Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Fastenaktion „Sieben Wochen ohne Panik“ im Unterricht

Don’t panic – fürchte dich nicht!

Sieben Wochen ohne. „Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik.“ Die Evangelische Fastenaktion 2025

Fasten in einem niedrigschwelligen, modernen Sinn – was damit gemeint ist, wird gleich erläutert! – kann eine wunderbare Übung sein für einen zeitgemäßen, schülerorientierten Religionsunterricht. Fasten im traditionellen religiösen Sinn, wie es in den großen Weltreligionen geübt wird, besteht im zeitweisen Verzicht auf Genuss (Essen, Trinken, Drogen, Sex …), um sich auf Wesentliches wie den Glauben, die Gottesbeziehung, die Spiritualität zu besinnen. Auf eine knappe Formel gebracht, bedeutet Fasten also: Unwesentliches wegzulassen, um Wesentliches zu gewinnen.

Voraussetzung für dieses traditionelle Fasten ist allerdings, dass ich die dafür wesentlichen Kategorien teile: Was ist oberflächlich, unwesentlich, verzichtbar (Genuss, Rausch, Vergnügen …)? Und was ist wesentlich (Glaube, Spiritualität, Gottesbeziehung …)? Für den schulischen Religionsunterricht mit seinen religiös heterogenen Teilnehmenden braucht es deshalb ein offeneres, das heißt: weniger voraussetzungsreiches Verständnis von „Fasten“, wie es beispielsweise der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“ zugrunde liegt. Bei dieser Form des Fastens geht es darum, unbewusste Lebensgewohnheiten, eingefahrene Muster, Bequemlichkeiten … zu hinterfragen und zu unterlassen, um dadurch Freiheit, Stärke, Neuorientierung zu gewinnen. Die Fastenaktion lädt immer in der Zeit von Aschermittwoch bis Ostern, also der Passionszeit, unter einem bestimmten Motto zum „Fasten“ ein. In diesem Jahrlautet das Motto „Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik“, und zwar im Zeitraum zwischen 5. März (Aschermittwoch) und 21. April (Ostermontag).

Das aktuelle Motto ist auf den ersten Blick knallig, auf den zweiten Blick merkwürdig und schräg, auf den dritten Blick lohnend. Man muss also etwas genauer hinschauen. Deshalb gibt es drei Vorbemerkungen zum Fastenmotto. Daran schließen sich Praxisimpulse für die Schule an. Wer noch etwas grundsätzlicher nachdenken will, was „Verzicht“ bedeutet und warum Menschen freiwillig verzichten; und: was religiöses Fasten von „Heilfasten“ ohne Religion unterscheidet, kann gerne in diesem Blogbeitrag nachlesen.

Drei Vorbemerkungen

Alle Jahre wieder

„Alle Jahre wieder …“ kommt – natürlich! – zur Weihnachtszeit das sprichwörtliche „Christuskind“, und mit ihm alle weiteren Stationen des Kirchenjahres. Jedenfalls in der evangelischen Tradition sind die wesentlichen Festtage des Kirchenjahrs allesamt Christus-Feste: Advent, Weihnachten, Erscheinungsfest am 6. Januar, Passion Jesu, Gründonnerstag, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt und schließlich der von Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern verheißene Geist (Pfingsten). Danach passiert, salopp gesagt, für Evangelische nicht mehr viel; ach ja, das Erntedankfest, aber das ist mit der überlieferten Geschichte Jesu kaum in Verbindung zu bringen. Doch kurz nach Erntedank beginnt ja schon wieder die Advents- und Weihnachtszeit und wieder kommt „das Christuskind“. Die Frage ist nur, ob dieser Zusammenhang für unsere Jugendlichen überhaupt noch wahrnehmbar ist. „Kirchenjahr“ bedeutet, dass die linear verlaufende Zeit – der Kalender verläuft nur in einer Richtung; stetig werde ich älter; ich kann auf immer mehr Vergangenheit zurückblicken, die nicht wiederkehrt – strukturiert und regelmäßig unterbrochen wird durch ein zyklisches religiöses „Alle Jahre wieder“ von Advent über Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt bis Advent. Das heißt: man muss überhaupt erst Verständnis wecken für das Bedürfnis und den Gewinn, der darin besteht, den Alltag durch Unterbrechungen infrage zu stellen und sich erinnern zu lassen an eine fremde Geschichte, die ganz und gar nicht meine ist, aber die meiner Gegenwart guttun kann: der Geschichte Jesu. Dafür steht der erste Impuls unter der Überschrift „Was machen wir eigentlich in Reli? – Luft holen!“

Don’t panic!

Fasten bedeutet: Gewinn durch Weglassen. Der Sinn des Weglassens entsteht einerseits dadurch, dass ich das, was ich lassen soll, eigentlich haben und behalten möchte. Das Weglassen kostet also Überwindung. Und andererseits steht das, woran ich eigentlich festhalten will, dem erhofften Gewinn offenbar im Weg. Doch wie ist das beim aktuellen Fastenmotto? Ich soll „ohne Panik“ leben und dafür „Luft holen!“ Luft holen ist gut. Damit sollten wir auch einsteigen. Aber „Panik fasten“? Das erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wollte ich denn jemals Panik empfinden oder an ihr festhalten? Wollte ich nicht vielmehr niemals in Panik geraten, wünschte ich mir nicht, dass am besten mein ganzes Leben ohne Panik gelingt?

Panik ist in Psychologie und Sozialwissenschaft die größtmögliche Steigerung von überfallartiger, nicht steuerbarer, akuter Angst und Furcht; nicht zufällig taucht Panik zumeist auf als „Panikattacke“ (Überfall) und als „Massenpanik“ (nicht steuerbar). Angst und Furcht kennen alle Menschen, sie haben durchaus lebensrettende Funktion – Panik hingegen möchte man niemandem wünschen. Die Furcht vor dem Säbelzahntiger hat unseren Vorfahren das Leben gerettet; jedes Kind sollte Furcht im Sinne von Respekt vor dem Straßenverkehr, übergriffigen Erwachsenen, Drogen und vielem mehr haben. Biblisch-religiös gesprochen gibt es die (Ehr-)Furcht, aber hoffentlich keine Angst vor Gott. Was also soll die Einladung, die Ermutigung: „Sieben Wochen ohne Panik“?

Ich versuche es deshalb mit der Formulierung: „Don’t panic!“, und zwar aus folgenden Gründen.

Zum ersten gibt es im Deutschen kein Verb für „in Panik geraten“ (to panic), im Deutschen bleibt die Ermutigung, nicht in Panik zu geraten, nominal: „(Nur) keine Panik!“. Deshalb also lieber: „Don’t panic!“ Und, zweitens: Die Formulierung „don’t panic“ verkleinert die Panik und klingt schon fast harmlos, wie: „Nur mit der Ruhe!“ Die Wendung „don’t panic!“ ist im Englischen ganz alltäglich und umgangssprachlich, beispielsweise in der Formulierung: „Don’t panic, this is only a test!“, also kein Ernstfall. Man staunt, wie verbreitet die Wendung, besser: Der Titel „Don’t panic“ auch bei uns im Land ist: Unzählige Clubs, Bars, Pubs, Geschäfte und Veranstaltungsorte tragen diesen Namen.

Mensch, Jesus!

Don’t panic hat auch einen biblischen Aspekt. Eine der häufigsten Ermutigungen quer durch beide Testamente lautet: „Fürchte dich nicht!“, „Fürchtet euch nicht!“. In englischen Bibelausgaben wird diese Ermutigung zumeist übersetzt mit „do not fear“ oder „don’t be afraid“. Zeitgenössische Bibelübertragungen übersetzen aber auch: „don’t panic“. So heißt es beispielsweise in Jes 41,10 (Luther: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott.“) so: „Don’t panic. I’m with you. There’s no need to fear for I’m your God“. „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ ist ein Grundthema der Bibel. Wörtlich findet es sich beispielsweise in Mk 5,36. Die Einladung zu angstfreier Gottesfurcht ist Ausdruck der Menschlichkeit Gottes: Gott weiß um meine menschliche, allzu menschliche Furcht und tröstet mich in der Furcht. Der dritte Praxisimpuls heißt deshalb „Mensch, Jesus!“.

Ich fasse zusammen:

  1. Die Jugendlichen sollten eine Idee, einen Eindruck, die Chance auf die Erfahrung erhalten, wie notwendig und heilsam zyklische Unterbrechungen der rücksichtslos und atemlos verstreichenden Zeit sein können. Weil es unter anderem genau für diese Erfahrung und deren Reflexion Reli gibt, lautet die erste Überschrift: „Was machen wir eigentlich in Reli? – Luft holen!“
  2. Was bringt das: auf Zeit aus etwas auszusteigen? „Fasten“ ist eine Einladung, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden Don’t panic, it’s only for some time. Wir beschäftigen uns mit der Frage nach dem heilsamen Weglassen – only for some time.
  3. Leben ohne Furcht – das wäre doch ein lohnender Grund für welches Fasten auch immer.
    Leben ohne Furcht ist ein Grundthema des Evangeliums: Die Geschichte und die Botschaft von der Menschlichkeit Gottes, die sich in dem Namen Jesu und in dem Wort Liebe fassen lässt. Die Zeit, die wir vor uns haben – 5. März bis 21. April – hat mit dem Leben Jesu und mit seinem Erleiden von Unmenschlichkeit zu tun. Stichwort: „Mensch, Jesus!“.
Bibelzitate: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; Eugene H. Peterson: The Message. The Bible in Contemporary Language. NavPress 1993

Materialien zur Fastenaktion

Die Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ wird durch sorgsam gestaltete, vielseitige Materialien unterstützt, die über den chrismonshop vertrieben werden. Dazu ist allerdings einschränkend zu sagen, dass bei dem Material eher Gemeindegruppen im Blick sind als Schule und Jugendliche der Sekundarstufe I. Ich greife in meinem Beitrag nur auf eine Atemübung aus dem Themenheft „Zutaten“ zurück sowie auf den Kalender. Daneben verweise ich auf Kapitel 6 des Lehrwerks reli plus 3 mit dem Titel „Mensch Jesus!“.

Praxisimpulse und Downloads

„Was machen wir eigentlich in Reli? – Luft holen!“

Die Frage „Was machen wir eigentlich in …?“ ist die typische Frage der Schülerinnen und Schüler nach dem aktuellen Thema oder Inhalt eines Faches (Antworten: Wir machen Australien; … die Bienen; … if-clauses; … jetzt noch eine Woche Geometrie; … Luther zu Ende …). Nur in den musischen Fächern erfolgt die Antwort bisweilen in einem Verb: Wir töpfern; wir üben Intervalle hören; wir konstruieren, wir singen, wir erfinden …

In diesem Sinne täte es dem Religionsunterricht gut, er orientierte sich eher an musischen Fächern als an Geografie oder Physik: In Reli hören wir, staunen wir, hinterfragen wir, diskutieren wir, wir erproben, stellen in Frage, wir zweifeln an, wir überzeugen einander, wir analysieren, verteidigen, chillen, prüfen, fantasieren … Die Idee dieses Einstiegs lautet: Reli ist neben vielem anderen deshalb so anders, weil wir da etwas für uns tun. Zum Beispiel Luft holen, Atem schöpfen. Aber auch theologisieren, erproben, kennenlernen, uns vertiefen … Das Atemholen üben wir ein und gestalten dafür ein Ritual.

Don’t panic, it’s only for some time

Gewinnen durch Weglassen: Was fällt mir leicht, was fällt mir schwer – was fällt Ihnen eigentlich ein? Wir kommen ins Gespräch über zu viel, zu wenig und über Verzicht – auf Zeit; siehe auch im Blogbeitrag zur letzten Fastenzeit.

„Mensch Jesus!“

Stimmt es, dass in der Bibel 365mal geschrieben steht: „Fürchte dich nicht!“, also für jeden einzelnen Tag des Jahres einmal? Nein, das kann schon deshalb nicht stimmen, weil die Bibel unterschiedliche Ausdrücke für diese Ermutigung kennt und es folglich von der Übersetzung abhängt, ob man 365 Bibelstellen zählen kann. Doch der Gedanke ist wunderbar: An keinem Tag des Lebens sich ängstigen zu müssen. Am besten fragen wir die Jugendlichen: Was ängstigt dich – und was hilft dir dann?

Dass Gott in Jesus Mensch wurde, ist der stärkste Ausdruck für die Menschlichkeit Gottes. Die „Menschlichkeit Gottes“ bedeutet zweierlei. Einmal die Nähe Gottes zu meinem Menschsein – bis hin zum Tod (Phil 2,6–10). Und zum anderen das Handeln Jesu, an dem sich lernen und verstehen lässt, wie eine menschenfreundliche Ethik aussehen müsste. Das Kapitel „Mensch Jesus!“ in reli plus 3 (2024) gibt zahlreiche Anregungen:

  • die drei Leitfragen (S. 79) zielen alle auf die Menschlichkeit Jesu bzw. Gottes, wobei der Begriff der Menschlichkeit immer beides beinhaltet: das Begrenzte, Vergebungswürdige des Menschlichen („Irren ist menschlich“) wie das Ideale („Sie hat wahrhaft menschlich gehandelt“).
  • die Doppelseite 86/87 lotet das Verhältnis zwischen dem Wahrhaften und dem Wahrhaftigen aus: Was stimmt (also: ist zutreffend, bewiesen, belegt) und was stimmt für mich (verdient Vertrauen und trägt mich)? Das ist exakt das Thema der Fastenaktion: Was ist verzichtbar (Fasten, weglassen) und was ist wesentlich (Gewinn)?
  • Auf(er)stehen (S. 90/91) thematisiert das Wunder des Lebens, man kann auch sagen: der Resilienz, angesichts von Zweifel und Verzweiflung.

Ich wünsche euch und euren Lernenden eine bereichernde Fastenzeit! Don’t panic, it’s only for some time!

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Über den Autor

Gerhard Ziener

Gerhard Ziener ist evangelischer Pfarrer, Schul- und Religionspädagoge. Er ist Autor und Herausgeber von reli plus für Evangelische Religion an mittleren Schulformen.

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