Josefin findet: Wer heute noch Festnetztelefone benutzt, muss mindestens ein Lehrer sein. So wie ihr Vater. Aber auch der müsste eigentlich „irgendwann mitgekriegt haben, dass in meinem Alter niemand auf dem Festnetztelefon angerufen wird. Keiner“ (S. 17). Susan Kreller erzählt in „Hannas Regen“ auch eine Lehrerkindgeschichte. Aber eigentlich geht es um das, was da zwischen Josefin und Hanna geschieht. Und um eine entscheidende Frage: Wer eigentlich ist Hanna?
Dass auch auf dem Smartphone kaum jemals jemand Josefin anruft – geschenkt. Außer Hanna, der merkwürdigen Neuen in der Klasse, meldet sich eigentlich niemand bei ihr. Und auch Hanna benutzt, ausgerechnet, den Festnetzanschluss. Natürlich meldet sich Josefins Vater.
Aber Hanna findet das, ganz anders als Josefin, gar nicht peinlich. Überhaupt ist manches merkwürdig an ihr. Sie redet wenig und trägt immer ein Buch mit sich herum. Sie erschrickt beim Knallgasversuch im Chemieunterricht so sehr, dass allen hinterher die Ohren gellen – von Hannas Schrei, nicht von der Knallgasprobe. Sie verschwindet einfach. Sie klaut. Und: „Sie reagiert einfach nie auf ihren Namen.“ (S. 20)
Trotzdem entsteht zwischen ihr und Josefin, „dem langweiligsten Mädchen der ganzen Klasse, das es noch nicht mal zu einem Spitznamen gebracht hat“, einem von „den seitlichen Menschen, die aus Versehen mitfotografiert werden“ (S. 12), nach und nach eine Freundschaft.
Wer ist Hanna überhaupt?
Aber auch da bleibt das Geheimnis um Hannas merkwürdiges Verhalten. Offenbar hat sich Hanna entschieden „unterzutauchen, aufrecht, in einem Mantel aus lauter Regen“ (S. 9): gleich beim ersten Treffen der beiden fällt Josefin auf, wie Hanna sich im Regen geradezu versteckt. Sie weicht ihm nicht aus, sondern nutzt ihn wie einen Mantel.
Wie das Buch, ohne das sie nicht zu treffen ist: „Gotische Kirchen bei Lichte besehen“ heißt es (S. 10 u. ö.) und ist, wie Hanna später einmal zugibt, eine Art Heimat für sie geworden: „Das Buch ist mein Zuhause. Mein einziges Gepäck“, sagt sie (S. 57). Denn ein anderes darf sie nicht haben: Ihre Familie wohnt möbliert, und Freundschaften sind ihr eigentlich verboten. Als Hanna dann doch einmal bei Josefin eingeladen ist, zu einem der berüchtigten internationalen Abende, mit der Josefins Mutter die Welt auf den Esstisch holen will, steht plötzlich Hannas Mutter vor der Tür und sagt „mit keinem einzigen Gramm Mütterlichkeit in der Stimme zu ihrer Tochter […]: ‚Kein Kontakt. Das war verdammt noch mal die Abmachung.‘“ (S. 92)
Für Josefin ist das ein weiterer Puzzlestein auf der Suche nach der Person, die Hanna wirklich ist. Erst glaubt sie zusammen mit ihrer Mutter, die mit Hannas Mutter in einer Abteilung arbeitet, an ein Zeugenschutzprogramm, das Hanna und ihrer Familie die Identität genommen hat. Nach und nach zeigt sich jedoch, dass Hannas Leben durch und durch auf Lügen aufgebaut ist, denn ihre Eltern leben vom Betrug. Sie sind ständig auf der Flucht. Ihre Ankunft in der Stadt bedroht die Existenz vieler Menschen, denn ihr potenzielles Opfer ist ausgerechnet die größte Firma, „Future Technology Inc.“, der Hauptarbeitgeber vor Ort (vgl. S. 17). Am Ende entgehen alle nur knapp einer Katastrophe. Die Betrüger sind enttarnt, Hanna und ihre Familie können fliehen.
Das Festnetztelefon bleibt. Und es klingelt wieder. Natürlich nimmt Josefins Vater das Gespräch an. Dann gibt er das Telefon weiter. Und dann? Kommt es zu einem ganz besonderen Gespräch. Josefin erzählt: „Seitdem hat mich Hanna schon ein paarmal angerufen. Aber wir reden nicht, wir schweigen die ganze Zeit. Denn es gibt viel zu erzählen.“ (S. 190)
Spuren suchen: Von gotischen Kirchen und ägyptischen Segen
Vielleicht reichen euch diese Hinweise schon, um den im Regen verwaschenen Spuren, die Hanna bei Josefin hinterlässt, selbst nachzugehen. Es lohnt sich, denn Susan Kreller hat viele davon in ihrem Roman gelegt. Ich möchte euch zwei davon religionsdidaktisch ans Herz legen: die schon erwähnten gotischen Kirchen und, vor allem, den ägyptischen Segen.
Den liest Josefins Mutter an einem weiteren internationalen Abend vor, diesmal geht es, der Name verrät es bereits, um Ägypten. Das Essen ist wie immer, Hanna ist trotz des Kontaktverbots wieder dabei, und Josefins Bruder Carlo hat, anders als sonst, nicht den „Pizza-Notruf-Flyer“ (S. 15), sondern einen Comic neben seinen Teller gelegt. Doch das soll nicht die einzige Abweichung vom Gewohnten bleiben. Die langatmige Einführungsrede der Mutter wird heute entfallen. Stattdessen gibt es einen besonderen Text, den schon genannten ägyptischen Segen, und der zeigt Wirkung.
„Keiner in meiner Familie ist jemals gut im Segnen gewesen“, erzählt Josefin, „aber jetzt sagt meine Mutter übertrieben laut: ‚Der Herr segne dich‘, und mein Vater, der gerade etwas Tamarindensaft […] getrunken hat, verschluckt sich […], muss husten und spuckt den roten Saft nur zufällig nicht durch die Gegend.“ (S. 137) Und Hanna? „Sie sieht aus wie eine, die gerade gesegnet wurde.“ (S. 138).
Ich finde die Szene bemerkenswert, weil sie mitten in eine Identitäts-, eine Kriminal- und eine Lehrerkindgeschichte hinein plötzlich eine Segensgeschichte erzählt, und das mit abermals weit verzweigten Spuren. Wenig später entdecken nämlich Hanna und Josefin den Text des ägyptischen Segens ausgerechnet im Supermarkt: Der Marktleiter, Herr Pollmann, hatte ihn zu Werbezwecken dort ausgelegt.
Aber schon viel früher waren der Supermarkt und Herr Pollmann auf eine geheimnisvolle Art und Weise zu Segensbringern geworden. Auch diesen gleichsam anonymen Segen, der noch gar nicht „Segen“ heißt, verdanken Hanna, aber auch ihre Leser*innen dem Marktleiter Pollmann. „Grüß die Eltern von mir. Grüß den Bruder von mir. Die Großmutter“, trägt er ihr auf (S. 22). Aber Josefin, die Herrn Pollmann eh lieber aus dem Weg gegangen wäre, hat keineswegs die Absicht, der Bitte nachzukommen.
Doch auch sie hinterlässt Spuren. Josefin denkt über das Grüßen noch nach, als Herr Pollmann schon längst wieder weg ist. „Dann geht er weiter, sicher ahnt er, dass ich niemanden von ihm grüßen werde, vor allem nicht den Bruder, und ich frage mich, wo die Millionen von nicht ausgerichteten Grüßen, die sich jeden Tag auf der Welt ansammeln, eigentlich bleiben und ob sie für immer in der Luft herumschweben und ob man manchmal, an besonders grauen Tagen, ganz leicht mit der Nase dagegen stößt und das Gefühl hat, für ein paar Sekunden nicht allein zu sein.“ (S. 22)
Ich finde das eine bemerkenswerte Segenspur. Der Supermarkt wird für Josefin – und später auch für Hanna – zum Segensort. Der Segen braucht die Kirche nicht und ihre Amtsträger auch nicht. Der Segen ist einfach da – und wirkt. Mal überraschend, sodass er zu Verschlucken und Husten führt. Mal verändert er die Menschen. Und schließlich lässt er auch die Welt ganz neu sehen. Josefin erfährt das an besagtem Ägyptischen Abend. Der verändert nicht nur den Vater und Hanna. Sondern bewirkt auch etwas bei Josefin selbst: „Da ist ein warmes Verständnis in mir, mit dem ich nicht gerechnet habe, das sich aber nicht schlecht anfühlt. Denn schlagartig, zwischen diesen beiden Gabeln Bulgur, auf einmal kann ich meine Mutter begreifen, zum ersten Mal seit Beginn ihrer Karriere als internationale Teilzeitköchin. Plötzlich weiß ich, was sie meint. Was sie mit jedem einzelnen Essen gemeint hat.“ (S. 139)
„Hannas Regen“ für euren Unterricht
Hannas Regen ist ja zuerst so ein Lehrerkindbuch. Balsam für eure Seelen. Denn Josefin, die ihren Lehrer-Vater erst so peinlich merkwürdig findet, entdeckt im Laufe des Romans auch eine Lehrerkindwahrheit: „Manchmal glaube ich, mein Vater ist der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der nicht schräg ist.“ (S. 108) Und schon dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen!
Für euren Unterricht lohnt – neben manch anderer Idee – die Auseinandersetzung mit dem Segen. Der „Ägyptische Abend“ bietet da jede Menge Anlass. Einen Textauszug findet ihr als Arbeitsblatt zum Download.
Nach der Lektüre könnt ihr mit euren Lernenden selbst auf Segenssuche gehen und schauen, wo sich Segen finden lässt – außerhalb von Kirchen vor allem. Segenstexte und Segenswünsche, Segensgrüße und Segensgesten gibt es längst unabhängig von ihnen. Vielleicht zeichnet ihr eine Segenskarte und tragt alle Fundorte von Segenstexten und -gesten ein, die ihr entdeckt.
Und dann könnt ihr überlegen, wie es ist, gesegnet zu werden: Für Hanna, aber auch für Menschen, die bis heute in den Kirchen zuweilen vergeblich um Segen nachfragen. Und ihr könnt nachdenken, ob so ein frei verfügbarer Segen ein adäquater Ersatz ist für den kirchlichen Segen, den manche nicht bekommen.
Und am Ende dürft ihr Josefins Lehrerkindweisheit selbst als Segenswort für euch nehmen: Ihr seid nicht schräg. Ihr dürft sogar weiter euer Festnetztelefon schätzen.
Textzitate: Susan Kreller: Hannas Regen. Carlsen Hamburg 2022, S. 9, 12, 17, 20, 22, 57, 92, 108, 137, 138, 139, 190
Hannas Regen
von Susan Kreller
192 Seiten
Carlsen Verlag, ISBN 978-3-551-58475-5
ab 12 Jahren








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