Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Pfingsten im Religionsunterricht

50 Tage nach Ostern feiern wir Christinnen und Christen Pfingsten. Was hat es mit dem Fest auf sich, bei dem das Wirken des Heiligen Geistes im Zentrum steht? Und wie kann Pfingsten im Religionsunterricht zum Thema werden?

In der Apostelgeschichte 2,1-14 hören wir, wie der Heilige Geist auf die Jünger herabkommt und sie befähigt, aus ihrer inneren Angst und Gefangenschaft herauszutreten und die Frohe Botschaft zu verkünden. Sie trauen sich zu predigen – und werden – das ist das Pfingstwunder – in verschiedenen Sprachen verstanden. Viele Menschen lassen sich von dieser Botschaft anstecken, be“geist“ern. Mit der Kraft des Heiligen Geistes werden die Jünger mutig, sie haben eine erstaunliche – und ungeahnte – Wirkung auf ihre Zuhörenden. Dies alles wird der schöpferischen Kraft des Heiligen Geistes zugeschrieben. Mit diesem Pfingstereignis beginnt die Gründung der Kirche und damit verbunden die Missionierung. Fortan verbreitet sich, geleitet durch den Heiligen Geist, die Frohe Botschaft über Länder-, Völker- und Sprachgrenzen hinweg zu einer weltweiten Gemeinde. Ausgehend von der Apostelgeschichte stellt sich die Frage, ob wir, angesichts der Entwicklungen der letzten Wochen und Tage, noch heute auf das Wirken des Geistes Gottes hoffen dürfen, der, wie wir sehen, den Menschen Wege eröffnete, die sie nicht erwartet hätten. Mit anderen Worten: Wie und wo wirkt Gottes Geist heute? In diesem Zusammenhang ist es interessant, sich mit dem biblischen Terminus „Geist“ zu beschäftigen.

Im Alten Testament

Alttestamentlich ist von der „ruach“ oder „ruah“ (hebr., weiblich, für Geist) die Rede. Sie wird in der Bibel als dynamische Kraft beschrieben, die belebend ist wie der Atem, kraftvoll wie der Sturm und verzehrend wie das Feuer. „In allen Bewegungsvarianten von Wind, Lebensatem, Hauch, göttlicher Schöpferkraft usw. ist ruah eine Kraft, die sich bewegt und anderes in Bewegung setzt. […] Diese Kraft macht lebendig, bringt in Schwung.“1 Daher steht ruah auch immer dann im Femininum, wenn es um Leben fördernde, schöpferische Zusammenhänge geht. In der Interpretation der Vision des Propheten Ezechiel, ist die ruah das, „was ein Leben vor Gott und mit Gott erst ermöglicht. Mensch und Gott werden verbunden durch diese ruah, durch Gottes schöpferische Lebenskraft. Ohne diesen theologischen Schluss des Textes wäre die ganze Vision sinnlos. Gottes ruah ermöglicht Erkenntnis, Verstehen, eine neue Gottesbeziehung und damit neue Zukunft (genau wie das Pfingstgeschehen).“2

Interessant ist ebenfalls die Verbindung im Buch der Weisheit, dem spätesten Buch des Alten Testaments, das wiederum in dauernder Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie sozusagen die Brücke zum Neuen Testament herstellt. Im Zentrum des Buches steht die Figur der Weisheit (sophia), die an manchen Stellen stark mit ruah, pneuma parallel gesetzt wird. „Die Geistvorstellung in diesen späten Büchern ist nicht ohne die inzwischen eingetretenen Umbrüche in Philosophie und Sprache der hellenistischen Welt zu verstehen.“3

Die Bedeutungsfülle für ruah – Geist, Wind, Atem, Hauch usw. – lässt sich in drei Gruppen aufteilen: „Lebenskraft; Sitz der Erkenntnis und Gemüt; Lebenskraft Gottes. […] Der Begriff bezeichnet, darin dem Griechischen pneuma und dem Lateinischen spiritus gleich, einen Akt der Bewegung, der selber in Bewegung zu bringen oder halten vermag. Die hinter der Bewegung stehende Kraft kann einmalig oder kontinuierlich wirken. Ruach gibt den Geschehnissen, die mit diesem angesprochen werden, ‚etwas Realistisches, etwas Markantes’; das deutsche Wort ;Geist‘ vermag es kaum wiederzugeben.“4

Nach Schüngel-Straumann kann man ruah nicht mit dem Sprechen vom Heiligen Geist in der dritten Person der christlichen Trinität gleichsetzen, denn dazwischen liege eine lange Entwicklung mit mehrmaliger Übersetzung in andere Sprachen, mit einem anderen Hintergrund. In alttestamentlicher Zeit sei der hebräische Begriff zwar ins Griechische pneuma übersetzt worden, damit verbunden in ein anderes Denk- und Wertesystem. Noch stärker sei die Veränderung durch die Übersetzung ins Lateinische spiritus, später sogar personal in Spiritus Sanctus gewesen. Dabei habe die Weiterentwicklung der klassischen westlichen Theologie den semitischen Hintergrund des ruah-Begriffs weitgehend verdrängt oder verloren. „Vor der Festlegung der alten Konzilien bezüglich der Trinität wurde ‚Geist’ regelmäßig als ‚Mutter’ angerufen und spielte vor allem in der Taufliturgie eine große Rolle […]. Nachdem bereits im 1. Jahrtausend die Kirchen mit semitischen Sprachen fast bedeutungslos wurden, hat sich die lateinische maskuline Form für den Heiligen Geist durchgesetzt.“5

Im Neuen Testament

Im Griechischen und damit neutestamentlich spricht man von „pneuma“, ein Neutrum, für Geist. Neben den Bedeutungen „Wind“ und „(Lebens-)Atem“ bezeichnet es auch den menschlichen Geist. Meistens wird pneuma allerdings theologisch gedeutet: als Geist Gottes, Geist des Herrn oder heiliger bzw. Heiliger Geist. Die Klein- und Großschreibung ist dabei nicht beliebig, sondern zeigt – im Falle einer Kleinschreibung – an, dass es sich um ein Adjektiv handelt, das den Geist Gottes näher beschreibt. „Heiliger Geist“ in der Großschreibung, als eigenständiger Personenname, bezeichnet dagegen in der dogmatischen Theologie die dritte Person der Trinität neben Gottvater und Jesus Christus, dem Sohn. Der „Heilige Geist“ ist nunmehr nicht mehr nur eine Kraft, sondern er ist Gott selbst. Im Neuen Testament wird die Rede vom heiligen Geist aufs Engste mit Jesus Christus verknüpft. In der lateinischen Übersetzung wird daraus „spirit“ (von inspirare = inspirieren, (hin)einhauchen; zu etwas anregen, jemandem/einer Sache Impulse verleihen) und „Spiritus“ (= Atem, Geist).

Das nüchterne und im Deutschen maskuline Wort „Geist“ gebe nach Günter Lange nur unzureichend wieder, welche elementaren und stürmischen Lebenserfahrungen die frühe Gemeinde mit dem Heiligen Geist verbinde, analog zum Verständnis von ruah und pneuma, nämlich Bilder, die die Dynamik, Lebendigkeit und Beweglichkeit zum Ausdruck bringen. Den Geist Gottes versteht er als „Anhauch Gottes, der dem Menschen durch die matten Glieder fährt und ihn belebt oder begeistert“ und der „schöpferische[n] Kraft, die schon am Beginn der Schöpfung das Chaos bändigt (Gen 1,2) und Adam zu einem lebendigen Wesen macht (Gen 2,7).“6 Dieser aufbrausende Atem wirbele nicht nur an Pfingsten die eingeschüchterte Jüngergemeinde auf, sondern am Pfingsttag empfängt sie „den Lebensatem Gottes in gesteigerter Form. Wie ein heftiger Sturm fährt er in ihr Haus und in ihre Lungen und löst ihre Zungen.“7

Pfingsten im Religionsunterricht: Tipps und Anregungen

Eine Einheit zum Thema „Pfingsten“ in Bezug auf ruah, pneuma, spiritus und Heiligem Geist könnt ihr so umsetzen:

  1. In einem Brainstorming zu Pfingsten werden die Lernenden angeregt, über dieses Fest nachzudenken. Möglicherweise fällt ihnen der Begriff „Heiliger Geist“ ein und es lässt sich ebenfalls ein Bezug zum Sakrament der Firmung herleiten.
  2. Lied: Scorpions: Wind of change
    Das Lied „Wind of change“ sensibilisiert die Lernenden für die etymologische Herkunft und Verbindung der ruah mit pneuma und spiritus sowie dem Heiligen Geist.
  3. Bibelimpulse: Apg 2,1-14 im Vergleich zu alttestamentlichen Bibelstellen, z. B. Gen 2,7; Ps 33,6; Ps 104,3.27-30
  4. Vortrag der Lehrkraft: Hintergrundwissen zu ruah pneuma – spirit – Heiliger Geist
  5. Transfer: Die Bildworte von Günter Lange aufgreifend, lässt sich mit den Lernenden die Frage beantworten, wie und wo sich heute noch der Heilige Geist als Gottes Lebensatem zeigt,
    … indem Menschen begeistert sind und andere begeistern können.
    … indem Menschen ihre Charismen und Talente entdecken und ausleben (vgl. 1 Kor 12,7-10).
    … wenn als entscheidender Maßstab und höchste Gnadengabe die Liebe über allem steht (vgl. 1 Kor 12,31-13;13).
    … wenn Menschen „aufgeladen“ mit Geist-Energie sich als Christinnen und Christen im Alltag erweisen.
    … wenn …

Erkenntnisgewinn für die Lernenden

Ein Transfer zur Lebenswirklichkeit der Lernenden bietet sich bei der Thematisierung von Pfingsten im Religionsunterricht an, um die inspirierende und atemberaubende Kraft und Energie (neu) zu erspüren und/oder wiederzubeleben.

Zum Weiterlesen

Weitere Anregungen, wie Pfingsten im Religionsunterricht thematisiert werden kann, gibt es im Blogbeitrag Pfingsten – Geburtstag der Kirche.

Produktempfehlungen

1 Helen Schüngel-Straumann: Zur Dynamik der biblischen ruah-Vorstellung. In: Die Weiblichkeit des Heiligen Geistes. Studien zur Feministischen Theologie. Hrsg. v. Elisabeth Moltmann-Wendel. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 1995, S. 29f.
2 Helen Schüngel-Straumann: Zur Dynamik der biblischen ruah-Vorstellung. In: Die Weiblichkeit des Heiligen Geistes. Studien zur Feministischen Theologie. Hrsg. v. Elisabeth Moltmann-Wendel. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 1995, S. 29f.
3 Helen Schüngel-Straumann: Zur Dynamik der biblischen ruah-Vorstellung. In: Die Weiblichkeit des Heiligen Geistes. Studien zur Feministischen Theologie. Hrsg. v. Elisabeth Moltmann-Wendel. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 1995, S. 4
4 Gottfried Wenzelmann: Der Heilige Geist im Alten und Neuen Testament. Aus: Siegfried Großmann: Handbuch Heiliger Geist. SCM Witten 1999, S. 53f.
5 Helen Schüngel-Straumann: Geist (AT). (01/2009) Unter: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/19184/ (Zugriff 26.04.2024, gek.)
6 Günter Lange: Zum Nachdenken. In: Katechetische Blätter 139/2014, S. 84
7 Günter Lange: Zum Nachdenken. In: Katechetische Blätter 139/2014, S. 84

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Über die Autorin

Dr. Andrea Paul

Standbein: passionierte Reli-und Deutsch-Lehrerin an einem hessischen Gymnasium. Spielbein: fachdidaktische Veröffentlichungen, Lehrtätigkeiten in der Reli-LehrerInnen-Ausbildung I, II und III. Was mir privat Spaß macht: Spaziergänge in der Natur mit meinem Westie Aileenchen, Lesen, Yoga, Schwimmen und Joggen

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