Die Arbeit mit Dilemmageschichten ist eine etablierte und oft genutzte Methode im Ethik- bzw. Philosophieunterricht, um in unterschiedlichen Kontexten die Problematik ethischer Entscheidungen deutlich zu machen. Der Dilemmabegriff wird dabei nicht immer streng ausgelegt.[1] Die Lernenden versetzen sich dazu häufig in eine bestimmte Situation und sind aufgefordert, eine Wahl zwischen zwei oder mehreren Optionen zu treffen.
Dabei wägen sie die Folgen ihrer Entscheidung ab, suchen nach Argumenten für und wider eine Option und setzen sich mit grundlegenden Werten für die Entscheidung auseinander. Als Einstieg in den Bereich Ethik bzw. Anthropologie in der Oberstufe eignet sich hierfür sehr gut das klassische Gefangenendilemma, das die Lernenden in Gruppen nachvollziehen.
Gefangenendilemma: Umsetzung im Unterricht
Zwei Gruppen werden gebildet und jeweils so platziert, dass sie keinen Kontakt zur anderen Gruppe aufnehmen können. Nacheinander erläutert ihr den Gruppen jeweils die folgende Situation:
Stellt euch vor, dass ihr gestern zusammen mit einigen Komplizen (die andere Gruppe) eine Straftat begangen habt und dabei erwischt worden seid. Ihr sitzt nun im Gefängnis und ein Polizist erläutert euch bei der Vernehmung eure Situation: Ihr könnt schweigen und nichts zu der Tat sagen. Hält auch die andere Gruppe dicht, gibt es keine Beweise für eure Schuld und ihr kommt alle frei. Gesteht jedoch die zweite Gruppe ihre Beteiligung an der Straftat, gilt sie in diesem Fall als Kronzeuge, kommt frei und ihr erhaltet als Schuldige eine hohe Haftstrafe. Gesteht ihr und die andere Gruppe gleichermaßen die Tat, bekommt ihr jeweils als Tatbeteiligte eine geringe Geldstrafe. Ihr habt eine Viertelstunde Zeit, zu einer Entscheidung zu kommen. Könnt ihr euch nicht einigen, gilt eure Gruppe als allein schuldig und bekommt die Höchststrafe.
Die beiden Gruppen beraten nun über ihre Antwort. Nach einer Viertelstunde schreiben sie dann ihre Entscheidung auf einen Zettel und halten ihn anschließend gleichzeitig hoch.
Erfahrungsgemäß entscheiden die Gruppen häufig, auf „Nummer sicher“ zu gehen und zu gestehen, obwohl das Schweigen eigentlich den günstigeren Ausgang in Aussicht stellt. Ausgehend von der Entscheidung kann dann dieses Rollenspiel als Einstieg in anthropologische oder ethische Unterrichtsthemen dienen:
- Die Lernenden erörtern die Frage, warum (in der Regel) überhaupt eine Diskussion notwendig ist und nicht jede Gruppe sofort festlegt, dass geschwiegen werden soll und was das über das Wesen des Menschen aussagt.
- Die Lernenden setzen sich damit auseinander, wie sie in der Gruppe zu ihrer Entscheidung gekommen sind: Sind sie innerhalb der Diskussion zu einem Ergebnis gekommen? Haben sie abgestimmt? Was geschah mit der Meinung von Minderheiten? Welche Argumente haben eine Rolle gespielt?
Variante
Es werden zwei Lernende ausgelost, die das Dilemma vorgestellt bekommen und jeweils für sich eine Entscheidung treffen und aufschreiben. Die Gruppe diskutiert währenddessen, welchen Ausgang sie erwarten und welche Gründe sie für eine bestimmte Antwort für ausschlaggebend halten. Nachdem die beiden „Gefangenen“ ihre Entscheidung mitgeteilt haben, vergleichen die Lernenden ihre Überlegungen damit. In diesem Fall steht die individuelle Entscheidung stärker im Vordergrund als die einer Gruppe und kann so besser thematisiert werden.
Dilemmata sind eine gute Möglichkeit, Lernende an konkreten Beispielen mit philosophischen Gedanken und Diskussionen vertraut zu machen. Je konkreter die Jugendlichen dabei mit einem Problem herausgefordert werden, desto mehr können sie sich für ein Thema begeistern.
[1] (vgl. z.B. Klaus Blesenklemper: Dilemmadiskussion. In: Handbuch Philosophie und Ethik, Bd. 1. Didaktik und Methodik, hg. v. J. Nida -Rümelin/I. Spiegel/M. Tiedemann. Paderborn, 2017, S. 176 – 187)








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