Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Die Abraham-Geschichte im Religionsunterricht

Islam als Teil des Alltags

Für die meisten Kinder und Jugendlichen, die den christlichen Religionsunterricht besuchen, ist der Islam ein Teil ihrer Lebenswelt geworden. Es bietet sich also an, im Unterricht vom gelebten Islam auszugehen und an Traditionen anzuknüpfen, die die Lernenden aus ihrem Umfeld kennen, wie das Fasten im Ramadan oder das Zuckerfest (arab. Eid al Fitr). Dieser Zugang macht es leichter, sich anschließend den biblischen Erzählungen rund um Abraham, Sara und Hagar und ihren beiden Söhnen Isaak und Ismael anzunähern – als eine von Gott gesegnete Familie, in der aber manches ziemlich stressig läuft.

Zwei große Linien

Auf die Traditionslinie der Hagar mit Ismael beruft sich der Islam, auf die der Sara mit Isaak die jüdische und die christliche Tradition. Die Beinahe-Opferung Isaaks (Gen 22) findet im Koran ihr Spiegelbild in der Beinahe-Opferung Ismaels (Sure 37, 100-113). Der Koran und die Bibel betonen die fruchtbaren Linien beider Söhne (Sure 37, 113 bzw. Gen 21,12-13). Somit wird Ismael auch nach der Geburt von Isaak nicht einfach „abgelöst“, sondern bleibt unter dem Segen Gottes – auch wenn er und seine Mutter wegen innerfamiliärer Konflikte tatsächlich in die Wüste geschickt werden. Gott und sein Engel kümmern sich persönlich um die beiden. Die Verheißung an Abraham, „Ich werde dich zu einem großen Volk machen“ (Gen 12,2), richtet sich in der Wüste auch an Ismael: „denn zu einem großen Volk will ich ihn machen“ (Gen 21,18). Bibel und Koran schätzen somit die beiden großen Linien.

Außerdem: Viele Kinder und Jugendliche teilen die Erfahrung, ohne den eigenen Vater aufzuwachsen und damit klarkommen zu müssen. Der biblische Gott bleibt an der Seite aller, auch wenn eine Familie zerreißt.

Religionssensibler Umgang mit den Erzählfiguren

Der Unterricht im Kontext dieser Erzählungen lebt davon, dass sich die Kinder und Jugendlichen in die Figuren hineinversetzen können. Passend zur Lerngruppe können Schwerpunkte gesetzt werden. Sind muslimische Lernende im Kurs, ist besonders zu beachten, dass Ismael bzw. Hagar als Identifikationsfiguren gleichermaßen wie Isaak und Sara betrachtet werden. Die Entscheidung zu einem stärker jüdisch-christlichen Schwerpunkt würde biblische Texte in den Vordergrund rücken; bei einer stärker interreligiösen Ausrichtung mit Blick auf den Islam können Texte z. B. aus einem Kinderkoran (z. B. „Was der Koran uns sagt“ von H. Mohagheghi /D. Steinwede) verwendet werden. Die Einfühlung kann durch Traumreisen bzw. Imaginationsübungen (ein Beispiel findet ihr auf der Kopiervorlage zum Download) und durch Standbilder unterstützt werden. Die biblischen Texte selbst sprechen übrigens vor allem von der Konkurrenz der Mütter in Bezug auf Erbansprüche (Gen 21,10), von einer Rivalität der Jungen ist nicht die Rede (vgl. Naumann: 21)

Bibel und Koran erzählen wertschätzend von beiden Linien, an die sich die abrahamitischen Religionen jeweils anbinden. Wir erfahren aber auch von einer zerrissenen Familie unter Gottes Segen und mit einer großen Zukunft.

Quellen und weiterführende Titel:

  • Naumann, Thomas: Hagar und Ismael in der Abrahamerzählung. Interessante biblische Nebenfiguren. In: Loccumer Pelikan 4/2022, 18-23.
  • Mohagheghi /D. Steinwede: Was der Koran uns sagt. Für Kinder in einfacher Sprache. Patmos.
  • Leben gestalten 1 Katholischer Religionsunterricht, Ausgabe N 2020, Kapitel 1 und Kapitel 7

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Über die Autorin

Kristin Konrad

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