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Maria Magdalena: Verkünderin der Auferstehung

Maria Magdalena, eine Frau des Neuen Testaments, die polarisiert: Einerseits wird sie als „apostola apostolorum“ – als erste Verkünderin der Auferstehung Jesu verehrt – andererseits wird sie als Sünderin, als Prostituierte, diffamiert. Wie kommt es, dass Maria Magdalena diese beiden, nicht gegensätzlicher erscheinender Frauenbilder miteinander vereint?
Der vorliegende Blog-Beitrag widmet sich Maria Magdalena als Verkünderin der Auferstehung.

Maria Magdalena, die Botin der Auferstehung

Der Titel „apostola apostolorum“, also Apostelin der Apostel und nicht nur Botin, „wurde ihr bereits de facto zuerkannt, bevor er durch Petrus Abaelard vermutlich erstmals gebraucht wurde. Odo von Cluny lässt seine Predigt in diesen Ehrentitel gipfeln: ‚Wie die Jünger Apostel genannt werden, weil sie der Welt das Evangelium gebracht haben, so wird die selige Maria Magdalena vom selben Herrn zum Amt der Apostel ausersehen.‘ Diese Würde wird in vielen Predigten und Dichtungen des Mittelalters betont, doch blieb der Auftrag durch den Herrn in der Praxis fast zweitausend Jahre hindurch ohne Folgen, er erschöpfte sich in der Ausführung bei den Jüngern. Danach trat Magdalena zurück, und die männlichen Verkünder – Apostel und Bischöfe – übernahmen allein dieses Amt. Mehr noch: Maria Magdalena wurde über Jahrhunderte hinweg in ihrer Würdigung als erster Zeugin der Auferstehung beraubt und in der Vulgärtheologie und Volksfrömmigkeit zur heiligen Sünderin umgedeutet.“ [1]

Alle vier Evangelien erzählen, dass Maria Magdalena am Ostermorgen das Grab Jesu aufsucht, um den Leichnam zu salben. Unterschiedlich ist lediglich die Nennung ihrer Begleitung. Bei Markus sind es neben ihr noch Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome. Lukas nennt Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus (Lk 24,10). Und bei Matthäus wird Maria Magdalena von der „anderen Maria“ begleitet. In allen drei synoptischen Evangelien begegnen Maria Magdalena und die anderen Frauen im Grabesinnern Engeln (Mt und Mk einem, bei Lk zwei Engeln), die ihnen die Auferstehung Jesu verkündigen. Bei Markus und Matthäus wird ihnen aufgetragen, diese Botschaft an die Jünger weiterzugeben bzw. ein Wiedersehen mit dem Auferstandenen anzukündigen.

Bei Matthäus erscheint den Frauen auf dem Rückweg vom Grab (Mt 28,9f) der Auferstandene selbst und wiederholt den Verkündigungsauftrag der Engel. Im sekundären Schluss des Markusevangeliums (Mk 16,9-20) wird explizit gesagt, dass der Auferstandene zuerst Maria von Magdala erschienen sei (Mk 16,9) und sie die Osterbotschaft verkündigt habe. [2]

Im Johannesevangelium (Joh 20,1-18) macht sich Maria Magdalena allein auf den Weg zum Grab. Sie entdeckt ebenfalls das offene Grab und erlebt eine Engelserscheinung, die weder mit der Auferstehungsbotschaft noch mit einem Verkündigungsauftrag verbunden ist. Wie bei Matthäus erscheint ihr der Auferstandene selbst, allerdings stilisiert in einer ausführlich gestalteten Begegnungsszene (Joh 20,11-18), in der Maria Magdalena erkennt, wer vor ihr steht. Sie erhält ebenfalls vom Auferstandenen einen Verkündigungsauftrag, den sie ausführt. [3]

Biblische Nachweise:

  • Mt 28, 1-10
  • Mk 16, 1-10
  • Lk 24, 1-12
  • Joh 20, 11-18

Maria Magdalena am Grab (Joh 20,1 und 20,11-18)

Die Methode des Bibliologs ermöglicht den Lernenden die direkte Auseinandersetzung mit Maria Magdalena und der Begegnung mit dem Auferstandenen. Eine Anleitung findet ihr hier zum Download.

Um Maria Magdalenas Rolle als Botin der Auferstehung herauszuarbeiten, bieten sich zwei künstlerische Darstellungen an, die sich auf die Perikope Joh 20,11-18 beziehen.

Weg vom Kurtisanen-Problem, das man bislang in Savoldos Londoner Maria Magdalena gesehen hat, interpretiert Günter Lange das Kunstwerk als „Begegnung mit dem Auferstandenen“. [4]

Die Körperhaltung ist kompliziert gestaltet, da die Figur dem Betrachter zwar die Schulter zeigt, aber gleichzeitig den Blickkontakt zu ihm sucht. Die Lichtführung weist auf den metallisch glänzenden Überwurf hin, der sich vor dem dunklen Hintergrund des Grabmals leuchtend abhebt. Dadurch wirkt das Gesicht der Frau verschattet, womit die „erotische Sinnlichkeit der Szene nur verhalten angedeutet werden soll.“ [5]  In der Ferne ist Morgendämmerung (bevorzugte Metapher der Auferstehung Christi) anzunehmen. Der entscheidende Augenblick, auf den das Bild hinweist, ist – nach Lange – der Moment, in dem sich Maria umwendet und Jesus dastehen sieht, ohne ihn zunächst zu erkennen (V. 14). Dann, von Jesus angesprochen, wendet sie sich dem Auferstandenen voll zu (V. 16). Dass Maria gerade noch geweint hat, drückt der Maler mit der verhüllten Hand aus, die zum leicht vorgeneigten Gesicht geführt wird, um die Tränen abzuwischen, was als traditionelles Ausdrucksmittel für Trauer und Weinen gilt. [6]

Das bei Johannes verlangsamende Moment des zweimaligen Sich-Umwendens Marias hat der Maler zusammengefasst. Es ist der Augenblick, der sich unmittelbar vor der Wahrnehmung Marias vollzieht, indem aus dem bloßen Gärtner der auferstandene Christus wird. „Das Licht, das Maria Magdalena im Rücken trifft und ihre Mantilla ‚verklärt‘, ist folglich kein natürliches Licht. Es ist der Lichtglanz, der vom Auferstandenen ausgeht, der, wie überirdisch, nicht direkt malbar ist, wohl aber in seinem Reflex auf dem Mantel Marias darstellbar wird.“ [7] Der Auferstandene selbst ist nicht sichtbar; er bleibt außerhalb des Bildes. Doch das Bild bezeugt seine Nähe. Der Betrachtende wird selbst mit in das Bild hineingenommen, er „gehört“ sozusagen zum Arrangement des Bildsinnes, obwohl er ebenso wenig wie Maria Magdalena Christus sieht. Aber im Unterschied zu Maria erkennt er bereits „den Widerschein des aufgegangenen Verklärungslichtes Christi auf dem Tuch, das die Halbfigur der Maria so auffällig umfängt.“ [8] Maria hat das Licht noch nicht wahrgenommen, allerdings bereits die Stimme des Auferstandenen. Somit lässt das Bild offen, was der Text nach Johannes und infolgedessen auch der Betrachter weiß: Maria wird sich gleich vom Betrachter wegwenden und an ihm vorbei sich direkt dem Licht Christi zuwenden. „Dann wird ihr ganzes Gesicht in Licht getaucht sein, und ihre Augen werden aufleuchten in der neuen Erkenntnis, in der sie dann ‚Rabbuni‘ sagen kann. Aber das – die Erfüllung – ist eben nicht zu sehen. Das Bild bleibt als religiöses Bild in der Schwebe.“ [9]

Doch die Augen der Frau suchen die des Betrachtenden, damit wird der Betrachter in das Bildgeschehen verstrickt, ein „vorübergehende(r) Komplize(.) im Akt des Überwältigtwerdens von der Realität des Auferstandenen.“ [10] Der Bildbetrachter hat als einzigen Anhaltspunkt nur den Lichtschimmer, der sich auf Marias Schal spiegelt. Das, was Maria im nächsten Augenblick gelingt, nämlich mit der Quelle des Lichts in direkte Beziehung zu treten, bleibt dem Betrachter vorenthalten.

Diese Darstellung der Maria Magdalena eignet sich im besonderen Maße sie als Verkünderin der Auferstehung, als apostola apostolorum, wahrzunehmen. Sie ist nach Johannes die erste Zeugin der Auferstehung, die erste, die dem Auferstandenen begegnet, und die erste, die er anspricht und der er die Auferstehungsbotschaft verkündet. Indem sie der Auferstandene beauftragt, die Botschaft weiter zu verbreiten, erhält sie eine herausragende Stellung innerhalb der Nachfolge. An dieser Frauengestalt lässt sich darüber hinaus das Positive, Starke, Mutige von Maria Magdalena nachvollziehen, während Jesu Umgang mit Frauen allgemein und mit Maria Magdalena im Besonderen zeigt, dass er sie zu Glaubensbotinnen und damit in die aktive Nachfolge beruft.

Maria Magdalena schreitet in einem roten, strahlenden Gewand aus dem (Oster-)Licht des Auferstandenen in den dunklen Raum der Furcht und Enge, in dem die Jünger angstvoll ausharren. Sie kommt von der Grabstätte und ist dem Auferstandenen begegnet. Allein dass sie das Grab aufgesucht hat, um den Leichnam Jesu zu salben, lässt den Mut und die Stärke dieser Frau erahnen. Denn die Bestattung eines Gekreuzigten und die öffentliche Trauer um ihn waren bei den Römern strengstens verboten. Ihre liebende beharrliche und entschiedene Suche nach dem Leichnam zeigt ihre Treue zu Jesus – über den Tod hinaus, was den Gegensatz zu den Jüngern unterstreicht, die angstvoll, verschreckt und ratlos in einer Räumlichkeit verweilen, sich aneinanderschmiegen und sich gegenseitig Halt geben, aber erwartungsvoll der Botin entgegenblicken.

Ihre selbstbewusste Haltung und ihr Stand lässt nichts von dem noli-me-tangere Motiv erkennen, von dem Verhaftet-Sein in der Vergangenheit, dem verkrampften Festhalten von Liebgewonnenem, sondern ihren forschen aufrechten Schritt und Blick in die Zukunft. Ihre exponierte Stellung innerhalb der Nachfolge Jesu wird hervorgehoben, indem der Auferstandene ihr als Erster erscheint, sie ihn als Erste erkennt. Damit kommt Maria Magdalena eine aktive Rolle in der Osterbotschaft zu – sie schaut und erkennt ihn. Danach erhält sie von dem Auferstandenen den Auftrag, den Jüngern die Auferstehungsbotschaft zu verkündigen. „Geh und sag es meinen Brüdern!“ Mit diesem Auftrag nimmt Maria Magdalena als erste Zeugin der Auferstehung einen einzigartigen Platz im Christentum ein, wenngleich das jüdische Gesetz drei Frauen als Zeugen für eine gültige Zeugenaussage verlangte. Dieser Verkündigungsauftrag trägt ihr später die Bezeichnung apostola apostolorum (Apostelin der Auferstehung) ein. Den Jüngern verkündet sie die Botschaft: „Ich habe den Herrn gesehen!“ mit den Gesten der Verkündigung. „Ihre rechte Hand sagt: ‚Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch!‘; die linke Hand gibt das soeben Erfahrene weiter. Es ist die Gestik des Gebens.“ [11] Maria Magdalena ist damit eine eigenständige Frau in der Nachfolge Jesu. Josef Pichler weist mit der johanneischen Aussage Maria Magdalenas „Ich habe den Herrn gesehen“ [12] (Joh 20,18.2) auf eine Parallele zu Paulus hin. In 1 Kor 9,1 verwendet Paulus diese Formulierung, um sein Apostel-Sein zu rechtfertigen. „Hier heben sich das paulinische und das johanneische Konzept von Apostel deutlich von Lukas ab, der die Apostel mit dem Zwölferkreis identifiziert. Für Paulus und für Johannes kann Maria Magdalene jeweils Apostolin sein, weshalb die Wendung einen Einblick in den Kampf um Autorität in der Urkirche ermöglicht. Indem Maria dieselben Worte wie Paulus verwendet, plädiert sie dafür, dass öffentliche Verkündigung weder eine Männerdomäne sei noch, dass nur Männer Christus repräsentieren können, sondern sie trägt ihren Teil zur neuen Schöpfung bei.“ [13]

Aktualisierung [14]

Mit Hilfe der Placemat-Methode (oder im Schreibgespräch) wird die Unterrichtseinheit zum Abschluss gebracht. Folgende Impulse/Denkanstöße bereiten die Auswertung und Auseinandersetzung sowie den Transfer auf die Lebenssituation der Lernenden vor:

  • Wer ist für mich (aktuell/wie/eine) Maria Magdalena?
  • Für wen bin ich (aktuell/wie/eine) Maria Magdalena?
  • Wem verdanke ich mich – durch den bewegenden Tränendienst, die bewahrende Salbe der Liebe, das Überbringen der Osterbotschaft?

Wem übermittle ich die Auferstehung Jesu?

Über die Gedanken und Impulse des Aktualisierungsversuches werden die Lernenden angeleitet, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob und wenn ja, welche Maria-Magdalena-Aspekte für sie eine tragende, übertragende, nachahmenswerte, identifikationsstiftende Rolle spielen könnten.

Quellen:

1 Magda Motté: Esthers Tränen, Judiths Tapferkeit. Biblische Frauen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. WBG Darmstadt 2003, S. 232
2 Susanne Ruschmann: Maria von Magdala Jüngerin – Apostolin – Glaubensvorbild. Stuttgart 2003, S. 7.
3 Vgl. Ruschmann, aaO., S. 8.
4 Günter Lange: „Begegnung mit dem Auferstandenen“. In: Ders.: Bilder zum Glauben. Christliche Kunst sehen und verstehen. München Kösel 2002, S. 154-159.
5 Günter Lange: „Begegnung mit dem Auferstandenen“. In: Ders.: Bilder zum Glauben. Christliche Kunst sehen und verstehen. München Kösel 2002, S. 155
6 Günter Lange: „Begegnung mit dem Auferstandenen“. In: Ders.: Bilder zum Glauben. Christliche Kunst sehen und verstehen. München Kösel 2002, S. 156
7 Günter Lange: „Begegnung mit dem Auferstandenen“. In: Ders.: Bilder zum Glauben. Christliche Kunst sehen und verstehen. München Kösel 2002, S. 156
8 Günter Lange: „Sie wandte sich ihm zu“: Savoldos Londoner Magdalena. In: KatBl. 116 (1991), S. 500
9 Günter Lange: „Sie wandte sich ihm zu“: Savoldos Londoner Magdalena. In: KatBl. 116 (1991), S. 500
10 Günter Lange: „Sie wandte sich ihm zu“: Savoldos Londoner Magdalena. In: KatBl. 116 (1991), S. 500
11 Erwin Mock: Biblische Frauengestalten – Wegeweiser zum Reich Gottes: Das Misereor Hungertuch. In: Misereor Arbeitsheft zum Hungertuch. Hrsg. v. Bischöfliches Hilfswerk Misereor. Misereor Medienproduktion und Vertriebs-Gesellschaft Aachen 1989, S. 22
12 Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Überarbeitete Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart
13 Josef Pichler: Erste Begegnung: Frauen in den Ostererzählungen. In: Ist die Bibel frauenfeindlich? Hrsg. v. Agnethe Siquans u. Sigrid Eder. kbw Stuttgart 2025, S. 253f.
14 Die Gedanken und Anregungen sind einer Predigt von Pfarrer Bernhard Schiller (Bad Kissingen) anlässlich einer Predigt zum Gedenktag der heiligen Maria Magdalena (22.07.) an der Lindau-Kapelle Amöneburg entnommen.

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Über die Autorin

Dr. Andrea Paul

Standbein: passionierte Reli-und Deutsch-Lehrerin an einem hessischen Gymnasium. Spielbein: fachdidaktische Veröffentlichungen, Lehrtätigkeiten in der Reli-LehrerInnen-Ausbildung I, II und III. Was mir privat Spaß macht: Spaziergänge in der Natur mit meinem Westie Aileenchen, Lesen, Yoga, Schwimmen und Joggen

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