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Bilderbücher in der Sekundarstufe I? Das geht!

Bilderbücher? Im (Religions-)Unterricht der Sekundarstufe I ist für die eher selten Platz. Eher denkt man an die Elementar- oder Primarstufe, wenn es um Bilderbücher geht. Doch Bilderbuch ist nicht gleich Bilderbuch. Ich stelle euch zwei Bücher vor, die auch in der Mittelstufe interessant sein können. Denn in ihnen geht es um richtig philosophische Themen!

Bilderbücher in der Sekundarstufe I

Bilderbücher sind hoch komplexe Medien. Sie erzählen nicht nur eine Geschichte und präsentieren Bilder. Oft sind sie aufwendig stilistisch gestaltet, bestehen kreative Bezüge zwischen Text und Bild. Und nicht zuletzt eröffnet immer wieder auch die Gestaltung des Buches interessante Erlebnis- und Deutungsmöglichkeiten. Gute Bilderbücher sind viel – nur keine Grabbelware fürs Wartezimmer beim Kinderarzt. Vielmehr fordern sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf je spezifische Weise heraus – All-Age-Literatur im besten Sinne! Und das ganz ohne Angst vor großen Themen.

Das merkt ihr gleich beim ersten Buch:

Als der Krieg nach Rondo kam

stammt von dem ukrainischen Team Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw. Entstanden ist das Buch 2014 als Auseinandersetzung mit der Krim-Besetzung. Romanyschyn und Lessiw schreiben aber kein einfaches Anti-Kriegs-Buch. Sie setzen sich mit der Macht des Krieges auseinander: In die Stadt Rondo, eine kreisrunde, fantastische Stadt, bricht Krieg ein, eine dunkle, tödliche Gefahr. Mit kriegerischen Mitteln und im Verteidigungskampf ist er nicht zu besiegen. Erst als die drei Freunde Danko, Sirka und Fabian sich darauf besinnen, was Rondo so besonders macht: die Freude, der Gesang der singenden Blumen, das Licht, erst da muss der Krieg weichen.

Die starken mythischen Bilder des Buches erinnern an biblische Visionen wie die des neuen Jerusalem (Offb 21), doch erzählen sie keine Heile-Welt-Geschichte. Sie zeigen vielmehr: Der eigentliche Kriegsgegner ist der Krieg selbst. Er vor allem besitzt verheerende Macht. Und wenn der Krieg vorbei ist, ist doch nicht alles wieder gut. Es bleiben Wunden. Rondo ist voll von rotem Mohn, einer Erinnerung an die Opfer des Krieges. Und alle, auch Danko, Sirka und Fabian, tragen Verletzungen davon. Sie zeigen aber auch: Gewalt zeugt Gewalt. Es braucht ganz neue Ideen, es braucht viel Fantasie, um aus der Spirale der Gewalt auszubrechen.

… in der Schule?

Als der Krieg nach Rondo kam richtet sich nach Verlagsangaben an Kinder ab 5 Jahren. In der Sekundarstufe I sind potenzielle Lesende mindestens doppelt so alt. Bilderbücher sind für sie eher Kinderkram. Um Bilderbücher für Lernende ab der fünften Klasse zu erschließen, braucht es Zugänge, die ihnen das reflexive Potenzial von Bilderbüchern eröffnen. Die Distanz zwischen ihnen und dem Medium muss überwunden, kann aber zugleich genutzt werden.

Eine Möglichkeit bietet die Frage, ob und wie mit kleineren Kindern über den Krieg gesprochen werden kann. Das Bilderbuch von Romanyschyn/Lessiw fungiert hier zunächst als Kindermedium, über dessen Nutzen diskutiert werden kann. Es hält so die potenziell beängstigende Frage nach Krieg, Leid und Tod auf Abstand, und das sogar doppelt: Sowohl das vermeintliche Kindermedium wie die mythisch anmutende Erzählung schaffen Distanz und geben Sicherheit.

Zugleich kann so aber das reflexive Potenzial des Buches erarbeitet werden. Warum nutzt die Geschichte eine mythische, eine fantastische Stadt wie Rondo? Warum besiegen Danko, Sirka und Fabian und die anderen Bewohner von Rondo den Krieg mit fantastischen, nicht mit kriegerischen Mitteln? Wie wirken Kriegswunden weiter – sogar über Generationen hinweg?

Ein Bilderbuch lädt ein, die Antworten nicht nur kognitiv, sondern kreativ zu suchen. So könnten Stadtbilder entstehen – von realen, von umgestalteten, von idealen, von fantastischen Städten. Und sie alle könnten sich mit biblischen Stadtbildern auseinandersetzen: Babylon und Jerusalem etwa (Offb 17 f. und Offb 21), die selbst mythische Bilder sind, Warnzeichen und Hoffnungsräume in einer als unheilvoll erfahrenen Welt.

Auf der Kopiervorlage, die ihr kostenlos herunterladen könnt, findet ihr weitere Anregungen zur Arbeit mit dem Bilderbuch im Unterricht.

Als der Krieg nach Rondo kam

von Romana Romanyschyn, Andrij Lessiw
40 Seiten
Gerstenberg Verlag, ISBN 978-3-8369-6203-2

Eines Nachts im Paradies

Auch das Buch von Jürg Schubiger (Text) und Rotraud Susanne Berner (Bilder) ist weit mehr als ein (religiöses) Bilderbuch für die Kita. Und auch in ihm ist es ein Mythos, der auf neue Weise interpretiert wird. Schubiger/Berner fragen nach dem Leben im biblischen Paradies aus Gen 2 f.

Eva und Adam sinnieren eines Nachts über die Sterne: Wie lange braucht es, sie alle zu zählen? Reicht eine Ewigkeit oder braucht es mehr?

Schon beginnt das Philosophieren: Kann man die Unendlichkeit vervielfachen? Sind die Unendlichkeit und das Paradies nicht eigentlich fürchterlich langweilig? „Uns bleibt ja nichts zu wünschen übrig“, merkt Eva.

Eine zufällige Berührung verändert alles. Die beiden gelangweilten Paradiesbewohner entdecken sich! Erst ist es ein Kuss, dann ein zweiter, ein dritter – da gibt es unendlich viel, was sie nicht kennen, und alles ist neu und aufregend.

… in der Schule?

Eines Nachts im Paradies fabuliert die Leerstelle einer biblischen Erzählung lustvoll aus – und führt damit ein in Grundfragen des Menschseins. Das ist für kleine Kinder gut nachvollziehbar und kann Jugendliche und Erwachsene zum Weiterdenken anregen. Denn die Reflexion über den paradiesischen Urzustand und seine Grenzen ist durchaus ernst zu nehmen. Sie hat in der Kulturphilosophie, etwa bei Johann Gottfried Herder (1744–1802), ein markantes Echo gefunden. Das Geheimnis der Liebe und der Entdeckung eines anderen Menschen ist so spannend, dass es im Religionsunterricht höherer Jahrgänge regelmäßig zum Thema wird – und ein Bilderbuch hier einmal ein ganz anderes Medium sein könnte.

Schließlich hat das Aus- und Weitererzählen biblischer Leerstellen nicht nur zahlreiche Autorinnen und Autoren inspiriert, es ist auch eine wichtige bibeldidaktische Methode. Das Buch von Schubiger/Berner kann zum Anlass werden, eigene Bibel-Bildergeschichten – auch als Graphic Novel! – in die Leerstellen biblischer Erzählungen hinein zu gestalten: Worüber sprechen Eva und Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies? Was geschieht in den Kajüten der Arche Noachs? Wie kann man sich eine abendliche Unterhaltung der Arbeiter am Turm zu Babel vorstellen?

Eines Nachts im Paradies

von Jürg Schubinger, Rotraut Susanne Berner
24 Seiten
Peter Hammer Verlag, ISBN 978-3-7795-0675-1

Ihr seht – wenn ihr wollt, sogar ganz buchstäblich, – wie Bilderbücher wichtige Themen eures Religionsunterrichts bereichern können. Habt ihr schon Erfahrungen mit Bilderbüchern gemacht? Seid ihr skeptisch? Hinterlasst gern einen Kommentar!

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Über den Autor

Prof. Dr. Markus Tomberg

Prof. Dr. Markus Tomberg ist katholischer Theologe. Er lehrt als ordentlicher Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda und ist Herausgeber der Lehrwerksreihen Leben gestalten N, Leben gestalten S und Leben gestalten Oberstufe.

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