Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Der Fall Brosius-Gersdorf: Fake News als Herausforderung für die Demokratie

Die gescheiterte Wahl einer Juristin zur Verfassungsrichterin hat in Deutschland in den vergangenen Wochen für großes Aufsehen gesorgt. Ein ausschlaggebender Faktor dabei war eine gezielte Desinformationskampagne1 aus dem rechten Spektrum gegen die Kandidatin Brosius-Gersdorf, da aufgrund fehlender Überprüfung Zweifel an der Eignung der Kandidatin aufkamen. Was lässt sich daraus für den Unterricht ableiten?

Wenn selbst die Regierung strauchelt

Der Fall um Juristin Brosius-Gersdorf, die ihre Kandidatur zur Richterin am Bundesverfassungsgericht inzwischen zurückgezogen hat, gibt Grund zur Besorgnis. Während Jugendliche für ihre unkritische Nutzung von Medieninhalten über TikTok häufig belächelt werden, bildet sich hier ein generelles gesellschaftliches Problem ab: Auch bei gut ausgebildeten Erwachsenen gibt es offenbar dringenden Nachholbedarf in Sachen Medienkompetenz und Urteilsfähigkeit.

Für das Fach Ethik ergibt sich daraus eine große Herausforderung: Wie können wir die Lernenden dazu befähigen, sich in dieser verwirrenden Medienrealität zurechtzufinden, wenn selbst erwachsene Entscheidungsträger Falschinformationen nicht als solche erkennen und damit politische Prozesse aus der Bahn geworfen werden?

Didaktische Impulse:
Medienethische Zugänge zum Thema Fake News

Die Debatte um die gescheiterte Verfassungsrichterwahl kann einen hervorragenden Aufhänger für den Ethik-Unterricht darstellen, besonders für die Themenfelder Wahrheit, Demokratie und Verantwortung oder Medienethik. Folgende Diskussionen wären hier zum Beispiel denkbar:

  • Darf man alles sagen, was einem „wahr“ erscheint?
  • Wie unterscheidet man Meinung und gezielte Desinformation?

Rollenspiele, in denen die Lernende sich in die Lage einer Person versetzen, die selbst das Ziel von Diffamierungen geworden ist, können helfen, die Empathie zu fördern. Es können anschließend auch Möglichkeiten erörtert werden, wie man sich als betroffene oder auch nicht-betroffene Person in so einer Situation zur Wehr setzen kann – der offene Brief der 300 Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler, welche sich für Brosius-Gersdorf einsetzten, kann hier als Beispiel dienen.

Auch können dazu Ausschnitte aus dem Interview der ZDF-Talkshow „Lanz“ gezeigt werden, in dem Brosius-Gersdorf zu den Vorwürfen Stellung bezieht.

Für eine medienethische Diskussion können sich die Jugendlichen anhand des Fallbeispiels vertiefend die Frage stellen:

  • Wer hat die Falschmeldungen verbreitet und welche Motive stecken voraussichtlich dahinter?

Als Ausgangspunkt für eine Recherche zu dem Thema kann dieses Interview dienen.

Weiterführende Vorschläge für die Unterrichtsplanung 1:
Auswirkungen auf die Gesellschaft

Je nach Altersstufe ist den Lernenden die mögliche Tragweite der gesellschaftlichen Entwicklung, welche sich anhand des Falls abbildet, eventuell nicht klar. Insofern kann ein Gedankenexperiment nützlich sein, bei dem die Lernenden sich vorstellen, wie eine Welt aussehen würde, in der Behauptungen nicht mehr überprüft und Entscheidungen basierend auf Meinungen getroffen werden:

  • Auf welche gesellschaftlichen Bereiche hätte es möglicherweise Auswirkungen, wenn Behauptungen generell ungeprüft geglaubt und Entscheidungen aufgrund von Meinungen gefällt werden?
  • Was für Folgen könnten dies konkret sein?

Die Gedanken der Lernenden können hier auf methodisch unterschiedlichste Art und Weise gesammelt werden – in einem Brainstorming oder in einer Placemat, mittels der Gestaltung von Comics oder dystopischen Kurzgeschichten.

Spannend ist anschließend die Fragestellung:

  • Wie weit sind wir von dieser Realität entfernt?

Bei der Diskussion kann vor allem ein Blick in die sozialen Medien dazu dienen, den Vergleich mit der gegenwärtigen Gesellschaft zu ziehen.

Weiterführende Vorschläge für die Unterrichtsplanung 2:
Kritischer Medienkonsum

Viele Jugendliche informieren sich heute primär über Social Media. TikTok ist längst nicht mehr nur Videoplattform für lustige Tänze, sondern auch Meinungsmacher und Nachrichtenlieferant – leider häufig auch Nährboden für Desinformation und Halbwahrheiten. Wer sich als Lehrkraft darauf beschränkt, TikTok zu belächeln oder es aus dem Unterricht fernhalten zu wollen, vernachlässigt eine zentrale pädagogische Aufgabe: Denn gerade dort, wo Wahrheit und Meinung verschwimmen und Algorithmen auf die Erzeugung von Empörung ausgerichtet sind, braucht es ethische Urteilsfähigkeit. Aber wie können wir Jugendliche dazu befähigen, Medieninhalte kritisch zu konsumieren?

Wenn ihr sehr praxisnah Medienkompetenz mit euren Lernenden trainieren wollt, lasst diese konkrete Beispiele zum Fall Brosius-Gersdorf, die ihnen in den sozialen Medien begegnet sind, in den Unterricht mitbringen. Anhand dieser Videos bzw. Ausschnitte könnt ihr die Gruppe gemeinsam herausarbeiten lassen:

  • Welche Aussagen werden in dem Video getroffen?
  • Wie kann deren Wahrheitsgehalt überprüft werden?

Gerade durch die vermehrte Verbreitung von KI-generierten Inhalten ist es wichtig, den Jugendlichen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es zur Quellenrecherche und zum Faktenchecken gibt. Hier kann gut auf entsprechende Organisationen verwiesen und das Vorgehen erläutert werden.

Wie geht ihr im Unterricht mit dem Thema Fake News bzw. Desinformation um?
Welche Zugänge und Methoden haben sich bei euren Lernenden bewährt?

Weitere Ideen zum Thema Fake News findet ihr hier:

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Über die Autorin

Sina Weiß

Als Redakteurin beim Ernst Klett Verlag bin ich für Lehrwerke in den Fächern Ethik und Philosophie zuständig.

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