Reli-Ethik-Blog
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Lektüre kiloweise: Aus dem Alltag der Juryarbeit für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis

Seit 35 Jahren gibt es ihn: den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Den vergibt die Deutsche Bischofskonferenz, zunächst zwei-, seit 2001 jährlich. Gerade hat die neue Lesesaison begonnen!

„Schon wieder eine Bücherkiste!“ Wir wohnen im Erdgeschoss, aber trotzdem verlangt der Preis der Post einiges ab. Mehr als zwölf Kilogramm wog der bislang schwerste der Kartons, mit dem die Geschäftsstelle des Preises, angesiedelt beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn, den Jurymitgliedern seit Mitte Juni wieder neues Lesefutter zukommen lässt. In den nächsten Wochen und Monaten werden ihm noch etliche weitere nachfolgen. Viel zu tun bis zum 15. Mai 2025: An dem Tag wird die nächste Preisverleihung stattfinden, voraussichtlich in Freiburg/Br., feierlich und fröhlich. Zehntausende Seiten wollen bis dahin gelesen, genossen, besprochen, diskutiert und ausgewählt werden. Ich selbst bin seit 2018 dabei, habe schon hunderte Bücher für den Preis gelesen, leide mit dem Postboten und freue mich immer noch auf die vielen brandneuen Bücher, die auf mich warten.

Lesen, lesen, lesen – und intensiv diskutieren

Denn alle Bücher, die von den Verlagen für den Preis eingereicht werden, werden zunächst sehr gründlich gelesen. Zwei Mitglieder der Jury bereiten dazu ausführliche Rezensionen und eine Empfehlung vor, weitere tragen Leseeindrücke bei: Eignet sich das Buch für die Empfehlungsliste, die jedes Jahr zusammen mit dem Preisbuch veröffentlicht wird und die insgesamt 15 Titel umfasst? Ist es innovativ genug, ist das Thema bedeutsam? Immer wieder kommt es hier bereits zu intensiven Diskussionen: Erfüllt das Buch die Preiskriterien?

Im Statut des Preises heißt es:

„Der Preis wird für Arbeiten in der Kinder- und Jugendliteratur verliehen, die beispielhaft und altersgemäß christliche Lebenshaltungen verdeutlichen, religiöse Erfahrungen vermitteln und Glaubenswissen erschließen. Die ausgezeichneten Werke sollen das Zusammenleben von Gemeinschaften, Religionen und Kulturen fördern. Dabei muss die transzendente und damit religiöse Dimension erkennbar sein.“ 1

Und was das konkret heißt, darüber kann man aus guten Gründen sehr unterschiedlicher Meinung sein! Dass die Bücher einem literarischen Anspruch genügen müssen, versteht sich von selbst. Aber auch hier gehen die Meinungen schon mal auseinander. In unserer multiprofessionell aufgestellten Jury kein Wunder: Literaturwissenschaftlerinnen, Bibliothekarinnen, Lektorinnen, Pädagoginnen, Theologen und ein Bischof lesen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Interessen. Aber genau darin liegt das Spannende und Einzigartige dieses Preises, bei dem alle diese Perspektiven ins Gespräch kommen, sorgfältig abgewogen, engagiert diskutiert und gewichtet werden!

Nochmal: Lesen, lesen, lesen. Und dann: Auswählen – und sich entscheiden

Zwei, manchmal sogar drei Sitzungen brauchen wir für diese erste Sichtung der eingereichten Bücher. Übrig geblieben sind schließlich die, die in die engere Wahl für Empfehlungsliste und Preis gekommen sind. Zum Ende der Weihnachtsferien, Anfang Januar, findet traditionell die letzte, die Auswahlsitzung statt. Jetzt gilt es: Die verbliebenen Bücher sind alle intensiv gelesen worden, jedes Mitglied der Jury hat Favoritenlisten im Gepäck. Welches Buch setzt sich durch?

Und nochmals werden alle Bücher einzeln besprochen, emotional diskutiert – und dann kommt es zum Schwur. Unter den 15 Büchern der Empfehlungsliste soll für alle Altersgruppen etwas dabei sein – manches wirklich tolle Buch schafft es deshalb am Ende dann doch nicht auf die Liste, mancher Favorit fällt, 15 Bücher sind am Ende eben nur 15 Bücher.

Zu guter Letzt: Ein Preisbuch für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis

Wenn die Empfehlungsliste – in der Jury nur „die Liste“ genannt – fertig ist und alle die Auswahl mittragen können, wird es noch einmal spannend: Der letzte Sitzungstag der Auswahlsitzung gehört dem Preisbuch. Darüber wird abgestimmt – aber ohne Diskussionen geht es natürlich auch hier nicht. Denn obwohl die ganze Empfehlungsliste wirklich herausragende Bücher enthält, wird das Preisbuch noch einmal auf ganz besondere Weise wahrgenommen. In einer Zeit, in der Religion und Kirche unter besonderer Beobachtung stehen, will daher gut überlegt sein, wie sich die Jury, die das Preisbuch laut Satzung eigenverantwortlich auswählt, positioniert.

Wie sich Zeiten, Geschmäcker und Auslegungen der Preiskriterien in den letzten 35 Jahren verändert haben, lässt sich bei einer Sicht auf die Preisbücher dieser Zeit gut beobachten. So handelt es sich bei „Telat sucht den Regenbogen“ von Kurt Hock, einem Gebets- und Geschichtenbuch, das 1979 ausgezeichnet wurde, und „sieben. die Schöpfung“ von Linda Wolfsgruber, dem Preisbuch dieses Jahres, um recht explizite religiöse Bücher (obwohl es auch in der Jury immer wieder Diskussionen darüber gibt, was denn ein – zudem noch gutes – religiöses Buch auszeichnet). Und doch unterscheiden sie sich – was sich schon daran zeigt, dass Wolfsgrubers Buch auch weitere, nichtreligiöse Preise erhalten hat.

Das gilt übrigens für viele Preis- und Empfehlungsbücher des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises der letzten Jahre und spricht für die Qualität des Preises. Und zeigt: Es sind gar nicht wenige Bücher, die sich – unaufdringlich, literarisch anspruchsvoll, aber deutlich – durch eine „transzendente und damit religiöse Dimension“ auszeichnen.

Ich finde: Die Arbeit in der Jury macht – bei allem, sich manchmal zeigenden Lesestress – nicht nur Spaß. Sie zeigt mir auch: Die Themen, für die ich als Religionspädagoge stehe, sind auch heute noch gut kommunizierbar. Man muss nur wissen wie. Von den Büchern und ihren Autorinnen und Autoren lässt sich da viel lernen!

Wie schwer alle Bücher der Saison zusammen sind, habe ich übrigens noch nie gewogen. Stand derzeit: Gut 24 Kilogramm.

1Statut des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises. Unter: https://www.dbk.de/themen/auszeichnungen-der-deutschen-bischofskonferenz/katholischer-kinder-und-jugendbuchpreis/statut (Zugriff 17.07.2024, gek.)
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Über den Autor

Prof. Dr. Markus Tomberg

Prof. Dr. Markus Tomberg ist katholischer Theologe. Er lehrt als ordentlicher Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda und ist Herausgeber der Lehrwerksreihen Leben gestalten N, Leben gestalten S und Leben gestalten Oberstufe.

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