Reli-Ethik-Blog
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Buchtipp: Das letzte Aufgebot

Bücher speichern Erinnerungen. Und sie helfen, die Welt zu ordnen und zu deuten. Der Jugendroman „Das letzte Aufgebot“ verdeutlicht beides – und ist zugleich ein gelungenes Stück lebendiger und lebensrelevanter Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Soll ich Soldat werden? Freiwillig? Die Frage, die durch das novellierte Wehrpflichtgesetz für junge Menschen in Deutschland neue Relevanz bekommen hat, steht auch im Zentrum der Geschichte, die Moritz Seibert erzählt.

Sich freiwillig melden?

In einem fiktiven Dorf Steinbach in der Eifel werden im Herbst 1944 die Mitglieder der Hitlerjugend von der SS gemustert. Als letztes Aufgebot müssen alle, die 16 Jahre alt sind, in den Krieg ziehen. Die meisten der Jungen sind begeistert. Auch Jakob, erst 15 und damit noch nicht wehrpflichtig, meldet sich freiwillig.
Die Entscheidung fällt ihm nicht leicht. Erst wenige Tage vor der Musterung wurde er unfreiwillig Zeuge, wie SS-Männer im Wald einen jüdischen Jungen ermordet haben. Er fühlt sich schuldig. Hätte er den Mord verhindern können? Hätte er den Jungen als seinen jüngeren Bruder ausgeben müssen? Bevor Jakob eine Entscheidung fällen konnte, verrät Jakobs bester Freund Franz den Jungen an die SS. So haben sie es gelernt, und so müssen sie handeln. Müssen sie?

Ein Träumebuch

Und dann ist da Maria. Jakob und Maria sind seit einigen Wochen ein Paar. Zum Geburtstag schenkt Maria Jakob ein Notizbuch. Für den Bauernjungen ein seltsames Geschenk. „Ich habe noch nie ein Buch besessen, von meiner Schulfibel mal abgesehen. Auf dem Einband steht nichts. … Ich sehe fragend zu Maria, sie nickt mir lächelnd zu und setzt sich neben mich. Also schlage ich das Büchlein, mein erstes eigenes Buch, gespannt auf. Aber die crèmefarbenen Seiten sind leer.“ (S. 28)

Maria erklärt Jakob, wozu er das Buch nutzen kann. „Wenn du willst, wird es dein Tagebuch. Oder dein Gedankenbuch. Oder dein Träumebuch“, sagt sie (S. 28). Für Jakob ist das eine große Herausforderung. Nach und nach lernt er, in kurzen Sätzen von seiner großen Liebe zu Maria zu schreiben. Sie wird ihn später retten.

Maria ist gegen Jakobs Entschluss, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Jakob ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu ihr und der Kameradschaft mit den anderen. Müssen sie nicht gemeinsam das Vaterland verteidigen? Ihr Leben für das Volk und für den Führer einsetzen? Ihr Glaube an die NS-Ideologie und den Endsieg ist noch ungebrochen.

Der schwierige Weg zur Wahrheit

Im Ausbildungslager in Germeter begegnet ihnen dann aber rasch eine andere Seite des Krieges: Es gibt Mangel an Nachschub, unbarmherzigen Drill – und SS-Offiziere, die sich heimlich mit Zyankali-Kapseln versorgen.

Jakob wird unsicher: Das soll der Weg zum Endsieg sein? Am Wochenende vor ihrem Fronteinsatz erhalten die Jungen noch einmal Heimaturlaub. Jakob will die geschenkten Tage nutzen, um sich mit Maria zu verloben. Aus Drahtresten bastelt er Verlobungsringe. Als er Maria daheim fragt, ob sie auf ihn warten und ihn nach dem Krieg heiraten will, fällt er aus allen Wolken. An eine Heirat ist nicht zu denken. Maria ist nicht die, für die er sie gehalten hat. „Ich heiße nicht Maria. Mein richtiger Name ist Hannah. Hannah Dankner. Ich bin Jüdin.“ (S. 170)

Verrat

Für Jakob bricht eine Welt zusammen. In der Hitlerjugend hat er doch gelernt, was Juden sind, woran man sie erkennt und warum sie Feinde des Reiches sein sollen. Er hat gelernt, was seine Pflicht ist: Maria-Hannah muss angezeigt werden und ihre Helfer gleich mit. Doch da ist seine Liebe, da ist auch die Erinnerung an den jüdischen Jungen, den der SS-Mann ermordet hat. Und Jakob entschließt sich, zu ihr zu halten. „Jetzt bin ich ein Rasseschänder“ (S. 175 und 176, vgl. S. 200), der Gedanke hämmert von nun an in seinem Kopf.

Dann geht es zurück nach Germeter. Dort herrscht Chaos, viele Verwundete sind eingetroffen, die jungen Soldaten sollen sofort an die Front. Da macht Jakobs bester Freund Franz Meldung: In Steinbach hält sich eine Jüdin unter falschem Namen versteckt. Franz war Jakob nachgeschlichen und hatte die beiden belauscht. Und er war sich sicher: Jakob würde Maria anzeigen. Als das nicht geschieht, wird er selbst aktiv.

Jakob ist entsetzt. Wie kann er Maria helfen? Das Träumebuch liegt daheim sicher versteckt. Er träumt trotzdem: „Und dann bin ich plötzlich in der Kirche, in unserer Kirche, und da hängt der jüdische Junge tot am Kreuz.“ (S. 209)

Jakob nutzt das Chaos im Lager und begeht Fahnenflucht. Er muss Maria-Hannah retten, und die Menschen, die sie versteckt haben, noch dazu. Es gelingt ihm, unbemerkt nach Steinbach zu gelangen. Zusammen mit Maria und Martin, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um den beiden beizustehen, versteckt sich Jakob im Wald.

Kriegsende

Im Spätherbst 1944 ist der Krieg für Jakob, Hannah, Martin und die anderen Bewohner von Steinbach zu Ende. Die Amerikaner übernehmen das Dorf kampflos. Die Parteimitglieder des Ortes verbrennen Uniformen und Dokumente, der Ortsgruppenführer allen voran.
Bei Jakob bleiben Fragen. „Ich sehe zu den lachenden Soldaten auf ihren Panzern. Und ich frag mich wieder, wie viele von ihnen ich getötet hätte, wenn Franz mich nicht verraten hätte? Ich weiß es nicht. Ich bin nicht besser oder klüger als er und all die anderen. Ich hatte nur Glück. Ich hatte nur das Glück, verliebt zu sein.“ (S. 310)

Eindrucksvoll zeigt Moritz Seibert in dem Roman, wie lebenswichtige Entscheidungen Jakobs sich Zufällen und dem Handeln anderer verdanken. Jakob ringt mit sich, seiner nationalsozialistischen Erziehung und seinem Gewissen. Doch dass er den Krieg überlebt, weil er das Richtige tut, ist keine gründlich durchdachte Entscheidung. Sein Handeln ergibt sich – und hätte auch ganz anders verlaufen können.

Textquellen/Zitate: Moritz Seibert: Das letzte Aufgebot. Karibu München 2025

Das Buch in der Schule

Moritz Seibert, Das letzte Aufgebot, Karibu, München 2025, ISBN 978-3-96129-487-9, 16,99 EUR, ist ein komplexer Roman, den ich euch hier nur in einer knappen Zusammenfassung präsentieren konnte. Er gehört auf jeden Fall in die Schulbibliothek! Wenn ihr es euch zutraut, die Geschichte euren Schülerinnen und Schülern zu erzählen, könnt ihr mit zwei Textauszügen im Unterricht arbeiten (siehe dazu KV „Das letzte Aufgebot“, auf denen ihr auch die Textauszüge findet), in denen Jakob mit seinen religiösen Wurzeln konfrontiert wird:

  • Nach dem Mord an dem jüdischen Jungen sucht er Hilfe in der Beichte.
  • Als Hannes, einer der Jungen aus Steinbach schwer verwundet wird, beten Martin und Jakob gegen ihre Verzweiflung und Angst an.

Und ihr könnt mit den Lernenden gemeinsam danach fragen, was uns heute helfen kann, das Richtige zu tun, wenn wir gar nicht genau wissen, was das Richtige ist…

Weiterführende Links

„Das letzte Aufgebot“ ist aktuell, spannend und hinterlässt wichtige Fragen. Es zeigt eindrucksvoll, was die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit uns heute noch sagen kann. Und vielleicht hilft uns ja auch ein Traumbuch, damit wir irgendwann selbst das Richtige tun?

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Über den Autor

Prof. Dr. Markus Tomberg

Prof. Dr. Markus Tomberg ist katholischer Theologe. Er lehrt als ordentlicher Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda und ist Herausgeber der Lehrwerksreihen Leben gestalten N, Leben gestalten S und Leben gestalten Oberstufe.

Ein Kommentar

  1. Moritz Seibert 17. Mai 2026 um 19:45 Uhr - Antworten

    Herzlichen Dank für die schöne Zusammenfassung und Rezension meines Romans. Es freut mich sehr, dass er Ihnen so gut gefallen hat und Sie anregen, ihn auch in der Schule einzusetzen!

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