-Seminar zum Thema „Differenzieren im Religionsunterricht“ findet ihr hier.
Die hier vorgestellten Möglichkeiten der Differenzierung können natürlich auch mithilfe anderer Schulbücher umgesetzt werden. Für den evangelischen Religionsunterricht findet sich viel geeignetes Material dazu z. B. im Lehrwerk reli plus.








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