Sie haben sich rasch distanziert: Nachdem palästinafreundliche Äußerungen von Greta Thunberg bekannt geworden sind, die sich antisemitisch verstehen lassen, haben die Bischöfe Heiner Koch (Berlin) und Heiner Wilmer (Hildesheim) sich deutlich von der Aktivistin abgegrenzt. Beide hatten sie 2019 mit prophetischen Menschen in der Bibel verglichen.
Und damit waren sie nicht allein. Bis in Lehrwerke für den Religionsunterricht hinein haben Greta Thunberg, ihr Anliegen, ihre Reden und ihr Klimastreik positive Resonanz gefunden.
So in den beiden 2022 erschienenen Schulbüchern „Leben gestalten“ für die Qualifikationsphase der Oberstufe (S. 149) und in „Leben gestalten 2, Ausgabe N“ (S. 12). Beide Bücher nutzen Auszüge aus markanten Reden Thunbergs: Das Buch für die Oberstufe zitiert aus ihrer Ansprache vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos am 24.01.2019 (der zitierte Auszug ab 5:20), Leben gestalten 2 aus der Rede Thunbergs vor den UN am 23.09.2019. Und beide Reden sind tatsächlich wichtige Eckpunkte der Klimabewegung. Im Religionsunterricht können sie dazu beitragen, die Relevanz und Merkmale prophetischer Rede zu erarbeiten.
Und jetzt?
Schon 2019 waren gerade die bischöflichen Bezugnahmen auf Greta Thunberg Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Neben Sachfragen (Kann man Greta Thunberg wirklich als moderne Prophetin bezeichnen?) standen damals Fragen der Opportunität (Dürfen sich Bischöfe, darf sich die Kirche zu Klimafragen äußern?) im Zentrum. Die Aufgabenstellungen in beiden genannten Büchern bilden diese Diskussionen implizit ab.
Inzwischen ist eine weitere Facette hinzugekommen. Greta Thunberg hat sich in den letzten Wochen wiederholt und öffentlichkeitswirksam zum Nahostkonflikt geäußert. Ob ihre Solidaritätsäußerungen für die Palästinenser „nur“ einseitig oder doch antisemitisch waren, ist umstritten. Der Schaden für die Klimabewegung insgesamt ist groß – und von interessierter Seite durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen worden. Ist das Anliegen des Klimaschutzes unglaubwürdig geworden?
Ein alter Streit – und ein neues Thema
Was im politischen Diskurs gilt, betrifft auch den Religionsunterricht. Der christlichen Tradition ist der Konflikt, der entsteht, wenn der Inhalt der Botschaft und das Handeln ihrer Überbringer:innen sich widersprechen, gut vertraut. Er zeigt sich bereits im sogenannten „Ketzertaufstreit“ und dann im „Donatistenstreit“, Auseinandersetzungen des 3. bis 5. nachchristlichen Jahrhunderts. Damals ging es um die Gültigkeit von Taufen und weiteren Sakramenten, die von Taufspendern gespendet wurden, die beispielsweise wichtige Glaubenssätze ablehnten oder während der Christenverfolgungen vom Glauben abgefallen waren. Nach langen, sich bis zum Konzil von Trient ziehenden Auseinandersetzungen ist klar: Die persönliche Situation des Taufspenders ist für die Gültigkeit der Taufe unerheblich, solange die korrekte Taufformel genutzt und der Spender tun will, was die Kirche tut. Die Intention ist entscheidend!
Für eine Einordnung von Greta Thunbergs Israelkritik ist die Erinnerung an diesen Konflikt vielleicht hilfreich. Das Anliegen des Klimaschutzes gilt, egal, wie glaubwürdig sich seine Protagonisten verhalten. Ich habe dazu im Frühjahr hier im Blog schon einmal etwas geschrieben.
Und doch lohnt es, noch einmal darüber nachzudenken: Was bedeutet es, wenn Greta Thunberg, die durch Wort und zeichenhaften Protest eine weltweite Bewegung angestoßen hat, ihre Popularität nutzt, um sich in ganz anderen Feldern politisch zu positionieren? Muss man ihre Reden heute anders lesen und hören? Können sie, ganz konkret, noch Thema im Religionsunterricht sein?
Greta Thunbergs Reden im Religionsunterricht – trotzdem!
Ich glaube: Ja! Denn an ihnen lässt sich jetzt noch mehr lernen als bereits zuvor. Neben all den Fragen nach den Kennzeichen prophetischer Rede, nach den Möglichkeiten gerade junger Menschen, die Welt zu verändern, nach der Bedeutung und der religiösen Anschlussfähigkeit der Klimaproteste – alles ohne Frage wichtige Themen gerade des Religionsunterrichts – stehen weitere Punkte zur Diskussion. Ich nenne nur einige Beispiele:
- Welche Bedeutung haben Handlungen, Positionen und Meinungen, die Menschen einmal eingenommen haben, aus der Sicht ihrer weiteren Biografie? Was gilt das, was ich heute tue, später – wenn ich meine Meinung vielleicht sogar geändert habe?
- Wie verhalten sich Botschaft und Glaubwürdigkeit der Botschafter:innen zueinander?
- Lässt sich die Glaubwürdigkeit einer Person hinter der medialen Berichterstattung überhaupt beurteilen?
… und ganz konkret:
2021 hat der Bayerische Rundfunk ein Hörspiel, eine Art Toncollage, zu Greta Thunbergs UN-Rede produziert. Die Produktion heißt „‚How dare you! – Echo einer Rede‘. Eine sorgfältig komponierte Collage zur Klimakrise“ und ist in der ARD-Audiothek verfügbar. Ihr könnt in diese – 51 Minuten lange – „Komposition“ mit euren Lernenden hineinhören, es reichen schon wenige Minuten. Ihr könnt das Prinzip der Collage mit ihnen besprechen. Und dann überlegen, welche weiteren Audiofragmente heute zu einer solchen Collage hinzugehören. Solche Fragmente müssten die Lernenden natürlich vorab recherchieren und diskutieren, bevor sie sie zu einer neuen Collage zusammenfügen.
Und dann könnt ihr hören, welche weiteren Resonanzen die Botschaft von Greta Thunberg ausgelöst hat – und darüber ins Gespräch kommen, was das für diese Botschaft bedeutet. Dass es dabei keine eindeutige Antwort gibt, ist klar. Doch die Lernenden können wichtige Unterscheidungen entdecken!
Die Arbeitsaufträge könnt ihr euch auch mit diesem kostenlosen Arbeitsblatt herunterladen.
Weiterführende Links:
Greta Thunberg – nur eine umstrittene Prophetin oder sogar eine Antisemitin? Geht es bei der Kritik überhaupt um ihre Person oder um die Diskreditierung der Klimaschutzbewegung insgesamt? Die Diskussionen darüber sind noch lange nicht zu Ende. Und ihr könnt sie in eurem Unterricht gut aufgreifen.








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