Wer den Wahlkampf zur Bundestagswahl im Februar 2025 verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, dass viele Politikerinnen und Politiker die Wahl dadurch gewinnen wollten, möglichst harte Positionen beim Thema Migration zu vertreten. Doch dann geschah etwas Erstaunliches: In einer gemeinsamen Stellungnahme äußersten evangelische und die katholische Kirche deutliche Kritik am Wahlprogramm der CDU/CSU, ausgerechnet gegenüber den Parteien, die das „C“ im Namen tragen. Kritisiert wurde, dass die politische Debatte insbesondere dazu beitrage, Vorurteile zu fördern und Migrantinnen und Migranten zu diffamieren. Die ganze Stellungnahme findet ihr z. B. auf der Seite der EKD.
Die Kirchen wurden teilweise für diese Stellungnahme kritisiert. Sie sollten sich doch aus dem Wahlkampf heraushalten, forderten einige Politiker. Im Unterricht lässt sich an diesem Beispiel gut die Frage besprechen, inwieweit sich die Kirchen in politische Debatten einbringen sollen und dürfen.
Das Thema Migration muss ein Kernthema der Kirchen sein und sie muss den Finger in die Wunde legen. Das zeigt sich besonders, wenn man einen Blick in die Bibel wirft.
Migration als biblisches Thema
Schon im Alten Testament finden sich immer wieder Aufforderungen, Fremden zu helfen (z. B. Ex 22,20 oder Dtn 10,19). Sicherlich ist exegetisch zu klären, wer mit dem Fremden genau gemeint ist, doch es wird deutlich, dass das Alte Testament bereits zur damaligen Zeit eine Grundhaltung der Hilfsbereitschaft vermitteln sollte, die nicht zuletzt auf der eigenen Erfahrung der ägyptischen Gefangenschaft beruhte und auf der Gottebenbildlichkeit aller Menschen (Gen 1,17). Zahlreiche Protagonisten der Bibel haben selbst Fluchten und Migrationsbewegungen erlebt und waren auf die Hilfe anderer angewiesen. Ein Beispiel ist Abraham, der in Gen 12 in ein anderes Land zieht, da in seinem Land eine Hungersnot herrscht.
Jesus und seine Eltern müssen aus ihrer Heimat fliehen, da Herodes Jesus umbringen lassen möchte (Mt 2,13–15). Die Apostel müssen fliehen, um ihr Leben zu retten (Apg 14,5–6). Solche Bibelstellen bieten sich an, um den Lernenden zu vermitteln, dass Flucht häufig dem Schutz des eigenen Lebens dient. Migrantinnen und Migranten verlassen normalerweise nicht freiwillig ihre Heimat, wie es teilweise in populistischen Aussagen vermittelt wird. Auf der Grundlage von entsprechenden Bibelstellen können aktuelle Fluchtursachen und Einzelschicksale beleuchtet und damit Vorurteile aufgebrochen werden. Ein Arbeitsblatt am Ende des Beitrags bietet dazu Anregungen.
Der barmherzige Samariter als Prototyp des (nicht grenzenlosen) Helfers
Wer sich aus christlicher Sicht mit dem Thema Migration auseinandersetzt, kommt am Gebot der Nächstenliebe und am Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) nicht vorbei. Hilfe hat aber auch Grenzen. Der Samariter kann sich nicht allein um den Verletzten kümmern, Er gibt jedoch dem Wirt Geld, damit dieser weiterhin für ihn sorgt. Helfen heißt, die eigenen Grenzen anzuerkennen, sich aber nicht aus der Verantwortung zu stehlen. Dieses Prinzip sollte auch in der Migrationspolitik gelten. Papst Franziskus mahnte daher im Jahr 2024, dass weder restriktivere Gesetze noch eine Militarisierung der Grenzen und auch keine Zurückweisungen die Migrationsprobleme lösen können. Es brauche sichere und legale Wege. Wer sich für Migrantinnen und Migranten einsetze, setze ein Zeichen für eine Menschheit, die sich nicht von der negativen Kultur der Gleichgültigkeit und des Wegwerfens anstecken lasse.
Lest mit euren Lernenden das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und diskutiert Fragen der Migration im Licht dieses Gleichnisses:
- Wer ist der Nächste?
- Wer braucht Hilfe?
- Wie kann ich helfen?
- Wo hat Hilfe Grenzen?
- Wie können Grenzen der Hilfe menschwürdig gestaltet werden?
Für die Entwicklung einer tragfähigen Position in der Migrationsdebatte aus dem Glauben heraus wünsche ich euch und euren Lernenden viel Erfolg.








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