Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Fasten: Sieben Wochen ohne – was?

In diesem Blogbeitrag gibt es anlässlich der bald beginnenden Fastenzeit viele Inspirationen, wie ihr die Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ der Evangelischen Kirche für euren Unterricht nutzen könnt – inklusive zwei kostenloser Kopiervorlagen, die ihr unter dem Beitrag herunterladen könnt.

Fasten heißt: Ohne …!

Zu dem Begriff „Fasten“ fallen den meisten Menschen, ganz gleich, ob sie religiös sind oder nicht, wahrscheinlich mindestens diese zwei Dinge ein: Es geht erstens um einen mehr oder weniger schmerzhaften Verzicht, den man sich, zweitens, glücklicherweise nur auf Zeit auferlegt. Warum tun Menschen das? Dazu gleich im nächsten Absatz. Die meisten Religionen kennen solche Fastentraditionen, insbesondere die drei den Jugendlichen mindestens nominell vertrauten Religionen Christentum, Judentum und Islam. Sowohl von Mose, als auch von Jesus und Mohammed ist eine 40-tägige Fastenzeit überliefert, also auch die zeitliche Begrenzung des Verzichts ist traditionell begründet. Eine gute Einführung und eine Übersicht über das Fasten in Judentum, Christentum, Islam und Buddhismus findet sich hier.

Die Motivation für bzw. die Wirkung des Fastens lässt sich grob in zwei Richtungen unterscheiden. Es findet sich einerseits die Betonung des Verzichts als solchem, also eine Bußleistung bis hin zur Selbstbestrafung, womöglich um Gott gnädig zu stimmen. Es ist kein Wunder, dass Martin Luther das Fasten deshalb ablehnte: Wer meint, Gott durch eigene Leistung gnädig stimmen zu müssen bzw. zu können, überschätzt sich und unterschätzt Gott. Andererseits gilt der zeitweise Verzicht als Gewinn für Leib und Seele, als heilsame Fokussierung des wie auch immer verstandenen Wesentlichen. Diese Charakterisierung – Gewinn durch Reduktion oder Vermeidung – trifft auch für das nicht religiöse medizinische Fasten zu.

Seit 1983 gibt es im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland die Fastenaktion „7 Wochen Ohne“. Diese kurze Formel unterstreicht die beiden Eingangsbemerkungen: Fasten ist weglassen auf Zeit, und zwar die Zeit zwischen Aschermittwoch (in diesem Jahr: 14. Februar) bis Ostern (31. März ist Ostersonntag). Es braucht einige Rechentricks, um in dieser Spanne „7 Wochen“ unterzubringen. Zwischen Aschermittwoch und Karsamstag, 30. März, liegen 40 Wochentage. Die sechs Sonntage innerhalb dieser Zeit sind vom Fasten ausgenommen. Das ergibt zwar keine 49 Tage, aber sieben angebrochene Wochen. Das muss man mit den Lernenden nicht im Detail nachrechnen, aber auf die Rückfrage sollte man vorbereitet sein. Die eigentliche Pointe liegt im „Gewinn durch Weglassen“; das Wort „Verzicht“ könnte bereits wieder zu sehr nach Kasteiung klingen. Damit würde ich einsteigen: Was ich weglassen/aufgeben/abwerfen kann; doch zuvor muss ich überlegen: Weglassen kann ich nur, was ich habe und was mir etwas bedeutet. Was habe ich, was macht mich aus, was halte ich für unverzichtbar? Siehe dazu Kopiervorlage 1 (unter dem Beitrag kostenlos zum Download).

Fasten heißt: Mehr …!

Der Reiz der Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ liegt in dem Mehrwert, der durch das Weglassen in den Blick kommt; in dem Plus, das durch das Minus erst möglich wird. Die jährlichen Fastenaktionen „7 Wochen Ohne“ unterscheiden sich von Jahr zu Jahr dadurch, dass jeweils ein spezifisches, neues Plus (und ein ebenso spezifisches Minus) in den Fokus genommen wird. Seit dem Jahr 2008 wird beim Motto das Plus vorangestellt und das Minus, also das, was sieben Wochen lang unter dem Vorzeichen „ohne“ stehen soll, mit einem Gedankenstrich angefügt: „Verschwendung! – 7 Wochen ohne Geiz“ (2008); oder: „Großes Herz! – 7 Wochen ohne Enge“ (2016); „Mal ehrlich! – 7 Wochen ohne Lügen“ (2019); „Zuversicht! – 7 Wochen ohne Pessimismus“ (2020). Und nun, im Jahr 2024, lautet das Motto: „Komm rüber! – 7 Wochen ohne Alleingänge“. Es geht offensichtlich um den Wert von Gemeinschaft, um die Bewegung aufeinander zu – und im Gegenzug um den Verzicht auf Eigensinn, auf Eigenheit und Eigentümlichkeit, in der ich mir selbst genug bin. Etwas salopp übersetzt: „You (should) never walk alone …“. Ziel der Unterrichtseinheit könnte sein, am Ende ein eigenes solches Motto in dieser Diktion zu kreieren: „Mehrwert durch zeitlich begrenztes Weglassen“ (Kopiervorlage 2). Damit dies gelingt, braucht es Einübung und Erfahrungen mit dem Weglassen.

Fasten: Gemeinsam Schritt für Schritt

„Komm rüber! – 7 Wochen ohne Alleingänge“. Beide Seiten des aktuellen Mottos verbindet das Moment der Bewegung: der „Allein-Gang“ hier und das „Rüberkommen“ dort. Entsprechend sind die sieben Wochen in sieben „Bewegungs-Themen“ oder schlichter: in Schritte untergliedert. Jeder Schritt beginnt mit der Präposition „mit“: Woche 1: Miteinander gehen – Woche 2: Mit den Liebsten – Woche 3: Mit denen da drüben – Woche 4: Mit der Schöpfung – Woche 5: Mit der weiten Welt – Woche 6: Mit den Anvertrauten – Woche 7: Mit Gott. Jedem Wochenmotto sind ein Bibeltext und ein Bild zugeordnet. Die Stärke dieses „Mit-Einanders“ liegt darin, dass es die Lernenden einlädt, Gemeinschaftserfahrungen zu reflektieren und mit anderen zu teilen.

Zur Fastenaktion gibt es ein  Themen- und Praxisheft („Zutaten“, siehe Literaturtipp unten) mit Lesetexten, Filmvorschlägen, passenden Musiktiteln, Liedvorschlägen zum Singen, meditativen Auslegungen und Praxisanregungen und Materialien für Fastengruppen. Es gibt also genug Material, um entweder den Religionsunterricht allein mit der Aktion „7 Wochen Ohne“ zu bestreiten – oder neben dem regulären Unterrichtsthema ein begleitendes Ritual für diese 7 Wochen (siehe Vorschlag hier im Anschluss) durchzuführen. Damit kann es gelingen, die 7 Wochen mit ihren Themen zu unterscheiden und sie sowohl fortlaufend wie abschließend zu reflektieren (Kopiervorlage 2).

Ein mögliches Ritual für „7 Wochen Ohne“ (Seitenangaben stammen aus dem „Zutaten“-Heft)

  • Begrüßung, Eröffnung der (Doppel-)Stunde
  • Gemeinsames Lied (Vorschläge: S. 37)/Musik hören (S. 16 ff.)
  • Biblische Lesung (Texte siehe unten)
  • Textassoziationen formulieren mit der Think-Pair-Share-Methode/Placemat/Auslegung vorlesen (S. 27 ff.)
  • Film zum Thema, anschließende Reflexion (S. 20 ff.)/Aktion der Woche (S. 38 ff.)
  • Schreibzeit für die begleitende bzw. abschließende Reflexion (Kopiervorlage 2)

Die Bibeltexte lauten:

  • 1. Woche: Lukas 24, 13–16 (Die Emmausjünger)
    Menschen, die mit Jesus unterwegs waren und allmählich verstanden hatten: Er ist der Messias Israels, müssen seinen Tod ertragen. Die überwältigende Erfahrung: Die Gemeinschaft mit Jesus wirkt über seinen Tod hinaus. Seine Auferstehung schafft neue Gemeinschaft.
  • 2. Woche: Hohelied 2,8–10
    Die Liebe ist das größte Geschenk Gottes an seine Schöpfung. Wem gilt meine Sehnsucht, wem gilt meine Liebe?
  • 3. Woche: Lukas 19,5–7 (Zachäus)
    Jesus überwindet Grenzen – und ein Ausgegrenzter erlebt das Wunder der Gemeinschaft: Jesus will bei mir zu Gast sein.
  • 4. Woche: Gen 2,15 (Bebauen und bewahren)
    „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“: Gemeinschaft mit den Mitgeschöpfen und der Mit-Welt.
  • 5. Woche: Apostelgeschichte 16,9 (Paulus in Makedonien)
    Paulus überwindet die Grenze zwischen Orient und Europa: „Komm herüber nach Makedonien und hilf uns.“ Gemeinschaft hilft Grenzen zu überwinden.
  • 6. Woche: Joh 19,25–27 (Jesus, Johannes und Maria)
    Die sechste Woche ist denen gewidmet, für die wir Verantwortung tragen. Nicht nur in der eigenen Familie. Verantwortungsübernahme und Gemeinschaft bedingen einander.
  • 7. Woche: Psalm 139,9–10 (Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir)
    „Gott sieht alles!“ klingt im schlimmsten Fall wie Überwachung und Kontrolle. Der Psalm meint das Gegenteil: Gott lässt sich auf mein Leben ein, egal, was kommt.

Ich wünsche euch und euren Lernenden eine erkenntnisreiche Fastenzeit!

Kostenlos zum Download

Weiterführende Literatur

  • Fastenaktion 2024: Komm rüber! 7 Wochen ohne Alleingänge. Zutaten Themenheft: Impulsfragen & Bibeltexte für jede Woche I Reportagen & Interviews I Arbeitsmaterial zur Fastenzeit I Für Gemeinden & Jugendgruppen, Leipzig 2023
    Zum Themenheft

Linktipp

Produktempfehlung

Ausblick: reli plus 3, Kapitel 1 „Suchbegriff Religion“; Kapitel 6 „Mensch Jesus!“

38 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über den Autor

Gerhard Ziener

Gerhard Ziener ist evangelischer Pfarrer, Schul- und Religionspädagoge. Er ist Autor und Herausgeber von reli plus für Evangelische Religion an mittleren Schulformen.

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben