Ob „Kleben für das Klima“ ein geeignetes Mittel der klimapolitischen Auseinandersetzung ist, ist umstritten. Dass die Aktionen der „Letzten Generation“ ein wichtiges Thema des Religionsunterrichts sein können, liegt dagegen auf der Hand. Und es bietet weit mehr als klimapolitische Zuspitzungen! Vielmehr kann das Klimakleben als Zeichenhandlung verstanden werden.
Von der „Doppelmoral“ dreister Chaoten sprach eine große deutsche Boulevardzeitung: Erst halten sie Menschen von der Arbeit ab, indem sie sich auf Straßenkreuzungen festkleben. Dann genießen sie ihren Urlaub auf Bali. Und war da nicht noch ein Prozess, in dem sie eigentlich hätten erscheinen müssen?
Der Protest der „Letzten Generation“ gehört in den Unterricht
Die Rede ist von einer Aktivistin und einem Aktivisten der „Letzten Generation“. Deren Klimaproteste haben das Land in den vergangenen Monaten in Schnappatmung gebracht. Den Berufsverkehr stören – das geht gar nicht. Menschen um ihren Urlaub bringen durch die Blockade von Flughäfen – unerhört.
Und dann das: Luisa und Yannick – die Zeitung nennt ihre Namen ganz ungeniert – reisen angeblich nach Bali zum Strandurlaub. „Die sind auch nicht besser als wir“, soll das heißen. Nein, im Gegenteil: „Die gehören nicht nach Bali, sondern ganz woanders hin. Denen gehört der Prozess gemacht!“
Bestimmt haben einige eurer Lerngruppen über den Klebe-Protest schon intensiv diskutiert: Darf man das? Darf Protest andere so sehr behindern, wie es die Klebe-Aktionen der „Letzten Generation“ getan haben? Oder ist für das Klima vielleicht sogar noch viel mehr nötig?
Das sind viel diskutierte Fragen. Aber sie bleiben noch irgendwie an der Oberfläche. Ein genauerer Blick ist hilfreich. Und das gerade auch im Religionsunterricht!
Es geht um eine Zeichenhandlung!
Dort nämlich lässt sich besonders gut entdecken: Im Kern geht es in der Debatte um etwas Grundsätzliches: Es geht um das Verständnis von Freiheit und Verantwortung. Aber gerade nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.
Im Festkleben wird das sehr deutlich: Die Aktivistinnen und Aktivisten geben ihre Bewegungsfreiheit auf. Das ist eine eindrucksvolle Zeichenhandlung, wie wir sie aus den prophetischen Traditionen gerade der hebräischen Bibel gut kennen. Da wird Protest richtig körperlich.
Das Ankleben zeigt: Wir sind ein Teil dieser Erde. Und die geht gerade kaputt. Es lohnt sich, mit Schülerinnen und Schülern das Zeichenhafte des Klebeprotestes einmal genau zu analysieren. Und es dann vielleicht zu vergleichen mit Zeichenhandlungen wie der des Hosea, dessen Heirat mit einer Prostituierten die Treulosigkeit Israels verdeutlichen soll (Hos 1,2f). Zu Recht empört uns heute diese Funktionalisierung von Hoseas Frau und der Ehe!
Die Selbstbindung der „Klimakleber“ betrifft – genau wie die Zeichenhandlung Hoseas – ebenfalls andere. In einer zivilisierten und demokratischen Gesellschaft ist es eine Selbstverständlichkeit, diesem Protest Raum zu geben. Autofahrende halten an. Den Festgeklebten geschieht kein Leid. Bislang jedenfalls. Denn es gibt auch Stimmen, die zur Gewalt aufrufen. Zivilisation und Demokratie bewege sich auf dünnem Boden!
Aber eines steht fest, schon während Klebeaktionen geplant werden: Die Protestierenden werden befreit werden. Ein großes Aufgebot von Polizei und Rettungskräften sorgt dafür, dass niemand zu Schaden kommt. Das Land NRW hat soeben sogar begonnen, Polizeikräfte extra dafür zu schulen!
Freiheit, und darum geht es, hat eine soziale Seite. Sie braucht und beansprucht immer die anderen – so oder so. Und mehr noch: Diskutieren kann man nämlich auch, ob das Kalkül, befreit zu werden, dem Protest nicht die Sinnspitze seiner Ernsthaftigkeit nimmt. Die Verbindung zur Erde hält, bis sie mit Lösungsmitteln aufgehoben wird. Und dann geht das normale Leben weiter.
Wie auch immer ihr das seht: Die Zeichenhandlungen der „Letzten Generation“ und die Prophetinnen und Propheten der hebräischen Bibel haben ganz schön viel miteinander zu tun!
Und es geht um Glaubwürdigkeit
Aber da ist noch mehr. Die Geschichte von Luisa und Yannick erinnert mich an Diskussionen, die gerade katholische Lehrkräfte schon seit Jahren führen, bis in das Ringen um die „missio canonica“ hinein. Es geht um etwas, was sich immer wieder in den Verlautbarungen katholischer Bischöfe zum Religionsunterricht und zu den Lehrkräften findet. Lehrkräfte sollten, so die oft wiederholte Beteuerung, glaubwürdige Zeugen (von Zeuginnen ist dort meist weniger die Rede) des Evangeliums sein. Was braucht es dazu?
Ich finde: In der Debatte um die Südostasienreise von Luisa und Yannick wird genau darüber gesprochen. Wieviel Glaubwürdigkeit, wieviel persönliche Integrität brauchen die Zeichenhandlungen der Klimaaktivisten und Klimaaktivistinnen? Beschädigt eine Fernreise mit dem Flugzeug ihr Anliegen, führt es das gerade ad absurdum? Luisa und Yannick haben viel mit Religionslehrkräften gemeinsam – und mit allen Menschen, die für etwas einstehen, aber ihre eigene Messlatte zuweilen auch reißen.
Und so kann man ganz grundsätzlich fragen: Wieviel Scheitern und Versagen gestehen wir uns zu – und anderen? Ab wann ist das, wofür wir stehen, ja vielleicht sogar wir selbst, endgültig beschädigt?
- Über Hosea und seine Ehe könnt ihr euch hier informieren: Art. „Hosea“ im WiBiLex
- Eine öffentliche Stellungnahme von Luisa und Yannick, in der es auch um die Bali-Reise geht, findet ihr hier.
- Infos zur Schulung der Polizei in NRW findet ihr z.B. auf der Seite des WDR.
Die „Letzte Generation“ im Religionsunterricht zum Thema machen? So könnte es gehen:
Untersucht die Zeichenhandlungen der „Letzten Generation“ mit euren Schülerinnen und Schülern.
Besprecht, was diese Handlungen glaubwürdig macht – und was nicht.
Und ganz zum Schluss könnt ihr mit euren Schülerinnen und Schülern noch diskutieren, ob das „Kleben für das Klima“ etwas wäre, was als prophetisches Handeln durchgehen könnte. Ob Gott da irgendwo Platz findet. Oder wo es für ihn einen Platz geben könnte.
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Kapitel 1: Seinen Weg finden, Missstände kritisieren, die Welt gestalten: Von Propheten lernen








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