Die Frage, ob sich Kunst von ihrem Künstler trennen lässt, wird seit langem kontrovers diskutiert. Im Kontext der Missbrauchsvorwürfe gegen den Sänger der Band Rammstein ist die Debatte derzeit wieder aktuell. Im Ethik- und Philosophieunterricht bietet es sich an, die jeweiligen Argumente in einer Pro-und-Kontra-Diskussion gegenüberzustellen.
Künstler genießen in unserer Gesellschaft ein besonderes Ansehen. Hinter vielen stehen große Fangemeinden, die sie als Genie feiern, und ihre Werke haben das Potenzial, Generationen von Menschen zu inspirieren und zu beeinflussen. Doch die Handlungen einer kunstschaffenden Person stehen nicht immer im Einklang mit unseren eigenen Wertvorstellungen.
Der Skandal um Till Lindemann etwa hat in den letzten Wochen für Aufsehen gesorgt und wurde vielleicht auch von euren Lernenden mit großem Interesse verfolgt. Während viele Fans weiterhin die Konzerte seiner Band Rammstein besuchen, üben andere Kritik daran aus und rufen zum Boykott auf. Es drängt sich bei vielen die Frage auf: Darf man, wenn die schwerwiegenden Vorwürfe wahr sind, die Werke des Musikers noch bedenkenlos konsumieren?
Obschon der Fall Lindemann im Hinblick auf die teilweise gewaltverherrlichenden Texte und seine Selbstinszenierung auf der Bühne, in seinen Texten und vor der Kamera vielschichtig ist und das Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen wurde, kann mittels dieses medial sehr präsenten Beispiels zu der übergeordneten Frage hingeführt werden: Kann man Kunst von ihrem Künstler trennen oder gehören diese unzertrennbar zusammen?
Gerade im Ethik- und Philosophieunterricht bietet es sich an, das Thema aufzugreifen, da hier Argumente gesammelt, gewichtet und einer Wertanalyse unterzogen werden können.
Die Debatte „Kunst und Künstler trennen“: Vorschläge für den Unterricht
Zu Beginn sollte die Lerngruppe auf den gleichen Kenntnisstand zu dem Fall gebracht werden und gegebenenfalls sollte nach Vorwissen über ähnliche Fallbeispiele gefragt werden. Hier kann gut mit Ausschnitten aus Zeitungsartikeln gearbeitet werden.
Vor dem Einstieg in eine Diskussion können die Lernenden anschließend eine vorläufige Stellung zu dem Fall bzw. den Fällen beziehen, indem sie sich zu verschiedenen Fragen auf einer Meinungslinie zwischen den Polen „Ja“ und „Nein“ im Raum positionieren. Diese könnten lauten:
- „Würdest du als Fan noch auf ein Konzert von Rammstein gehen, wenn die Vorwürfe wahr sind?“
- „Würdest du die Texte von Lindemann anders bewerten?“
- „Sollten die Veranstalter die Konzerte von Rammstein absagen?“
- Fragen zu alternativen Fallbeispielen, z. B.: „Würdest du noch einen Kinofilm mit Kevin Spacey ansehen?“, „Sollte Roman Polański noch für Filme ausgezeichnet werden?“ etc.
Nach einer ersten Positionierung zu solchen konkreten Fällen kann zu der übergeordneten Frage nach der Trennung von Kunst und Künstler übergeleitet werden, indem auch hier eine Ad-hoc-Positionierung erfragt wird. Die beiden konträren Pole können je nach Niveau der Lerngruppe unterschiedlich abstrakt formuliert werden, sollten hier aber bewusst allgemeingültige Aussagen enthalten. Dies könnte so aussehen:
„Kunst muss immer losgelöst von dem Künstler bzw. der Künstlerin betrachtet werden. Entscheidend sind nicht die Taten der kunstschaffenden Person, sondern allein die Wirkung des Werkes selbst.“
„Man kann Kunst nicht von der Person trennen, die sie erschaffen hat. Die Taten einer kunstschaffenden Person sollten Einfluss darauf haben, wie ein Werk bewertet wird.“
„Für mich macht es keinen Unterschied, ob der Künstler bzw. die Künstlerin eines Werkes ein guter Mensch ist oder nicht.“
„Für mich hat es Konsequenzen, wenn die Handlungen eines Künstlers bzw. einer Künstlerin meinen Werten widersprechen.“
Im Anschluss kann der Kurs anhand dieser Positionierung in Pro- und Kontra-Gruppen aufgeteilt werden und Argumente für die eigene Position erarbeiten. Es können entweder selbstständig eigene Argumente entwickelt werden oder weiteres Material bzw. Leitfragen als Anregung mitgegeben werden. Denkbar wären hier Grundlagentexte bzw. Bezüge zu verschiedenen moralphilosophischen Theorien (z. B. Utilitarismus, deontologische Ethik) oder zu literaturtheoretischen Positionen („Der Tod des Autors“ nach Roland Barthes, „Die Rückkehr des Autors“ nach Fotis Jannidis u.a.).
Im Rahmen einer Pro-und-Kontra-Debatte können die Argumente anschließend ausgetauscht werden. Ihr solltet dabei unbedingt auf die Einhaltung von Gesprächsregeln achten oder die Gruppe vorab nochmal an diese erinnern, damit eine konstruktive Diskussion entstehen kann.
Die Argumente sollten zur Ergebnissicherung an der Tafel festgehalten werden. Damit können die Lernenden abschließend ein persönliches, differenziertes Urteil in Form einer schriftlichen Erörterung formulieren. Es kann spannend sein, die Jugendlichen sich zum Abschluss erneut auf der Meinungslinie positionieren zu lassen. Haben sich die vorläufigen Meinungen stark verändert? Welche Argumente waren entscheidend?
Viel Spaß beim Diskutieren!
Weiterführende Literatur
- Katharina Alexander: Warum man Kunst nicht von der Person trennen kann, die sie erschaffen hat. In: zeit.de, 6. April 2019.
- Felix Denk, Johann Voigt: Darf man noch Michael Jackson hören? In: fluter.de, 09.03.2020
- Roland Barthes: Der Tod des Autors. In: Fotis Jannidis (Hrsg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart 2000, ISBN 3-15-018058-9 (Erstveröffentlichung 1967).
- Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez und Simone Winko (Hrsg.): Die Rückkehr des Autors. Niemeyer, Tübingen 1999.








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