Die Passions- und Osterzeit erstreckt sich (in unseren Breiten) von den noch mehr oder weniger winterlichen Monaten Februar/März bis zum beginnenden Frühjahr März/April. Wir erleben in dieser Zeit das zunehmende Tageslicht und die ersten Blüten und Knospen, das Wiedererwachen der Natur. Erst stirbt vieles ab oder tritt in Kältestarre – Pflanzen, Insekten, Amphibien –, und dann erwacht alles wieder zum Leben. Viele empfinden das so: Das, was in der Natur passiert, ist – vorsichtig ausgedrückt – so etwas wie ein Gleichnis für die biblische Überlieferung von Tod und Auferstehung. Wie problematisch das ist, wenn man biblische Geschichte, also „Heilsgeschichte“, mit Phänomenen der Natur in Verbindung bringt, zeigt allein der Blick in „österliche“ Schaufenster, auf „österliches“ Angebot an Süßigkeiten, Spiel- und Backwaren: Das, was (nur) als Gleichnis gedacht war, überdeckt vollkommen, was es eigentlich offenbaren will; auf was verweisen bunte Eier, süße Hasen und künstliche Nester? Genau genommen auf nichts. Das ist die eine Seite. Religionspädagogisch gefragt: Darf man überhaupt mit solchen natürlichen Gleichnissen arbeiten, um das Unfassbare zu verdeutlichen?
Antwort: Ja, denn selbst Jesus gebraucht für Tod und Auferstehung die Metapher des Samenkornes, das sterben muss, damit es Frucht bringt (Joh 12,23 f.). So ist es auch nicht verwunderlich, dass in zahlreichen Unterrichtsvorschlägen zu Passion und Ostern Vorgänge aus der Natur herangezogen werden. „Darf“ man das also: schwer begreifliche Geheimnisse des Glaubens – man könnte auch sagen: schwer zugängliche Lehrinhalte des christlichen Glaubens wie die Auferstehung, aber auch die Trinität oder die Erlösung – mit natürlichen, biologischen Vorgängen vergleichen? Ich nehme meine Antwort vorweg: Vergleichen ja, aber nicht gleichsetzen. Denn einerseits können wir von Gott gar nicht anders als bild- und gleichnishaft reden. Doch andererseits müssen wir zeigen, dass die göttlichen Geheimnisse in den natürlichen Phänomenen nicht aufgehen, sondern sie überbieten; mit dem Fachbegriff ausgedrückt: transzendieren. Das lässt sich nicht zuletzt daran aufzeigen, dass nicht nur Ostern im Frühjahr liegt, sondern dass sämtliche biblischen (heilsgeschichtlichen!) Feste ursprünglich natürliche agrarische Wurzeln haben, auch Ostern.
Gleichnisse für das Göttliche
Zunächst will ich kurz das theologische Problem erläutern, das dann entsteht, wenn wir gedankliche Vergleiche oder Gleichnisse für das Göttliche nicht deutlich genug unterscheiden von der Gleichsetzung mit Gott. In der Systematischen Theologie wird diese Frage verhandelt unter dem Stichwort der „Natürlichen Theologie“: Können natürliche Phänomene das Geheimnis des Glaubens (er-)fassen, verdeutlichen, bezeugen? Dieser Frage gehe ich nach unter der Überschrift „Insecto-theologia“. Unter der Überschrift Ostern liegt im Frühjahr stoßen wir auf die überraschende Beobachtung, dass auch die biblischen, durch und durch heilsgeschichtlichen Feste Israels ursprünglich jahreszeitliche Wurzeln haben (Kopiervorlage: „Vier Feste Israels und ihre agrarischen Wurzeln“). Wer all dies bedenkt, wird dennoch zu dem Schluss kommen, dass wir von den Geheimnissen des Glaubens im Leben wie im Unterricht gar nicht anders als gleichnishaft reden können: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.
„Insecto-theologia“:
Die problematische „natürliche Theologie“
Kann man mithilfe unseres (endlichen) menschlichen Verstandes den (unendlichen) Gott entdecken oder gar beweisen (reli plus 3, Kapitel 5 „Gibt’s Gott wirklich?“, S. 68)? Zu dieser Frage passt folgender jüdischer Witz: Zwei Menschen aus benachbarten jüdischen Gemeinden streiten darüber, wessen Rabbi ein engeres Verhältnis zu Gott habe. Einer der beiden sagt: Mit unserem Rabbi, stell dir vor, spricht sogar Gott persönlich! – Fragt der andere: Woher weißt du das? – Nun, das sagt er, der Rabbi! – Fragt der andere: Ja, und wenn er lügt, euer Rabbi? – Antwortet der erste entrüstet: Bewahre! Würde denn der Ewige sprechen mit einem Lügner?
Die Logik dieses Witzes ist ein Zirkelschluss: Die Annahme, wonach Gott nicht Gott wäre, wenn er mit einem Lügner spräche, „beweist“ (natürlich nicht!), dass er tatsächlich mit dem Rabbi spricht. Die Logik „beißt sich in den Schwanz“. Philosophisch ausgedrückt: In den Grenzen unseres menschlichen Verstandes können wir immer nur „bloße Gedankendinge“ denken (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, hg. von W. Weischedel, Band 4, Darmstadt 1983, S. 511). Gott ist unendlich viel mehr als ein reines Gedankending. Darum gibt es keine Möglichkeit, rein mit dem Verstand Gott zu beweisen. Aber es gibt Erfahrungen mit Gott. Zum Beispiel: Wir staunen über wunderbare Naturphänomene, die kein Mensch erschaffen hat. Zum Beispiel über die innere Organisation eines Bienenstocks. Dies führte in der Vergangenheit immer wieder zu Versuchen, nun eben doch Naturphänomene zum „Beweis“ der Existenz Gottes aufzurufen. Stellvertretend nenne ich das Werk von Friedrich Christian Lesser (1692–1754), dessen Titel bereits für sich spricht: „Insecto-theologia : oder vernunfft- u. schrifftmäßiger Versuch, wie e. Mensch durch aufmercksame Betrachtung derer sonst wenig geachteten Insecten zu lebendiger Erkänntniß u. Bewunderung d. Allmacht, Weißheit, d. Güte u. Gerechtigkeit d. grossen Gottes gelangen könne“ (‚Friedrich Christian Lessers Insecto-theologia : oder vernunfft- u. schrifftmäßiger Versuch, wie e. Mensch durch aufmercksame Betrachtung derer sonst wenig geachteten Insecten zu lebendiger Erkänntniß u. Bewunderung d. Allmacht, Weißheit, d. Güte u. Gerechtigkeit d. grossen Gottes gelangen könne‘ – Details | MDZ). Solche Versuche haben freundlichen Spott hervorgerufen: „Da staunst du nun, verstockter Atheist, wenn du die Polizei der Bienen siehst“1.
Die krasseste Konsequenz „Natürlicher Theologie“, also der Annahme, die Natur und ihre Ordnungen könnten Gott offenbaren, fand sich in den sogenannten „Schöpfungsordnungen“ der Deutschen Christen im Dritten Reich, wonach nicht nur die „Polizei der Bienen“ für Gott Zeugnis ablegt, sondern insbesondere die Ehe, das Patriarchat, die „natürliche“ Rasse, die „Gott gegebene“ Staatsmacht. Schon aus diesem Grund haben Karl Barth und andere jegliche „Natürliche Theologie“ scharf zurückgewiesen. Die Gegenposition zur „Natürlichen Theologie“ lautet: Gott wird nur von Gott offenbart, traditionell ausgedrückt: durch „das Wort Gottes in seiner dreifachen Gestalt“2, nämlich in der Person Jesu, in der Bibel und in der kirchlichen Verkündigung – nicht aber in irgendwelchen Mächten, Strukturen, Hasen oder Eiern.
Was heißt das für Ostern im Frühjahr?
Ostern liegt im Frühjahr
Ostern liegt im Frühjahr, in der Tat – aber nur auf unserer nördlichen Halbkugel! Was bedeutet dieser Satz für Tasmanien oder Chile? Schon aus diesem Grund kann das Frühjahr nicht erschöpfend erläutern und verdeutlichen oder gar offenbaren, was das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu bedeutet. Noch deutlicher wird dies im Blick auf Weihnachten: Wieviel koloniale „Schöpfungsordnung“ wäre darin enthalten, wenn man etwa Menschen in den Tropen oder in der Südsee die Menschwerdung Gottes mithilfe von Schnee, Tannenbäumen und Bratäpfeln nahebringen wollte? Ostern ist nicht gleichbedeutend mit Frühjahr, Hasen und Eiern. Aber es ist auch nicht einfach vom Himmel gefallen. Der Ursprung des Wortes ist strittig, aber sicherlich indogermanischer Abstammung. Auffallend ist, dass in den romanischen Sprachen durchweg die Wurzel Pessach erkennbar ist (Italienisch: pasqua; Französisch: paques; Spanisch: pascua; Portugiesisch: páscoa), während allein das Englische und das Deutsche (easter/Ostern) sich eine Wurzel teilen. Der früher angenommene Bezug von easter/Ostern auf eine Göttin Ostara wird heute abgelehnt, weil es für deren Namen keinen einzigen Beleg gibt. Wahrscheinlicher ist ein Bezug zur Morgenröte (griech. eos) oder zum Wasserschöpfen (altnordisch ausa, austr) (Woher kommt das Wort Ostern? | GfdS) – jedenfalls weit und breit kein biblischer Bezug.
Ähnlich verhält es sich mit den biblischen Festen Israels. Sowohl Pessach, also das Fest der Erinnerung an die Bewahrung in der Nacht des Auszugs in Ägypten (2. Mose 12,43), als auch das Wochenfest (2. Mose 34,22: Schawuot, christlich: Pfingsten) oder das Laubhüttenfest (3. Mose 23,34) stehen ursprünglich in Verbindung mit dem agrarischen Israel: Pessach knüpft an ein Hirtenfest an, das Wochenfest an die Weizenernte, das Laubhüttenfest an die Weinlese (Kopiervorlage „Feste Israels und ihre Wurzeln“). Doch im Unterschied zu Ostern, das zum Frühlings-, Hasen-, Rollschuh- und Eierfärbefest zu werden droht und kein Mensch mehr an Auferstehung Jesu denkt, stehen im Blick auf die jüdischen Feste die heilsgeschichtlichen Narrative so im Vordergrund, dass man die agrarischen Feste kaum kennt. Ich nehme an, so muss es sein: Über Heilsdinge können wir nur mit menschlicher Sprache in natürlichen Bildern reden. Aber das Gemeinte muss die Bilder und Gleichnisse überblenden und nicht umgekehrt.
Mithilfe der Kopiervorlage können die Lernenden die Zusammenhänge der Feste Israels mit den Jahreszeiten untersuchen und Vergleiche zu den christlichen Jahresfesten ziehen.
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis – aber immerhin!
Der Schlusschor in Goethes Drama „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“ beginnt mit den Zeilen:
„Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan.“3
Ähnlich wie soeben bei Kant ist für Goethe das Eigentliche „unbeschreiblich“, denn die „Gedankendinge“(Kant) sind „unzulänglich“ und „vergänglich“. Sie sind „nur“ – aber immerhin! – „ein Gleichnis“, und das ist die Auflösung der Eingangsfragen. Wir können in unseren Erfahrungen und mit unseren Gedanken das Göttliche und den Himmel und Passion und Auferstehung und all das nicht eins zu eins abbilden. Aber wir können Analogien bilden, wir können unbeschreibliche Dinge in ein Verhältnis setzen oder eben: vergleichen mit Dingen, die wir uns vorstellen können. Deshalb beginnen die Reich-Gottes-Gleichnisse Jesu regelmäßig mit den Worten „Das Himmelreich gleicht …“4; „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie …“5 bzw. mit der Frage: „Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen?“6. Ostern ist kein Frühlingsfest und Jesus ist kein Weizenkorn; die Auferstehung ist kein Zuckerhase und kein fruchtbares Karnickel, das auch noch Eier bringt, als wäre die eigene Vermehrungsrate noch nicht genug. Aber das, was bei uns im Frühjahr mit dem Samen des vergangenen Herbstes passiert (was im Übrigen auf der ganzen Erde so funktioniert), ist symbolisch oder gleichnishaft oder analog zu dem unerklärlichen Geheimnis, dass Gott am Kreuz stirbt und dabei den Tod überwindet und Leben und Hoffnung spendet. Jeder Vergleich, jedes aus dem Alltag, aus der Natur herangezogene Gleichnis, das sich seiner Grenzen bewusst ist und zurücktritt hinter das, was es symbolisch verdeutlichen will, ist deshalb didaktisch einsetzbar. Wenn wir von Ostern her das Wunder des neuen Lebens auch in der Natur beleuchten, meinetwegen auch die bunten Eier, die Hasen und die Nester, dann besteht die Chance, dass das eintritt, was an den Festen Israels zu beobachten war: dass das alltägliche Leben transparent wird für die Geschichte Gottes.
Einige blitzlichtartige Beispiele zur Verdeutlichung:
- Im Frühjahr bricht neues Leben auf, und zwar sowohl in der Tier- als auch in der Pflanzenwelt. Darum gehören zum Osterschmuck nicht nur blühende Blumen (Narzissen!), Moos, Gras oder Veilchen aus der Natur, sondern auch Häschen, junge Lämmer, Küken;
- Die Lämmer wiederum bilden eine Brücke zum Pessach-Lamm, das den Zusammenhang mit der Exodusgeschichte herstellt und auf dem Seder-Teller durch einen Knochen repräsentiert wird;
- insbesondere das Ei ist ein Symbol für das neue Leben. Hartgekocht? Durchaus: manche wollen im Eigelb das Leben entdecken, das in der Schale eingeschlossen ist wie der Leichnam Jesu in der Grabhöhle. Deshalb muss das Ei aufgebrochen werden;
- die Süßigkeiten markieren den Abschluss der Fastenzeit („Sieben Wochen ohne“ von Aschermittwoch bis Ostern), ähnlich wie das abendliche Fastenbrechen im Islam.
Fazit: Das Vergängliche kann zum Gleichnis des Unvergänglichen (Göttlichen, Himmlischen …) werden, sobald und solange es zurücktritt und transparent gemacht (aufgeklärt) wird für das Größere, worauf es hinweisen will. Fröhliche Ostern!
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Quellen
1 Karl Barth: Die kirchliche Dogmatik. Band I/1. Evangelischer Verlag Zürich 1955, S. 89-128
2 Karl Barth: Die kirchliche Dogmatik. Band III/1. Evangelischer Verlag Zürich 1993, S. 412
3 Johann Wolfgang Goethe, Zitat. Aus: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hrsg. von Erich Trunz. Bd. III: Dramatische Dichtungen. C. H. Beck München 1998, S. 364
4 Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
5 Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
6 Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart








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