Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Immer wieder: Krieg

Nie wieder Krieg! Ganze Generationen sind mit diesem Satz aufgewachsen. Er war Beschwörung, Verpflichtung und Glaubensbekenntnis zugleich. Und er war nie wirklich wahr. Doch zu den Opfern der Kriege in der Ukraine und jetzt gerade in Israel gehört auch das Weltbild, das sich mit ihm verbindet. Die Gewissheit, in Frieden, Freiheit und Sicherheit auf Dauer leben zu können, ist dahin.

Die Mail aus der Redaktion war ziemlich konkret: Schreiben Sie doch bitte etwas darüber, „wie man als Lehrkraft den Gesprächsbedarf und die Ängste der Jugendlichen auffängt, die von einem aktuellen schlimmen Ereignis nach dem nächsten geradezu ‚überrollt‘ werden“, hieß es da. Wie Ihr seht, habe ich zugesagt. Aber ich habe keine Lösung für die konkrete Frage. Meine um Sätze wie „nie wieder Krieg“ und „nie wieder Auschwitz“ gebaute Weltsicht, die liegt doch auch in Trümmern!

Und zugleich sehe ich sehr gut, wie Kinder und Jugendliche, die heute aufwachsen, nie die Chance hatten, auch nur eine Ahnung von dieser Gewissheit zu entwickeln. Spätestens seit dem Frühjahr 2020, seit mittlerweile dreieinhalb Jahren, erleben sie die Welt als eine sich ständig verändernde, nicht wirklich fernzuhaltende Bedrohung. Erst Corona, immer das Klima, dann die Kriege. Täglich neu in den Nachrichten Berichte über Gewalt, Hass, Zerstörung und Mord. Dass dies nicht ohne Folgen bleibt für die seelische Gesundheit – nicht nur – der nachwachsenden Generation, lässt sich täglich beobachten.

Die Sprache der Hoffnung lernen

Wir sind Pädagoginnen und Pädagogen, Fachleute für Unterricht. Kriegsnachrichten fordern uns auf eine besondere Weise. Wir müssen Unsicherheiten und Ängste bearbeiten, mit dem Bösen umgehen, das in der Gestalt von Krieg und Gewalt um sich greift – und das, obwohl wir selbst keine Antwort haben. Im Unterricht (und vielleicht ein wenig darüber hinaus) sind wir dennoch gefragt. Und weil wir keine Therapeutinnen oder Therapeuten sind und schon gar keine Militärs, politisch und wirtschaftlich allenfalls privat etwas tun können, bleibt uns nur die Suche nach einer didaktischen Antwort. Für den Religionsunterricht – und vielleicht nicht nur für den! – heißt das: Wie kann über die Hoffnungsbotschaft, für die die Religionen stehen, nicht nur informiert, wie kann sie vielmehr für die Lernenden und darüber hinaus, etwa für die Schulgemeinschaft, wirksam werden?

Ich glaube: Die Sprache der Hoffnung, wie sie bspw. die abrahamischen Religionen entwickelt haben, stellt da weit mehr als nur eine resilienzfördernde Ressource dar. Sie hat immer wieder unter Beweis gestellt, dass sie auch das Potenzial hat, Menschen und Gesellschaften zu verändern. Religionsdidaktik heute heißt, dieses Potenzial unter den Bedingungen des Jahres 2023 freizulegen.

Widerstand gegen die Sprache des Krieges

Kein leichtes Unterfangen. Von Tag zu Tag mehr erschrecke ich vor der Sprache von Krieg und Gewalt, die bis in die Nachrichtensendungen hinein vorherrscht. Eigentlich kann ich sie gar nicht mehr ertragen. Da werden nicht nur Kriegsstrategien diskutiert und menschliche Opfer nur noch als Verluste bezeichnet, anonym gemacht und sprachlich dem zerstörten Kriegsmaterial gleichgestellt. Da wird auch Gewalt gutgeheißen, das humanitäre Kriegsvölkerrecht sprachlich (und vermutlich auch tatsächlich) beiseitegeschoben, da herrscht die Rhetorik des Hasses und der Rache. Da werden Menschen erst zu Feinden, dann zu Unmenschen. Da ist kein Raum für Versöhnung und Verständigung.

Es sind diese Sprache und die sie begleitenden Bilder, eine Sprache eigener Art, mit der wir es im Unterricht vor allem zu tun haben. Aber es gibt auch die Kinder und Jugendlichen, die selbst zutiefst traumatisiert sind, weil sie ein Krieg unmittelbar getroffen hat. Doch auch sie brauchen Worte, um zu verstehen und zu verarbeiten.

Ich glaube, dass Unterricht – neben den Versuchen zu erklären, zu verstehen, zu deuten, was geschieht, und gerade mit Blick auf Israel die Dialogfähigkeit der Religionen anzumahnen und einzuüben – vor allem im Medium der Sprache, der gesprochenen, der musikalischen, der Sprache der Bilder, mit dem umgehen muss, was wir erleben. Unterricht kann zum Ort des Widerstands werden gegen die Sprache des Krieges.

Für die Schule: Mit der Sprache der Psalmen beginnen

Vielleicht ist das unsere didaktische Aufgabe in diesen Tagen: Mit den Schülerinnen und Schülern die Sprache des Krieges und die täglich zu beobachtende Verschiebung hin zu einem Mehr an Gewalt, Hass, Entmenschlichung aufdecken – und nach Wörtern, Sätzen und Geschichten der Hoffnung suchen, die gegen diese Sprache wirksam sind.

Einen ersten Zugang könnte der bibeldidaktische Ansatz von Ingo Baldermann eröffnen. Baldermann setzt auf die Sprache der Psalmen, sein Ansatz ist da durchaus einseitig. Aber möglicherweise kann die Sprache der Psalmen helfen, mit der Sprache des Krieges umgehen zu lernen. Einmal, weil diese Sprache aus dem Gebetsschatz der jüdischen Religion stammt. Vor allem aber, weil die Psalmen die Klage, sogar den Ruf nach Rache und Vergeltung kennen. Doch sie nehmen dies alles auf, um zu einer Sprache der Hoffnung zu finden. Für Baldermann ist es wichtig und hilfreich, diese Sprache der Hoffnung mit Hilfe der Psalmen zu erlernen.

Im WiReLex gibt es dazu einen brauchbaren Übersichtsartikel von Ingo Baldermann selbst.

Natürlich könnt ihr auch bei der Arbeit mit den Psalmen auch dahin gelangen, dass eure Schülerinnen und Schüler eigene Psalmen schreiben, mit ihren heutigen, modernen Worten diese Hoffnungssprache einüben.

Oder ihr schaut – mit älteren Jugendlichen – noch einmal in die Corona-Gedichte von Markus Pohlmeyer, zu denen Norbert Brieden hier im Blog schon etwas geschrieben hat. Besonders in diesem Zyklus findet Ihr Texte, die, obwohl sie unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges geschrieben worden sind, auch heute wieder sehr aktuell sind. Im Blogbeitrag von Norbert Brieden findet ihr auch Arbeitsaufträge.

Neue Worte finden

In den letzten Tagen machte ein Konzert der Gruppe U2 im Netz Furore. Die Gruppe hatte den Zeilen des Liedes „PRIDE (IN THE NAME OF LOVE)“, die sich ursprünglich auf Martin Luther King bezogen, umgedichtet und den Opfern des 7. Oktober 2023 in Israel gewidmet.

Artikel in der FAZ

Auch angesichts dieser Aktualisierung lohnt ein genauerer Blick mit euren Schülerinnen und Schülern, denn der Song bettet dieses „Memento“ ein in die Erinnerung an „One man betrayed with a kiss“: Jesus Christus. Den ursprünglichen Songtext findet ihr hier. Und auch da lohnt es zu fragen, ob und wie der Glaube an den Mann aus Nazaret Ressourcen des Widerstandes bereithält.

Nie wieder, neu buchstabiert!

Nie wieder Krieg? Den Satz müssen wir neu buchstabieren – für uns, am besten aber mit unseren Schülerinnen und Schülern. Denn wir alle brauchen eine Sprache und brauchen Geschichten, die uns die Hoffnung zurückgeben.

Dreimal das Wort „Glaube/glauben“ in diesem Blogbeitrag. Ganz schön fromm, denke ich jetzt. Damit bin ich sonst wirklich sparsam – gerade mit Blick auf den Religionsunterricht. Aber vielleicht ist es gerade keine Zeit, sparsam mit dem Glauben zu sein?

Zum Weiterlesen

Weitere Informationen und Medientipps zum Nahost-Konflikt findet ihr im Blogbeitrag bei GeWi-im-Unterricht.de.

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Über den Autor

Prof. Dr. Markus Tomberg

Prof. Dr. Markus Tomberg ist katholischer Theologe. Er lehrt als ordentlicher Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda und ist Herausgeber der Lehrwerksreihen Leben gestalten N, Leben gestalten S und Leben gestalten Oberstufe.

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