Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Philosophieren mit Jugendlichen im Ethikunterricht: Gerechtigkeit

Was genau verstehen wir unter Gerechtigkeit und wie nähert man sich diesem komplexen Begriff an? Welche Zugänge können im Ethikunterricht zentral sein, damit Kinder und Jugendliche lernen, ihre Alltagsvorstellungen und Präkonzepte von Gerechtigkeit zu reflektieren?

Im Folgenden soll anhand verschiedener Gedankenexperimente, Podcasts sowie spielerischen Zugängen die ethische Urteilsfähigkeit der Lernenden gefördert werden, die ihnen hilft, komplexe soziale Situationen zu analysieren und kritische Entscheidungen zu treffen. So werden sie befähigt, in einer pluralistischen Gesellschaft verantwortungsvoll und reflektiert zu handeln.

Entwicklung ethischer Urteilsfähigkeit

Um einem der zentralen Ziele des Ethikunterrichtes – der Förderung ethischer Urteilsfähigkeit – nachzukommen, bietet das Thema der Gerechtigkeit ideale Möglichkeiten. Kinder und Jugendliche sind täglich mit Fragen nach Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit und Fairness konfrontiert – sei es in sozialen Interaktionen oder durch mediale Berichterstattungen. Der Unterricht kann diese Alltagserfahrungen aufgreifen und sie in einen breiteren theoretischen Rahmen setzen, der es den Lernenden erlaubt, über ihre Präkonzepte dazu hinauszugehen und diese ggf. zu erweitern oder zu modifizieren.

Gerechtigkeit – ein zentraler Begriff der Philosophie

Durch die Beschäftigung mit verschiedenen Konzepten der Gerechtigkeit, wie sie in der Philosophie und den Sozialwissenschaften entwickelt wurden (z. B. austeilende und ausgleichende Gerechtigkeit nach Aristoteles, die Theorien von John Rawls oder Konzeptionen der Gerechtigkeit nach Chaim Perelman) entwickeln Lernende die Fähigkeit, komplexe soziale Situationen zu analysieren und differenzierte Urteile zu fällen. Diese kritische Reflexionsfähigkeit ist nicht nur für die individuelle ethische Entwicklung wichtig, sondern auch für die Teilhabe an einer vielfältigen Gesellschaft.

Materialien für eine Ethikstunde zum Thema Gerechtigkeit

  • Als Einstiegsmöglichkeit bietet es sich u. a. an, den Lernenden verschiedene Gedankenexperimente zu verschiedenen Aspekten der Gerechtigkeit zu präsentieren, um sich der herausfordernden Thematik anzunähern und einen intuitiven Zugang zu ermöglichen.
    Dafür könnt ihr die KV am Ende des Beitrags nutzen.
  • Alternativ dienen verschiedene Spiele einem aktivierenden Einstieg in die Thematik. Beim Ultimatum-Spiel geht es darum, zu prüfen, inwiefern die Ökonomie gerecht ist. Zwei Spielende treten gegeneinander an: Spieler A und Spielerin B. Spieler A erhält ein Startkapital von beispielsweise 1000 €. Seine Aufgabe ist es, dieses Geld zwischen sich selbst und Spielerin B aufzuteilen. Spielerin B kann das vorgeschlagene Angebot annehmen oder ablehnen. Akzeptiert Spielerin B die Aufteilung, erhalten beide die jeweils vereinbarten Beträge. Wird das Angebot abgelehnt, gehen beide Spielende leer aus und erhalten nichts. Hier gibt es mehr Informationen zum Spiel.
  • Um sich dem Thema der Verteilungsgerechtigkeit zu nähern, bietet es sich an, die Lernenden in Kleingruppen zusammenkommen zu lassen. Stellt jeder Kleingruppe eine bestimmte Anzahl an Bonbons zur Verfügung, die innerhalb der Gruppe fair verteilt werden sollen. Dabei kann es sowohl Gruppen geben, bei der die Anzahl der Bonbons der Gruppenzahl entspricht, als auch Gruppen, bei denen eine gleiche Verteilung nicht aufgeht. Im Anschluss kann geprüft werden, anhand welcher Kriterien die Gruppen die Bonbons aufgeteilt haben.
  • Zur Gerechtigkeit im Wandel der Philosophie gibt es beim Bayrischen Rundfunk einen Podcast mit Vorschlägen zum Einsatz im Unterricht. Hierbei werden Vorstellungen von Gerechtigkeit bei Platon, Aristoteles und Rousseau skizziert.
  • Vor, während oder nach der Unterrichtseinheit können philosophische Gespräche zu folgenden Fragen initiiert werden:
    • Inwiefern kann es eine gerechte Welt geben?
    • Ist Gleichheit immer gerecht?
    • Was wäre, wenn es keine Gerechtigkeit in der Welt gäbe?
    • Ist Bestrafung notwendig, um Gerechtigkeit herzustellen?
    • Wie fühlt sich Ungerechtigkeit an?

Gerechtigkeit ist ein komplexer Begriff, der weit über Gleichheit und Fairness hinausgeht. Sie fordert uns heraus, moralische Dilemmata zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Sich damit zu beschäftigen, zahlt sich aus – sie schärft unseren Blick für das Wohl des Einzelnen und das der Gesellschaft gleichermaßen.

Kostenlos zum Download

32 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über die Autorin

Laura Garbe

Laura Garbe, 33 Jahre alt und Gymnasiallehrkraft für Werte und Normen/ Englisch in Niedersachsen. Seit 2 Jahren arbeitet sie als Fachberaterin für das Fach Werte und Normen an Grundschulen und der Sekundarstufe 1.

Ein Kommentar

  1. Pia 10. Dezember 2024 um 8:47 Uhr - Antworten

    Wow, super Beitrag. Tolle Denkanstöße.
    Danke an die Autorin

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben